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Übergangsjustiz

Sara Meyer über zwei wegweisende Urteile in Kolumbien

Die Sondergerichtsbarkeit für den Frieden (JEP), Eckpfeiler des 2016 unterzeichneten Abkommens zwischen dem Staat und der Farc-Guerilla, fällte innerhalb von nur zwei Tagen zwei Urteile, die bereits jetzt als Meilensteine gelten. Am 16. September gegen die frühere Führung der Farc wegen Massenentführungen; am 18. September folgte das zweite Urteil gegen Armeeoffiziere, die für außergerichtliche Hinrichtungen verantwortlich sind – die berüchtigten „falsos positivos“.

In einer einzigen Woche wurde die strafrechtliche Verantwortung sowohl der obersten Anführer der Guerilla als auch hoher Militärs anerkannt. Die Botschaft ist eindeutig: In Kolumbien gab es nicht nur einen einzigen Täter, sondern Dynamiken der Gewalt, in denen sowohl staatliche als auch nichtstaatliche Akteure Gräueltaten verübten. Die Friedensjustiz wollte von Beginn an ihre Unparteilichkeit und Ausgewogenheit betonen: Hier werden alle verurteilt, die das Land in ein Blutfeld verwandelten.

Die Kritik ließ nicht lange auf sich warten. Viele fragen sich, wie es möglich sei, dass Kriegsverbrechen und Verbrechen gegen die Menschheit nicht in langen Haftstrafen enden. Wer die Justiz durch eine vergeltungsorientierte Sichtweise betrachtet, empfindet die vorgesehenen Strafen von maximal acht Jahren – im Rahmen restaurativer Maßnahmen und nicht hinter Gittern – als unzureichend, fast als Affront gegenüber dem Leid. Das Argument der Übergangsjustiz lautet: Was nützt es, Täter/innen einzusperren, wenn damit weder die Wahrheit ans Licht kommt, noch die Leichen der Verschwundenen gefunden werden? Die JEP stellt die umfassende Wahrheit und die öffentliche Anerkennung der Verantwortung als Voraussetzungen für alternative Maßnahmen in den Vordergrund. Die Verantwortlichen sollen in öffentlichen Anhörungen und vor den Überlebenden die Grausamkeit ihrer Verbrechen eingestehen.

Das Urteil gegen acht ehemalige Mitglieder des Farc-Sekretariats umfasst mehr als sechshundert Seiten und dokumentiert die Praxis von Massenentführungen als Mittel zur Finanzierung und territorialen Kontrolle. Über viertausend Opfer – Männer und Frauen, die jahrelang ihrer Freiheit beraubt wurden – wurden anerkannt. Die Ex-Kommandanten übernahmen Verantwortung, ihre Bitte um Vergebung ist in öffentlichen Akten festgehalten. So etwas hat es zuvor nirgendwo auf der Welt gegeben. Einige Opfergemeinschaften haben diese Art der Entschuldigungen bereits seit dem Friedensabkommen von 2016 entgegengenommen. Viele bemängelten, dass das Urteil offenlasse, wie die Verurteilten ihre restaurativen Arbeiten erfüllen und welche Projekte umgesetzt werden. Sie erwarteten mehr Klarheit über die konkrete Wiedergutmachung.

Das andere Urteil betrifft die Praxis der „falsos positivos“. Zwischen 2002 und 2005 wurden in der Karibik mindestens 135 junge Bäuerinnen und Bauern, Afro-Kolumbianer/innen und Indigene mit falschen Jobversprechen gelockt, ermordet und anschließend als im Kampf gefallene Guerilleros präsentiert. Im Gegenzug erhielten die Militärs Belohnungen und erfüllten den Druck, Ergebnisse vorzuweisen. Das Gericht stellte fest, dass es sich nicht um Einzelfälle, sondern um einen kriminellen Plan in Komplizenschaft mit Paramilitärs handelte. Mindestens 6.402 Personen wurden so ermordet. Das vom Gericht untersuchte Bataillon La Popa in Valledupar war nachweislich Teil der Todesmaschinerie, die die ärmsten und am meisten vergessenen Gemeinden traf. Das Urteil erkannte zudem an, dass auch Menschen mit Behinderung und Minderjährige ermordet wurden. Die von der JEP anerkannte Tatsache stellt die Würde der Opfer ansatzweise wieder her und entlarvt den Mythos, es habe sich um „isolierte Fehler“ gehandelt. Es war ein vom Staat geplantes und ausgeführtes Verbrechen.

Jenseits des juristischen Inhalts gibt es eine ausführliche politische Debatte. Für viele Kolumbianer/innen ist es verstörend, dass die ehemaligen Guerillachefs trotz Verurteilungen wegen grausamer Verbrechen für öffentliche Ämter kandidieren können. Im kommenden Jahr stehen Wahlen an, bei denen einige dieser Ex-Kommandanten antreten könnten. Der Präsident der JEP entgegnete dem Vorwurf, keine angemessenen Strafen auszusprechen, die wahre Straflosigkeit bestehe darin, diese Verbrechen nicht zu untersuchen. Was das Gericht getan hat, ist ohne Beispiel in der Geschichte Kolumbiens: den Überlebenden zuzuhören, die höchsten Verantwortlichen ihre Gräueltaten eingestehen zu lassen und ein Urteil zu fällen, das offenlegt, was geschehen ist.

Richter Camilo Suárez Aldana sagte: „Dieses Urteil löscht das Leid nicht aus, aber es ist ein Akt der Anerkennung. Es ist die Stimme, die der kolumbianischen Gesellschaft und der Welt sagt, dass das Geschehene unentschuldbar und unmenschlich war.“

Der Entwurf der JEP orientierte sich an internationalen Erfahrungen wie den Tribunalen von Ruanda und im ehemaligen Jugoslawien, brachte aber Neuerungen: aktive Opferbeteiligung, ethnischer Fokus und restaurative Strafen. Dass auch indigene und afrokolumbianische Richter/innenTeil der Institution sind, ist keine Nebensache; es ist die Anerkennung dessen, dass der Konflikt diese Bevölkerungsgruppen besonders hart getroffen hat. Noch nie zuvor hatte ein Gericht erreicht, dass ehemalige Guerillakommandanten öffentlich ihre Verantwortung gegenüber Tausenden von Opfern anerkennen oder dass hohe Militärs ihre Rolle in systematischen Verbrechen eingestehen. International werden diese Urteile als Referenz für künftige Übergangsjustizprozesse gesehen.

Sara Meyer schrieb in konkret 4/25 über die Konkurrenz zwischen den USA und China um Einfluss in Lateinamerika

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The Empire Strikes Again

Die Regierung Trump verschärft die jahrzehntelange Blockadepolitik gegen Kuba. Von Edgar Göll

Die vergangenen Jahre waren für Kuba durch eine prekäre Versorgungslage, Stromabschaltungen und Mobilitätseinschränkungen sowie eine hohe Emigration gekennzeichnet. Hinzu kamen der Einbruch des Tourismus und Wetterkatastrophen wie jüngst der Hurricane Melissa. Die Knappheit an Investitionsmitteln und Devisen verkomplizieren die wirtschaftliche Lage.

Die Ursache für viele dieser Probleme in Kuba liegen nachweislich in den imperialistischen Absichten der Vereinigten Staaten. Deren Blockadepolitik beeinträchtigt die Entwicklung Kubas seit der Revolution von 1959. Hinzu kommen unzählige Attentats- und Subversionsversuche der US-Geheimdienste, extremistischer Exilkubaner und regierungsnaher US-NGOs sowie hunderte von unilateralen Zwangsmaßnahmen (euphemistisch: Sanktionen) und Medienkampagnen. 1960 erklärte der US-Staatssekretär  für Angelegenheiten der westlichen Hemisphäre, Lester D. Mallory als Ziel der US-Politik, „Elend, Not, Hunger und Verzweiflung in Kuba zu erzeugen, um die Regierung zu stürzen. Die kurz darauf folgende, US-gestützte – und gescheiterte – militärische Invasion in der Schweinebucht 1961 machte deutlich, dass die US-Regierung es ernst meinte.

Wie aktuell diese Haltung ist, artikulierte etwa der Unternehmer und frühere demokratische Bürgermeister von Miami Beach, Philip Levine, 2022: Notwendig sei, „eine kapitalistische Invasion der kubanischen Insel zu starten. Es ist keine harte Gewalt erforderlich. (Die Regierung) kann dies tun, indem sie unsere kapitalistische Marine einsetzt, wie Royal Caribbean, Carnival und Norwegian Cruise Line; unsere kapitalistische Armee, wie Hilton, Apple und Starbucks; und unsere kapitalistische Luftwaffe, einschließlich American Airlines, Delta und Jet Blue.“

Und auch US-Präsident Trump kündigte in seinem Memorandum zur nationalen Sicherheit (NSPM) mit dem Titel „Verschärfung der Politik der USA gegenüber Kuba“ eine ganze Reihe neuer Attacken an. Dazu gehören noch strengere Restriktionen für „direkte und indirekte“ Finanztransaktionen mit Unternehmen, die von der kubanischen Regierung und den Sicherheitsbehörden kontrolliert seien. Zudem will die Regierung Trump das bereits existierende Verbot des Tourismus aus den USA nach Kuba strikter kontrollieren. Wörtlich heißt es: „Die NSPM stellt sicher, dass die Beziehungen zwischen den USA und Kuba den Interessen der Vereinigten Staaten und des kubanischen Volkes dienen, unter anderem durch die Förderung der Menschenrechte, die Förderung eines von der Regierung unabhängigen Privatsektors und die Stärkung der nationalen Sicherheit“ der USA. In einer Erklärung des kubanischen Außenministeriums heißt es dazu: „Die Regierenden und Politiker der USA haben die Unverschämtheit zu behaupten, dass sie dies zum Wohle des kubanischen Volkes tun.“ 

Gerade die absehbare Beibehaltung der Blockade mit ihren Beeinträchtigungen der Lebensgrundlagen in Kuba hat zur Folge, dass in den letzten Jahren über eine halbe Millionen Menschen Kuba verlassen haben. Im jüngsten Bericht der kubanischen Regierung über die negativen Blockadeeffekte werden zahlreiche Gründe dafür genannt. Bei dessen Vorstellung klagte Außenminister Rodríguez, Washington betreibe gegenüber Kuba eine „Politik der Erstickung“. Der Gesamtschaden liege inzwischen bei mehr als 170 Milliarden US-Dollar, zu aktuellen Preisen sogar bei über zwei Billionen.

Die US-Blockade hat auch „extraterritoriale Effekte“, beeinträchtigt also zahlreiche Drittstaaten. Damit übt die US-Administration Druck auf andere Länder aus, beschränkt das Handeln von Banken und mischt sich in die Kreditvergabe und in alle Arten von Transaktionen von Drittländern mit Kuba ein. Zudem werden die Lieferanten von lebenswichtigen Produkten behindert und die Möglichkeiten, Geld nach Kuba zu überweisen, sogar für Familienangehörige beschränkt. So wurde Kuba von Trump bereits während dessen erster Amtszeit ohne hinreichende Begründung auf die ominöse US-Liste der Terror unterstützenden Staaten (SSOT) gesetzt. Wegen dieser Einstufung wurden von Januar 2021 bis Februar 2024 „rund 1.064 Fälle von ausländischen Banken gemeldet, die ihre Weigerung mitteilten, für kubanische Einrichtungen Dienstleistungen zu übernehmen. Der kubanische Präsident Miguel Díaz-Canel konterte, gerade die USA entspreche einem nachweislichen „staatlichen Sponsor des Terrorismus”.

Die prekäre Versorgungslage in Kuba lässt sich auch auf unzureichende Investitionen in die Landwirtschaft und Energieinfrastruktur durch die Regierung zurückführen. Erklären kann man sie ohne Einsicht in den Wirtschaftskrieg der US-Regierung nicht. Es lässt sich nur vermuten, wie viel besser Kuba entwickelt wäre ohne die US-Blockade. Eine Schätzung gab im Juni 2024 der US-Ökonom Jeffrey Sachs ab: „Die Auswirkungen der Blockade sind sehr ernst. Das kubanische Pro-Kopf-Einkommen liegt wahrscheinlich bei einem Drittel oder einem Viertel dessen, was es ohne die Blockade betragen würde.“ Indizien für dieses Potenzial waren in der Annäherungspolitik der Regierung Obama zu finden, als Kuba einen deutlichen Aufschwung erlebte.

Bisher haben die „westlichen Freunde“ der USA zugeschaut oder gar mitgemacht. Allerdings steigt die Ablehnung der völkerrechtswidrigen Blockade weltweit. Bei der jüngsten Abstimmung in der Uno im Oktober 2025 haben 165 Staaten das Ende der Blockade gefordert. Lediglich die USA und sechs weitere Staaten votierten dagegen. Das Resultat wäre noch klarer ausgefallen, wenn die Regierung Trump nicht kurz zuvor Drohbriefe gesendet hätte, nicht wie zuvor für die Kuba-Resolution zu votieren. Diese haushohen Abstimmungssiege Kubas gegen die US-Politik gelingen seit 1992. Sie werden jedoch von Washington ignoriert, und andere Westmächte scheren sich nicht um die konkrete Umsetzung – was den westlichen Doppelstandard in punkto Völkerrecht paradigmatisch vorführt.

Gleichwohl hat ein hochrangig besetztes internationales Tribunal die US-Maßnahmen gegen Kuba 2023 juristisch untersucht. Das einstimmig gefällte Urteil lautet: „Seit 1960 haben die USA ein immer umfassenderes Netz an Sanktionen gegen alle Bereiche des gesellschaftlichen Lebens in Kuba aufgebaut, welches tief in die Lebensbedingungen der kubanischen Bevölkerung einschneidet. Die bis heute gegen die Republik Kuba verhängten umfangreichen politischen und ökonomischen Sanktionen verstoßen gegen internationales Recht.“ Die Blockade sei umgehend aufzuheben und an Kuba eine angemessene Entschädigung zu entrichten. Diese Forderung stellen gesellschaftliche Organisationen weltweit und seit Jahrzehnten.

Wie seine Vorgänger rechtfertigt Trump die menschen- und völkerrechtswidrigen Aggressionen damit, Kuba ginge repressiv gegen Dissidenten vor. Tatsächlich aber geht es Kuba um den Schutz vor US-alimentierten Systemgegnern, die mit allen Mitteln einen Regime Change provozieren. Das beweisen Rundreisen des neuen Chefs der US-Botschaft in Havanna, Mike Hammer, durch das ganze Land zwecks Unterstützung der „Dissidenten“. Diese und andere Aktionen haben zum Ziel, Gegenmaßnahmen zu provozieren, um die minimalen diplomatischen Beziehungen zu kappen und die Blockade verschärfen zu können. Einem ähnlichen Ziel dient auch die jüngste Entsendung von US-Kriegsschiffen vor die Küste Venezuelas. Die absteigende Supermacht will Gehorsam erpressen.

Allerdings werden in den USA und westlichen Ländern die unabweisbaren Schäden der Blockadepolitik entweder völlig ignoriert oder bagatellisiert. In einem Statement zu der erwähnten Abstimmung in der Uno behauptete der Botschafter der USA unverfroren: „Es gibt gar keine Blockade!“ Wird sie nicht geleugnet, wird der Hinweis auf die Blockade als Ursache von Problemen als Propaganda der kommunistischen Regierung abgetan; sie versuche damit, von ihrer eigenen Unfähigkeit abzulenken. Solchen Propagandisten entgeht die eigene Logik: Wäre Kuba unfähig, würde sich Kuba also selbst zu Grunde richten, wäre die gesamte Blockadepolitik obsolet und müsste umgehend beendet werden. Es ist ein bekanntes Muster imperialistischer Legitimation: Das Opfer ist selbst schuld.

Demgegenüber besteht die Haltung Kubas in diesem Konflikt darin, die US-Politik anzuprangern und zugleich Gespräche anzubieten. Die Regierung Trump lehnt jedoch Gespräche ab und hat sogar die üblichen Arbeitstreffen aufgekündigt. Kuba hingegen pflegt und stärkt seine Beziehungen in Lateinamerika und Afrika und knüpft neue Kontakte in Asien, mobilisiert immer wieder Unterstützung in der Uno und anderen internationalen Gremien und Netzwerken. Es ist nun assoziiertes Mitglied der Brics-Staaten, der Shanghai-Cooperation-Organisation (SCO) und wieder im Uno-Menschenrechtsrat. Mit dieser Außenpolitik verschafft sich Kuba wichtige ökonomische und politische Kontakte sowie einen gewissen Schutz vor offenen Gewaltakten und inszenierten Provokationen der USA.

Edgar Göll ist Zukunftsforscher in Berlin und Vorsitzender des Netzwerks Cuba.

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Schiffe versenken

US-Militärschläge in der Karibik verschärfen die Spannungen mit Lateinamerika. Von Sara Meyer

In den vergangenen Wochen haben die Vereinigten Staaten nach Medienberichten mindestens sieben Angriffe auf kleine Schiffe in karibischen und pazifischen Gewässern durchgeführt. Dutzende venezolanische Fischer, mindestens ein kolumbianischer und mehrere trinidadische Staatsangehörige sollen dabei ums Leben gekommen sein. Einige Leichen wurden vergangene Woche sogar an der Küste von Trinidad gefunden. 

Während Washington die militärischen Aktionen als legitime Verteidigungsmaßnahme gegen den Drogenhandel darstellt, erkennt man in Lateinamerika darin eine Verletzung der nationalen Souveränität. Immer mehr Stimmen aus der Region kritisieren die Angriffe als „außergerichtliche Hinrichtungen“ von Zivilisten. Die Situation weckt Erinnerungen an frühere Interventionen und verstärkt den Verdacht, die USA wollten angesichts zunehmender geopolitischer Rivalitäten ihre militärische Präsenz in der Region ausbauen.

Der US-Regierung zufolge sind die Angriffe Teil der Bekämpfung internationaler Drogennetzwerke, die, so die Regierung, von venezolanischem Gebiet operieren und Rauschgift in die USA transportieren. Trump sprach vor der Generalversammlung der Vereinten Nationen am 23. September 2025 von der Notwendigkeit, „venezolanische Terroristen und Drogenhändlernetzwerke zu zerstören“. Jedes abgefangene Boot hätte 25.000 Menschen durch Drogen getötet und die Gesellschaft destabilisiert, behauptete er an anderer Stelle. Trump verbindet die Vorwürfe gegen Venezuela mit Migrations- und Sicherheitsfragen und erklärt, die venezolanische Regierung habe „ihre Gefängnisse und Anstalten geleert und die Menschen zu uns geschickt“. Auch Verteidigungsminister Pete Hegseth wiederholte, die betroffenen Boote seien bekannten Drogenhandelsrouten gefolgt und hätten Rauschgift geladen. 

Ein Beleg für diese Behauptungen wurde jedoch nicht vorgelegt, ebenso wenig wurde erklärt, zu welchen Drogenbanden die Getöteten zählen sollen. Menschenrechtsexperten und Juristen verweisen daher auf die rechtlichen Probleme, die mit den US-Angriffen verbunden sind. Die Tötung von Zivilisten ohne überprüfbare Beweise für unmittelbare Bedrohungen müsse als außergerichtliche Tötung eingestuft werden. Medienberichte sprechen von mindestens 64 Toten seit Anfang September, die genauen Opferzahlen sind umstritten. 

Derweil kündigte das Pentagon eine erhebliche Verstärkung der Seestreitkräfte vor der Küste Südamerikas und die Entsendung des Flugzeugträgers USS Gerald R. Ford sowie von Begleitstreitkräften an, um, so die US-Regierung, „illegale Akteure und Aktivitäten“ aufzuspüren und die Sicherheit der Vereinigten Staaten zu schützen. 

Ob man einen Krieg gegen Venezuela führen wolle? In einem Interview mit CBS am 2. November lässt Trump dies offen: „Ich bezweifle es. Ich denke nicht. Aber sie haben uns sehr schlecht behandelt.“ Er skizzierte zudem mögliche Eskalationsszenarien, ohne jedoch konkrete Pläne zu enthüllen. An anderer Stelle deutete er an, dass die USA Bodentruppen auf venezolanisches Gebiet entsenden könnten. Indem er über die venezolanische Verantwortung für den Drogenschmuggel und die Migration von Menschen in die USA spricht, erwirkt er zu Hause Zustimmung zu den US-Operationen. 

Andernorts werden deren Verhältnismäßigkeit und Legalität in Frage gestellt. Venezolanische Politologen, wie William Serafino, werten Trumps Vorgehen als eine Form psychologischer Kriegsführung. Serafino erkennt in der US-Strategie den Versuch, einen Regimewechsel in Venezuela herbeizuführen und die amerikanischen Interessen in der Region langfristig zu sichern. Durch vage Drohungen mit einer weiteren Eskalation soll Unsicherheit erzeugt und der Druck auf Venezuela und seine Verbündeten verstärkt werden. Diese Art der politischen Manipulation ist nicht nur darauf ausgelegt, militärische Reaktionen zu provozieren, sondern auch regionale politische Entscheidungen zu beeinflussen.

In Lateinamerika weckt das US-amerikanische Vorgehen  Erinnerungen. Die venezolanische Regierung hat die militärischen Angriffe als Aggression verurteilt. Kolumbiens Präsident Gustavo Petro bezeichnete die Tötung eines kolumbianischen Fischers als „öffentliche Hinrichtung“ und forderte eine gründliche Aufklärung. Für Petro, der als ein entschiedener Vertreter der Souveränität Lateinamerikas auftritt, stellt die US-Politik eine „neokoloniale Einschüchterungskampagne“ dar. Dieser Begriff greift die historische Erfahrung vieler lateinamerikanischer Länder mit ausländischen Interventionen auf. In Kuba kam es zu Massenprotesten, bei denen Außenminister Bruno Rodríguez betonte, die Völker Lateinamerikas würden sich nicht erneut einer „Kanonenbootdiplomatie“ beugen. Die historischen Parallelen zu dem Eingreifen der USA in Guatemala (1954), Chile (1973), Nicaragua (1981-90), Grenada (1983), Panama (1989), El Salvador und Kuba sind unverkennbar. In all diesen Fällen wurden Sicherheitsbedenken als Vorwand genutzt, um politische Umstürze herbeizuführen.

In dieses geopolitische Schlamassel muss auch die Verleihung des Friedensnobelpreises an María Corina Machado eingeordnet werden – eines Preises, der in der gegenwärtigen Auseinandersetzung um Venezuela eine bedeutende Rolle spielt. Die internationalen Reaktionen auf die Wahl Machados waren gemischt. In den USA und Europa wurde sie als Anerkennung für Machados unermüdlichen Kampf für Demokratie und Menschenrechte in Venezuela gefeiert. In Lateinamerika jedoch rief die Preisvergabe unterschiedliche Reaktionen hervor: Während einige sie als Zeichen westlicher Unterstützung für den Widerstand gegen die venezolanische Regierung interpretierten, betrachteten andere sie als ein Signal, das die westliche Agenda in Bezug auf Venezuela verstärken soll. María Corina Machado selbst widmete den Preis Trump, den sie als Mitstreiter im Kampf gegen die venezolanische Regierung bezeichnete. In einem Interview mit der „Latin Times“ forderte sie die militärische Eskalation: „Der zunehmende Druck und die Eskalation sind die einzige Möglichkeit, Maduro klarzumachen, dass es Zeit ist zu gehen.“ Solche Äußerungen und Gesten verstärken den Eindruck einer engen Verbindung zwischen der venezolanischen Opposition und den USA. Gemeinsam mit den militärischen Aktionen Washingtons zielen sie auf einen Regimewechsel in Venezuela und eine Neuordnung der regionalen Machtverhältnisse.

Dabei hat die traditionelle amrikanische Vorstellung, man könne Lateinamerika als „Hinterhof“ kontrollieren, immer weniger Gültigkeit, denn die zunehmende Unabhängigkeit Lateinamerikas in politischen und wirtschaftlichen Angelegenheiten stellt die hegemoniale Position der USA in der Region in Frage. Sogar ehemals enge Verbündete der USA wie Kolumbien haben begonnen, eine eigenständige Außenpolitik zu verfolgen. 

Die Gemeinschaft der lateinamerikanischen und karibischen Staaten (CELAC) hatte 2014 in Havanna eine Erklärung verkündet, die externe militärische Interventionen ausschließt. Vor diesem Hintergrund reagiert die CELAC auf die jüngste Eskalation mit intensiver Diplomatie; Kuba bemühte sich um eine koordinierte Antwort. Auch die Progressive Internationale rief in ihrem letzten Rundbrief zur Verteidigung der lateinamerikanischen Friedenszone auf.

Der vierte CELAC-EU-Gipfel am 9. und 10. November 2025 in Santa Marta, Kolumbien, gewinnt dadurch besondere Bedeutung. Kolumbiens Präsident plant, die Prinzipien der Friedenszone gegenüber europäischen Partnern zu verteidigen. Für die EU wird das Treffen zum Test, ob sie eine von Washington unabhängige Position definieren kann.

Russland und China bekundeten Solidarität mit Venezuela. Für viele Staaten des Globalen Südens steht die Frage im Raum, ob historische Einflusssphären, wie sie etwa die Monroe-Doktrin formuliert, noch Gültigkeit besitzen. Für Washington hat die Region strategische Bedeutung innhalb der globalen Konfrontation mit China.

Trump ließ seine Offenheit für weitere Maßnahmen erkennen und bestätigte, dass „Maduro’s Tage gezählt“ seien. In Zukunft könnte es also zu weiteren Zwischenfällen und Eskalationen kommen: zu einer militärischen Aufrüstung, diplomatischen Sanktionen, Gegenmobilisierungen der Region und einer internationalen Polarisierung.

Ob die Prinzipien der CELAC-Friedenszone einer solchen Belastung standhalten, hängt von der Flexibilität der europäischen Partner und der Handlungsfähigkeit regionaler Institutionen ab. Für Lateinamerika geht es letztlich um die Frage, wer die Regeln bestimmt: die Industrienationen, allen voran die USA, oder sie selbst.

Sara Meyer schrieb in konkret 3/25 über den Kampf zwischen China und den USA um Einfluss und Ressourcen in Lateinamerika

 

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Zur Erinnerung an Rosa von Praunheim

Der Regisseur, Produzent und Aktivist Rosa von Praunheim ist am 17. Dezember gestorben. Praunheim hat nicht nur auf der Leinwand und im Kampf für die Rechte von Schwulen und Lesben Spuren hinterlassen, sondern auch in konkret. So schrieb er in konkret4/82 eine Würdigung des Romanciers Klaus Mann. Sie ist für Abonnenten im Online-Archiv verfügbar.

Für konkret 10/16 sprach der Ex-Staatsanwalt, Filmkritiker und Schauspieler Dietrich Kuhlbrodt mit Rosa von Praunheim über den Beginn der Schwulenbewegung, über Outing und Provokation, über Dreharbeiten mit schwulen Nazis und seine Unterrichtsmethoden als Filmprofessor. Das Gespräch ist im Folgenden in voller Länge zu lesen.

„Wie war der Sex mit Schlingensief?“

Dietrich Kuhlbrodt: Mit einer geplanten Autobiografie und einer Ausstellung der Akademie der Künste, die im Januar 2018 zu deinem 75. Starten soll, blickst du auch zurück auf dein Leben.

Rosa von Praunheim: Das Schwierige mit dem Zurückgucken ist: Ich habe kein Gedächtnis. Das ist eigentlich eine fremde Person, ich habe damit nichts zu tun. Die Ausstellung macht mein Mitarbeiter, der hat mein Archiv digitalisiert. Aber ich selber habe nur einen Bezug zur Gegenwart und vielleicht zur Zukunft, aber zur Vergangenheit habe ich kein Verhältnis.

Also ziehst du kein Fazit?

Nee, also ich denke immer, ich mache meinen ersten Film, und bin dementsprechend aufgeregt. Man hat ja nie eine Ahnung, ob etwas gut wird, geschweige denn erfolgreich.

Bekannt geworden bist du 1970 durch die Filme „Die Bettwurst“ mit deiner Tante Luzi und „Nicht der Homosexuelle ist pervers, sondern sie Situation, in der er lebt“. Das war eigentlich so eine Forschungsgeschichte, aber auch eine Wiedergabe der Diskussion, aber schon Tante Luzi haben alle zugejubelt. 

Aber es war nicht unproblematisch. „Die Bettwurst“ war erst einmal eine kleine TV-Produktion, ich glaube, wir hatten 40.000 Mark vom „Kleinen Fernsehspiel“. Inzwischen haben die das endlos wiederholt, und dafür kriegst du nie Geld, weil die Verträge damals so waren, dass sie das für immer und ewig besitzen. Dass das später zu einem Kultfilm wurde, dass junge Leute das heute im Internet entdecken, ist natürlich eine Ausnahmegeschichte. 

Damals gab es den Vorwurf, ich nutze Luzi und die zweite Hauptfigur Dietmar aus und mache sie lächerlich, aber Luzi und Dietmar selbst waren so selbstbewusst, dass ihnen das gar nichts ausmachte. Meinte Tante Luzi hatte immer den Spruch „Was gehen mich die anderen an, Hauptsache, ich bin glücklich“. Auch wenn die kritisierten, dass sie schrill angezogen ist oder eine schrille Stimme hat – sie hat das gemacht, was ihr gefallen hat. Sozusagen als Einzelgänger gegen den guten Geschmack zu leben und sich immer wieder zu verteidigen, das war eine große Stärke, die ich auch im Film zu zeigen versucht habe. Bei Dietmar war es ähnlich, der hatte seinen Mannheimer Dialekt und war sehr tuntig, sehr feminin, arbeitete als Stricher in Berlin, wurde ständig zusammengeschlagen und versuchte zu überleben. Er hatte ein großes Wissen über den Film der dreißiger und vierziger Jahre, verehrte alte Filmstars und hat so auch seine ganz eigene Persönlichkeit durchgesetzt. Er ist leider sehr früh gestorben: Als er sich besoffen hatte mit einer Gruppe von Amerikanern, glaube ich, hat er beim Schwimmen im Grunewaldsee einen Herzinfarkt gekriegt. Da haben dann viele gesagt, ich wäre schuld, dass ich ihn sozusagen zum Filmstar gemacht habe und er das nicht verkraften konnte. Leute von der RAF wollten mir auch auflauern, hörte ich.

Er selbst war durch den Film aus den Stricherkreisen in Studentenkreise gekommen, und die hetzten ihn ein bisschen auf: Warum kriegst du keine große Gage, warum fährst du kein großes Auto? Ich habe immer versucht, für ihn zu sorgen, eine Wohnung besorgt und so. Aber er war eben ein sehr freier Geist, den man nicht zähmen konnte, er war ein Straßenkind.

Betrachtest du ihn als eine Wiederspiegelung deiner selbst? Du hast doch selbst diese schrille Farbe gehabt, hast dich Provokationen und Anfeindungen ausgesetzt, und andererseits Zustimmung aus der Szene bekommen. Diesen Konflikt, den hast du doch angenommen. Frech und naiv, so ging es doch auch bei dir los.

'68 war eine Zeit, in die ich gar nicht reinpasste, weil ich Gedichte schrieb. Mein erstes Buch Männer, Rauschgift und der Tod. Die Leidenschaften der Rosa von Praunheim war eine Gedichtsammlung mit Zeichnungen. Die '68er lehnten Kunst ab und wollten einfach nur Propaganda machen.

„Was nützt das den Arbeitern?“

Genau. Und ich merkte, dass ich mit Massenbewegungen nichts zu tun habe. Ich war sehr schlecht in der Schule, bin dreimal sitzengeblieben und habe noch nicht mal die Mittlere Reife. Insofern hasste ich Akademiker, ich fand die Sprache grauenhaft, und auch die der Linken. Dieselben Leute sind hinterher auf Drogen gekommen, und dann wurden sie religiös, also die Sanyassin und so, in eine andere Massenbewegung rein. Ich war ziemlich alleine, habe meinen eigenen Kreis von Stars um mich versammelt, mit denen ich Fotosessions machte und die ich bewunderte für ihre Eigenartigkeit. Ich hatte kein Bewusstsein davon, dass ich damit mal Geld verdienen kann oder dass das einen Wert hat, sondern ich dachte, ich werde immer arm und bescheiden leben müssen.

Du hast auch ziemlich viel ausprobiert. Du warst Maler, Musiker, Tänzer.

Ja, zuerst habe ich gemalt, sehr expressionistisch, tausend Bilder im Jahr in einem Rausch. War auf der Kunstschule, da ging man einmal im Monat zum Professor und der sagte irgendwas Blödes. Meine Bilder waren so im Stil der Pop-Art. Ich habe zwei Leinwände geteilt, gegenüber, und auf einer waren Kanonenrohre und auf der anderen waren Löcher, und dann ist eine Puppe rausgekommen. Das hieß dann „Madonna schießt auf Neger“. Ich habe die Beat Generation verehrt, die Dichter aus San Francisco, Allen Ginsberg, vor allem aber William S. Borroughs: Naked Lunch war meine Bibel; aber auch Jean Genet war meine Bibel. 

Die Filmemacher kannte ich nicht, die habe ich erst '68 beim Filmfestival in Knokke kennengelernt, wo ich mit meiner damaligen Freundin und Protagonistin aller meiner Kurzfilme, Carla Aulaulu, hinging. Da haben wir Markopoulos' Filme gesehen, der zum amerikanischen Underground zählte und uns unheimlich begeistert hat. Da hatte ich schon angefangen, Filme zu machen. Ich habe die '68er parodiert. Das waren die drei Kurzfilme „Von Rosa von Praunheim“, „Rosa Arbeiter auf goldener Straße“ und „Schwestern der Revolution“. '67 habe ich den ersten gleich über ein Festival an den Hessischen Rundfunk verkauft, da gab es damals 4.000 Mark - eine Sensation, davon konnte ich den zweiten machen. Der zweite kriegte eine Kulturfilmprämie von 20.000 Mark und wurde ans Fernsehen verkauft, und der dritte kriegt auch einen Preis in Mannheim. Dann kamen 1970 drei lange Filme, die mich bekannt gemacht haben, das war „Macbeth“, eine Oper, die ich improvisiert habe nach „Lady Macbeth“ in England, „Die Bettwurst“ und „Nicht der Homosexuelle ist pervers, sondern sie Situation, in der er lebt“. Die sind alle in einem Jahr entstanden. 

Ein oder zwei Jahre später erlebte ich einen irrsinnigen Niedergang, die Filme floppten. Ich war auch ein bisschen arrogant geworden, ich lag dann im Bett, und die Schauspieler kamen, und ich habe die gecastet und war so ein bisschen überdreht. So war eigentlich immer mein Leben, mal an der Spitze, dann wieder ganz unten. Die Flops haben mich menschlich am meisten weitergebracht. Ich musste immer wieder von vorn anfangen und bekam dadurch eine unheimliche Kraft. Erfolg ist etwas sehr Schädliches. Denn Erfolg kannst du nie genug haben.

Das Selbstbewusstsein der Schwulen in Deutschland ist überhaupt erst durch deinen Film „Nicht der Homosexuelle ist pervers …“ entstanden. 

Aber es gab gleichzeitig unheimliche Anfeindungen, ich wurde zusammengeschlagen in Lokalen – es gab halt rechte Schwule, und die meisten bürgerlichen Schwulen haben das gar nicht verstanden, die sagten, bloß nicht drüber reden, es kann uns bloß schlechter gehen, wir können nur ins KZ kommen, und hier machst du einen Film, der so radikal ist. Ich habe sie ja beschimpft: Ihr seid unpolitisch, ihr seid eitel, ihr flüchtet in eine Glamourwelt von kitschigen Illusionen, statt für eure eigenen Interessen zu kämpfen und aktiv zu werden; stattdessen versteckt ihr euch in Sexsituationen, in Büschen. Der Film war eine einzige Beschimpfung der bürgerlichen Schwulen. Als er bei den Festspielen in Berlin uraufgeführt wurde, im Forum des jungen Films im Sommer '71, war das Kino erstmal total leer, weil die Leute sich nicht trauten, in einen schwulen Film zu gehen, weil sie dachten, dann werden sie als schwul identifiziert. Kurz bevor es dunkel wurde, strömten dann Hunderte rein, und dann hörten sie eine Beschimpfung, obwohl sie erwartetet hatten, dass der Film sie lobt und sagt, ihr armen Schwulen, ihr seid doch toll. Du kannst dir vorstellen, was in dem Kino hinterher los war. Da standen zum ersten Mal Leute auf, die sich vorher nie geoutet hatten, weil sie so wütend waren: „Wie kannst du uns das antun, du Schwein? Das ist so eine Unverschämtheit, das hat nichts mit unserer Wirklichkeit zu tun.“ Das war die Emanzipation - in ihrer Wut. Das war eine schwarze Pädagogik, die ich da angewandt habe. Ich selber war vorher relativ schüchtern und war nicht gewohnt, in der Öffentlichkeit zu reden. Bei meinem ersten Interview habe mich unter den Tisch gesetzt mit einem Mikrofon, damit ich geschützter bin vor der Diskussion. Bei den ersten Fernsehdiskussionen habe ich alles auswendig gelernt, vor der Kamera natürlich alles wieder vergessen. Und dann lernte ich mit dem ersten Schwulenfilm zu diskutieren. Wir sind durch die Städte gegangen, immer überfüllte Kinos, und du musst dir vorstellen, 90 Prozent der Leute beschimpfen dich, und du musst dem standhalten. Eine Minderheit linker Studenten fand das toll, wir trafen uns hinterher und gründeten Schwulengruppen. Das war so der Anfang, und ich habe ein Atelier gehabt mit zwei großen Etagen, in der oberen habe ich Filme gedreht, und die untere habe ich den ersten Schwulengruppen gegeben. Bald gab es ein Pfingstreffen, zu dem Hunderte von überallher hinkamen, und dann blühte schon die Schwulenbewegung.

Du hast also bewusst mit Provokation gearbeitet.

Ich musste mich mein ganzes Leben lang immer dagegen stellen. Als ich dann so vor 15, 16 Jahren rausfand, dass ich in einem der schlimmsten Knäste in Riga in Lettland geboren bin, dachte ich, das ist vielleicht ein Grund, dass du so eine Haltung dem Leben gegenüber entwickelt hast. Ich habe mich auch nicht zum Anführer der Schwulenbewegung machen können, die war mir auch bald zuwider. In dem Moment, wo eine Bewegung funktionierte, musste ich mich rausziehen, weil ich nur gelernt hatte, eine Gegenbewegung zu sein. Erfolgreich provoziert habe ich bis zu meinem Outing von Prominenten '91, wo die ganze Nation, Schwule wie Heteros, mich als Verräter beschimpft hat. Das Fernsehen beriet über ein Fernsehverbot für mich.

Das Outing war nicht abgesprochen gewesen, und du hast gesagt, der ist schwul, der ist schwul, der ist schwul. Das gab einen Aufschrei, und dann warst du das rote Tuch für – du hast vorhin gesagt, 90 Prozent der Schwulenbewegung. Aber für die anderen bist du der Held gewesen.

Ich habe nicht nur meinen Arsch hingehalten, sondern auch mein Gesicht, und das war für viele neu. Das Gesicht haben sie immer versteckt. Viele Leute meiner Generation sagen immer noch, du hast mir damals geholfen, weil du öffentlich etwas ausgesprochen hast. Ich war eine Identifikationsfigur für einige, die sich dann trauten, freier zu leben.

Wir haben mal ein Interview geführt '81 oder '82, da hattest du eine Technik, mit der du Leute öffnen wolltest. Durch im allerweitesten Sinne provokante Fragen wie „Mit wem hast du Sex?“ - Fragen, die man normalerweise nicht stellt, wenn man Leute nicht weiter kennt. Damit hast du die zum Reden gebracht. Und diese Technik, Leute zum Reden zu bringen, also sich praktisch auch zu outen, funktioniert bis heute.

Das hat damit zu tun, dass ich immer viel dokumentarisch gearbeitet habe. Ich habe gelernt, dass man direkt fragen muss. Für meinen Film über Gender waren wir 1995 in Atlanta bei einer Tagung der politischen Bewegung Transsexueller, die sich Transsexual Menace nannte, transsexuelle Bedrohung, und du wusstest nicht, wer ist wer. Die Mann-zu-Frau-Transsexuellen etwa sehen sehr männlich aus, du würdest nie drauf kommen, dass die ein anderes Geschlecht haben und bist dann total verwirrt. Und die liebten die Verwirrung. Da musst du direkt fragen, sonst kichern die und freuen sich, dass du rätselst. 

In meinem Film „Transsexual Menace“ kommt ein lesbisches Paar vor, von dem die eine nach einer gewissen Zeit sagte, ich fühle mich sehr männlich, ich möchte gerne männliche Hormone nehmen und zum Mann werden. Dann wurde es ein heterosexuelles Paar. Nach ein paar Jahren sagte die andere, ich fühle mich aber auch sehr männlich, und dann wurde es ein schwules Paar. Es war wunderbar zu sehen, wie viele Möglichkeiten und Identitäten du hast. 

Als ich 2005 den Film „Männer, Helden und schwule Nazis“ machte, kamen da so Bodybuilder, die hier Heydrich, da Eva Braun tätowiert hatten, mit zwei Bodyguards und sagen dir: „Ich hab‘ schon zwei Kamerateams zusammengeschlagen.“ Da hilft es nichts, denen zu sagen, ihr seid Arschlöcher. Sondern es ist ja mein Interesse herauszufinden: Warum sind die so, wie leben sie diesen Widerspruch? Du musst erst mal sagen, das sind auch Menschen. Dann kriegst du sehr viel raus. 

Du redest mit Leuten, die du auch als Nazis bezeichnest. Und das ist eigentlich ein Tabuwort: Mit Nazis will ich nichts zu tun haben, das sind Verbrecher.

Das wurde auch kritisiert, dass ich denen nicht so viel entgegengesetzt habe. Ich finde das idiotisch, der Zuschauer muss doch selber mitdenken. Ich kann nur das Material liefern. Ich mache keinen Propagandafilm gegen Nazis, aber ich mache auch keinen Propagandafilm für Nazis.

Nee, du machst auch keine Volkspädagogik, die ja sonst ein Muss ist: Jede Fernsehredaktion will, dass man dem Zuschauer sagt, was er davon halten soll. Du bist eigentlich ein Vorbild dafür, dieses grauenhafte System, den Dokumentarfilm, auch zu erniedrigen. Das wäre eine Filmkompetenz, wenn der Zuschauer selbst entscheiden kann, ob diese Leute nun alle scheiße sind oder ob man das irgendwie nachvollziehen kann. Da kann man nicht die Augen verschließen und denen vor die Füße spucken. Dieser Film hat mich bewogen, meine Filmkritiken ganz anders zu schreiben und nicht so rumzutönen. 

Thomas Harlan hat in einem Film so einen Altnazi interviewt, den hat er total in die Ecke gedrängt, und mir wurde dieser Typ sympathisch. Harlan hat es in seiner Antihaltung geschafft, ihn sympathisch zu machen. Das ist dann genauso faschistisch.

Du bist dann auch von diesem ewigen Entweder-Oder weg: Entweder du bist Nazi, oder du bist nicht Nazi; entweder du bist Christ, oder du bist Heide; entweder du gehörst zum Tode verurteilt, oder du bist unser Volksheld. Eigenschaften können sich auch vermischen. Gleichwohl musstest du dich gerade mit „Männer, Helden und schwule Nazis“ durchsetzen gegen das Fernsehen. Auf der Berlinale ist er schließlich doch gelaufen.

Ja, man wollte ihn erst nicht dort haben, und ich wurde da hinzitiert, mit Rechtsanwalt, und die mussten dann jede kleine Szene noch mal rechtlich absichern. Es war schon ein Kampf, weil die Angst hatten.

Winfried Bonengels Dokumentation „Beruf Neonazi“ ist ja wirklich verfemt worden, weil da die Anleitung für den Zuschauer fehlte, was dir auch beinahe gedroht hätte. Da war ich dabei, als dieser Film plötzlich Aufführungsverbot bekam, das war ein Riesenskandal. Und der Protagonist, der Neonazi Ewald Althans, taucht bei dir auch auf, die Presse hat dir angekreidet, dass du dem nicht übers Maul gefahren bist. Wie hast du solche Leute überhaupt vor die Kamera gekriegt?

Das ist immer schwierig und eine lange Recherchearbeit, die meine Mitarbeiterin Karin Ostertag sehr geschickt gemacht hat. Die haben zum Teil eine gewisse Eitelkeit gehabt und wollten vor die Kamera. 

Bis 2006 hast du dann auch Studenten unterrichtet – als Professor für Filmregie an der Hochschule für Film und Fernsehen in Potsdam-Babelsberg.

Als meine Mutter hörte, dass ich Professor werde, hat sie sich totgelacht. Zum Professor wirst du ja berufen, also man fordert dich auf, dich vorzustellen. 1999 im Stalin-Haus, der ehemaligen Hochschule für Film und Fernsehen, waren fünf Leute geladen, die sich vorstellen sollten, und ich kam nachmittags um fünf als letzter dran. Die wurden also von morgens an intellektuell berieselt. Da waren die schon total übermüdet, und ich kam da mit zwei Koffern an. Da waren Glitzerkostüme drin, und ich habe die Professoren gebeten, die anzuziehen, damit ich eine bessere Sicht auf die habe. Das haben die auch gemacht. Und dann habe ich ihnen gesagt, ich wolle ihnen einen Ausschnitt aus meinem letzten Film zeigen. Das war aber nicht mein Film, sondern den hatte ich am Tag vorher aus dem Fernsehen aufgenommen, und da wurde nur geschossen und vergewaltigt. Und ich habe gesagt, ich würde als erstes mit den Studenten Schießübungen machen, denn es gibt ja nur noch Krimis im TV, die müssten also lernen, mit Pumpguns und Pistolen umzugehen. Das Zweitwichtigste ist, wie misshandelt man Frauen, denn das ist auch in Filmen ein Hauptthema, die werden gejagt, mit Äxten, die Treppen hoch, dann verstecken die sich, dann werden die Türen aufgebrochen, und dazwischen Werbepausen. Das müssen die doch lernen. Und dann habe ich ihnen gesagt, ich hätte auch pädagogische Erfahrung, 1977 hätte ich in San Francisco am Private Art Institute ein Seminar gemacht, und davon habe ich einen Ausschnitt gezeigt, wie ich mich von einem Pornomodel habe ficken lassen, und die Studenten mussten das filmen und wurden danach benotet. Schließlich habe ich das Licht ausgemacht und die hypnotisiert und gesagt, ich bin der beste Professor. Und ein halbes Jahr später wurde ich Professor.

Dann ging es lustig weiter. Ich habe Nachtseminare gemacht, es ging von 22 Uhr bis um sechs. Die Schule ist ja nachts verwaist, das ist eine ganz andere Atmosphäre. Es ist ja so: Nur zehn von 300 Studenten werden angenommen, da geben die sich alle unheimliche Mühe in der Prüfung, aber wenn sie angenommen sind, sacken sie schnell ab. Dann werden die faul, kommen nicht und ficken lieber zu Hause rum. Da habe ich ein Gefängnis in Neustrelitz gemietet.

Wie bitte?

Ja, so ein altes Gefängnis, wo Fallada seinen letzten Roman geschrieben hat. Ich habe die alle in Einzelzellen gesteckt, kein Computer, kein Telefon, nichts, die hatten nur eine Kamera. Ich war auf dem Gang und konnte immer durch die Gucklöcher gucken, ob die auch arbeiten. Ich hatte so einen Hotelservice, wo die dann Mittagessen kriegten …

Durch die Klappe.

Ja. Dann, am zweiten, dritten Tag habe ich ihnen einen Schauspieler oder eine Schauspielerin dazu in die Zelle gebracht, und dann mussten die halt einen Film machen. Ich sag dir, die waren so begeistert, dass sie Phantasie haben, dass sie tolle Ideen haben in dieser Isoliertheit, dass die nach zehn Tagen nicht raus wollten. Aber das hat nichts genutzt, denn sie kamen ja zurück und wurden wieder faul. Da habe ich gesagt, na gut, jetzt schicke ich sie in die schlimmste Stadt der Welt, nach Kalkutta. Da haben sie Tote und Kranke auf der Straße gesehen und kamen grün und blau vor Schreck zurück. Und mit tollen Filmen. Das war meine Pädagogik. 

Ich habe meinen Studenten eigentlich verboten zu denken. Wenn du Abitur hast, dann bist du schon so verbildet, dass du so ein Denkgebäude hast, das völlig idiotisch ist. Das einzige, was du lernen musst, sind Gefühle. Film heißt nicht Gedanken in Bilder, sondern Gefühle in Bilder. Bei jedem Bild musst du etwas fühlen. Um zu lernen, was Gefühle sind, habe ich sie in den ersten Tagen in ein Sadomaso-Studio geschickt, und die Frauen haben ihnen die Folterinstrumente erklärt. Wenn du Regisseur werden willst, musst du viel leiden, aber du musst lernen, lustvoll zu leiden. Außerdem habe ich sie morgens um sieben in die Charité bestellt zu einer Autopsie. Da sahen sie zum ersten Mal, wie die Leichen zerteilt wurden, und danach mussten sie immer fünf Minuten schreiben. Nicht länger, nach fünf Minuten fängt der Verstand an, und sie korrigieren sich. 

Ich habe das Drehbuchschreiben immer verglichen mit einem kackenden Baby: Es kackt, es dampft, und Baby ist stolz. Jemand hat ein Drehbuch geschrieben, ist stolz, hat unheimlich viel dran gearbeitet, und du kannst den gar nicht kritisieren, weil der das als Beleidigung auffasst. Aber wenn einer sein Skript vorlas, habe ich die anderen Studenten gebeten, das innerhalb von fünf Minuten umzuschreiben und ihm zu schenken. So sieht er einfach, es geht auch anders, und aus seiner Verbohrtheit heraus kann er sich eher öffnen. So habe ich viele Methoden erfunden habe, um die locker zu machen. 

Die anderen Professoren waren meistens sehr konventionell und faul, und ich hab die Studenten aufgehetzt, die sollen doch die alten Professoren von oben die Stahltreppen der HFF Potsdam runterwerfen und ihnen dann Plaketten machen zur Erinnerung. Es war keine Solidarität mit anderen Professoren möglich, die haben einfach nicht geantwortet auf Mails. Du konntest auch nichts gemeinsam durchsetzen. Aber du hattest als Professor alleine eben viele Möglichkeiten.

Die du genutzt hast. Hast du denn jetzt nach der Professorenzeit noch Kontakt zu Studenten?  

Ja, sicher. Die, die den Film über mich gemacht haben zu meinem Siebzigsten (Julia von Heinz, Robert Thalheim, Axel Ranisch, Chris Kraus und Tom Tykwer drehten 2012 die Dokumentation „Rosakinder“; d. Red), sind inzwischen alle sehr berühmt. Tom Tykwer war zwar nicht in der Schule, aber er bezeichnet mich als Mentor, weil ich den sehr früh in seiner Karriere, kennengelernt habe. Julia von Heinz lehnten alle Filmschulen ab. Ich habe sie gleich als künstlerische Mitarbeiterin an der Schule eingestellt. Da hat sie gelernt, indem sie unterrichtet hat.

Und jetzt bist du bei der der Akademie der Künste Leiter der Medienabteilung oder wie nennt man das?

Genau. Das ist ein ganz elitärer Verein; du wirst reingewählt in dieses Gremium, und das ist auch sehr intellektuell zum Teil. Ich versuche, da ein bisschen was zu machen, aber es ist schwer. Du wirst für dein Lebenswerk geehrt, und das sind natürlich meistens ältere Leute. Es gibt auch Stipendien für junge Leute und eine Junge Akademie, aber ich wünschte mir eigentlich, dass sie lebendiger ist. Ich konnte dadurch vorschlagen, dass Werner Schroeter, Elfi Mikesch und ich da eine große Ausstellung am Pariser Platz kriegen, im Januar 2018.

Das nennt sich nicht nur Ausstellung, sondern Erlebnisausstellung.

Ich habe da auf der einen Seite das Knastzimmer, wo ich geboren bin, und gegenüber habe ich ein großes Mausoleum, wo ich jetzt schon meine Beerdigung feiere, und ich überlege, ob ich mich nicht vor Publikum vergifte, damit das alles ein Ende hat.

Das wäre in der Tat ein großes Erlebnis. Ich habe nur gestaunt, wie gut du so eine wahnsinnig langweilige Geschichte aufmischt, als die ganze Prominenz zusammengerufen wurde, um zu feiern, dass Christoph Schlingensief posthum einen Preis bekommen. Zuerst dachte ich, nee, da geh‘ ich nicht, ich hör‘ mir doch nicht diese Preisreden an, wo jeder sagt, ich hab für Schlingensief auch viel getan, und dann kommt eine halbstündige Rede zum Gähnen, und es wird noch vorgelesen. Aber dann hast du dich gemeldet und gesagt, wir machen ein Live-Interview. Da dachte ich, das ist ja lustig.

Ja, ich habe mich selbst als Schlingensief verkleidet und habe das aus der Perspektive gemacht. 

Deine erste Frage an Aino Schlingensief war: Habt ihr Sex vor der Ehe gehabt?

Haben wir. Ich war ja Schlingensief, also hab ich meine Frau gefragt: Wie war das eigentlich, ich hab das vergessen, hatten wir Sex vor der Ehe? Und sie hat sehr schön mitgespielt.

Sie wusste aber nicht, dass die Frage kommt, das merkte man. Aber sie hat das sehr souverän gemacht, und da dachte ich: Wie mag das bei mir werden? Und die Frage an mich war: Wie war der Sex mit Schlingensief?

Ja.

Darauf muss man gefasst sein, und da kann man auch nicht sagen: Ääähhh, möchte ich hier nicht so sagen … So geht es ja nicht.

Du hast seine strammen Waden gelobt.

Nein, das waren die Oberschenkel.

Die Oberschenkel, genau.

Aber dass so was passiert in diesem feierlichen Gremium von der Akademie der Künste, das finde ich heute noch gut. Ich bin richtig wieder aufgelebt auf meine alten Tage. Ich bin ja mindestens ein Jahrzehnt älter als du.

Ja, mein großes Vorbild. Jedes Jahr ist ein neues Abenteuer, es wird eng, wenn man älter wird. Ich habe natürlich das Glück gehabt, viele vitale ältere Leute kennenzulernen, aber irgendwann hört das auf, und da darf man auch nicht so groß an die Zukunft denken. Gerade im letzten Jahr hatte ich eine große Krise. Der Film „Härte“ wurde so hoch gelobt, dass ich dachte, ich kriege jetzt tausend Preise und die Leute gehen da massenweise rein, aber er hatte wenig Zuschauer, bekam keine Preise, und dann hatte ich es schwer, neue Projekte finanziert zu kriegen. Dann überlegst du, musst du hier aus der Wohnung raus, kannst du die Firma halten? Wo wirst du enden? Aber inzwischen bin ich wieder frohgemut, ich bin gerade im Schnitt von einem Film, den ich mit Protagonisten hier aus Neukölln gedreht habe, und Schneiden ist das Schönste überhaupt. 

Schreibst du Notizen für die Autobiografie?

Genau, seit ich 17 bin, führe ich Tagebuch.

Dann brauchst du kein Buch mehr zu schreiben, sondern kannst jemandem sagen, schreib‘ diese Tagebücher ab.

Ich werde fürs Deutsche Theater vermutlich ein großes Gedicht schreiben über mein Leben, für einen Schauspieler, der mit Puppen und Dias mein Leben von Geburt bis zum Tod darstellt. Dann mache ich für die Deutsche Oper eine Improvisation mit Sängern, die heißt „Brummbrumm“ und handelt von einer chinesischen und einer afrikanischen Familie, die Söhne verlieben sich ineinander, und die Mütter sind entsetzt. Das wird jeweils in den Landessprachen gesungen, also Chinesisch und einem afrikanischen Dialekt. Da freue ich mich schon drauf. 

DVDs, Bücher und Bilder von Rosa von Praunheim kann man über den Shop unter  rosavonpraunheim.de beziehen.

Mit Dank an Joscha Baltha, Regisseur des Films „Temporär Esprit“ (mit Dietrich Kuhlbrodt, Josef Hader und Ulli Lommel), und sein Filmteam.

 

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Israel. Deutschland. Zwei Staaten. Keine Lösung.

 

Am 22. und 23. Februar 2014 hat konkret im Hamburger Polittbüro eine Tagung zur Lage Israels im Kontext des sogenannten Nahostkonflikts durchgeführt. Zum Abschluß der Tagung diskutierten – moderiert von Hermann Gremliza – Jutta Schwerin, Micha Brumlik, Stephan Grigat und Thomas Ebermann vor 200 Besucherinnen und Besuchern. konkret dokumentierte Auszüge der Debatte in zwei Teilen (in konkret 04/14 und 5/14) 

 

Gremliza: Wir haben verabredet, daß jeder, der hier oben sitzt: Jutta Schwerin, Micha Brumlik, Stephan Grigat und Thomas Ebermann, vor Beginn der Diskussion Zeit haben soll, seine Haltung zum Gegenstand der folgenden Diskussion etwas ausführlicher darzustellen. Es beginnt Jutta Schwerin. 

Schwerin: Wenn ich heute noch in Israel lebte und dort täglich Zeitung lesen oder Radio hören würde, dann müßte ich mich jeden Tag über die Dinge aufregen, die dort vorkommen: rassistische Äußerungen gegen Araber, gegen äthiopische Juden und afrikanische Flüchtlinge, autoritäre Rabbiner, die anderen ihre Lebensweise aufzwingen, und all die täglichen Schrecklichkeiten der Besatzung. Weil ich aber in Deutschland lebe, kritisiere ich Israel nicht mehr, oder jedenfalls nur sehr milde. Warum? Weil ich befürchten muß, daß ich sofort lautstarken oder auch nur laut schweigenden Beifall von der falschen Seite bekomme, und den möchte ich mir ersparen. Ich habe nach vielen Jahren in Deutschland gelernt, dass hier noch sehr viele Leute rumlaufen, die versuchen, den Antisemitismus ihrer Vorfahren mit Hilfe der Schlechtigkeit der Israelis mindestens zu verstehen. Ich möchte nicht Wasser auf die Mühlen dieser Leute kippen. 

Wenn der eine oder andere linke Israeli das nun doch tut und zum Beispiel in einem kleinen alternativen Radio im Schwarzwald über Rabbiner in Israel herzieht, die seiner Meinung nach rassistisch sind, dann halte ich das für eine große Dummheit, die vermutlich daher rührt, daß dieser Mann hier nicht integriert ist und nicht weiß, auf was für einen Boden seine Kritik fällt … Aber deswegen ist Moshe Zuckermann noch lange kein Antisemit. 

Die israelische Linke steht seit Jahrzehnten in einem zähen und mutigen Kampf gegen den Krieg und gegen die Unterdrückung der Besiegten in diesem Krieg. Keine einzige Person aus diesem Kreis hat es verdient, von deutschen Besserwissern als Antisemit betitelt zu werden. Leider hat konkret in der Januar-Ausgabe dieses Jahres wieder einen häßlichen Höhepunkt gesetzt: Uri Avnery, eines der mutigsten Mitglieder der israelischen Friedensbewegung, wurde dort als Antisemit bezeichnet. Das hättet ihr nicht zulassen dürfen. Uri Avnery weiß, was Krieg ist, er ist 1948 im Kampf für den jüdischen Staat zweimal schwer verletzt worden, und dabei hat er ganz nebenbei auch mein eigenes kleines Leben verteidigt. Ich möchte nicht Gast sein bei konkret, ohne gegen die Beschimpfung von Uri Avnery als Antisemit zu protestieren. 

Abgesehen davon – wenn Menschen wie Zuckermann und Avnery als Antisemiten bezeichnet werden, ist das ein unglaublich inflationärer Umgang mit diesem Begriff. Wenn Zuckermann und Avnery Antisemiten sind, muß sich doch Jakob Augstein denken, daß es gar nicht besonders schlimm ist, Antisemit zu sein. 

Über den Konflikt Israel – Palästina kursieren innerhalb der deutschen Linken zwei falsche Deutungen. Die erste besagt, daß die Juden palästinensisches Land kolonisiert haben, Palästinenser/innen sich im verzweifelten Widerstand befinden und deshalb Anspruch auf die Solidarität der deutschen Linken hätten. Die anderen behaupten, der Kampf der vorwiegend muslimischen Araber sei antisemitisch motiviert und nichts als die Fortsetzung der Jahrhunderte alten Feindseligkeit gegen das jüdische Volk, und Deutsche müßten sich deswegen ausschließlich und vollständig mit Israel solidarisieren. 

Ich halte beide Deutungen für falsch. In der Region Israel/Palästina kämpfen zwei nationalistische Bewegungen um ein und dasselbe Land. Nicht zwei Völker kämpfen gegeneinander – die hätten lieber ihre Ruhe – , sondern zwei Bewegungen, die jeweils von Personen und Gruppen geleitet werden, die sich ausschließlich über diesen Kampf definieren und durch ihn allein existieren, Führungscliquen, die ihr ganzes Selbstbewußtsein aus diesem Konflikt ziehen. Ohne den Konflikt wären sie verloren. Auf der arabischen Seite sind das Hamas und Dschihad et cetera. Auf der israelischen Seite die Siedlerbewegung und die jetzige israelische Regierung. Hinzu kommen fremde Regierungen, der Iran und einige arabische Länder, die aus propagandistischen Gründen diesen Krieg schüren, und die amerikanische und europäische Waffenindustrie, die viel Geld daran verdient. Das sind die wahren Akteure in diesem Konflikt, wobei die Führungscliquen auf beiden Seiten die Hauptrolle spielen und sich gegenseitig in die Hände arbeiten. 

Als Linke haben wir nicht die Möglichkeit, uns moralisch auf die eine oder die andere Seite zu stellen. Keine Seite ist besser als die andere. Wir haben auch nicht die Möglichkeit, uns moralisch auf die Seite von einem der beiden Völker zu stellen. Beide haben gleichermaßen das Recht, dort zu leben. 

Auch daß Palästinenserinnen und Palästinenser die Schwächeren sind und wesentlich mehr Opfer zu beklagen haben, ermutigt mich nicht, sie politisch zu unterstützen, weil ich weiß: Auch das palästinensische Volk hört auf seine Führungscliquen, und wenn die die Stärkeren wären, würden sie mit den Israelis schlimmer umgehen, als die Israelis es mit ihnen tun. 

1947, als das Land von der Uno zwischen Arabern und Juden geteilt wurde, hätte man sich einigen können. Weil die Landkarte, die am grünen Tisch gezeichnet wurde, völlig idiotisch war, hätte man Tauschgeschäfte über Gebiete verhandeln können, wenn auf beiden Seiten andere Personen das Sagen gehabt hätten. Auf der israelischen Seite zum Beispiel Martin Buber und auf der arabischen Tufik Tubi oder Emil Habibi. Statt dessen haben sich auf beiden Seiten die kriegstreibenden Cliquen durchgesetzt, und am Ende gab es die Grenzen von 1948. Das waren keine schlechten Grenzen. Immerhin gab es zwischen 1957, nach dem Sinai-Krieg, und 1967 zehn Jahre lang keinen Krieg an dieser Grenze. Es hätte dabei bleiben können, wenn sich nicht wiederum auf beiden Seiten die Falschen durchgesetzt und den Krieg von 1967 angezettelt hätten. Die Israelis haben Ägypten angegriffen und Jordanien Israel. Das haben wiederum nicht die Völker durchgesetzt, sondern kleine Führungscliquen. Über 50 Prozent der israelischen Regierung waren gegen diesen Krieg, es wurde wochenlang diskutiert, am Ende hat sich eine kleine Gruppe von jungdynamischen Generälen durchgesetzt. Auf der jordanischen Seite sagte König Hussein später, er habe von dem Angriff auf Israel gar nichts gewußt, und ich neige dazu, ihm zu glauben … 

Ich bin pessimistisch. Es sieht überhaupt nicht nach Frieden aus. Die führenden Cliquen sind nicht friedlicher, sondern aggressiver geworden, und ich fürchte, daß es in absehbarer Zeit keinen Frieden geben wird, sondern im allerbesten Fall ein bißchen weniger Krieg, ein bißchen weniger Grausamkeiten. 

Brumlik: Wenn es wirklich so ist, daß Uri Avnery als Antisemit bezeichnet wurde – das geht einfach nicht. 

Gremliza: Kann es jüdischen Antisemitismus, antisemitische oder antijüdische Juden geben? Es gibt antideutsche Deutsche, mich zum Beispiel, warum also nicht jüdische Antisemiten? Ich halte die Politik dieser Leute für illusionär, für falsch, für dumm – antisemitisch kann ich sie nicht nennen. Als Nichtjude, der mit einem deutschen Paß reist, sehe ich mich zu einem solchen Urteil nicht legitimiert. Daß das in der Januarausgabe von konkret in bezug auf Avnery geschehen ist, bedaure ich. 

Brumlik: Als 1967 das Westjordanland besetzt wurde, war der Staat Israel 20 Jahre alt. Seit nun fast fünfzig Jahren hält Israel das Westjordanland besetzt – am Anfang noch militärisch halbwegs rational, als die Regierungen der Arbeiterpartei in der Jordansenke einen Sicherheitskordon einziehen wollten; dann aber, nach dem Sieg der rechtsnationalen Likud-Partei von Menachem Begin und insbesondere unter dem Einfluß der Nationalreligiösen, wurde das Westjordanland von einem strategischen Terrain zu einem religiös-fundamentalistischen Selbstzweck. Dieselben Regierungen, die das Westjordanland besiedelt haben, haben mit den Resten von Gewerkschaft, Sozialismus und Kibbuzim radikal Schluß gemacht. Das gibt es alles nicht mehr. Jetzt wird das Westjordanland besiedelt, und zwar durch Häuserblöcke, die als strategische Riegel dienen können, deren Bewohner aber auch, da hat Martin Schulz, der Präsident des Europa-Parlaments, recht, in einer Weise dort produzieren und siedeln und Böden bewässern, die die Entwicklung einer eigenständigen palästinensischen Wirtschaft verhindert. 

Seit Jahren wird wie ein Mantra aufgesagt: Zwei-Staaten-Lösung, Zwei-Staaten-Lösung, Zwei-Staaten-Lösung. Ich bin nicht mehr davon überzeugt, daß es je zu einer solchen Lösung kommen wird. Woran das liegt, ist unter politischen Auspizien relativ egal – es ist wie in der systemischen Familientherapie: Der Mann geht jeden Abend in die Kneipe. Warum? Weil die Frau so unfreundlich ist. Warum? Weil der Mann jeden Abend in die Kneipe geht. Gesiedelt werden muß, weil die Palästinenser nicht friedenswillig sind, die Palästinenser sind nicht friedenswillig, weil gesiedelt wird. 

Mit jeder Wohnungsbaugenehmigung in Ostjerusalem, mit jeder wilden Siedlung schwindet die Chance auf eine Zwei-Staaten-Lösung. Was dann? Dann hat man es mit dem demokratiepolitischen Problem zu tun, Millionen Palästinenser als Bürger zweiter Klasse irgendwie beherrschen zu müssen. Die dürfen ihre Bürgermeister selbst wählen, eine israelische Staatsangehörigkeit werden sie wahrscheinlich nicht bekommen. 

Martin Buber, ein jüdischer Intellektueller, ein Sozialist, hat 1947 geschrieben: »Was jedes der beiden in Palästina nebeneinander- und durcheinanderlebenden Völker tatsächlich braucht, ist Selbstbestimmung, Autonomie, freie Entscheidungsmöglichkeit. Das bedeutet aber keineswegs, daß es einen Staat braucht, den es dominiert. Die arabische Bevölkerung braucht zur freien Entfaltung ihrer Kräfte keinen arabischen Staat, und die jüdische braucht zur freien Entfaltung der ihren keinen jüdischen. Beides kann in einem binationalen Gemeinwesen gewährleistet werden, in dem jedes Volk seine spezifischen Angelegenheiten verwaltet und beide ihre gemeinsamen … Ein binationales Gemeinwesen mit möglichst abgegrenzten Siedlungsbezirken und zugleich mit möglichst weitgehender wirtschaftlicher Kooperation, mit vollkommener Gleichberechtigung beider Partner ohne Rücksicht auf die jeweilige zahlenmäßige Proportion und mit einer auf diesen Voraussetzungen aufgebauten gemeinschaftlichen Souveränität würde beiden Völkern das geben, was sie wirklich brauchen.« 

Vielleicht siegt ja eine merkwürdige List der Vernunft, indem die inzwischen bald 50 Jahre währende Besetzung des Westjordanlands durch den Staat Israel so etwas in absehbarer Zeit erzwingen wird, wenn man es nicht auf Dauer mit einer wachsenden arabischen Bevölkerung mit sekundären Rechten zu tun haben will, was früher oder später mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit zu einer Form von Intifada führen wird, wie wir sie noch nicht gekannt haben. Hier könnte die EU mal etwas Sinnvolles tun und einen solchen im Entstehen begriffenen binationalen Staat als Mitglied begrüßen, wenn es denn soweit ist. 

Grigat: Für die deutschen Medien liegt die Lösung des Nahostproblems, wie es immer genannt wird, allein an Israel. Auch in konkret fragte Hermann Gremliza im Jahr 2000 vorwurfsvoll: Ob Israels Politik denn gar nichts einfällt, die Zahl ihrer Feinde zu reduzieren? Dagegen möchte ich in Erinnerung rufen, daß eines der Kernprobleme des Nahostkonflikts nicht in der Hand Israels liegt. Keine Regierung in Jerusalem, sei sie links, rechts, Zentrum oder wie auch immer, kann die arabische und islamische Welt dazu zwingen, den jüdischen Staat zu akzeptieren und von ihren antisemitischen Obsessionen zu lassen. Dazu bedarf es fundamentaler Änderungen in den arabischen und islamischen Gesellschaften. Bis die eingetreten sind, bleibt Israel nur das Vertrauen auf seine militärische Schlagkraft und etwas, das ich Verwaltung der Misere, Verwaltung des Dilemmas nennen würde. 

Wenn das einigermaßen gelingt, hieße das: relative Sicherheit für Israel und möglichst wenig Opfer auf beiden Seiten. Die von Brumlik vorgeschlagene Rückbesinnung auf die Ideen Martin Bubers und der Vorschlag der Transformation des jüdischen Staates in einen binationalen, die neulich auch Judith Butler in die Diskussion gebracht hat, bedeutet eine Absage an den revolutionären Kern des Zionismus, der in der Organisierung eines bewaffneten Kollektivs zur Selbstverteidigung gegen den Antisemitismus besteht. 

In gewisser Weise hat sich dadurch, daß nun der Beitrag »Plan B« von Brumlik in konkret erschienen ist, etwas in der Diskussion verschoben. Bis dahin war es Konsens, daß Zeitschriften wie konkret keine Beiträge veröffentlichen, die auf die Abschaffung Israels hinauslaufen. So habe ich Brumliks Text aber verstanden. Für seine Absage an den revolutionären Kern des Zionismus ist es notwendig, in entscheidenden Situationen vom Antisemitismus zu abstrahieren. Dieses Abstrahieren vom Antisemitismus ist geradezu die Geschäftsgrundlage für die radikale Linke auch in Israel, sowohl historisch als auch aktuell. Ohne die Ignoranz gegenüber dem Antisemitismus im arabischen und islamischen Raum könnten sie nicht an ihren Konzepten festhalten. Das ist auch das Problem bei jemandem wie Uri Avnery. Die Bezeichnung Antisemit halte auch ich für unangemessen, aber Avnery hat in fast allen seinen Schriften zur Verharmlosung des Antisemitismus beigetragen. 

Brumlik hat bereits 2008 in Buchform eine Kritik des Zionismus vorgelegt, die den Zionismus, jene notwendigerweise nationale und gezwungenermaßen partikularistische Emanzipationsbewegung, gleichzeitig attackiert und für ihn Partei ergreift. Das Verständnis, das er dem Zionismus als Selbstverteidigung gegenüber dem Antisemitismus dort durchaus noch entgegenbringt, wird allerdings wiederum konterkariert durch Forderungen, deren Umsetzung von dieser Funktion nicht mehr viel übriglassen würden. Er empfahl unter anderem die Integration Israels in die Europäische Union, die bei ihm als ein »Israel freundlich gesonnenes Staatenbündnis« firmiert. Was im Vergleich zur Arabischen Liga oder der Organisation der Islamischen Konferenz vielleicht gerade noch stimmen mag. 

Doch während Brumlik in Krise des Zionismus noch in aller Deutlichkeit die Bedrohung Israels durch Hamas, die Hisbollah und vor allem auch das iranische Regime betont und deshalb bei all seiner Kritik an den verschiedenen Ausformungen des Zionismus um seine Legitimität als militärische Rückversicherung gegenüber dem Antisemitismus weiß, ist in seinem in konkret publizierten Plädoyer für einen binationalen Staat davon keine Rede mehr. Wenn es um die israelische Präsenz in der Westbank geht, darf der aktuelle Antisemitismus offenbar nicht thematisiert werden. 

Anfang der neunziger Jahre hatte die Mehrheit der israelischen Gesellschaft gehofft, daß Veränderungen in den arabischen und islamischen Gesellschaften entweder schon stattgefunden hätten, oder aber daß man eine dauerhafte Aussöhnung auch ohne sie erreichen könne. Das war die Grundhaltung von Shimon Peres und Yitzhak Rabin, die dazu geführt hat, daß sie Verhandlungen mit Arafat aufgenommen haben. 

Aus der Dringlichkeit, angesichts heraufdämmernder existentieller Gefahren wie dem bereits Anfang der neunziger Jahre absehbaren iranischen Atomprogramm mit den unmittelbaren Nachbarn Frieden zu schließen, wurde die Möglichkeit gefolgert, das auch tun zu können. Aus der Notwendigkeit eines Kompromisses schloß man auf die Chance, ihn auch erreichen zu können. Es war, als hätten sich Rabin und Peres, ganz ähnlich wie Brumlik, die ebenso alte wie ja sehr sympathische, aber eben grundfalsche und deshalb gefährliche Maxime zu eigen gemacht, den Nahostkonflikt zu behandeln, als gäbe es keinen Antisemitismus, und den Antisemitismus, als gäbe es keinen Nahostkonflikt. 

Rabin war der erste Premierminister, der von seinen Geheimdiensten die Nachricht bekommen hat, daß das iranische Regime ein Nuklearwaffenprogramm hat und dafür noch ungefähr 15 Jahre brauchen wird. Er hat darauf mit drei Maßnahmen reagiert, die auch für die heutige Diskussion wichtig sind. Er hat zum einen diesen Friedensprozeß angeleiert, aus der Vorstellung heraus, man müsse den, wie er es nannte, inneren Gefahrenkreis – also die Konfrontation mit den unmittelbaren Nachbarn – irgendwie in den Griff bekommen, um sich dem äußeren Gefahrenkreis, der iranischen Bedrohung, angemessen widmen zu können. Als guter Zionist ist er davon ausgegangen, daß das alles sehr schlecht ausgeht, deshalb hat er bereits damals die Anschaffung von Langstreckenbombern angeordnet, die gegebenenfalls in der Lage sein sollten, dem iranischen Atomprogramm militärisch einen Strich durch die Rechnung zu machen. Und drittens hat er die Gesandten Israels in aller Welt aufgefordert, für eine scharfe Sanktionspolitik gegenüber diesem Regime einzutreten, um die eben auch für Israel wahnsinnig riskante militärische Option möglichst nicht Wirklichkeit werden zu lassen. 

Diese Rechnung ist nur in einem Punkt aufgegangen. 1994 kommt es zum Friedensschluß mit Jordanien. In allen anderen Punkten hat das nicht funktioniert, und Israel sieht sich heute mit dieser iranischen Bedrohung, insbesondere seit der Wahl des dauerlächelnden Rohani und dem fatalen Abkommen von Genf, mehr oder weniger allein gelassen. Das Ergebnis dieses sogenannten Friedensprozesses war eben keine Aussöhnung, kein Kompromiß, sondern die zweite Intifada mit rund 20.000 Anschlägen, über tausend ermordeten und rund 7.000 verletzten Israelis. 

Die zentrale Frage lautet nicht, ob Juden Häuser in der Westbank bauen, so wichtig und kompliziert diese Siedlungsfrage, über die hierzulande ja geradezu obsessiv diskutiert wird, auch ist. Sondern die zentrale Frage ist, ob jener für den Nahen Osten so typische Mechanismus durchbrochen werden kann, bei dem die innergesellschaftlichen und durch den Weltmarkt evozierten Widersprüche, die ja auch durch den Sturz von Mubarak nicht einfach verschwunden sind, stets in hemmungslose Aggression gegen den jüdischen Staat transformiert werden. Es gibt wenig Anzeichen, daß das in absehbarer Zeit gelingen kann. 

Nun sollte das gerade nicht zum Anlaß genommen werden, den Zionismus als nationalstaatlich organisierte jüdische Selbstverteidigung zu attackieren, sondern ihn gegen jegliche Angriffe zu verteidigen. Es gibt unter den gegebenen Umständen keine »Lösung« des Nahostkonflikts, denn diese würde bedeuten, den Antisemitismus aus der Welt zu schaffen. Auch für die zionistische Linke gilt, daß die verständliche Sehnsucht nach Frieden stets die Gefahr in sich birgt, dem Antisemitismus Konzessionen zu machen.  

Die Aufrechterhaltung der Besatzung des Westjordanlands bringt zahlreiche Gefahren für die israelische Gesellschaft und den israelischen Staat mit sich. Ich denke, ein Rückzug wäre weiterhin möglich und würde, anders als Brumlik in seinem KONKRET-Beitrag suggeriert, von der Mehrheit der Israelis unterstützt, wenn sie dafür einen Frieden in Sicherheit erhalten. 

Es wird immer wieder zu Recht auf die demographische Entwicklung verwiesen. Es ist jedoch falsch, darin die Gefahr einer Selbstzerstörung der israelischen Gesellschaft zu sehen, wie es viele antizionistische, aber auch einige explizit zionistische Linke tun. Ein Paradebeispiel dafür ist Gershom Gorenbergs Buch mit dem im Deutschen fürchterlichen Titel Israel schafft sich ab, auf das Brumlik sich geradezu euphorisch bezieht. Allerdings geht es dem im Gegensatz zu Brumlik linkszionistischen Gorenberg um eine Reformulierung des zionistischen Grundgedankens. Er wendet sich nachdrücklich gegen jede Form einer Einstaatenlösung. Gorenberg betont, daß Israel auch bei einem Rückzug aus der Westbank nicht darauf verzichten muß, sich als jüdischer Staat zu definieren. Er will beispielsweise die Armee unter jüdischer Hegemonie belassen, während Brumlik eine, wie es in seinem Beitrag heißt, einheitliche Armee eines zukünftigen arabisch-israelischen Staates fordert. 

Gorenberg verteidigt auch das Rückkehrgesetz des israelischen Staates, das jedem Juden die Einwanderung nach Israel garantiert. Brumliks Absage an diese Essenz des Zionismus drückt sich in der Forderung aus, Einwanderung in ein zukünftiges binationales Staatswesen solle »nur nach arbeitsmarktspezifischen beziehungsweise humanitären Gesichtspunkten geregelt werden, nicht mehr nach ethnischen Kriterien«. Schon in Krise des Zionismus forderte Brumlik vom Diaspora-Judentum, es »sollte sich den Verzicht auf das israelische Rückehrrecht abverlangen«, betonte dort aber doch, daß, wie er es nennt, »die schlichte Selbstbehauptungsvariante des Zionismus« nach wie vor gewichtige Argumente für sich hat. Nun aber richtet er sich mit den Vorstellungen Martin Bubers gegen diese Selbstbehauptungsvariante, die den Kern eines jeden Zionismus ausmacht. 

Auch aus zionistischer Perspektive gibt es zahlreiche Gründe, einen Rückzug aus den besetzten Gebieten zu befürworten – aber, und das wird in der deutschsprachigen Diskussion kaum zur Kenntnis genommen, ebenso viele, die dagegen sprechen. Jeder Befürworter einer Beendigung der Besatzung muß die Frage beantworten, was geschehen soll, wenn solch ein Schritt nicht die Beendigung des Konflikts bedeutet. Was tun, wenn ein palästinensischer Staat nur als Basis verwendet würde, um den Krieg zur ›Befreiung ganz Palästinas‹ unter besseren Bedingungen fortzuführen? 

Ebermann: Der Gründungsakt der antideutschen Linken fand irgendwie in konkret statt, wer wollte das bezweifeln. In diesen Gründungsakt geht etwas ein: das Eingeständnis der Wirkohnmächtigkeit der Gesellschaftskritik heute. Das hat Marcuse so ungefähr fünf Seiten vor Schluß von Der eindimensionale Mensch formuliert. Diese Ohnmächtigkeit hat einen anderen Begriff in ein anderes Recht gesetzt: Das »Es kommt nicht darauf an, die Welt zu interpretieren« hat einen anderen Klang gekriegt: Wenn wir wenigstens das könnten, wären wir ganz schön weit. 

Wenn ich die Welt betrachte, sehe ich überall den Kampf des Falschen gegen das Falsche: ägyptische Militärdiktatur gegen Muslimbrüder, Putin gegen Chodorkowski, ukrainische Machthaber gegen die mit Nazis durchsetzte Opposition, syrisches Regime gegen islamistische Rebellen, der mit dem Iran verbündete Maliki des Irak gegen die schreckliche sunnitische Opposition, Karsai und andere Warlords gemeinsam mit Oberst Klein gegen die Taliban und natürlich die Leute, die heute in Libyen, so wunderbar von den USA und Frankreich und Katar an die Macht gebombt, ganz schön viel Unheil und Brutalität anrichten. 

In einer Welt, in der das Falsche gegen das Falsche kämpft, sehe ich eine herausragende Ausnahme, und diese Ausnahme ist der Kampf Israels gegen seine Feinde. In einer Welt, in der oft – und das ist für mich etwas Neues – der Wahn über das Kalkül, über die staatliche, imperialistische, ökonomische Rationalität triumphiert, ist Israel ganz besonders gefährdet. Der höchste ideologische Wunsch der Deutschen, die durch die Wiedervereinigung gewonnene neue Unbefangenheit, das Erwachsenwerden, das Endlich-mal-sagen-Können auszuleben, ist eine offensive Politik gegen Israel. Das spiegelt sich nicht nur in dem Auftritt von Martin Schulz in der Knesset. Die »Süddeutsche Zeitung«, das Organ für Leute, die sich für Linksintellektuelle halten – Selbstbetrug ist in Deutschland weitverbreitet – , kämpft für die Legitimierung von Boykottbemühungen gegen Israel, nennt Netanjahu und die Seinen »arrogant«, »routiniert«, »selbstherrlich« und »immun gegen jede Kritik«. Das ist nicht neu, aber es eskaliert. 

Wenn ich sage, daß das Falsche gegen das Falsche kämpft, bedeutet das nicht in jedem Fall Äquidistanz. Daß wir kein wirkmächtiger Faktor sind, dem deutschen Imperialismus nicht in den Arm fallen können, schmälert nicht meine Sympathie mit denen, die zwischen den Mühlsteinen des Falschen gegen den Falschen einsam protestierend verharren. Wenn da im Irak eine Gruppe ist, die weder Maliki noch sunnitischen Widerstand, sondern einfach ein bißchen Lebensfreude will, dann sind das meine ideellen Verbündeten, und ich frage die nicht: Habt ihr auch Bataillone auf eurer Seite? 

Ich lebe in einer Welt von Linken, die sich vor jeder politisch-theoretischen Differenz auf die Fahnen geschrieben haben, daß man das so alles nicht sehen darf, wie ich es gerade gesagt habe, und deren schrecklichste Formel heißt: In jedem Prozeß lauern Chancen und Gefahren. Und wir müßten eben ein bißchen die Chancen befördern. Das ist widerlich. 

Auch die israelfreundliche Szene hat sich eine Bescheidwisserei angemaßt, die ihr Schreiben oft von Wahrheitssuche in Propaganda verwandelt hat. Ich nehme konkret da aus, das mir sehr hilft, angesichts der eigenen Machtlosigkeit und der Macht der anderen nicht zu verblöden, oder jedenfalls die Anstrengung zu unternehmen. Aber eigentlich ist es nur ein riesiger Haufen Müll, was der sogenannte antideutsche Bellizismus in den letzten zehn Jahren produziert hat. Müll. Ich sollte mich über den Einmarsch in Afghanistan freuen, weil da dann Fanta statt Fatwa kommt, ich sollte davon überzeugt sein, daß der Krieg der USA gegen Saddam Hussein dort eine blühende Demokratie bringt, ich sollte mich freuen, als in der Uno beschlossen wurde, daß Gaddafi weggebombt wird. 

Objektiv hat Joschka Fischer, der den Krieg gegen das Böse als Lehre aus Auschwitz demagogisch postuliert hat, in dieser Szene gewonnen. Besonders naseweis sind immer wieder Artikel, die dann auch noch betonen, daß Israel versagt, weil es die Chancen, die etwa im arabischen Frühling liegen, wieder übersehen hat. Avi Primor, der in vielen Fragen nicht meine erste Quelle ist, manchmal ist er mir viel zu sehr Optimist, manchmal ist er einfach Plaudertasche, hat schon im Jahr 2003 geschrieben, er kenne keinen arabischen oder islamischen Staat, der in freien Wahlen nicht die Islamisten an die Macht bringen würde. Und Primor ist ein Optimist, kein Hardliner. 

Alex Feuerherdt schrieb in konkret über die syrische Aufstandsbewegung: »Diese ist zersplittert, zu ihr zählen vor allem Schriftsteller und Unternehmer, Kurden und Drusen, Linke und Christen. Auch Islamisten beteiligen sich an den Protesten, doch ihr Einfluß scheint sich in Grenzen zu halten.« Und weiter: »Assad unterstützt Hamas und die Hisbollah in jeder Hinsicht, und die Verbindungen zu Al-Quaida sind eng.« Das ist das Ende analytischer Kapazität, das ist, aus propagandistischen Gründen, das Ende der Anstrengung, die Welt zu interpretieren, sie wenigstens zu verstehen. 

Im Alltag werde ich mit antisemitischen Unterstellungen, mit Gretchenfragen konfrontiert. Allein, was an »israelkritischen« Veranstaltungen hier im Polittbüro aufgeführt werden sollte und von den Betreibern Lisa und Gunter verhindert wurde. Ich erinnere mich an eine Diskussion, ich glaube in Bielefeld, kurz nach der Aktion »Gegossenes Blei«, dem aus meiner Sicht notwendigen Angriff Israels auf die Hamas im Gazastreifen. Ich habe an dieser Aktion nichts Kritikwürdiges gefunden. Und dann kommt einer und meint, ich solle endlich mal Farbe bekennen, daß Israel gemeinsam mit den USA militärisch das iranische Atomprogramm ausschalten muß. Da hab ich nur noch gesagt: Gib mir Alkohol. 

Vor diesem Hintergrund fühle ich mich dem Buch von Gershom Gorenberg verbunden. Gorenberg ist orthodoxer Jude, linker Zionist, und seine Befürchtungen sind ziemlich alarmistisch: »Die fortdauernde Besetzung, die Förderung des religiösen Extremismus, die Untergrabung von Recht und Gesetz durch die Regierung selbst, all das bedroht die Zukunft Israels.« Oder: »Wir können Israel erlauben, mit seiner Selbstdemontage fortzufahren, oder wir können uns dafür entscheiden, es neu zu gründen.« Man hofft, er übertreibt. Wie kommt er dazu? Er macht eine Bestandsaufnahme, er zählt auf, wie die Zahl der Siedler von 1993 bis heute von 116.000 auf über 300.000 – ohne Ostjerusalem – gestiegen ist. Er beschreibt unbestrafte Gewalt: Ein unschuldiger Palästinenser wird erschossen, und der Täter bekommt drei Monate Gefängnis. Er zitiert jede Menge fanatisch-inhumaner Publikationen von religiösen Siedlern, die sich Gottes Plan und Willen unterwerfen, Olivenhaine zu zerstören oder Ernten zu klauen. Er schreibt, daß das, was die publizieren, eine einzige Rechtfertigung von Kriegsverbrechen ist. 

Es gibt heute, und das war in der Gründungsurkunde Israels nicht vorgesehen, 470.000 strenggläubige Israelis, 20 Prozent der israelischen Kinder besuchen eine ultraorthodoxe Schule, der Teil, der sich als nationalreligiös verstehe, gehorche, sagt Gorenberg, eher dem jeweiligen Rabbiner oder Gott, und der Anteil dieser Leute, die heute in der Armee Israels hohe Posten haben, sei seit 1990 von 2,5 auf 30 Prozent gestiegen und steige weiter. Gorenberg befürchtet, daß der israelische Staat sein von Ben Gurion etabliertes, auf Knesset-Mehrheiten und Regierungsbeschlüsse gestütztes Gewaltmonopol verliert. Daß also einem Beschluß, aus den besetzten Gebieten abzuziehen, von einem so großen Teil der Gesellschaft und Armee nicht mehr Folge geleistet würde, daß diese Option zu erlöschen droht. Daß die instrumentelle Vernunft, die kluge Taktik des Sich-Bescheidens, des Das-Machbare-Realisierens, das dem Zionismus innewohnte, verloren gehen könnte. 

Gesagt werden muß, daß Gorenberg in ganz vielen Passagen des Buchs objektive Fortschritte in der Demokratisierung Israels betont, Gerichtsbeschlüsse zur rechtlichen Besserstellung der israelischen Araber und so etwas. Wer das überliest, instrumentalisiert dieses Buch niederträchtig. Fast nicht erwähnenswert sind Postulate wie: Es muß einen jüdischen Staat geben, es muß freie Einwanderung von Juden aus aller Welt geben, übrigens nicht nur, wenn sie bedroht und verfolgt sind. Er schlägt vor, daß man sich an den Grenzen von 1967 orientiert, mit den bekannten Ausbuchtungen. Und als stilles Fundament plädiert er nicht nur für eine jüdische Armee, sondern für die militärische Überlegenheit Israels als Bedingung für Frieden in der Region. 

Stephan Grigats Forderung, ich müsse sagen, was ich denn vorschlagen würde, wenn ein Abzug, den Gorenberg fordert, nicht zu einem entmilitarisierten, Israel nicht angreifenden Nachbarstaat führen würde, sondern zu einem militärisch aggressiven, ist albern. Soll ich jetzt meinen Nahost-Friedensplan vorlegen oder was? Ich kann doch nur sagen: Dann eben so ähnlich wie Gaza. 

Gorenberg ist für einen Abzug, selbst ohne Friedensvertrag. Das unterscheidet ihn von Ehud Barak. Wer hofft, daß es mit der Zwei-Staaten-Lösung doch irgendwie irgendwann gehen könnte, weiß doch, daß dabei nicht mehr herauskommen wird, als Barak am Ende des Osloer Prozesses und in den Monaten nach Camp David angeboten hat. Mehr ist nicht möglich. Er hat die Jerusalem-Lösung angeboten, 96 Prozent der Westbank an die andere Seite, und selbstverständlich kein Rückkehrrecht. Was wir nicht wissen: Hätte er dafür in Israel bei Wahlen eine politische Mehrheit bekommen? Der Plan ist gescheitert, weil er zuerst zu Syrien ein ähnliches Verhältnis wie zu Jordanien oder zu Ägypten aufbauen wollte. Syrien sollte die Golan-Höhen zurückbekommen. Das ist von Syrien abgelehnt worden. 

Zu viele Leute, Mächtige und Subalterne, denken, daß der Kram mit Friedensprozeß und Oslo in Wirklichkeit gar nicht wichtig ist, weil Israel eines Tages sowieso zerstört werden wird. Und solange dieser Gedanke vorherrscht, gibt es keinen Frieden. Grigat sagt, er sehe gegenwärtig keine andere Möglichkeit als die Verwaltung des Dilemmas durch Israel in einem überschaubaren Zeitraum – keine große Lösung, nicht Okkupation, nicht Vertreibung, nicht zwei Staaten. Ich glaube, er hat recht. 

Israel wird vom Rest der Welt zwangsverpflichtet, aus ökonomischen Gründen, sich doch endlich mal über Rohani zu freuen, jenseits aller Fakten, jenseits der militärischen Möglichkeiten des Iran. Das hat ein unglaubliches demagogisches Potential, das wahrscheinlich größer ist als das Potential der Boykottbewegung, die von mir so etwas Irrsinniges verlangt, wie bei Rewe auf meinem Gurkenglas nachzugucken, ob das aus den besetzten Gebieten kommt. 

Die Isolation Israels ist in den letzten zwei, drei Jahren enorm gewachsen. Jede Anstrengung, den jüdischen Staat zu retten und zu erhalten, militärisch stark zu machen, wird dämonisiert wie nie zuvor. Wenn ich morgens lese, Bosnien-Herzegowina spaltet sich, blättere ich um, mal sehen, was im Feuilleton steht. Oder Aufstand in Kirgistan, da denke ich auch, och, mal sehen, wie’s ausgeht, schnell die Sportseiten. Wenn aber dieser jüdische Staat, dieses Refugium der Vernunft in dieser Welt, tatsächlich untergehen sollte, wäre das Ende des Arguments gekommen, das Ende des Widerspruchs, der in der Welt ist. Es ginge nicht weiter. 

Wir haben mal gesagt, die antideutsche Linke ist negatorisch. Sie bekennt ihre Wirkohnmächtigkeit, und sie ist negatorisch. Negatorisch sein heißt, über Sachen nachdenken, die die uns umgebende Menschheit, die sich mit ihrem Fortkommen, dem Sichdurchschlagen in den bestehenden Verhältnissen beschäftigt, nicht versteht, die uns für eine komische Sekte hält. Daraus darf eines nicht folgen: Daß man das, was man im Bewußtsein der Wirkohnmächtigkeit macht, leichtnimmt. 

Wir befinden uns in einer absurden Situation. Hier ist ein Theaterabend, von dem weiß man, der wird die Welt nicht verändern, wirklich nicht. Und trotzdem mit roten Wangen darum kämpfen, daß jede Formulierung, die man wählt, richtig ist. Darum kämpfen, daß man Momente von Glück hat in einer völlig falsch eingerichteten Welt, weil man Sprache kennenlernt und Kommunikation unerträglich findet. So möchte ich auch über Israel reden. Nicht apologetisch. Ich bin nämlich davon überzeugt, daß nichts brüchiger ist als bedingungslose Solidarität.  

Schwerin: Ich hatte nicht erwartet, daß hier Menschen auf dem Podium sitzen, die noch pessimistischer sind als ich. Ebermann hat gesagt, es könnte sein, daß Israel irgendwann nicht mehr existiert, weil es überrannt wird oder so. Es kann aber auch sein, daß in Israel die Kräfte siegen, die meinen, man müsse die Westbank überrennen und alle vertreiben. Und wenn du so regelmäßig »Ha’aretz« lesen würdest wie ich, dann würdest du wissen, daß es sehr starke Kräfte in Israel gibt, die das wollen. 

Ich habe euch ja gesagt, daß ich nicht daran glaube, daß irgend jemand tatsächlich Interesse an Frieden im Nahen Osten hat. Wenn es so etwas gäbe wie eine menschenfreundliche, progressive Diplomatie, dann würde ich die Lösung darin sehen, daß man die besetzten Gebiete wieder an Jordanien angliedert. Ich habe nie verstanden, daß man die Bevölkerung der untüchtigen PLO einerseits und der israelischen Besatzung andererseits preisgegeben und ausgeliefert hat. Jordanien ist Palästina, 60 Prozent der Bevölkerung dort sind Palästinenserinnen und Palästinenser, und in manchen Städten sind es 90 Prozent. 

Micha Brumlik hat sein konkret-Papier nicht ganz vollständig dargestellt. Der Knackpunkt ist, daß er der Meinung ist, es solle keine privilegierte jüdische Einwanderung mehr stattfinden. Dem will ich widersprechen: Ich finde ganz toll, daß in den letzten 20 Jahren 100.000 Äthiopierinnen und Äthiopier nach Israel geholt wurden. Ich weiß, daß es denen schlecht geht, ich weiß, daß sie diskriminiert werden. Aber ein Teil von denen wäre buchstäblich verhungert, wenn man sie nicht geholt hätte. 

Brumlik: Humanitär, ja, das ist doch in Ordnung. 

Schwerin: Nix humanitär, das ist eine privilegierte Einwanderung gewesen, und die konnte es nur geben, weil es dieses Rückkehrrecht gibt, denn viele Leute in Israel sind gar nicht dafür, daß man 100.000 Schwarze holt. Man mußte sie holen, weil es dieses Gesetz gibt, und das war eine ganz tolle Sache, die hätte ja niemand anders in der Welt gemacht. Niemand holt Schwarze. Wenn jetzt jemand fragt: Soll man nur die jüdischen Schwarzen retten?, dann sollen uns die Christen das mal nachmachen. Dann sollen sie mal 100.000 Afrikaner herholen, weil sie Christen sind. Ich will auch einen jüdischen Staat mit einer jüdischen Mehrheit, so wie es einen italienischen Staat mit einer italienischen Mehrheit gibt, und einen französischen und so weiter. Ich will aber auch, daß die Minderheit, circa 20 Prozent Palästinenserinnen und Palästinenser, die jetzt in Israel leben, die viel durchgemacht haben, dort gut leben und bleiben können, und zwar gleichberechtigt. 

Einige Minister in der israelischen Regierung sind für einen »Flächen- und Bevölkerungsaustausch «, bei dem man die Araber aus Israel rausnimmt und in das zukünftige Palästina eingliedert. Das wollen die aber nicht. Die haben dagegen gestimmt. In Umm al Fahm, das war früher ein kommunistisches Widerstandsnest, haben 89 Prozent abgestimmt, daß sie nicht nach Palästina wollen, weil sie im demokratischen Israel leben möchten. Das ist ja auch sehr vernünftig. 

Thomas, du hast gesagt, du bist gegen bellizistische Statements. Dann kann ich nicht verstehen, daß du sagst, du bist für die Bombardierung von Gaza, und du benutzt auch noch dieses häßliche Wort »Gegossenes Blei«. Das war falsch, und das war unmenschlich, jede Bombardierung von Städten ist von Anfang an unmenschlich, weil sie die Falschen trifft. Das hat nicht die getroffen, die die Raketen auf Israel schießen, das hat ganz andere Leute getroffen. Und glaub bloß nicht, daß die Engländer Dresden angegriffen haben, um Auschwitz zu befreien. Die haben das aus eigenem Interesse getan, und ich sage, ein Angriff auf Städte ist unmenschlich. 

Brumlik: Zunächst mal zu Stephan Grigat. Vielen Dank, Sie haben mich gut verstanden und völlig korrekt referiert. Wir haben ein paar unterschiedliche Einschätzungen, was die jeweiligen Begründungen angeht. Was aber die Position zu Iran angeht, paßt kein Blatt Papier zwischen uns. Und deswegen will ich auch hier noch mal sagen: Ich bin für den Export von Langstreckenbombern von Deutschland nach Israel, ich bin für die Lieferung von U-Booten, auf denen Abwehrraketen stationiert werden. Allerdings, wenn das richtig ist mit der schwersten Bedrohung Israels durch mögliche iranische Atombomben, dann müssen wir über die Siedlungen diskutieren. Denn mit dem Siedlungsbau und tausend neuen Wohnungen verhindert man keine einzige iranische Atombombe. Das sind Maßnahmen, die es den wenigen friedenswilligen palästinensischen Politikern schwerermachen, auf Israel und auf einen Friedensprozeß zuzugehen. 

Dann möchte ich auf eine gewisse Asymmetrie in der Perspektive hinweisen. Jutta Schwerin und ich sind nun einmal Juden und möglicherweise auch wirklich vom Antisemitismus betroffen und haben so unsere eigenen unterschiedlichen Gedanken, wie man darauf reagieren soll. Ich habe überlegt, ob man sich so eine gleichsam paternalistische Argumentation auch anderswo vorstellen könnte: ein frauenpolitisches Forum, bei dem die Männer den Frauen sagen, wie sie ihre Positionen richtig wahrzunehmen haben. Das sind zum Teil schlicht und ergreifend innerjüdische Auseinandersetzungen. 

Und dazu kommt dann natürlich immer, und das hat sehr viel mit Deutschland und der Shoa zu tun, die Idee: Nach allem, was passiert ist, muß es für Juden eine Zuflucht vor etwas möglicherweise Vergleichbarem geben. Das ist eine nachgeholte Rettungsphantasie. Ganz abgesehen davon, daß die Leute, die dann immer zitiert werden, Ben Gurion und so weiter, sich nicht besonders um die verfolgten Juden Europas gekümmert haben. Ben Gurion hat immer wieder gesagt, Zionismus ist keine Philantropie. Das war mitteleuropäisches Nationalstaatsdenken, und das ist auch der Grund, warum ich auch mit Jutta nicht übereinstimme. Ich bin nämlich grundsätzlich gegen ethnisch geprägte Nationalstaaten. Jetzt kann man natürlich sagen, so lange, bis alle Nationalstaaten sich aufgelöst oder republikanisch transformiert haben, so lange muß es den jüdischen Nationalstaat geben. Aber meine Vorstellung von links oder liberal ist schon: Hauptsache, ein Staat ist demokratisch oder republikanisch, egal, ob der nun ethnisch rein ist oder nicht. Jutta hat gesagt, sie ist dafür, daß Israel so jüdisch ist wie Italien italienisch – also mit Serbien oder Kosovo könnte man den Satz nicht so formulieren. 

Schwerin: Die hätten jugoslawisch bleiben sollen. 

Brumlik: Voilà, genau. 

Gremliza: Zu der Bemerkung, hier würde die Diskussion des Antisemitismus paternalistisch geführt, weil nur zwei hier auf dem Podium Juden seien: Moshe Zuckermann hat in einer antisemitischen Berliner Tageszeitung »enthüllt«, ich hätte ihm gestanden, daß ich mich nicht für Israel interessiere. Da ist, neben dem offenkundig Falschen, was Richtiges dran. Ich denke, daß deutsche Kritiker, wenn es darum geht, wie Juden die Existenz ihres Staates zu retten versuchen, sehr leise Töne anschlagen sollten. Was mich am Antisemitismus interessiert, ist der meiner »arischen« Landsleute, weil ich erfahren und sagen möchte, womit die Welt es zu tun hat, wenn die Deutschen ins Spiel kommen. Darin kann ich keinen Paternalismus erkennen. 

Grigat: Die israelischen Regierungen bestehen zu Recht darauf, in offiziellen Dokumenten nicht von besetzten Gebieten zu sprechen, sondern von umstrittenen Territorien. Es gab ja 1967 kein Palästina, das besetzt werden konnte, sondern die Westbank gehörte zu Jordanien, der Gazastreifen zu Ägypten. Das heißt aber selbstverständlich nicht, daß die Realität der dort lebenden palästinensischen Bevölkerung keine Besatzungsrealität ist. Den Vorschlag, das Westjordanland an Jordanien zurückzugeben, finde ich durchaus charmant. Das Problem ist, daß außer Benny Morris, Jutta Schwerin und noch drei Leuten das einfach niemand möchte. 

Die Lektüre des Buchs Israel schafft sich ab von Gershom Gorenberg muß man all jenen Leuten empfehlen, die mit Israel nur solidarisch sein können, wenn sie sich die Realität im Nahen Osten schönreden, wenn sie sich etwas vormachen, wenn sie nicht sehen, welche Opfer beide Seiten zu bringen haben und welche Brutalitäten von beiden Seiten begangen werden. Dafür ist dieses Buch ausgesprochen gut und richtig. Trotzdem bleibt die Kritik, daß Gorenberg systematisch von der antisemitischen Bedrohung abstrahiert. Hamas, Hisbollah, das iranische Regime, internationale Kampagnen zur Delegitimierung Israels, also die globale antisemitische Bedrohung, kommen einfach nicht vor. Und dieses Problem wird noch viel größer, wenn wir uns die radikale Linke in Israel anschauen. Sie alle müssen die antisemitische Bedrohung herunterspielen. 

Zu Feuerherdt und Syrien: Thomas hat selber darauf hingewiesen, daß die Einschätzung von Feuerherdt, die er vorgelesen hat, schon etwas älter ist. Das war ziemlich am Beginn des Aufstands in Syrien und damals eine vollkommen richtige Beschreibung der Situation. Daß der Westen, und zwar sowohl die USA als auch die EU als auch Leute wie du, alle die Argumentation von Assad übernommen haben, der von Anfang an gesagt hat, das ist keine Demokratiebewegung, das sind alles Islamisten, das ist Al Qaida, hat dazu geführt, daß das, was am Anfang behauptet wurde, mittlerweile weitgehend Realität geworden ist, weil die säkularen und gemäßigt islamischen Kräfte von niemandem Unterstützung bekommen haben. Deswegen haben wir heute die trostlose Lage. 

Ebermann: Es ist außerhalb meiner Möglichkeiten, so etwas wie Syrien zu beurteilen. Ich will lediglich darauf hinweisen, daß der folgende Satz, den Alex Feuerherdt einmal aufgeschrieben hat, irre ist: »Dementsprechend zersplittert ist die Aufstandsbewegung, zu der vor allem Schriftsteller und Unternehmer, Kurden und Drusen, Linke und Christen zählen« (»Assads letztes Gefecht« von Alex Feuerherdt, konkret 8/11). Der Satz ist irre, weil er Sachen aufzählt, die man gar nicht in einen Satz fassen kann: Schriftsteller, Unternehmer, Drusen, Christen – das ist Angeberei, das ist googeln. Ich hätte da jetzt Landwirte und Handwerker einfügen können. Schriftsteller und Drusen – die beiden überhaupt in einen Satz zu verklammern, das ist die Sehnsucht nach Propaganda. Wenn ich lese: »Die engen Verbindungen zu Al Qaida sind bekannt«, schreibe ich an den Rand: Quatsch. Enge Beziehungen haben sie zur Hisbollah, Waffen geliefert haben sie der Hamas, das sind belegte Tatbestände. 

Grigat: Aber nach dem Irak-Krieg, nach dem Sturz von Saddam Hussein, sind viele der Al-Qaida-Kämpfer über Syrien in den Irak gelangt. Darauf bezieht sich das, und jeder im Nahen Osten weiß das. 

Ebermann: Es ist doch wahr – oder nicht? – , daß die Al-Qaida-Kräfte Assad bekämpfen? 

Grigat: Das tun sie mittlerweile, aber auch nicht an allen Stellen. Es gab in den letzten zwei Monaten Hinweise darauf, daß es mittlerweile ein Bündnis gibt, um die Freie Syrische Armee mitunter gemeinsam ins Visier zu nehmen. 

Gremliza: Ich weiß aus eigener bitterer Erfahrung, wie schwer man sich damit tut, wenn man danebengegriffen hat, einfach zu sagen: Das war wohl nix, und vielleicht sich noch zu überlegen, woran es liegt, daß das nix war. Aber sich jetzt so rauszureden, daß die Opposition so geworden ist, weil Assad den Amerikanern gesagt hat, das seien lauter Al-Qaida-Kämpfer und Islamisten … Das ist einfach Tinnef. Innerhalb von zwölf oder 18 Monaten wird vor den Augen der Welt eine kämpfende Aufstandsbewegung von einem mehr oder weniger westlich orientierten, christlichen, von Intellektuellen geführten Bündnis zu dem, was wir nach diesen zwölf, 18 Monaten haben. Das geht nicht. Das geht nur, wenn man auf die Propaganda der Medien reinfällt. Wenn man sich noch mal die ganze Scheiße vor Augen führt, die in der Tagesschau und in den Talkshows über die arabische Revolution verzapft worden ist … 

Grigat: Wir reden aber hier nicht über die arabische Revolution, und wir reden auch nicht über Libyen, sondern wir waren jetzt gerade bei Syrien. Das ist ein konkreter Fall, und es geht um die Entwicklung der letzten zweieinhalb Jahre. 

Gremliza: Es ist derselbe Troß, der in diesem Propagandakrieg von Land zu Land zieht, von Benghasi über Kairo nach Syrien. Und immer wieder erzählen sie die gleichen Märchen über die Aufständischen. Ich erinnere an den Irak, zu dem wir leider ein ganzes Buch gemacht haben, in dem im Westen lebende, hochhonorige irakische Autoren als die vom Volk ersehnten Befreier dargestellt wurden und sich dargestellt haben. Die Leute hatten mit dem meisten, was sie sagten, unsere Sympathie. Was sie nicht hatten, waren Anhänger im Irak. Dasselbe galt für Libyen, für Afghanistan, für Syrien. 

Ebermann: Jutta, du hast gesagt, die Aktion, die ich auch noch bei ihrem offiziellen Namen »Gegossenes Blei« genannt habe, sei unmenschlich gewesen. Es hat 1.300 Tote gegeben, wenn ich mich richtig entsinne … 

Schwerin: Bei der Hamas? Oder bei der Bevölkerung von Gaza? 

Ebermann: Die Zahl der getöteten Hamas-Aktivisten soll zwischen 900 und 1.000 gelegen haben. Es gibt Vokabeln der Verrohung, das ist mir klar. Kollateralschaden ist eine Vokabel der Verrohung. Wo gehobelt wird, fallen Späne, ist eine Vokabel der Verrohung. Schwund ist überall ist die Steigerung davon. Hermann Gremliza hat mal geschrieben, daß es selbstverständlich bei der Bombardierung Dresdens auch unschuldige Opfer gegeben hat, die man betrauern sollte: Juden im Knast sind dabei umgekommen, Kommunisten, Sozialdemokraten, und so weiter. Zu zelebrieren was für ein sensibler Mensch man doch ist – das geht nicht. Analytische Distanz ist etwas, was man sich aufnötigen muß, auch wenn es manchmal unschön ist. Und die Zahlen stimmen. Und es stimmt ferner, daß es die Taktik menschlicher Schutzschilde gegeben hat, und es ist keine Propaganda, daß die Hamas besonders gefährliche Waffen oder besonders wichtige Waffendepots in Schulen und Krankenhäusern deponiert hat. 

Dann kann ich immer noch fragen, wieviele Verletzungen des Moralcodexes der israelischen Armee es gegeben hat. Gorenberg hat mich belehrt, wie scheußlich kriegsverbrecherisch einige Schriften von Ultraorthodoxen sind. Da heißt es, tötet sie, macht euch keine Gedanken. Ich weiß nicht, ob so etwas Einfluß hat. Aber ich muß doch erst mal sagen: Wenn mehrere hundert Raketen auf Israel niedergehen aus dem Gazastreifen, dann darf ich als saturierter Mitteleuropäer nicht sagen: Ihr dürft nicht zurückschlagen. 

Ein langjähriger Sicherheitsberater von Netanjahu hat in einem Interview gesagt: »Auf der Konferenz in München saßen Qataris und Saudis auf dem Podium. Meines Erachtens wächst die Sympathie der Golfstaaten für Israel. Und in der letzten Zeit immer weiter. Nach innen sind diese Staaten sehr kritisch gegenüber den Palästinensern und werden immer ungeduldiger, was das ständige Scheitern der Friedensverhandlungen betrifft. Hier könnten in Zukunft einige Möglichkeiten der offenen Kooperation liegen. Momentan gibt es nur inoffizielle Gespräche. Vor einem halben Jahr war ich selbst mit einer Delegation in verschiedenen Golfstaaten. Die Eliten und Mittelschichten erkennen die Vorteile einer strategischen Partnerschaft mit Israel. Es gibt dort eine erstaunliche Offenheit, und ich mußte feststellen, daß die Haltung dort gegenüber Israel positiver war als in einigen europäischen Staaten.« Haut euch das auch um? 

Ich habe das Gefühl, was hier gestern von Stefan Frank und Alex Feuerherdt vorgetragen wurde, war geprägt von der Angst, daß man all das, was in den besetzten Gebieten passiert, nicht wissen darf, weil das die Solidarität mit Israel gefährdet. Eine lächerliche, kindische Angst. Ich lese doch diese Artikel in KONKRET. Einer handelte von den niederträchtigen Motiven bestimmter NGOs und zitiert aus dem Schweineblatt »Spiegel« – eingeführt als: »wenn da mal realistisch berichtet wird« – den Satz: »Wenn die israelische Armee nur einen Ziegenstall zerstört, kommen 20 NGOs, um das aufzunehmen und zu skandalisieren.« Es ist das Grauen, wenn sich einer auf solche Quellen beziehen muß, um mit mir pädagogische Veranstaltungen hinzukriegen, bei denen ich denken soll: Och, so schlecht, wie der Gorenberg da schreibt, geht es denen in den besetzten Gebieten gar nicht. Das ist ein Verführer zu Propaganda und kein Wahrheitssucher. 

Grigat: Jetzt werde ich mal wieder zum Anwalt von Alex Feuerherdt, von dem auch dieser Artikel ist: Die Grundintention dieses Textes, gegen den ich an einigen Punkten selber Einwände habe, ist es, vollkommen zu Recht darauf hinzuweisen, daß es wirklich ein NGO-Busineß gibt, sowohl von europäischer Seite, zum Teil aber auch in Israel selber, das mit dem mal realen, mal nur unterstellten Leid der palästinensischen Bevölkerung ein Geschäft macht. Die Intention dieses Artikels ist richtig. 

Wenn der ehemalige Sicherheitsberater von Netanjahu, den Ebermann zitiert hat, so ein Interview gibt, will er der EU mitteilen: Wir sind nicht komplett auf euch angewiesen, wir können sehr wohl in unserer Region auch nach anderen Bündnispartnern suchen. Auch wenn das Länder sind, die zum Beispiel an der Verbreitung antisemitischer Propaganda in Form der Protokolle der Weisen von Zion maßgeblich beteiligt sind, muß man sehen: Das sind zwar grauenhafte islamistische Diktaturen, die aber aufgrund ihrer wahhabitischen Ideologie eine konservative, auf den Status quo konzentrierte Ausrichtung haben. Das ermöglicht Israel, in seinem zu Recht nahezu grenzenlosen Pragmatismus gewisse Übereinkommen mit diesen Ländern zu machen. Das ist der Unterschied dieser grauenhaften islamistischen Diktaturen zu dem iranischen Regime, das einen revolutionären Islamismus propagiert, mit dem es keine pragmatischen Übereinkommen geben kann. 

Schwerin: Thomas, ich höre dir wirklich gerne zu, aber ich merke jetzt, daß du nicht so toll informiert bist über das, was passiert. Es tut mir leid. Wenn du sagst, es sind 1.300 Tote gewesen in Gaza, und das seien alles Hamas-Aktivisten – woher weiß man denn, daß es Hamas-Aktivisten waren? Das waren Menschen, die da gewohnt haben, und einige von denen waren Hamas-Aktivisten. Dann kannst du doch nicht sagen, das waren alles Hamas-Aktivisten. Da mußt du unterscheiden. 

Es passieren eben auch Grausamkeiten, die überhaupt nichts mit Sicherheitsbedürfnissen zu tun haben, und gegen diese wendet sich die israelische Zivilgesellschaft. Warum müssen denn zig Brunnen zerstört werden, damit die Palästinenser kein Wasser mehr haben? Warum mußte man vor drei Tagen unterhalb von Jerusalem ein Haus zerstören, in dem eine Familie 13 Jahre, allerdings ohne Genehmigung, gewohnt hat? Das hat doch überhaupt nichts mit Sicherheit zu tun, sondern das schadet eher. 

Besucher 1: Ein Pseudoargument, das ich nicht erwartet hatte von diesem Podium, ist die Inflationierung des Antisemitismusvorwurfs. Ich bin der Ansicht, daß Uri Avnery tatsächlich kein Antisemit ist, sondern ein Dummkopf, Moshe Zuckermann aber tatsächlich beides. Wenn ich mit dieser Einschätzung Unrecht habe, dann habe ich Unrecht und eine unzutreffende Behauptung geäußert, aber nicht den Antisemitismusvorwurf inflationiert. Diesen Mist möchte ich bitte nicht hören, und wer das sagt, möge sich sehr genau überlegen: erstens, daß er damit sagt, was jeder Antisemit sagt. Jeder Antisemit sagt, er ist ein Freund Israels, und es sei ihm total wichtig, den Kampf gegen den Antisemitismus zu stärken. Und zweitens möge man doch bitte mal überlegen, was das eigentlich heißt. Ist die jetzige Situation, über die wir hier reden, in der Israel vom Antisemitismus an die Wand gedrängt wird, tatsächlich darauf zurückzuführen, daß manchmal Kritiker des Antisemitismus unzutreffende Behauptungen äußern oder einen Begriff von Antisemit anwenden, den andere nicht teilen? Was soll das bitte? 

Brumlik: Ich bleibe bei der Beobachtung, daß dieser Vorwurf, der vielleicht vor 20 Jahren oder später, als Angela Merkel den einen oder anderen aus der CDU ausgeschlossen hat, noch getroffen hat. Dadurch, daß er so unendlich oft verwendet wird, hat dieser Begriff seine Schlagkraft verloren. Ich finde das ja auch nicht gut. Man kann das in der Diskussion auch ein bißchen niedriger hängen und meinetwegen sagen: Zuckermann mit seinem Immer-sich-auf-Adorno-Berufen gefährdet den Staat Israel. Warum muß man ihn deswegen gleich, wie Sie es jetzt auch wieder gemacht haben, und ich möchte mich dagegen verwahren, ich kenne ihn gut, als Antisemiten bezeichnen? 

Grigat: Es ist eine falsche Wahrnehmung, daß überall und ständig Leute als Antisemiten bezeichnet werden. 

Brumlik: Aber häufiger als vor ein paar Jahren. 

Grigat: Das konzentriert sich sehr stark auf ein paar einzelne Leute, die tatsächlich eine Art Busineß daraus gemacht haben, jeden, den sie nicht mögen, als Antisemiten zu bezeichnen. Die sind aber in keiner Weise repräsentativ für die bundesdeutsche oder auch die österreichische oder die deutschsprachige oder überhaupt die europäische Diskussion. 

Besucher 2: Warum, denken Sie alle auf dem Podium, will der Iran Israel zerstören? Wenn Netanjahu überlegt, ob er den Iran vielleicht bombardiert, wird es gute Gründe dafür geben. Ich verstehe die Gründe nicht. Der Iran hat, soweit ich sehe, keinen Krieg vom Zaun gebrochen seit 1945. Was ist der Grund, daß Sie denken, daß der Iran Israel zerstören will? 

Grigat: Alle Fraktionen dieses Regimes, sowohl die, die jetzt an der Macht sind, als auch zuvor Ahmadinedschad als auch die beiden obersten geistlichen Führer haben immer wieder in vollkommen unmißverständlichen Worten zur Vernichtung Israels aufgerufen. Dann wäre die nächste Frage: Meinen die das ernst? Nach Auschwitz muß man, wenn irgendwo auf der Welt jemand sagt, wir werden den jüdischen Staat vernichten, das ernst nehmen. Die Spezifik des iranischen Regimes, die es wirklich unterscheidet von anderen grauenhaften, menschenverachtenden islamistischen Diktaturen, ist eine Kombination aus einem eliminatorischen Antizionismus und einem apokalyptischen Messianismus. Es gibt die Vorstellung von der Wiederkunft des zwölften Imam, des Mahdi, und das ist keine Spinnerei, die keine reale Auswirkung hat. Der Mahdi, der versteckte zwölfte Imam, den es so im sunnitischen Islamismus gar nicht gibt, ist laut der Verfassung der Islamischen Republik das Staatsoberhaupt des Irans. Und die Aufgabe aller Fraktionen innerhalb dieses Regimes ist es, die Welt auf die Wiederkunft dieses Imams vorzubereiten. Das bedeutet innenpolitisch: brutaler islamistischer Tugendterror, Scharia, Homosexuelle an die Baukräne, Frauenunterdrückung und so weiter, und außenpolitisch bedeutet das, den zentralen Erbfeind zu bekämpfen, und das ist im Selbstverständnis dieser Islamisten der Staat Israel. 

Seit Jahren sagt ein Drittel der israelischen Bevölkerung, und zwar sowohl der jüdischen als auch der arabischen, wenn das iranische Regime über Nuklearwaffen verfügt, dann werden wir Israel verlassen. Was man gut verstehen kann. Das wird das bestausgebildete und wohlhabendste Drittel der Bevölkerung sein, und damit wäre der israelische Staat so gut wie am Ende. 

Besucherin 3: Frau Schwerin hat gesagt, es gebe in der Region zwei nationalistische Bewegungen, die sich ausschließlich über diesen Konflikt definieren. Das hat sich für mich so angehört, als wären diese beiden Bewegungen etwa auf dem gleichen Stand, obwohl es doch so ist, daß die eine Seite die andere Seite ausrotten möchte und die andere sich nur verteidigt. Habe ich das richtig verstanden? 

Schwerin: Das haben Sie richtig verstanden. Ich meine, daß das nationalistische Bewegungen sind, alle beide, deren Führer vom Krieg existieren, sowohl ideell als auch karrieremäßig. Meiner Meinung nach ist das die Hauptursache des Krieges. 

Grigat: Nationalismus ist doch nicht gleich Nationalismus. Es macht doch einen Unterschied, ob der Inhalt eines Nationalismus darin besteht, einen Staat zu gründen und damit eine zukünftige zweite Vernichtung zu verhindern, oder ob wir von einem Nationalismus reden, dessen vorrangiger Inhalt genau diese Vernichtung ist. 

Brumlik: Nehmen wir mal den Koalitionspartner von Netanjahu, Naftali Bennet, der gesagt hat: Wir sind nicht in dieses Land zurückgekehrt, um es den Arabern zu überlassen. Das ist Vertreibungsnationalismus. Andererseits darf man nicht leugnen, daß es unter den Palästinensern, wie in jeder politischen Bewegung, moderate Kräfte gibt, die eingesehen haben, daß es wahrscheinlich nicht in ihrer Macht stehen wird, Israel ins Meer zu werfen. Das gibt es ja auch. 

Grigat: In aller Regel formulieren die das so – bis hin zu palästinensischen Friedensaktivisten, die sagen: Ja, genau, weil wir eingesehen haben, wir sind zu schwach. Aber das kann sich ändern. Ist ja schön, wenn Mahmoud Abbas sagt, vielleicht könnte er sich doch bereit erklären, einen jüdischen Staat anzuerkennen. Aber was heißt das denn heute noch? Die Hamas ist die dominierende politische Kraft auf palästinensischer Seite, weil sie bei demokratischen, freien Wahlen die Mehrheit bekommen hat. Und das ist eine Partei, die offen zum Judenmord aufruft. Das ist ein grundlegender Unterschied zur israelischen Gesellschaft. Kein Mensch stellt in Abrede, daß es in Israel grauenhafte antiarabische Rassisten gibt, aber die kriegen nicht 50 Prozent bei den Knessetwahlen. 

Ebermann: Ich will in einem Punkt ein bißchen Enttäuschung artikulieren. Ich habe versucht darzustellen, daß Gershom Gorenberg der Meinung ist, daß in der Verwaltung der Misere unter der Hand etwas sehr Gefährliches läuft; daß mit jedem Jahr der Verteidigung des Status quo die klassische Klientel, die mal über die Armee ihre Laufbahn gemacht hat, da nicht mehr hingeht und von ultraorthodoxen, gottesfürchtigen Offizieren ersetzt wird. Diese Kräfte werden verunmöglichen, daß etwas noch einmal denkbar ist, wie es in Gaza passiert ist: die Siedler gegen einen gesellschaftlichen Widerstand da rauszuholen und danach keinen Bürgerkrieg in Israel zu haben, sondern eine wütende und zähneknirschende Akzeptanz. Wenn der zionistische Pragmatismus so durch das Verharren im Status quo gefährdet wird, und du, Stephan, hörst, was ich sage, und sagst dazu nichts, dann kommt es mir vor wie: Du willst den Gorenberg als lustigen Kasper behandeln. Ich glaube, selbst wenn sie über die objektivierbare Rolle als Korrektiv in Israel nicht hinauskommen sollten, sind die dortigen Linken und speziell die linken Zionisten so etwas wie meine nur herbeiphantasierten allerbesten Freunde, und wenn wir uns da nicht drauf einlassen, haben wir kein Gespräch, finde ich. 

Grigat: Ein Mißverständnis und ein Hinweis: Gerade deine Formulierung in bezug auf die israelische Linke, das hättest du von mir zitieren können. Ich habe mehrfach formuliert, daß die Linke, übrigens einschließlich der radikalen Linken, die ich grauenhaft finde in Israel, dringend notwendig für die israelische Gesellschaft ist als ein Korrektiv. Sie sind es, die ohne irgendwelche Rücksichtnahmen auf Mißstände, auf Übergriffe hinweisen, und das ist zwingend notwendig für die israelische Gesellschaft, daß sie ihrem eigenen Anspruch genügt, trotz permanenten Kriegszustands den Humanismus hochzuhalten oder, ums ein bißchen kitschig zionistisch zu sagen: ein Licht unter den Nationen zu sein. 

Das Mißverständnis bezieht sich auf die Verwaltung der Misere. Das heißt überhaupt nicht zwingend Status quo. Ganz im Gegenteil, das könnte zum Beispiel bedeuten: unilateraler Rückzug, wenn es auf Verhandlungsebene nicht geht. Wenn ich sage: Verwaltung der Misere, meine ich nicht, das muß so bleiben, wie es ist, und die israelische Armee muß unbedingt weiter in Hebron rumrennen, sondern das könnte auch bedeuten, aus pragmatischen Gründen zu sagen: Wenn es auf Verhandlungsebene nicht geht, macht man was Ähnliches wie im Gazastreifen und zieht sich unilateral zurück. 

Ich hasse dieses Gerede von der »Lösung des Nahostkonflikts«. Auch eine Zwei-Staaten-Lösung ist keine Lösung des Nahostkonflikts. Den kann man nur lösen, wenn man den Antisemitismus aus der Welt schafft. Der Antisemitismus der arabischen und islamischen Welt ist eine Grundursache des Nahostkonflikts und der Situation, wie sie heute existiert, und deswegen muß man diesen Antisemitismus bekämpfen und aus der Welt schaffen. Nur dann wäre so etwas wie eine Lösung des Nahostkonflikts möglich. 

Brumlik: Das finde ich nicht, aber das ist wirklich eine neue Debatte. Da kommen wir auf die schwierige Frage, wie antisemitisch der Islam an und für sich ist. Ist es nicht richtig, daß der Antisemitismus von Christen dort eingeschleppt worden ist? Ist es nicht richtig, daß es arabische Intellektuelle gegeben hat, die die Politik des Mufti von Jerusalem nicht mitgetragen haben? 

Grigat: Das ist aber eine ganz wichtige Debatte. 

Brumlik: Aber die können wir jetzt wirklich nicht mehr führen. 

Grigat: Es ist kein Zufall gewesen, daß sich die Muslimbruderschaft als erste große antisemitische Massenorganisation zeitgleich mit der faschistischen und nationalsozialistischen Bewegung in Europa gegründet hat. Natürlich hat es eine Art Ideologietransfer gegeben, in beide Richtungen übrigens, aber der entscheidende Punkt ist genauso wie in Europa der Antisemitismus gewesen, der neue, der Vernichtungsantisemitismus – eine wahnhafte, eine pathische, projektive Reaktionsweise auf so was wie kapitalistische Moderne.

 

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Zum Tod von Tom Lehrer

„Es gibt kaum einen Sänger/Texter, der durch musikalische Brillanz und sarkastische Conference so sehr zu hemmungslosem Gelächter einlädt wie Tom Lehrer.“

Lehrer hatte sich schon 1973 weitgehend aus der Öffentlichkeit zurückgezogen mit der Begründung, dass mit der Verleihung des Friedensnobelpreises an Henry Kissinger politische Satire obsolet geworden sei. Über Lehrers bösartige Lieder schrieb Gisbert Haefs in der konkret-Ausgabe 11/80.   

https://www.youtube.com/watch?v=frAEmhqdLFs

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Gärtner zu Gast beim Bock

In Moskau tagte das Internationale Antifaschistische Forum. Wie ernst meinen es die Pro-Putin-Kommunisten mit ihrer Vernetzung? Von Ewgeniy Kasakow

Vom 22. bis 24. April tate in Moskau das II. Internationale Antifaschistische Forum (IAF). 450 Delegierte und 164 Organisationen aus 91 Ländern kamen auf die Einladung der Kommunistischen Partei der Russländischen Föderation (KPRF) zusammen, um, so das Motto, die „Konsolidierung der linken Kräfte im Kampf gegen Neofaschismus und Kriegsbedrohung“ zu diskutieren. Das Event fand in allen Staatsmedien positive Erwähnung - vermutlich auch, weil dort neben einem Konzert des weltberühmten Alexandrow-Ensembles Grußworte von Wladimir Putin und etlichen weiteren Spitzenpolitikern zu hören waren. Feierlich wurde ein Schreiben Putins vorgelesen, in dem er lobend hervorhob, dass in Russland „alle parlamentarischen Parteien“, darunter die gastgebende, die ja immerhin die größte oppositionelle Fraktion stellt, „eine konsolidierte patriotische Position“ einnähmen. Gennadi Sjuganow, seit 1993 Anführer der KPRF, lässt an den Worten des Präsidenten keinen Zweifel aufkommen. In seiner Eröffnungsrede wettert er gegen die „dunklen Mächte der Globalisten“, die die Völker und ihre Staaten unterjochten. Ihm folgen weitere Ehrengäste: ein Vertreter der Kommunistischen Partei von Belarus, der Grüße vom dortigen Präsidenten Alexander Lukaschenko überbringt, der Leiter der Internationalen Abteilung der KP Kubas, Emilio Lozada García, und der chinesische Botschafter in Moskau Zhang Hanhui. Danach wird darum gebeten, das Filmen der Veranstaltung zu unterbrechen, weil der Vorsitzender der verbotenen Kommunistischen Partei der Ukraine (KPU), Pjotr Symonenko, das Wort hat.

Formiert sich hier gerade ein neuer internationaler  Dachverband von Pro-Putin-Linken, gibt es einen realen „Linksrück“ im Kreml oder handelt es sich nur um eine rituelle Jubiläumsveranstaltung? Die Namen der Teilnehmer, die publik wurden, vermitteln einen Eindruck davon, wer die „kommunistischen Arbeiter- und Volksparteien“, so die offizielle Formulierung, waren, die der Einladung folgten. Einen Beitrag dazu hat Kommunistische Partei Griechenlands geleistet, die seit 2022 die russischen „Z-Kommunisten“ offen kritisiert. In ihrer Stellungnahme heißt es: „Aus einer vorläufigen Liste, die uns zugänglich gemacht worden ist, ging hervor, dass Griechenland (auf der IAF) durch eine Delegation der griechischen Sektion der so genannten World Anti-Imperialist Platform (WAP) vertreten wurde, die aus zwei Südkoreanern und einer Griechin bestand, die für den griechischen Zweig der antiimperialistischen Front steht … Es stellt sich heraus, dass die Skurrilitäten damit … nicht enden ... die Türkei wurde unter anderem durch die nationalistische Partei Vatan Partısı (Patriotische Partei) vertreten, die den derzeitigen Präsidenten der Türkei, Recep Tayyip Erdoğan, aus ,antiimperialistischen Gründen unterstützt, wobei ,böse Zungen’ sie direkt mit dem Generalstab der türkischen Streitkräfte in Verbindung bringen.“  

Über andere Kanäle war zu erfahren, dass aus der Türkei die dort verbotene Kommunistisch-Leninistische Arbeiterpartei anwesend war, außerdem die in Brasilien regierende Partido dos Trabalhadores, die mexikanische Partido del Trabajo, die mitregiert, Maduros PSUV aus Venezuela, die die dortige KP gekapert hat, daneben die südafrikanische KP, die Partito dei CARC aus Italien, die zeitweilig zur Wahl des Movimento 5 Stelle aufrief. Die Tudeh-Partei aus dem Iran war ebenso anwesend, wie etliche KPs aus postsowjetischen Ländern, die seit Komintern-Zeiten bestehenden Kommunistischen Parteien aus den USA, Argentinien, Sri Lanka und  „antirevisionistische“ Neugründungen wie Parti Communiste de Belgique und New Communist Party of Britain.

Es kann keine Rede davon sein, dass auf dem IAF eine neue internationale kommunistische Vereinigung wie die von 2013 bis 2023 existierende Europäische Kommunistische Initiative (EKE) oder die Europäische Kommunistische Aktion (EKA) entstanden wäre. Dafür sind die teilnehmenden Kräfte ideologisch zu heterogen. Zwar scheint man sich einig zu sein, dass Russland und China als Gegengewicht zum Westen willkommen sind, aber eine aktive Unterstützung der „Spezialoperation“ ist anders als bei der World Anti-imperialist Platform (WAP) nicht von allen teilnehmenden Organisationen zu erwarten. Die Abschlusserklärung entsprach dennoch durchaus dem Anliegen der KPRF: „Die wirtschaftlichen, politischen und militärischen Ressourcen des Weltkapitals, einschließlich Söldnertruppen, wurden im Angriff gegen Russland eingesetzt“, heißt es dort. Russisches Kapital zählt demnach nicht zum Weltkapital.

Niemand auf dem IAF scheint sich zu erinnern, dass vor exakt zehn Jahren in Sankt Petersburg beim Konservativen Forum eben die europäischen Kräfte tagten, vor deren Machtzuwachs die Teilnehmer der diesjährigen Veranstaltung warnten. Auf die Frage der „Jungen Welt“: „Inwiefern können Faschisten in Russland offen auftreten?“ antwortete IAF-Teilnehmer und Mitglied des DKP-Vorstands Stefan Natke: „Größere Aufmärsche wie in Budapest zum Beispiel gibt es nicht. Zumal sich die militanten Faschisten in der Ukraine befinden und dort auf der Seite der ukrainischen Nationalisten kämpfen.“ Dabei vergaß er zu erwähnen, dass in Russland Demonstrationen aller politischen Kräfte massiv eingeschränkt sind und dass faschistische Organisationen wie die Russische Gemeinschaft [in Tradition der „Schwarzen Hundertschaften“ der Zarenzeit] oder die Union des Russischen Volkes aktiv mit den staatlichen Sicherheitskräften zusammenarbeiten. Für Natke scheint Faschismus ein Begriff zu sein, der nur Nationalsozialisten und deren Nostalgiker meinen kann, nicht aber Leute, die mit Gewalt gegen Migranten und Minderheiten vorgehen. Das sahen allerdings nicht alle so: Salah Adli, Generalsekretär der ägyptischen KP, zog Parallelen zwischen dem historischen Faschismus und radikalem Islamismus und erhielt dafür Zustimmung von anderen Parteien aus der Region. Auch die Anwendung von Dimitrows Faschismusdefinition bereitet den ML-Parteien zunehmend Kopfzerbrechen. Die KKE kritisiert diese inzwischen offen.

Ewgeniy Kasakow schrieb in konkret 1/25 über die Wiedergründung der Union des Russischen Volkes

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Zum Tod von Ernst Kahl

Nach langer und schwerer Krankheit ist vergangene Woche Ernst Kahl gestorben. 

konkret hat ihm sehr viel zu verdanken: Geniale Titelbilder (wie das von konkret 4/91), komische Gemälde, satirische Grafiken und irritierende Collagen. Nachgerade legendär ist die Beilage »kongretchen«, die Ernst Kahl viele Jahre lang gestaltete.

Gelegentlich schrieb Ernst Kahl auch für konkret. In der Novemberausgabe 2015 zum Beispiel über Wilhelm Busch und dessen berühmteste Figuren, Max und Moritz. Der Text ist auch eine Selbstbeschreibung, denn Kahl verrät hier einiges über seine Ästhetik und seinen Begriff von Komik in der Kunst.

Ein für allemal vorbei deren Übeltäterei?  
Eine Kindheit mit Wilhelm Busch. Zum 150. Geburtstag von Max und Moritz.  

Ich war vier Jahre alt, als mich die Viren der Kinderlähmung heimsuchten. Ich wollte partout nicht ins Krankenhaus, saß in der Wohnstube vor der herausgezogenen großen Schublade mit dem bisschen Spielzeug und schmollte. Die in Aussicht gestellte Fahrt in einem Automobil soll mich schließlich umgestimmt haben. Die erste Autofahrt meines Lebens! Aus dem vertrauten Dorf in die im Krieg zerstörte und 1953 immer noch ziemlich kaputte Stadt Kiel. Im Krankenhaus der Abschied von den Eltern. Alles fremd und ich allein. Mein Bett erschien mir sehr groß. An Sachen zum Spielen kann ich mich nicht erinnern, nur an ein Buch, ein mächtiges Buch mit einem bärtigen Mann vorn drauf, stechender Blick, breitkrempiger Hut: Das große Wilhelm-Busch-Album. Es war mein Kinderkino während des Klinikaufenthalts. Der kleine Junge, alleingelassen mit Busch und dessen eigenartigen Bildergeschichten und Zeichnungen: Ein beidseitig angespitzter, riesiger Bleistift durchbohrt zwei Liebende, mit der Schere trennt ein hagerer Mann eines Knaben Kopf von dessen Rumpf, ein Kinderleichnam im aufgeschnittenen Fisch … – jeder Psychologe würde vermuten, dass so etwas dem Seelenleben eines Kindes in dieser Situation Schaden zugefügt haben muss.  

Wenn man mich heute fragt, wie die oft makabren und absurden Inhalte meiner Erzählungen und Bilder zu erklären seien, verweise ich aus Bequemlichkeit auf jene Zeit im Krankenhaus, doch glaube ich nicht wirklich, dass da Zusammenhänge bestehen. Ich weiß nicht, ob Busch meine Psyche damals verletzte, nach fünf Wochen jedenfalls wurde ich als geheilt entlassen.  

Der Höhepunkt eines jeden Kindergeburtstags daheim: wenn Vater, umringt von uns Kindern, aus jenem dicken Buch vorlas. Mitunter ergänzte er den einen oder anderen Vers.  

Wilhelm Busch: »Und endlich schlachtet man das Schwein / Da freute sich das Bäuerlein.«  

Mein Vater: »Das ist des Schweines Lebenszweck / Es schenkt uns Menschen Wurst und Speck.«  

Ich weiß nicht, ob eine pädagogische Absicht dahintersteckte, wenn Vater uns Max und Moritz betrachten ließ. Meine und meines Bruders Streiche wurden oft mit körperlicher Züchtigung geahndet, und wir waren froh, nicht wie die beiden zwischen Mahlsteine gesteckt worden zu sein, sondern nur Schläge eingesteckt zu haben. Insofern war Busch eine Lebenshilfe für uns. Und dass ich heute so lieb zu Tieren bin, habe ich ihm auch zu verdanken: »Ernst riss ’ner Fliege ’nen Flügel raus / Arme kleine Fliege … fliegt nie mehr geradeaus / Und dein Gesumm ist leiser als leis’ / Doch der dir das antat, lacht eiskalt / Und ist gerad mal fünf Jahre alt.«  

Warum das? Ich weiß es nicht. Verzeihlich, wenn’s ein wissenschaftliches Experiment gewesen wäre, aber ich ging damals noch nicht mal in die Schule. Es war wohl die dem Kind innewohnende Grausamkeit, die mich leitete. Der Tag mit der Fliege war ein Tag ohne besondere Vorkommnisse. Abendbrot und ab ins Bett. Ein Sturm kommt auf und rüttelt am Fenster, reißt es auf, tobt in den Vorhängen. Dahinter ein bärtiger Mann mit glühenden Augen und breitkrempigem Hut. Seine Lippen sind ohne Bewegung, als er mit Grabesstimme ein »Quäle nie ein Tier zum Scherz / denn es fühlt wie du den Schmerz« vernehmen lässt. Ein kahlköpfiger Schlachter packt mich, steckt mein linkes Bein in den Trichter eines Fleischwolfes und beginnt zu kurbeln. Das Bein wird kürzer und kürzer, und der Hackfleischberg wächst. »Witwe Bolte, herbei!«, ruft der Bärtige hinter dem Vorhang. Da erscheint sie auch schon, lässt sich das Fleisch einpacken und verschwindet. Gestützt von Max und Moritz hinke ich hinterher. In ihrer Pfanne brutzeln Frikadellen, ihr Spitz tut sich gütlich an einem Klacks frischen Hackfleisches, und endlich wache ich auf. Nun müssten wohl alle schlussfolgern, dass Busch für Kinder schädlich sei. Liebe Leserin, lieber Leser, ich habe Sie auf die falsche Fährte gelockt. Der Traum ist erfunden, nur das mit der Fliege stimmt. Viele Alpträume plagten mich als Kind, doch keiner war mit Geschichten Wilhelm Buschs verwoben.  

Die Kinderbuchabteilungen heutiger Buchläden öden mich an. Titel wie Armes kleines Schwein, Resi im Regenbogenland, Mausi backt Kuchen haben Struwwelpeter und Max und Moritz aus den Regalen verdrängt. Es würde mich nicht ärgern, wenn »Max, mein Maikäfer, läuft Amok«, »Bobby, der brutale Boxer« oder »Strolche auf heißer Strecke« die Bücher meiner Kindheit für die heute Heranwachsenden überflüssig gemacht haben würden, aber so etwas gibt es nicht im Handel, und die Kleinen sind gezwungen, nachts, wenn die Eltern schlafen, heimlich das Fernsehgerät einzuschalten, um sich von irgendwelchen Monstern das lebenswichtige Fürchten lehren zu lassen. Dann doch lieber Der gewandte, kunstreiche Barbier und sein kluger Hund von Wilhelm Busch. Oder meinetwegen seine nicht so bekannte Maulwurfgeschichte, in der ein gewisser Knoll den frechen Wühler beim Schwänzchen packt, um ihn mit aller Wucht zu Boden zu werfen: »Da liegt der schwarze Bösewicht / Und wühlte gern und kann doch nicht / Denn hinderlich wie überall / Ist hier der eigne Todesfall.«  

Dass Knoll dann wenig später in seinem feuchten Bett als Regenwurm langsam und genüsslich von einem Maulwurf verzehrt wird, hat Busch zwar nie erzählt und gezeichnet, kindlicher Phantasie sind aber keine Grenzen gesetzt. Nehmen wir uns jetzt die Geschichte Die Brille vor: Ein Ehemann entwickelt sich nach Entdeckung eines Haares in der Suppe zum Haustyrannen. Seine Gattin entwendet ihm darauf die Brille, und schon sieht alles ganz anders aus, er sieht nämlich gar nichts mehr, verbrennt sich Finger und Hintern am Ofen, schlägt mit dem Stock wild herum. Seine Nase knallt gegen die Türkante, als die Frau sich seiner endlich erbarmt und ihm die Brille reicht. Am Schluss küsst er devot des triumphierenden Weibes Hand. Schluss? Für mich nur das Ende des ersten Aktes. Im zweiten darauf … – ja, glauben Sie denn, diesem Herrn sind Rachegedanken fremd?  

Und Max und Moritz – ein für allemal von der Bildfläche verschwunden, tot? Ein für allemal vorbei deren Übeltäterei? Wie war das noch: Rickeracke, rickeracke ging die Mühle mit Geknacke, und zwei Enten verzehrten dann die zu Schrot vermahlenen Lausbuben, nichts sollte von ihnen übriggeblieben sein. Aber verdaute das Federvieh nicht, schied es nicht auch aus? Und so geht die Geschichte weiter: In zwei Häufchen Entenkot kommt urplötzlich Bewegung, das Zeug kriegt Konturen, Frisuren, sie rütteln und schütteln sich: Max und Moritz, die glänzendste Wiederbelebung seit Lazarus! Die beiden blinzeln keck und machen sich aus dem Staub, spannenden Abenteuern entgegen. So beginnen alle Folgen einer Max und Moritz-Zeichentrickfilmserie, für die ich das Drehbuch schreiben sollte. Die beiden als Zivildienstleistende, Max und Moritz im Krieg, … – das würde mir Spaß gemacht haben. Leider fehlte mir die Zeit.  

Warum hat Wilhelm Busch seine Helden nicht zu neuem Leben erweckt, was mag ihn dazu bewogen haben, sie so jämmerlich und für immer enden zu lassen? Keine Chance denen, die, wie es heute so schön heißt, Leben in die Bude brachten. Die von ihm kreierten wackeren Kämpfer gegen den Biedersinn, deren Possen ihn vergnügt haben mussten, lieferte er, gesellschaftskonform resümierend, gnadenlos aus. Fipps, der Affe, stirbt durch die Kugel, der fröhliche Zecher Hans Huckebein macht sich ungewollt mittels eines Stricks den Garaus, wie’s Max und Moritz ergeht, habe ich bereits erwähnt. Eigenartig. Denn war’s nicht auch Buschs eigenes Spiel, das er seine dreisten Frechdachse spielen ließ? Und wollte es dann letztlich doch nicht gewesen sein. Er stahl sich davon, wechselte über zu Recht und Ordnung. Bestraft er sich damit nicht selber? Oder tat er das, um aus seinen Figuren Märtyrer machen zu können, Märtyrer der Spaßbewegung gegen Kleinkariertheit und sittliche Norm seiner Zeit? Wären dann aber später nicht Max und Moritz als »Volksschädlinge« von den Nazis aus dem Verkehr gezogen worden? Nur der beiden grausames Ende und die Moral von der Geschicht ermöglichte denen, Max und Moritz zu mögen. Also doch keine Märtyrer. Gemeine Strauchdiebe, die bestraft gehören, oder?  

Kommt darauf an, wie man’s sieht. Beispielsweise Fipps, der Affe als Kinofilm. Letzte Sequenz: Das freche Tier, dessen Streiche uns so zum Lachen brachten, verfolgt vom mordlüsternen Spießermob. Dramatische Flucht. Wir drücken Fipps die Daumen, es hilft nichts, die Kugel trifft. Musik: eines von Mendelssohn-Bartholdys elegischen Liedern ohne Worte. Im Kino bleibt kein Auge trocken, die Meute auf der Leinwand hingegen zeigt nicht ein Quentchen Mitgefühl. Nur ein kleines Mädchen …: »Nur Elise fasst Fippsens Hand / Während ihr das Aug voll Tränen stand / Armer Fipps, so spricht sie herzig treu / Damit stirbt er, alles ist vorbei.«  

Mit einem Stück aus Jean Sibelius’ sinfonischer Dichtung Der Sturm schließt sich der Vorhang, und wir begeben uns traurig aus dem Kino, doch draußen schon keimt Wut in uns auf, Wut auf die Spießer, deren Intoleranz und Unduldsamkeit.

Ernst Kahl bekam 2011 den Wilhelm-Busch-Preis.

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Zunehmend schrecklich

BETRIEBSGERÄUSCHE

konkret entsorgt den Sprachmüll der Medien

Die »Bildzeitung« ahnte es schon vor einem halben Jahr: Merkel-Buch erscheint im Herbst. Und tatsächlich meldete der Rest der Presse am 26. November auf allen Titelseiten, Merkel-Buch sei erschienen. Leutheusser-Westernhagen und Dinges-Gmelin kannte man, aber wer zum Teufel war Merkel-Buch? Womöglich irgendwie mit der ehemaligen Bundeskanzlerin verwandt? Und warum schafft man es sogar in die Audiothek der ARD, bloß indem man irgendwo erscheint? Einen Hinweis gab wieder einmal »Bild«: Seehofer über Merkel-Buch: Hatte in der Einschätzung zur Migration Recht. Sie oder er hatte also etwas mit der höheren Politik zu tun.

Nach zwei Tagen begriff ich endlich, dass Angela Merkel und ihre ehemalige Büroleiterin einander eine Autobiografie diktiert haben: Freiheit, 740 Seiten bei Kiepenheuer und Witsch für 42 Euro. Das Buch erschien weltweit zeitgleich in 31 Ländern, wusste »Bild«, darunter auch in Putins Russland und in Xis China. Zeitgleich und nicht etwa gleichzeitig, denn morgens um neun Uhr ist es in China ja fast schon halb sechs. Da kommt mit den üblichen dicken Vorschüssen vom Buchverlag ordentlich was zusammen. Die »Frankfurter Sonntags Zeitung« schreibt von einem »zweistelligen Millionen-Betrag« als Honorar-Vorschuss für Merkel und ihre Co-Autorin. Nun ja, der eine ausgediente Bundeskanzler*in lässt sich von Putin kaufen, die andere von allerhand Leserschaften.

Ich wurde nicht als Kanzlerin geboren, überschreibt die andere ihr erstes Kapitel. Ebenso erging es mir. Doch während ich bloß um den existentiellen Vorgang weiß, muss sie sich seiner entsinnen können. Denn der Untertitel ihres Buches lautet: Erinnerungen 1954–2021. Das erste Jahr beginnt seltsamerweise mit dem Fall der Berliner Mauer. Merkel spaziert auf Schabowskis Anweisung (»sofort, unverzüglich«) über die Bornholmer Brücke in den französischen Sektor und wird von fremden Westlern zum Bier eingeladen. Kaum hat man umgeblättert, steckt sie in einer Tragetasche, weil ihre Familie von Hamburg nach Quitzow zieht. Denn ihr Vater, ein Theologe und politisch halblinks, will einer Berlin-Brandenburgischen Kirche dienen. Während er Ziegen melkt und seine Gattin Brennesseln kocht, wird das freie Deutschland Fußballweltmeister. Das Angebot des volkseigenen Konsumms lässt schmerzliche Wünsche übrig, und jeder Lehrer macht auf SED. Irgendwann will die Stasi sie anheuern, aber Angela weiß einen cleveren Trick: Sie ist begeistert und wird sofort allen Freundinnen von dieser großen Ehre erzählen. Dann schon wieder eine WM: Das Spiel der Bundesrepublik Deutschland gegen die DDR am Samstag, dem 22. Juni, ausgerechnet in meiner Geburtsstadt Hamburg, wollte ich unbedingt sehen und der Mannschaft der Bundesrepublik, des freien Teils Deutschlands, die Daumen drücken. Das konnte ich unmöglich im …

Hier endet die kostenlose Leseprobe. Das Wort haben nun die Kollegen, die sich über ein Rezensionsexemplar beugen durften. Zuvor aber ein paar Fotos: Putin erscheint mit einstündiger Verspätung zu einem hochwichtigen Termin, da er sich am hellen Nachmittag einen Kasten Radeberger aufs Zimmer bestellt hat. In einem österreichischen Park versucht die Kanzlerin, dem Präsidenten Obama einen Strandkorb pantomimisch zu insinuieren, weil ihr das englische Wort entfallen ist. Bei einem Gipfeltreffen in Sankt Petersburg nähert George Bush jr. sich von hinten und legt seine Hände auf ihre Schultern: vielleicht ein Übergriff, den sie aber eine freundschaftliche Geste nennt.

Merkel wähnte sich stets von einer höheren Einsicht in die Notwendigkeit geleitet und neigt auch im Rückblick nicht zur Selbstkritik. Dabei habe doch die misstrauische Mutloseria die Schuldenbremse ins Grundgesetz geschrieben, um sie extra unflexibel und superschwer änderbar zu machen, reimte Sascha Lobo im »Spiegel«. Das Ergebnis ist eine bröckelnde Infrastruktur von Bahn über Brücken bis Schulen; das schuldenbremsige Sparregime stellt so mit der EU-deutschigen Überbürokratie den Hauptgrund für die dramatisch eingebrochene Konkurrenzfähigkeit des Landes dar. Nicht »Freiheit« sollte ihr Buch heißen, sondern »Feigheit«.

Wie beim lauwarmen Erfolg von Merkels Buch-Promotion drängt die Wirklichkeit immer tiefer in die Gummizellen der Claqueure. Die Menschen lassen sich seltener vom Fernsehen und den Zeitungen, sie (!) fast alle in der Krise stecken, eine Realität vorgaukeln, die sich im Wohnungsmarkt, im Nahverkehr, im Gesundheitswesen, in den Schulen ihrer Kinder und auf dem Lohnzettel nicht wiederfindet. Hohe Zeit, dass das mal jemand aussprach! Moritz Eichhorn heißt er und ist stellvertretender Chefredakteur im Sicherheitstrakt »Berliner Zeitung«.

Weil emotionale Momente bei Merkel so selten sind, werden sie zwiespältig aufgefasst. Für die einen ist es der Beweis für die humane Gesinnung ihres technokratischen Politikstils, für die anderen dessen perfide Zuspitzung durch ein moralisierendes Deckmäntelchen, meinte eine Feder in der »Welt«. Um sich sodann den kaufmännischen Zwicker aufzusetzen: Durch die Brille der Ökonomen betrachtet, sieht Merkels Erbe »zunehmend schrecklich« aus, wie der britische »Economist« feststellt. Der »Economist«? Zunehmend schreck…? Bitte nicht! Aber Bullshit: Angela who? Merkel’s legacy looks increasingly terrible.

Halbwegs zufrieden gab sich immerhin das »Nachrichtenportal der katholischen Kirche in Deutschland«: Wenn sich auch angesichts der über 700 recht hölzern verfassten Seiten die Frage aufdrängt, ob ein professioneller schreiberischer Begleiter nicht hilfreich gewesen wäre, so zeigt das Buch doch eines sehr genau: Hier hat eine Politikerin aus einem gefestigten Glauben gehandelt und entschieden.

Freiheit? Ich wenn Marius Müller-Schnarrenberger wäre, verklagte K&W auf eine Lizenzentschädigung in Millionenhöhe. Von wegen »die Kappelle rumtata, und der Papst war auch schon da«. Und wer Bücher von nicht mehr oder noch nicht amtierenden regierenden Oberhäuptern lesen möchte, halte sich doch an unser aller allernächsten Robert Habeck. Seine (und Andrea Paluchs) Wolfsspuren gibt es bei Ebay schon für zwei Euro: Ein Knabe trifft im Wald einen Wolf. Die beiden fliehen voreinander. Am nächsten Morgen weiß das ganze Dorf von dem Untier und beschließt, es zu jagen. Der Knabe … (weiter bin ich noch nicht).

Joachim Rohloff

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Obdachlosigkeit light

Ein neues Buch zeigt den aktuellen Stand der populärwissenschaftlichen Soziologie: Obdachlosigkeit hat mit uns allen zu tun – viel mehr als Diskriminierung abbauen, lässt sich aber nicht machen. Von Till Schäfer

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