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Rosa von Praunheim 2018 an der Berlinale. Martin Kraft/Wikimedia

Zur Erinnerung an Rosa von Praunheim

Der Regisseur, Produzent und Aktivist Rosa von Praunheim ist am 17. Dezember gestorben. Praunheim hat nicht nur auf der Leinwand und im Kampf für die Rechte von Schwulen und Lesben Spuren hinterlassen, sondern auch in konkret. So schrieb er in konkret4/82 eine Würdigung des Romanciers Klaus Mann. Sie ist für Abonnenten im Online-Archiv verfügbar.

Für konkret 10/16 sprach der Ex-Staatsanwalt, Filmkritiker und Schauspieler Dietrich Kuhlbrodt mit Rosa von Praunheim über den Beginn der Schwulenbewegung, über Outing und Provokation, über Dreharbeiten mit schwulen Nazis und seine Unterrichtsmethoden als Filmprofessor. Das Gespräch ist im Folgenden in voller Länge zu lesen.

„Wie war der Sex mit Schlingensief?“

Dietrich Kuhlbrodt: Mit einer geplanten Autobiografie und einer Ausstellung der Akademie der Künste, die im Januar 2018 zu deinem 75. Starten soll, blickst du auch zurück auf dein Leben.

Rosa von Praunheim: Das Schwierige mit dem Zurückgucken ist: Ich habe kein Gedächtnis. Das ist eigentlich eine fremde Person, ich habe damit nichts zu tun. Die Ausstellung macht mein Mitarbeiter, der hat mein Archiv digitalisiert. Aber ich selber habe nur einen Bezug zur Gegenwart und vielleicht zur Zukunft, aber zur Vergangenheit habe ich kein Verhältnis.

Also ziehst du kein Fazit?

Nee, also ich denke immer, ich mache meinen ersten Film, und bin dementsprechend aufgeregt. Man hat ja nie eine Ahnung, ob etwas gut wird, geschweige denn erfolgreich.

Bekannt geworden bist du 1970 durch die Filme „Die Bettwurst“ mit deiner Tante Luzi und „Nicht der Homosexuelle ist pervers, sondern sie Situation, in der er lebt“. Das war eigentlich so eine Forschungsgeschichte, aber auch eine Wiedergabe der Diskussion, aber schon Tante Luzi haben alle zugejubelt. 

Aber es war nicht unproblematisch. „Die Bettwurst“ war erst einmal eine kleine TV-Produktion, ich glaube, wir hatten 40.000 Mark vom „Kleinen Fernsehspiel“. Inzwischen haben die das endlos wiederholt, und dafür kriegst du nie Geld, weil die Verträge damals so waren, dass sie das für immer und ewig besitzen. Dass das später zu einem Kultfilm wurde, dass junge Leute das heute im Internet entdecken, ist natürlich eine Ausnahmegeschichte. 

Damals gab es den Vorwurf, ich nutze Luzi und die zweite Hauptfigur Dietmar aus und mache sie lächerlich, aber Luzi und Dietmar selbst waren so selbstbewusst, dass ihnen das gar nichts ausmachte. Meinte Tante Luzi hatte immer den Spruch „Was gehen mich die anderen an, Hauptsache, ich bin glücklich“. Auch wenn die kritisierten, dass sie schrill angezogen ist oder eine schrille Stimme hat – sie hat das gemacht, was ihr gefallen hat. Sozusagen als Einzelgänger gegen den guten Geschmack zu leben und sich immer wieder zu verteidigen, das war eine große Stärke, die ich auch im Film zu zeigen versucht habe. Bei Dietmar war es ähnlich, der hatte seinen Mannheimer Dialekt und war sehr tuntig, sehr feminin, arbeitete als Stricher in Berlin, wurde ständig zusammengeschlagen und versuchte zu überleben. Er hatte ein großes Wissen über den Film der dreißiger und vierziger Jahre, verehrte alte Filmstars und hat so auch seine ganz eigene Persönlichkeit durchgesetzt. Er ist leider sehr früh gestorben: Als er sich besoffen hatte mit einer Gruppe von Amerikanern, glaube ich, hat er beim Schwimmen im Grunewaldsee einen Herzinfarkt gekriegt. Da haben dann viele gesagt, ich wäre schuld, dass ich ihn sozusagen zum Filmstar gemacht habe und er das nicht verkraften konnte. Leute von der RAF wollten mir auch auflauern, hörte ich.

Er selbst war durch den Film aus den Stricherkreisen in Studentenkreise gekommen, und die hetzten ihn ein bisschen auf: Warum kriegst du keine große Gage, warum fährst du kein großes Auto? Ich habe immer versucht, für ihn zu sorgen, eine Wohnung besorgt und so. Aber er war eben ein sehr freier Geist, den man nicht zähmen konnte, er war ein Straßenkind.

Betrachtest du ihn als eine Wiederspiegelung deiner selbst? Du hast doch selbst diese schrille Farbe gehabt, hast dich Provokationen und Anfeindungen ausgesetzt, und andererseits Zustimmung aus der Szene bekommen. Diesen Konflikt, den hast du doch angenommen. Frech und naiv, so ging es doch auch bei dir los.

'68 war eine Zeit, in die ich gar nicht reinpasste, weil ich Gedichte schrieb. Mein erstes Buch Männer, Rauschgift und der Tod. Die Leidenschaften der Rosa von Praunheim war eine Gedichtsammlung mit Zeichnungen. Die '68er lehnten Kunst ab und wollten einfach nur Propaganda machen.

„Was nützt das den Arbeitern?“

Genau. Und ich merkte, dass ich mit Massenbewegungen nichts zu tun habe. Ich war sehr schlecht in der Schule, bin dreimal sitzengeblieben und habe noch nicht mal die Mittlere Reife. Insofern hasste ich Akademiker, ich fand die Sprache grauenhaft, und auch die der Linken. Dieselben Leute sind hinterher auf Drogen gekommen, und dann wurden sie religiös, also die Sanyassin und so, in eine andere Massenbewegung rein. Ich war ziemlich alleine, habe meinen eigenen Kreis von Stars um mich versammelt, mit denen ich Fotosessions machte und die ich bewunderte für ihre Eigenartigkeit. Ich hatte kein Bewusstsein davon, dass ich damit mal Geld verdienen kann oder dass das einen Wert hat, sondern ich dachte, ich werde immer arm und bescheiden leben müssen.

Du hast auch ziemlich viel ausprobiert. Du warst Maler, Musiker, Tänzer.

Ja, zuerst habe ich gemalt, sehr expressionistisch, tausend Bilder im Jahr in einem Rausch. War auf der Kunstschule, da ging man einmal im Monat zum Professor und der sagte irgendwas Blödes. Meine Bilder waren so im Stil der Pop-Art. Ich habe zwei Leinwände geteilt, gegenüber, und auf einer waren Kanonenrohre und auf der anderen waren Löcher, und dann ist eine Puppe rausgekommen. Das hieß dann „Madonna schießt auf Neger“. Ich habe die Beat Generation verehrt, die Dichter aus San Francisco, Allen Ginsberg, vor allem aber William S. Borroughs: Naked Lunch war meine Bibel; aber auch Jean Genet war meine Bibel. 

Die Filmemacher kannte ich nicht, die habe ich erst '68 beim Filmfestival in Knokke kennengelernt, wo ich mit meiner damaligen Freundin und Protagonistin aller meiner Kurzfilme, Carla Aulaulu, hinging. Da haben wir Markopoulos' Filme gesehen, der zum amerikanischen Underground zählte und uns unheimlich begeistert hat. Da hatte ich schon angefangen, Filme zu machen. Ich habe die '68er parodiert. Das waren die drei Kurzfilme „Von Rosa von Praunheim“, „Rosa Arbeiter auf goldener Straße“ und „Schwestern der Revolution“. '67 habe ich den ersten gleich über ein Festival an den Hessischen Rundfunk verkauft, da gab es damals 4.000 Mark - eine Sensation, davon konnte ich den zweiten machen. Der zweite kriegte eine Kulturfilmprämie von 20.000 Mark und wurde ans Fernsehen verkauft, und der dritte kriegt auch einen Preis in Mannheim. Dann kamen 1970 drei lange Filme, die mich bekannt gemacht haben, das war „Macbeth“, eine Oper, die ich improvisiert habe nach „Lady Macbeth“ in England, „Die Bettwurst“ und „Nicht der Homosexuelle ist pervers, sondern sie Situation, in der er lebt“. Die sind alle in einem Jahr entstanden. 

Ein oder zwei Jahre später erlebte ich einen irrsinnigen Niedergang, die Filme floppten. Ich war auch ein bisschen arrogant geworden, ich lag dann im Bett, und die Schauspieler kamen, und ich habe die gecastet und war so ein bisschen überdreht. So war eigentlich immer mein Leben, mal an der Spitze, dann wieder ganz unten. Die Flops haben mich menschlich am meisten weitergebracht. Ich musste immer wieder von vorn anfangen und bekam dadurch eine unheimliche Kraft. Erfolg ist etwas sehr Schädliches. Denn Erfolg kannst du nie genug haben.

Das Selbstbewusstsein der Schwulen in Deutschland ist überhaupt erst durch deinen Film „Nicht der Homosexuelle ist pervers …“ entstanden. 

Aber es gab gleichzeitig unheimliche Anfeindungen, ich wurde zusammengeschlagen in Lokalen – es gab halt rechte Schwule, und die meisten bürgerlichen Schwulen haben das gar nicht verstanden, die sagten, bloß nicht drüber reden, es kann uns bloß schlechter gehen, wir können nur ins KZ kommen, und hier machst du einen Film, der so radikal ist. Ich habe sie ja beschimpft: Ihr seid unpolitisch, ihr seid eitel, ihr flüchtet in eine Glamourwelt von kitschigen Illusionen, statt für eure eigenen Interessen zu kämpfen und aktiv zu werden; stattdessen versteckt ihr euch in Sexsituationen, in Büschen. Der Film war eine einzige Beschimpfung der bürgerlichen Schwulen. Als er bei den Festspielen in Berlin uraufgeführt wurde, im Forum des jungen Films im Sommer '71, war das Kino erstmal total leer, weil die Leute sich nicht trauten, in einen schwulen Film zu gehen, weil sie dachten, dann werden sie als schwul identifiziert. Kurz bevor es dunkel wurde, strömten dann Hunderte rein, und dann hörten sie eine Beschimpfung, obwohl sie erwartetet hatten, dass der Film sie lobt und sagt, ihr armen Schwulen, ihr seid doch toll. Du kannst dir vorstellen, was in dem Kino hinterher los war. Da standen zum ersten Mal Leute auf, die sich vorher nie geoutet hatten, weil sie so wütend waren: „Wie kannst du uns das antun, du Schwein? Das ist so eine Unverschämtheit, das hat nichts mit unserer Wirklichkeit zu tun.“ Das war die Emanzipation - in ihrer Wut. Das war eine schwarze Pädagogik, die ich da angewandt habe. Ich selber war vorher relativ schüchtern und war nicht gewohnt, in der Öffentlichkeit zu reden. Bei meinem ersten Interview habe mich unter den Tisch gesetzt mit einem Mikrofon, damit ich geschützter bin vor der Diskussion. Bei den ersten Fernsehdiskussionen habe ich alles auswendig gelernt, vor der Kamera natürlich alles wieder vergessen. Und dann lernte ich mit dem ersten Schwulenfilm zu diskutieren. Wir sind durch die Städte gegangen, immer überfüllte Kinos, und du musst dir vorstellen, 90 Prozent der Leute beschimpfen dich, und du musst dem standhalten. Eine Minderheit linker Studenten fand das toll, wir trafen uns hinterher und gründeten Schwulengruppen. Das war so der Anfang, und ich habe ein Atelier gehabt mit zwei großen Etagen, in der oberen habe ich Filme gedreht, und die untere habe ich den ersten Schwulengruppen gegeben. Bald gab es ein Pfingstreffen, zu dem Hunderte von überallher hinkamen, und dann blühte schon die Schwulenbewegung.

Du hast also bewusst mit Provokation gearbeitet.

Ich musste mich mein ganzes Leben lang immer dagegen stellen. Als ich dann so vor 15, 16 Jahren rausfand, dass ich in einem der schlimmsten Knäste in Riga in Lettland geboren bin, dachte ich, das ist vielleicht ein Grund, dass du so eine Haltung dem Leben gegenüber entwickelt hast. Ich habe mich auch nicht zum Anführer der Schwulenbewegung machen können, die war mir auch bald zuwider. In dem Moment, wo eine Bewegung funktionierte, musste ich mich rausziehen, weil ich nur gelernt hatte, eine Gegenbewegung zu sein. Erfolgreich provoziert habe ich bis zu meinem Outing von Prominenten '91, wo die ganze Nation, Schwule wie Heteros, mich als Verräter beschimpft hat. Das Fernsehen beriet über ein Fernsehverbot für mich.

Das Outing war nicht abgesprochen gewesen, und du hast gesagt, der ist schwul, der ist schwul, der ist schwul. Das gab einen Aufschrei, und dann warst du das rote Tuch für – du hast vorhin gesagt, 90 Prozent der Schwulenbewegung. Aber für die anderen bist du der Held gewesen.

Ich habe nicht nur meinen Arsch hingehalten, sondern auch mein Gesicht, und das war für viele neu. Das Gesicht haben sie immer versteckt. Viele Leute meiner Generation sagen immer noch, du hast mir damals geholfen, weil du öffentlich etwas ausgesprochen hast. Ich war eine Identifikationsfigur für einige, die sich dann trauten, freier zu leben.

Wir haben mal ein Interview geführt '81 oder '82, da hattest du eine Technik, mit der du Leute öffnen wolltest. Durch im allerweitesten Sinne provokante Fragen wie „Mit wem hast du Sex?“ - Fragen, die man normalerweise nicht stellt, wenn man Leute nicht weiter kennt. Damit hast du die zum Reden gebracht. Und diese Technik, Leute zum Reden zu bringen, also sich praktisch auch zu outen, funktioniert bis heute.

Das hat damit zu tun, dass ich immer viel dokumentarisch gearbeitet habe. Ich habe gelernt, dass man direkt fragen muss. Für meinen Film über Gender waren wir 1995 in Atlanta bei einer Tagung der politischen Bewegung Transsexueller, die sich Transsexual Menace nannte, transsexuelle Bedrohung, und du wusstest nicht, wer ist wer. Die Mann-zu-Frau-Transsexuellen etwa sehen sehr männlich aus, du würdest nie drauf kommen, dass die ein anderes Geschlecht haben und bist dann total verwirrt. Und die liebten die Verwirrung. Da musst du direkt fragen, sonst kichern die und freuen sich, dass du rätselst. 

In meinem Film „Transsexual Menace“ kommt ein lesbisches Paar vor, von dem die eine nach einer gewissen Zeit sagte, ich fühle mich sehr männlich, ich möchte gerne männliche Hormone nehmen und zum Mann werden. Dann wurde es ein heterosexuelles Paar. Nach ein paar Jahren sagte die andere, ich fühle mich aber auch sehr männlich, und dann wurde es ein schwules Paar. Es war wunderbar zu sehen, wie viele Möglichkeiten und Identitäten du hast. 

Als ich 2005 den Film „Männer, Helden und schwule Nazis“ machte, kamen da so Bodybuilder, die hier Heydrich, da Eva Braun tätowiert hatten, mit zwei Bodyguards und sagen dir: „Ich hab‘ schon zwei Kamerateams zusammengeschlagen.“ Da hilft es nichts, denen zu sagen, ihr seid Arschlöcher. Sondern es ist ja mein Interesse herauszufinden: Warum sind die so, wie leben sie diesen Widerspruch? Du musst erst mal sagen, das sind auch Menschen. Dann kriegst du sehr viel raus. 

Du redest mit Leuten, die du auch als Nazis bezeichnest. Und das ist eigentlich ein Tabuwort: Mit Nazis will ich nichts zu tun haben, das sind Verbrecher.

Das wurde auch kritisiert, dass ich denen nicht so viel entgegengesetzt habe. Ich finde das idiotisch, der Zuschauer muss doch selber mitdenken. Ich kann nur das Material liefern. Ich mache keinen Propagandafilm gegen Nazis, aber ich mache auch keinen Propagandafilm für Nazis.

Nee, du machst auch keine Volkspädagogik, die ja sonst ein Muss ist: Jede Fernsehredaktion will, dass man dem Zuschauer sagt, was er davon halten soll. Du bist eigentlich ein Vorbild dafür, dieses grauenhafte System, den Dokumentarfilm, auch zu erniedrigen. Das wäre eine Filmkompetenz, wenn der Zuschauer selbst entscheiden kann, ob diese Leute nun alle scheiße sind oder ob man das irgendwie nachvollziehen kann. Da kann man nicht die Augen verschließen und denen vor die Füße spucken. Dieser Film hat mich bewogen, meine Filmkritiken ganz anders zu schreiben und nicht so rumzutönen. 

Thomas Harlan hat in einem Film so einen Altnazi interviewt, den hat er total in die Ecke gedrängt, und mir wurde dieser Typ sympathisch. Harlan hat es in seiner Antihaltung geschafft, ihn sympathisch zu machen. Das ist dann genauso faschistisch.

Du bist dann auch von diesem ewigen Entweder-Oder weg: Entweder du bist Nazi, oder du bist nicht Nazi; entweder du bist Christ, oder du bist Heide; entweder du gehörst zum Tode verurteilt, oder du bist unser Volksheld. Eigenschaften können sich auch vermischen. Gleichwohl musstest du dich gerade mit „Männer, Helden und schwule Nazis“ durchsetzen gegen das Fernsehen. Auf der Berlinale ist er schließlich doch gelaufen.

Ja, man wollte ihn erst nicht dort haben, und ich wurde da hinzitiert, mit Rechtsanwalt, und die mussten dann jede kleine Szene noch mal rechtlich absichern. Es war schon ein Kampf, weil die Angst hatten.

Winfried Bonengels Dokumentation „Beruf Neonazi“ ist ja wirklich verfemt worden, weil da die Anleitung für den Zuschauer fehlte, was dir auch beinahe gedroht hätte. Da war ich dabei, als dieser Film plötzlich Aufführungsverbot bekam, das war ein Riesenskandal. Und der Protagonist, der Neonazi Ewald Althans, taucht bei dir auch auf, die Presse hat dir angekreidet, dass du dem nicht übers Maul gefahren bist. Wie hast du solche Leute überhaupt vor die Kamera gekriegt?

Das ist immer schwierig und eine lange Recherchearbeit, die meine Mitarbeiterin Karin Ostertag sehr geschickt gemacht hat. Die haben zum Teil eine gewisse Eitelkeit gehabt und wollten vor die Kamera. 

Bis 2006 hast du dann auch Studenten unterrichtet – als Professor für Filmregie an der Hochschule für Film und Fernsehen in Potsdam-Babelsberg.

Als meine Mutter hörte, dass ich Professor werde, hat sie sich totgelacht. Zum Professor wirst du ja berufen, also man fordert dich auf, dich vorzustellen. 1999 im Stalin-Haus, der ehemaligen Hochschule für Film und Fernsehen, waren fünf Leute geladen, die sich vorstellen sollten, und ich kam nachmittags um fünf als letzter dran. Die wurden also von morgens an intellektuell berieselt. Da waren die schon total übermüdet, und ich kam da mit zwei Koffern an. Da waren Glitzerkostüme drin, und ich habe die Professoren gebeten, die anzuziehen, damit ich eine bessere Sicht auf die habe. Das haben die auch gemacht. Und dann habe ich ihnen gesagt, ich wolle ihnen einen Ausschnitt aus meinem letzten Film zeigen. Das war aber nicht mein Film, sondern den hatte ich am Tag vorher aus dem Fernsehen aufgenommen, und da wurde nur geschossen und vergewaltigt. Und ich habe gesagt, ich würde als erstes mit den Studenten Schießübungen machen, denn es gibt ja nur noch Krimis im TV, die müssten also lernen, mit Pumpguns und Pistolen umzugehen. Das Zweitwichtigste ist, wie misshandelt man Frauen, denn das ist auch in Filmen ein Hauptthema, die werden gejagt, mit Äxten, die Treppen hoch, dann verstecken die sich, dann werden die Türen aufgebrochen, und dazwischen Werbepausen. Das müssen die doch lernen. Und dann habe ich ihnen gesagt, ich hätte auch pädagogische Erfahrung, 1977 hätte ich in San Francisco am Private Art Institute ein Seminar gemacht, und davon habe ich einen Ausschnitt gezeigt, wie ich mich von einem Pornomodel habe ficken lassen, und die Studenten mussten das filmen und wurden danach benotet. Schließlich habe ich das Licht ausgemacht und die hypnotisiert und gesagt, ich bin der beste Professor. Und ein halbes Jahr später wurde ich Professor.

Dann ging es lustig weiter. Ich habe Nachtseminare gemacht, es ging von 22 Uhr bis um sechs. Die Schule ist ja nachts verwaist, das ist eine ganz andere Atmosphäre. Es ist ja so: Nur zehn von 300 Studenten werden angenommen, da geben die sich alle unheimliche Mühe in der Prüfung, aber wenn sie angenommen sind, sacken sie schnell ab. Dann werden die faul, kommen nicht und ficken lieber zu Hause rum. Da habe ich ein Gefängnis in Neustrelitz gemietet.

Wie bitte?

Ja, so ein altes Gefängnis, wo Fallada seinen letzten Roman geschrieben hat. Ich habe die alle in Einzelzellen gesteckt, kein Computer, kein Telefon, nichts, die hatten nur eine Kamera. Ich war auf dem Gang und konnte immer durch die Gucklöcher gucken, ob die auch arbeiten. Ich hatte so einen Hotelservice, wo die dann Mittagessen kriegten …

Durch die Klappe.

Ja. Dann, am zweiten, dritten Tag habe ich ihnen einen Schauspieler oder eine Schauspielerin dazu in die Zelle gebracht, und dann mussten die halt einen Film machen. Ich sag dir, die waren so begeistert, dass sie Phantasie haben, dass sie tolle Ideen haben in dieser Isoliertheit, dass die nach zehn Tagen nicht raus wollten. Aber das hat nichts genutzt, denn sie kamen ja zurück und wurden wieder faul. Da habe ich gesagt, na gut, jetzt schicke ich sie in die schlimmste Stadt der Welt, nach Kalkutta. Da haben sie Tote und Kranke auf der Straße gesehen und kamen grün und blau vor Schreck zurück. Und mit tollen Filmen. Das war meine Pädagogik. 

Ich habe meinen Studenten eigentlich verboten zu denken. Wenn du Abitur hast, dann bist du schon so verbildet, dass du so ein Denkgebäude hast, das völlig idiotisch ist. Das einzige, was du lernen musst, sind Gefühle. Film heißt nicht Gedanken in Bilder, sondern Gefühle in Bilder. Bei jedem Bild musst du etwas fühlen. Um zu lernen, was Gefühle sind, habe ich sie in den ersten Tagen in ein Sadomaso-Studio geschickt, und die Frauen haben ihnen die Folterinstrumente erklärt. Wenn du Regisseur werden willst, musst du viel leiden, aber du musst lernen, lustvoll zu leiden. Außerdem habe ich sie morgens um sieben in die Charité bestellt zu einer Autopsie. Da sahen sie zum ersten Mal, wie die Leichen zerteilt wurden, und danach mussten sie immer fünf Minuten schreiben. Nicht länger, nach fünf Minuten fängt der Verstand an, und sie korrigieren sich. 

Ich habe das Drehbuchschreiben immer verglichen mit einem kackenden Baby: Es kackt, es dampft, und Baby ist stolz. Jemand hat ein Drehbuch geschrieben, ist stolz, hat unheimlich viel dran gearbeitet, und du kannst den gar nicht kritisieren, weil der das als Beleidigung auffasst. Aber wenn einer sein Skript vorlas, habe ich die anderen Studenten gebeten, das innerhalb von fünf Minuten umzuschreiben und ihm zu schenken. So sieht er einfach, es geht auch anders, und aus seiner Verbohrtheit heraus kann er sich eher öffnen. So habe ich viele Methoden erfunden habe, um die locker zu machen. 

Die anderen Professoren waren meistens sehr konventionell und faul, und ich hab die Studenten aufgehetzt, die sollen doch die alten Professoren von oben die Stahltreppen der HFF Potsdam runterwerfen und ihnen dann Plaketten machen zur Erinnerung. Es war keine Solidarität mit anderen Professoren möglich, die haben einfach nicht geantwortet auf Mails. Du konntest auch nichts gemeinsam durchsetzen. Aber du hattest als Professor alleine eben viele Möglichkeiten.

Die du genutzt hast. Hast du denn jetzt nach der Professorenzeit noch Kontakt zu Studenten?  

Ja, sicher. Die, die den Film über mich gemacht haben zu meinem Siebzigsten (Julia von Heinz, Robert Thalheim, Axel Ranisch, Chris Kraus und Tom Tykwer drehten 2012 die Dokumentation „Rosakinder“; d. Red), sind inzwischen alle sehr berühmt. Tom Tykwer war zwar nicht in der Schule, aber er bezeichnet mich als Mentor, weil ich den sehr früh in seiner Karriere, kennengelernt habe. Julia von Heinz lehnten alle Filmschulen ab. Ich habe sie gleich als künstlerische Mitarbeiterin an der Schule eingestellt. Da hat sie gelernt, indem sie unterrichtet hat.

Und jetzt bist du bei der der Akademie der Künste Leiter der Medienabteilung oder wie nennt man das?

Genau. Das ist ein ganz elitärer Verein; du wirst reingewählt in dieses Gremium, und das ist auch sehr intellektuell zum Teil. Ich versuche, da ein bisschen was zu machen, aber es ist schwer. Du wirst für dein Lebenswerk geehrt, und das sind natürlich meistens ältere Leute. Es gibt auch Stipendien für junge Leute und eine Junge Akademie, aber ich wünschte mir eigentlich, dass sie lebendiger ist. Ich konnte dadurch vorschlagen, dass Werner Schroeter, Elfi Mikesch und ich da eine große Ausstellung am Pariser Platz kriegen, im Januar 2018.

Das nennt sich nicht nur Ausstellung, sondern Erlebnisausstellung.

Ich habe da auf der einen Seite das Knastzimmer, wo ich geboren bin, und gegenüber habe ich ein großes Mausoleum, wo ich jetzt schon meine Beerdigung feiere, und ich überlege, ob ich mich nicht vor Publikum vergifte, damit das alles ein Ende hat.

Das wäre in der Tat ein großes Erlebnis. Ich habe nur gestaunt, wie gut du so eine wahnsinnig langweilige Geschichte aufmischt, als die ganze Prominenz zusammengerufen wurde, um zu feiern, dass Christoph Schlingensief posthum einen Preis bekommen. Zuerst dachte ich, nee, da geh‘ ich nicht, ich hör‘ mir doch nicht diese Preisreden an, wo jeder sagt, ich hab für Schlingensief auch viel getan, und dann kommt eine halbstündige Rede zum Gähnen, und es wird noch vorgelesen. Aber dann hast du dich gemeldet und gesagt, wir machen ein Live-Interview. Da dachte ich, das ist ja lustig.

Ja, ich habe mich selbst als Schlingensief verkleidet und habe das aus der Perspektive gemacht. 

Deine erste Frage an Aino Schlingensief war: Habt ihr Sex vor der Ehe gehabt?

Haben wir. Ich war ja Schlingensief, also hab ich meine Frau gefragt: Wie war das eigentlich, ich hab das vergessen, hatten wir Sex vor der Ehe? Und sie hat sehr schön mitgespielt.

Sie wusste aber nicht, dass die Frage kommt, das merkte man. Aber sie hat das sehr souverän gemacht, und da dachte ich: Wie mag das bei mir werden? Und die Frage an mich war: Wie war der Sex mit Schlingensief?

Ja.

Darauf muss man gefasst sein, und da kann man auch nicht sagen: Ääähhh, möchte ich hier nicht so sagen … So geht es ja nicht.

Du hast seine strammen Waden gelobt.

Nein, das waren die Oberschenkel.

Die Oberschenkel, genau.

Aber dass so was passiert in diesem feierlichen Gremium von der Akademie der Künste, das finde ich heute noch gut. Ich bin richtig wieder aufgelebt auf meine alten Tage. Ich bin ja mindestens ein Jahrzehnt älter als du.

Ja, mein großes Vorbild. Jedes Jahr ist ein neues Abenteuer, es wird eng, wenn man älter wird. Ich habe natürlich das Glück gehabt, viele vitale ältere Leute kennenzulernen, aber irgendwann hört das auf, und da darf man auch nicht so groß an die Zukunft denken. Gerade im letzten Jahr hatte ich eine große Krise. Der Film „Härte“ wurde so hoch gelobt, dass ich dachte, ich kriege jetzt tausend Preise und die Leute gehen da massenweise rein, aber er hatte wenig Zuschauer, bekam keine Preise, und dann hatte ich es schwer, neue Projekte finanziert zu kriegen. Dann überlegst du, musst du hier aus der Wohnung raus, kannst du die Firma halten? Wo wirst du enden? Aber inzwischen bin ich wieder frohgemut, ich bin gerade im Schnitt von einem Film, den ich mit Protagonisten hier aus Neukölln gedreht habe, und Schneiden ist das Schönste überhaupt. 

Schreibst du Notizen für die Autobiografie?

Genau, seit ich 17 bin, führe ich Tagebuch.

Dann brauchst du kein Buch mehr zu schreiben, sondern kannst jemandem sagen, schreib‘ diese Tagebücher ab.

Ich werde fürs Deutsche Theater vermutlich ein großes Gedicht schreiben über mein Leben, für einen Schauspieler, der mit Puppen und Dias mein Leben von Geburt bis zum Tod darstellt. Dann mache ich für die Deutsche Oper eine Improvisation mit Sängern, die heißt „Brummbrumm“ und handelt von einer chinesischen und einer afrikanischen Familie, die Söhne verlieben sich ineinander, und die Mütter sind entsetzt. Das wird jeweils in den Landessprachen gesungen, also Chinesisch und einem afrikanischen Dialekt. Da freue ich mich schon drauf. 

DVDs, Bücher und Bilder von Rosa von Praunheim kann man über den Shop unter  rosavonpraunheim.de beziehen.

Mit Dank an Joscha Baltha, Regisseur des Films „Temporär Esprit“ (mit Dietrich Kuhlbrodt, Josef Hader und Ulli Lommel), und sein Filmteam.

 

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