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Schiffe versenken

US-Militärschläge in der Karibik verschärfen die Spannungen mit Lateinamerika. Von Sara Meyer

In den vergangenen Wochen haben die Vereinigten Staaten nach Medienberichten mindestens sieben Angriffe auf kleine Schiffe in karibischen und pazifischen Gewässern durchgeführt. Dutzende venezolanische Fischer, mindestens ein kolumbianischer und mehrere trinidadische Staatsangehörige sollen dabei ums Leben gekommen sein. Einige Leichen wurden vergangene Woche sogar an der Küste von Trinidad gefunden. 

Während Washington die militärischen Aktionen als legitime Verteidigungsmaßnahme gegen den Drogenhandel darstellt, erkennt man in Lateinamerika darin eine Verletzung der nationalen Souveränität. Immer mehr Stimmen aus der Region kritisieren die Angriffe als „außergerichtliche Hinrichtungen“ von Zivilisten. Die Situation weckt Erinnerungen an frühere Interventionen und verstärkt den Verdacht, die USA wollten angesichts zunehmender geopolitischer Rivalitäten ihre militärische Präsenz in der Region ausbauen.

Der US-Regierung zufolge sind die Angriffe Teil der Bekämpfung internationaler Drogennetzwerke, die, so die Regierung, von venezolanischem Gebiet operieren und Rauschgift in die USA transportieren. Trump sprach vor der Generalversammlung der Vereinten Nationen am 23. September 2025 von der Notwendigkeit, „venezolanische Terroristen und Drogenhändlernetzwerke zu zerstören“. Jedes abgefangene Boot hätte 25.000 Menschen durch Drogen getötet und die Gesellschaft destabilisiert, behauptete er an anderer Stelle. Trump verbindet die Vorwürfe gegen Venezuela mit Migrations- und Sicherheitsfragen und erklärt, die venezolanische Regierung habe „ihre Gefängnisse und Anstalten geleert und die Menschen zu uns geschickt“. Auch Verteidigungsminister Pete Hegseth wiederholte, die betroffenen Boote seien bekannten Drogenhandelsrouten gefolgt und hätten Rauschgift geladen. 

Ein Beleg für diese Behauptungen wurde jedoch nicht vorgelegt, ebenso wenig wurde erklärt, zu welchen Drogenbanden die Getöteten zählen sollen. Menschenrechtsexperten und Juristen verweisen daher auf die rechtlichen Probleme, die mit den US-Angriffen verbunden sind. Die Tötung von Zivilisten ohne überprüfbare Beweise für unmittelbare Bedrohungen müsse als außergerichtliche Tötung eingestuft werden. Medienberichte sprechen von mindestens 64 Toten seit Anfang September, die genauen Opferzahlen sind umstritten. 

Derweil kündigte das Pentagon eine erhebliche Verstärkung der Seestreitkräfte vor der Küste Südamerikas und die Entsendung des Flugzeugträgers USS Gerald R. Ford sowie von Begleitstreitkräften an, um, so die US-Regierung, „illegale Akteure und Aktivitäten“ aufzuspüren und die Sicherheit der Vereinigten Staaten zu schützen. 

Ob man einen Krieg gegen Venezuela führen wolle? In einem Interview mit CBS am 2. November lässt Trump dies offen: „Ich bezweifle es. Ich denke nicht. Aber sie haben uns sehr schlecht behandelt.“ Er skizzierte zudem mögliche Eskalationsszenarien, ohne jedoch konkrete Pläne zu enthüllen. An anderer Stelle deutete er an, dass die USA Bodentruppen auf venezolanisches Gebiet entsenden könnten. Indem er über die venezolanische Verantwortung für den Drogenschmuggel und die Migration von Menschen in die USA spricht, erwirkt er zu Hause Zustimmung zu den US-Operationen. 

Andernorts werden deren Verhältnismäßigkeit und Legalität in Frage gestellt. Venezolanische Politologen, wie William Serafino, werten Trumps Vorgehen als eine Form psychologischer Kriegsführung. Serafino erkennt in der US-Strategie den Versuch, einen Regimewechsel in Venezuela herbeizuführen und die amerikanischen Interessen in der Region langfristig zu sichern. Durch vage Drohungen mit einer weiteren Eskalation soll Unsicherheit erzeugt und der Druck auf Venezuela und seine Verbündeten verstärkt werden. Diese Art der politischen Manipulation ist nicht nur darauf ausgelegt, militärische Reaktionen zu provozieren, sondern auch regionale politische Entscheidungen zu beeinflussen.

In Lateinamerika weckt das US-amerikanische Vorgehen  Erinnerungen. Die venezolanische Regierung hat die militärischen Angriffe als Aggression verurteilt. Kolumbiens Präsident Gustavo Petro bezeichnete die Tötung eines kolumbianischen Fischers als „öffentliche Hinrichtung“ und forderte eine gründliche Aufklärung. Für Petro, der als ein entschiedener Vertreter der Souveränität Lateinamerikas auftritt, stellt die US-Politik eine „neokoloniale Einschüchterungskampagne“ dar. Dieser Begriff greift die historische Erfahrung vieler lateinamerikanischer Länder mit ausländischen Interventionen auf. In Kuba kam es zu Massenprotesten, bei denen Außenminister Bruno Rodríguez betonte, die Völker Lateinamerikas würden sich nicht erneut einer „Kanonenbootdiplomatie“ beugen. Die historischen Parallelen zu dem Eingreifen der USA in Guatemala (1954), Chile (1973), Nicaragua (1981-90), Grenada (1983), Panama (1989), El Salvador und Kuba sind unverkennbar. In all diesen Fällen wurden Sicherheitsbedenken als Vorwand genutzt, um politische Umstürze herbeizuführen.

In dieses geopolitische Schlamassel muss auch die Verleihung des Friedensnobelpreises an María Corina Machado eingeordnet werden – eines Preises, der in der gegenwärtigen Auseinandersetzung um Venezuela eine bedeutende Rolle spielt. Die internationalen Reaktionen auf die Wahl Machados waren gemischt. In den USA und Europa wurde sie als Anerkennung für Machados unermüdlichen Kampf für Demokratie und Menschenrechte in Venezuela gefeiert. In Lateinamerika jedoch rief die Preisvergabe unterschiedliche Reaktionen hervor: Während einige sie als Zeichen westlicher Unterstützung für den Widerstand gegen die venezolanische Regierung interpretierten, betrachteten andere sie als ein Signal, das die westliche Agenda in Bezug auf Venezuela verstärken soll. María Corina Machado selbst widmete den Preis Trump, den sie als Mitstreiter im Kampf gegen die venezolanische Regierung bezeichnete. In einem Interview mit der „Latin Times“ forderte sie die militärische Eskalation: „Der zunehmende Druck und die Eskalation sind die einzige Möglichkeit, Maduro klarzumachen, dass es Zeit ist zu gehen.“ Solche Äußerungen und Gesten verstärken den Eindruck einer engen Verbindung zwischen der venezolanischen Opposition und den USA. Gemeinsam mit den militärischen Aktionen Washingtons zielen sie auf einen Regimewechsel in Venezuela und eine Neuordnung der regionalen Machtverhältnisse.

Dabei hat die traditionelle amrikanische Vorstellung, man könne Lateinamerika als „Hinterhof“ kontrollieren, immer weniger Gültigkeit, denn die zunehmende Unabhängigkeit Lateinamerikas in politischen und wirtschaftlichen Angelegenheiten stellt die hegemoniale Position der USA in der Region in Frage. Sogar ehemals enge Verbündete der USA wie Kolumbien haben begonnen, eine eigenständige Außenpolitik zu verfolgen. 

Die Gemeinschaft der lateinamerikanischen und karibischen Staaten (CELAC) hatte 2014 in Havanna eine Erklärung verkündet, die externe militärische Interventionen ausschließt. Vor diesem Hintergrund reagiert die CELAC auf die jüngste Eskalation mit intensiver Diplomatie; Kuba bemühte sich um eine koordinierte Antwort. Auch die Progressive Internationale rief in ihrem letzten Rundbrief zur Verteidigung der lateinamerikanischen Friedenszone auf.

Der vierte CELAC-EU-Gipfel am 9. und 10. November 2025 in Santa Marta, Kolumbien, gewinnt dadurch besondere Bedeutung. Kolumbiens Präsident plant, die Prinzipien der Friedenszone gegenüber europäischen Partnern zu verteidigen. Für die EU wird das Treffen zum Test, ob sie eine von Washington unabhängige Position definieren kann.

Russland und China bekundeten Solidarität mit Venezuela. Für viele Staaten des Globalen Südens steht die Frage im Raum, ob historische Einflusssphären, wie sie etwa die Monroe-Doktrin formuliert, noch Gültigkeit besitzen. Für Washington hat die Region strategische Bedeutung innhalb der globalen Konfrontation mit China.

Trump ließ seine Offenheit für weitere Maßnahmen erkennen und bestätigte, dass „Maduro’s Tage gezählt“ seien. In Zukunft könnte es also zu weiteren Zwischenfällen und Eskalationen kommen: zu einer militärischen Aufrüstung, diplomatischen Sanktionen, Gegenmobilisierungen der Region und einer internationalen Polarisierung.

Ob die Prinzipien der CELAC-Friedenszone einer solchen Belastung standhalten, hängt von der Flexibilität der europäischen Partner und der Handlungsfähigkeit regionaler Institutionen ab. Für Lateinamerika geht es letztlich um die Frage, wer die Regeln bestimmt: die Industrienationen, allen voran die USA, oder sie selbst.

Sara Meyer schrieb in konkret 3/25 über den Kampf zwischen China und den USA um Einfluss und Ressourcen in Lateinamerika

 

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