Wie viele unter uns begreifen schon die Gefahren und die Abläufe moderner Nukleartechnik? Wir können unserer Unvollkommenheit als Menschen nicht entrinnen.
Helmut Kohl
Das mag ja sein. Daß wir aber der Unvollkommenheit dieses Menschen nicht sollen entrinnen können, dem Geplärr nach Informationen, mit denen er nichts anzufangen wüßte, dem aufdringlichen Besserwissen des Unbeleckten, dem größten anzunehmenden Unfall eines Regierungssystems - das ist ein bißchen zuviel verlangt. Mir reicht schon das Restrisiko, das sein Herausforderer Rau darstellt: »Ich habe gesagt, die Sensibilität muß wachsen.«
Wie die Regierenden blamierte sich auch jene Mißgeburt aus angeborener Dummheit und erworbener Korruption, die feiertags als vierte Gewalt ausgeht: Was man noch essen darf, stand »exklusiv in Bild am Sonntag«, und »Erste Hilfe nach dem Versagen der Behörden« bot feierlich die »Bunte Illustrierte« - Leben und Gesundheit lagen für Wochen in den Händen der monegassisch-gynäkologischen Fachpresse. »Wichtigtuerei, Profilierungssucht und halbgare Katastrophenmeldungen haben einen Flickenteppich an Desinformationen hinterlassen, wie sie das KGB in seinen besten Zeiten nicht zuwege gebracht hätte«, klagten die Wichtigtuer und Desinformanten aus jenem Verlagshaus an der Mauer, aus dem zugleich der Tod von 30.000 Ukrainern und die totale Sicherheit bundesdeutscher Atomkraftwerke gemeldet wurde.
Und erst die Experten, die sich dieses System so hält! Am Tag vor dem Unfall in Tschernobyl erschien im »Deutschen Ärzteblatt« die wissenschaftliche Erkenntnis des Vorsitzenden der Vereinigung Deutscher Strahlenschutzärzte e.V., Wilhelm Börner: »Im übrigen zeigen Wahrscheinlichkeitsanalysen, daß über Störfälle hinausgehende Unfälle mit möglichen gefährlichen Strahlenexpositionen der Bevölkerung äußerst unwahrscheinlich sind.« Wer dem Strahlen solcher Typen ausgesetzt war, muß den Zynismus britischer Kapitalisten geradezu dekontaminierend finden: »Accidents will happen. To make technology as safe as possible is to make it useless«, hieß es im »Economist«. Nur wer wagt, kann Gewinne machen.
Insgesamt aber sieht es wohl so aus, daß die Zukunft bei den Repräsentanten dieses politischen und gesellschaftlichen Systems nicht gut aufgehoben ist. Und bei der Konkurrenz?
Über Nacht hat der Nein-danke-Kleber auf der Heckscheibe des Lada Nova eine neue Bedeutung gewonnen. Er ist nicht mehr bloß Protest des kommunistischen Fahrzeughalters gegen eine Gesellschaftsordnung, die das leibliche Wohl der Akkumulation von Kapital unterordnet; er ist jetzt auch Dissidenz-Anzeiger: Der Glaube des Parteimitglieds, daß kommunistische Atomkraftwerke gute Atomkraftwerke sind, ist gebrochen. Ja, im wissenschaftlichen Sozialismus scheint die Lernfähigkeit nicht größer zu sein als in Bonn, wenn ein so kluger Mann wie Walentin Falin jetzt noch daherredet wie ein beliebiger Hermann Rappe: »Wir alle, in West und Ost, können ohne diese Technologie nicht normal weiterleben.«
Also: lieber ohne Atomkraftwerke nicht normal, als mit Atomkraftwerken gar nicht. Und was heißt hier schon normal weiterleben? Wenn es, in West und Ost, mit der Anhäufung von Atombomben, Atommeilern und Atommüll so normal weitergeht, wie es in den letzten dreißig Jahren gegangen ist, wird es keine dreißig weiteren geben, die wir erleben können.
Doch, bitte, keinen Religionskrieg. Die wissenschaftliche Erforschung und die wirtschaftliche Nutzung der Atomkraft sind nicht an sich böse. Sie setzen bloß gesellschaftliche Verhältnisse voraus, die jede Mißachtung von Risiken unter finanziellem oder bürokratischem Druck ausschließen. Das verbietet jeden wirtschaftlichen Einsatz, wo safe as possible gleichbedeutend ist mit useless. Ob eine kommunistische Gesellschaft dazu taugte, kann offenbleiben - sicher ist nach Tschernobyl, dem schlimmsten der bislang gezählten 152 AKW-Unfälle, daß die in Generationen währendem Überlebenskampf geformte und deformierte Gesellschaft des Typs »realer Sozialismus« nicht dazu taugt, und zwar, da es in dieser Frage keine Abstufungen der Tauglichkeit gibt, so wenig wie die kapitalistische.
Die Parole wird also heißen: Schluß, aus, abschalten, hier wie dort, sofort. Und viele werden zuerst nach Osten blicken, wie Heiner Geißler, der die Liquidierung aller Reaktoren sowjetischer Bauart verlangte. Daß die Sowjetunion damit nicht nur im weltweiten Wirtschaftskrieg mit den USA zurückgeworfen würde und beispielsweise ihr Öl, das sie nach Kuba und Nicaragua schickt, selbst verfeuern müßte, kommt dem besorgten Christenmenschen nicht weniger zupaß als die nukleare Abrüstung der Sowjets, die ihr Waffen-Plutonium aus Atomkraftwerken holen. Die Vorrüstung des Westens kann sich auch auf diesem Feld sehen lassen: 65 Atomkraftwerken der Warschauer-Pakt-Staaten stehen 214 der Nato gegenüber. Geißler wünscht sich 0 zu 300 und dann noch SDI - mit atomar gespeisten Weltraumwaffen der Güteklasse Challenger, Titan und Delta.
Weil es keine friedliche, nicht einmal eine bloß zivile Nutzung der Atomenergie gibt, muß der Kampf gegen Bau und Betrieb von Atomkraftwerken als Kampf um weltweite Abrüstung begriffen werden. Was die 50.000 atomaren Sprengköpfe angeht, so hat Moskau zuletzt Vorschläge gemacht, als wäre der Vorsitzende der Aktion Sühnezeichen dort Generalsekretär geworden: Abrüstung auf null bis zum Jahr 2000. Und man glaube nicht, daß die impertinente Gelassenheit, mit der das politische System der Sowjetunion auf den Schock von Tschernobyl reagierte, schon das letzte Wort war. In Spitälern und an Gräbern werden die Mitglieder des Zentralkomitees die Gefahren moderner Nukleartechnik begreifen lernen. Nachhelfen wird der vereinte internationale Widerstand gegen mobile und stationäre Atombomben, letztere Kernkraftwerke genannt.
Für taktische Geplänkel ist so wenig Zeit wie für Debatten mit dem von Industrie und Bürokratie ausgehaltenen Expertenpack. Die Atombomben müssen verschrottet, die Atomkraftwerke abgewrackt werden. Wer immer zu diesem Ziel beiträgt, verdient Unterstützung, gleich welche Mittel er ergreift (seit Tschernobyl weiß man, was das sein kann: Gewalt). Und weil es ja auch noch sowas gibt wie Wahlen: Keine Stimme für einen Kandidaten und eine Partei, die mit neunmalklugen Vorbehalten sog. langfristige Lösungen versprechen. Gemessen an den Zerstörungen, die das Eintreten des allseits eingeräumten »Restrisikos« in nur einem Fall anrichtete, sind die Kosten der sofortigen Abschaltung aller Atomreaktoren ein Fliegenschiß.
P.S.: Helmut Kohl hat gesagt, daß die »Kernenergie« durchaus »ethisch zu verantworten« sei, obwohl er selbst eigentlich nichts davon verstehe. Darf man fragen, wieviel Scheine das Couvert diesmal enthielt?

