27.02. 2026

Ausgabe: 03/2026

Hetzmaschine 2.0

Markus Ströhlein über
KI-generierte Nazi-Musik

Nazi-Rock und braune Schlager glänzten nie durch Kunstfertigkeit. Umso leichter fällt es Künstlicher Intelligenz, Hassmusik zu produzieren – wovon die Szene rege und erschreckend erfolgreich Gebrauch macht. Von Markus Ströhlein

Die Vernichtung der Menschheit ist vorerst aufgeschoben. Daniel Kokotajlo, ein ehemaliger Mitarbeiter des Software-Konzerns Open AI, und weitere KI-Forscher hatten sie in ihrem im vergangenen Jahr veröffentlichten Szenario »AI 2027« für Mitte der dreißiger Jahre prognostiziert. Zu diesem Zeitpunkt, so das Menetekel, sollte sich ein Netzwerk autonomer Künstlicher Intelligenzen auf seiner Mission andauernder Selbstoptimierung und im Zuge der dafür notwendigen Erzeugung von Unmengen an Energie der lästigen Menschheit mit biologischen Waffen entledigen.

Mittlerweile relativierte Kokotajlo die apokalyptische Vision allerdings. »Die Dinge scheinen etwas langsamer voranzugehen als im ›AI 2027‹-Szenario«, schrieb er Ende vergangenen Jahres auf X. Die Entstehung einer künstlichen Superintelligenz sei nicht 2027, sondern erst »um 2030 herum« zu erwarten, »allerdings mit vielen Unsicherheiten«. Von Vorhersagen über den Zeitpunkt des Endes der Menschheit sehen er und seine Kollegen derzeit ab.

Ohnehin lenken solche spektakulären Untergangsszenarien vom destruktiven Potential ab, das sich aus den bereits bestehenden Möglichkeiten des Einsatzes von KI ergibt. Hören ließ sich ein von KI erzeugter Beitrag zur gesellschaftlichen Verrohung und Faschisierung jüngst in den Niederlanden. Dort schaffte es im November der Song »Wij zeggen nee, nee, nee, tegen een AZC« auf den fünften Rang der nationalen »Single Top 100«. Auf Spotify gelangte er auf den zweiten Platz der im Land von Geert Wilders am häufigsten gehörten Lieder.

Dass ein Song, dessen Titel auf Deutsch so viel bedeutet wie »Wir sagen nein, nein, nein zum Asylbewerberheim«, von Streaming-Portalen verbreitet wurde, löste große Proteste aus. Schließlich entfernten Spotify und andere Dienste das Stück. Von Kirmes-Techno untermalte Zeilen wie »Alle Grenzen offen, unser Land ist in Not, / Die Niederlande ertrinken, unser Erbe stirbt. / Sie überschwemmen uns mit Leuten, die hier nicht reinpassen, / Asylbewerber mit fetten Fahrrädern, I-Phones, teuren Jacken« waren zu dem Zeitpunkt bereits 1,5 Millionen Mal gehört worden.

»Wij zeggen nee, nee, nee« ist nicht der einzige Song, den JW Broken Veteran bislang veröffentlicht hat. Der Mann, bei dem es sich der niederländischen Zeitung »Algemeen Dagblad« zufolge um einen 40jährigen Afghanistan-Veteranen aus Rotterdam handelt, hat seit April 2025 etwa 200 Stücke auf Spotify, Youtube und anderen Plattformen in Umlauf gebracht. Die hohe Zahl an Veröffentlichungen ist nicht der Tatsache zu verdanken, dass es sich bei ihm um einen emsigen Komponisten und Multi-Instrumentalisten handeln würde. KI hat die Musik zu all den nationalistischen, rassistischen und den Hass auf Linke propagierenden Songs beigesteuert, zu Liedern wie »Als Ali ons land uit-gaat« (Wenn Ali unser Land verlässt), »Vaderlandsliefde met het wapen in de hand« (Vaterlandsliebe mit der Waffe in der Hand) und »Antifa, Stuk Verdriet« (Antifa, Dreckshaufen). Die Texte entstehen JW Broken Veteran zufolge noch in Handarbeit: »Ich kann nicht singen, aber ich kann Gedichte schreiben«, sagte er der Zeitung »De Telegraaf«.

Der Niederländer ist nicht der erste, der auf die Idee kam, rechtsextreme Propaganda mit von KI erzeugter Musik in die Welt zu posaunen. Im Sommer 2024 wurde im Zuge des französischen Wahlkampfs der Song »Je partira pas« (»Ich werde nicht gehen«) von Crazy Girl in den Sozialen Medien massenhaft verbreitet. Über die von einer KI ausgespuckte, gefällige elektronische Fahrstuhlmusik trällert eine Frauenstimme eine Abschiebungsphantasie: »Doch, doch, du gehst, / Und schneller, als du denkst. / Wir haben dir genug gegeben, / Jetzt kannst du abhauen, auf Nimmerwiedersehen.« Im selben Sommer kursierte dem »Guardian« zufolge während der einwanderungsfeindlichen und rassistischen Krawalle in Großbritannien, die auf den Mord an drei Mädchen in Southport folgten, das Lied »Southport Saga«. Eine weibliche KI-Stimme fordert darin: »Bringt sie irgendwie zur Strecke!« Das Pronomen »sie« gewährt Hörerinnen und Hörern eine gewisse Freiheit bei der Wahl der Opfer. Rechtsextreme Randalierer attackierten während der damaligen Ausschreitungen unter anderem eine Moschee in Southport, ein Hotel in London, in dem Asylsuchende untergebracht waren, Migranten und linke Gegendemonstranten.

Zur gleichen Zeit tauchten auf Tiktok zahlreiche von KI erstellte musikalische Lobeshymnen auf die AfD auf. »Wir sind AfD, wir stehen bereit für Tradition und Kultur, / Wir kämpfen weit und breit, deutsche Fahnen hoch«, singt eine Männerstimme zu elektronischem Uffta-Uffta in einem im Sommer 2024 veröffentlichten Songschnipsel.

Mittlerweile haben sich auch in Deutschland rechtsextreme Musikprojekte auf die Produktion von Propagandasongs mit Assistenz durch KI spezialisiert. Eines namens Traditionshüter bedient seine circa 40.000 monatlichen Hörer auf Spotify mit Schlager- und Balladenkitsch und Titeln wie »Deutschland zuerst«, »Flieg, deutscher Adler« und »Schluss mit Schuldkultur«. Die Formation Party-Patrioten bietet ihren 20.000 monatlichen Hörern Ballermann-Eurodance in Songs wie »Deutschland muss Deutschland bleiben«, »Anti-Antifa« und »Ich bin Patriot, du Idiot«. Dobermann Cloe liefert pro Monat 60.000 Hörern musikalisches Pathos. In dem Ende vergangenen Jahres veröffentlichten Stück »Deutschland auf Angriff« singt eine Männerstimme zu Rock-Kitsch mit Geige und Gitarre: »Zu laut, zu stolz, zu unbequem, / Genau deshalb bleiben wir niemals stehen. / Deutschland auf Angriff, kein Warten, kein Kniefall, / Deutschland auf Angriff, wir nehmen uns Raum.« Und wie von den beiden anderen Projekten gibt es auch von Dobermann Cloe eine klare Wahlempfehlung: »Blau wählen, nicht spalten«, heißt es in »Blau blau blau«.

Denselben Titel trägt auch der AfD-Fangesang der Party-Patrioten (»Blau, blau, blau statt bla, bla, bla, / Und Deutschland geht es wieder wunderbar«). Mehr als 450.000 Mal wurde der Song bisher auf Spotify aufgerufen. Über 570.000 Aufrufe hat das erfolgreichste Lied von Traditionshüter dort, mehr als 940.000 das von Dobermann Cloe. Angesichts der Zahlen solcher erst seit etwa einem Jahr bestehenden Projekte dürften die Produzenten herkömmlicher rechtsextremer Musik vor Neid erblassen. Der rumpelige Rechtsrock von Landser, der steife Singsang zur Akustikgitarre von Liedermachern wie Frank Rennicke, die unbeholfenen Rap-Imitationen des Nazis Makss Damage – was Rechtsextreme in den vergangenen Jahrzehnten hervorbrachten, war wegen mangelnder Fähigkeiten und Kenntnisse stets nur Musik für die eigene kleine Nische.

Mit den neuen technologischen Möglichkeiten können die braunen Gesinnungskameraden hingegen mit wenigen Mausklicks und Texteingaben auf den Massengeschmack abzielende Songs in unterschiedlichen Genres fabrizieren. Suno, die derzeit wohl bekannteste Musik-KI, verarbeitet die vom Nutzer per Tastatur eingegebenen Wünsche zu Instrumentierung, musikalischer Atmosphäre, Stilrichtung und weiteren Details zu Ergebnissen, die weitverbreiteten Erwartungen entsprechen. Teuer ist das Angebot nicht: Mit dem »Pro Plan« von Suno lassen sich für etwa neun Euro im Monat ungefähr 500 Songs erstellen.

Das Potential generativer Musik-KI entdeckten Rechtsextreme früh. Recherchen des an der niederländischen Universität Leiden tätigen Politikwissenschaftlers Heron Lopes zufolge berieten sich Nutzer eines entsprechenden Message-Boards im anonymen Internetforum 4chan bereits kurz nach dem Start des öffentlichen Betriebs von KI-Musikportalen Ende 2023 in Tausenden Posts darüber, wie sich diese effizient für ihre politischen Zwecke nutzen lassen. Detaillierte Bedienungsanleitungen kursierten, um es selbst völlig unerfahrenen Interessenten zu ermöglichen, in Minutenschnelle Propagandamusik zu erzeugen. Um eingängige Texte in Reimform zu erhalten, bedienen sich die technologieaffinen Rechtsextremen häufig textbasierter KI wie Chat GPT oder Bing AI.

Schon im Juni 2024 warnte die US-amerikanische Organisation Anti-Defamation League (ADL), die sich vor allem dem Kampf gegen den Antisemitismus widmet, in einem Artikel mit dem Titel »GAI Music Creation Tool Suno Has Been Weaponized to Promote Hate« vor der Entwicklung und verwies auf Stücke mit antisemitischen und rassistischen Texten. Der englische Begriff »Weaponization« beschreibt den Sachverhalt durchaus treffend: KI-Musik wird als Waffe im politischen Kampf eingesetzt.

Die von der ADL in ihrem Text empfohlenen Gegenmaßnahmen beschränken sich auf technisch-administrative Eingriffe: Unter anderem sollen »Hass, Extremismus und Gewalt« in spezifischer Weise als Verstöße gegen die Nutzungsbedingungen festgelegt werden, Suno solle zudem zur besseren Erkennung fraglicher Inhalte in Personal und Technologie investieren. Welchen Wert solche Appelle haben, verdeutlicht der Artikel jedoch selbst: »ADL kontaktierte sowohl Suno als auch dessen Partner Microsoft, erhielt aber keine Antwort.«

Aufgeschreckt vom Chart-Erfolg des Niederländers JW Broken Veteran, warnte der Produzent und Label-Betreiber Johann Scheerer in einem Gastbeitrag für den »Spiegel« hingegen Hörerinnen und Hörer vor dem Verlust der »Gewissheit, dass hinter einem Song ein Mensch steht«. Sie müssten sich entscheiden, wenn sie »menschengemachte, fehlerhafte, unerwartete Musik und deren Produktionsräume retten und rechtsradikale KI-Experimente verhindern« wollten – »für die Verantwortung und gegen die Vorstellung, dass Musik ein Endlosmaterial ist, das sich algorithmisch nachfüllen lässt wie ein Getränkespender«. Letztlich verdränge nicht KI menschengemachte Musik: »Sie verschwindet, wenn wir aufhören, sie zu hören.«

Scheerers Lob der Authentizität und des Menschengemachten als Mittel gegen die Verbreitung rechtsextremer KI-Musik wird allerdings beim Blick in die deutschen Charts zweifelhaft: Dort schaffte es im Dezember Felix Blume mit seinem Album »Kanzler – Frührentner-Tape Volume 1« auf den dritten Platz. Im darin enthaltenen Song »Deutschland« verkündet der Rapper: »Ich sag’ es nicht gern, doch die Lage ist ernst, / Denn die Taschen sind leer und die Angst wird mehr. / Mein Volk hat das Lachen schon lang’ verlernt … Mein Opa wär fast erfor’n unter ’nem russischen Baum, / Doch kam heim vom Krieg und hat was aufgebaut … / Wär’ ich Kanzler, würd’ ich für Deutschland kämpfen bis aufs Blut.«

Mit der ihm eigenen Mischung aus gekränkter Männlichkeit, Frauenhass, Sozialchauvinismus und Antisemitismus bringt der früher als Kollegah auftretende Rapper ohnehin gute Voraussetzungen für einen Erfolg bei der AfD-Klientel mit. Von der nationalen Untergangsparanoia sowie der Landser- und Wirtschaftswunderglorifizierung in »Deutschland« zeigten sich etwa der AfD-Politiker Maximilian Krah und der österreichische Remigrationsprediger Martin Sellner öffentlich begeistert. Auf Spotify ist der Song bis Anfang Februar mehr als 1.200.000 Mal aufgerufen worden.

Festzuhalten ist also: Rechtsextreme Propaganda ist mittlerweile auch in der Popmusik massentauglich – ob nun menschengemacht oder von einer KI erzeugt.

Markus Ströhlein schrieb in konkret 12/25 über das Buch Die Macht der Projektion und der 7. Oktober