Joe Sacco erzählt in seiner neuen Comicreportage am Beispiel Indiens, welche politische Sprengkraft böswilliges Geraune entwickeln kann. Von Sabine Lueken
Indien rückt zunehmend in den Fokus der Weltpolitik: als aufstrebende Großmacht und vermeintlich demokratisches Gegengewicht zu China. Joe Saccos neues Buch kommt da gerade recht. Es richtet den Blick auf das Innere des Landes – auf Spannungen, Konflikte und die zerstörerische Macht von Gerüchten.
Der Erfinder der Comicreportage hat mit seinen grafischen Berichten aus dem zerfallenden Jugoslawien und aus Gaza sowie über die First Nations in Kanada Maßstäbe gesetzt. Auch in Indien – Öl ins Feuer rekonstruiert der in Malta geborene, heute in den USA lebende Autor und Zeichner konkrete Ereignisse, Gespräche und widersprüchliche Aussagen, parteiisch, präzise und ohne Anspruch auf Vollständigkeit.
Was ist der Anlass für Saccos neue Recherche? Im mehrheitlich muslimischen Kawal im nordindischen Bundesstaat Uttar Pradesh erstechen zwei junge Hindus einen gleichaltrigen Muslim auf offener Straße, weil der angeblich eine Hindufrau belästigt haben soll. Die Täter werden daraufhin von einer aufgebrachten Menge ermordet. Nach Massenprotesten eskalieren die Ereignisse: Angehörige beider Religionsgemeinschaften greifen einander wiederholt an, mehrere Dutzend Menschen sterben, Zehntausende Muslime fliehen. Die betroffenen Hindus gehören der Jats-Kaste an, die auf Grund ihres Landbesitzes über einen hohen sozialen Status verfügt, während die Muslime überwiegend landlose Arbeiter sind.
Der Vorfall ereignete sich bereits 2013: Sacco arbeitet lange und gründlich; diesmal kam zudem das Kanada-Projekt dazwischen. Für ihn bleibt das Ereignis dennoch exemplarisch – ein Archetyp dessen, was in Indien bereits geschah und sich jederzeit wiederholen könnte (Originaltitel: The Once and Future Riot).
Unter der Überschrift »Wie alles begann« sind auf einem der ersten Panel Geier zu sehen, die sich über halb verweste Leichen hermachen. »Gemessen an den Gewalttaten, die mit der Unabhängigkeit Indiens einhergingen, war das, was in Kawal geschah, nichts«: Mit diesen Worten eröffnet Sacco einen knappen Abriss der indischen Geschichte. Der Subkontinent wurde entlang konfessioneller Linien geteilt. Eine humanitäre Katastrophe mit rund zwölf Millionen Vertriebenen und Hunderttausenden Toten folgte. Heute bilden Hindus die größte Bevölkerungsgruppe, Muslime stellen rund 14 Prozent. Daneben prägt das Kastensystem die soziale Ordnung: Hierarchien, Ungleichheit und lokale Machtstrukturen, die sich daraus herleiten, beeinflussen bis heute den Zugang zu Ressourcen, Bildung und politischer Teilhabe. Seit 1950 bildet Indien eine säkular verfasste Bundesrepublik; lange Zeit stellte die Kongresspartei die Regierung. Parallel existierte kontinuierlich eine hindu-nationalistische Strömung, politisch organisiert in der Bharatiya Janata Party (BJP).
Sacco, dessen Alter ego in seinen Comicreportagen stets präsent ist – mit Umhängetasche, Notizblock, Stift und einer weißen Brille, die seine Augen konsequent verbirgt –, reist mit seinem indischen Kollegen Piyush Kumar Srivastava, der ihm als Führer und Übersetzer dient, in die Region. Gemeinsam sprechen sie mit Dorfbewohnern, Ortsvorstehern, Professoren, Journalisten, Aktivisten und Politikern, um zu rekonstruieren, was geschah. Wie schwierig dieses Unterfangen ist, wird ausdrücklich thematisiert: »Bullshit ist ein Stoff, der unsere journalistische Flamme nährt …, wir müssen ihn aber mit einem Anschein von Wirklichkeit abgleichen.«
Zeichnerisch wirkt Indien zunächst wie ein Wimmelbuch, doch die Textkästen führen sicher durch die komplexen Panoramen von Dörfern, Flüchtlingslagern und Massenszenen. Einzelne Figuren sind durch Bärte, Frisuren, Kleidung, Kopfbedeckungen und vor allem durch ihre Mimik klar unterscheidbar. Die Kombination aus dichter Illustration und erklärendem Text zwingt dazu, genau hinzusehen und Zusammenhänge aktiv zu erschließen – keine leichte Aufgabe.
Der Comic handelt nur vordergründig von Indien. Im Kern geht es um die Macht von Gerüchten und die Mechanismen ihrer politischen Instrumentalisierung – etwa im Kontext von Wahlen. Sacco beschreibt damit eine Schwachstelle demokratischer Systeme. Wo Fakten umstritten, manipuliert oder erfunden sind, gewinnen Gerüchte an Autorität. Sie können den Glauben an bestimmte Ereignisse beeinflussen und so den Einsatz staatlicher oder anderer Gewalt rechtfertigen. Dieser Mechanismus ist in der Geschichte mehrfach belegt. »Indien«, erklärt Sacco, »ist ein Paradebeispiel für religiös bedingte Spaltungen, die seit Jahrzehnten von der politischen Klasse ausgenutzt werden – um Feindbilder zu erschaffen, Ängste zu schüren und Wählergruppen enger an sich zu binden.« Die Unruhen in Muzaffarnagar seien der BJP zugute gekommen und hätten Narendra Modi 2014 den Weg ins Amt des Premierministers geebnet. »Ist das säkulare Indien am Ende?« fragt Sacco und sieht das Land unter Modi auf dem Weg in eine Hindu-Autokratie.
Parallelen lassen sich international beobachten: In den USA behauptet Donald Trump, dass Städte unter demokratischer Führung im Chaos versinken – etwa Portland, Oregon, wo Sacco lebt –, und rechtfertigt damit den gewalttätigen, sogar tödlichen Einsatz von Beamten der US-Einwanderungsbehörde ICE. Nach Jahren intensiver Recherchen markiert die Arbeit an Indien für Sacco eine psychische Grenze. Er erklärte, vorerst keine Comicreportagen mehr machen zu wollen: Die ständige Konfrontation mit Gewalt und Leid sei zu deprimierend.
Joe Sacco: Indien – Öl ins Feuer. Aus dem Englischen von Christoph Haas. Reprodukt, Berlin 2025, 144 Seiten, 29 Euro
Sabine Lueken schrieb in konkret 2/26 über den Dokumentarfilm »Das Ungesagte«

