DER LETZTE DRECK 7/24

Oliver Pocher. »Liebeskasper«

Jaaaaa, die Liebe! Schön, wenn sie erwidert wird. Scheiße, wenn nicht. Sie lässt uns auf den höchsten Wolken tanzen und in die tiefsten Abgründe stürzen. Love hurts. Schlimmer noch: »Love is a catastrophe!« spratzt der marxistische Zyniker Slavoj Žižek in einer seiner repetitiven Anekdoten in die Gesichter seiner faszinierten Gegenüber. »It’s a crazy illness. Love ruins your life.« Andererseits sei er aber auch »very sad«, wenn er »not in love« sei. Eben schwierig, das mit den Gefühlen. Vor allem für die armen Männer. Das sagt zumindest die Kriminalstatistik: Fast jeden Tag versucht ein Partner oder Ex-Partner, eine Frau zu töten. Jeden dritten Tag gelingt das auch.

»Beziehungsdrama« oder »Mord aus Liebe« heißt es dann immer wieder in Funk und Fernsehen euphemistisch. Dort wo Frauen von frauenfeindlichen »Comedystars« wie Oliver Pocher regelmäßig erniedrigt werden. Lustig, oder? Wär’ seine Amira halt bei ihm geblieben nach der Traumhochzeit auf den Malediven und hätte nicht diesen verdammten Motivationstrainer von Tiktok gebumst! Wie tief Frauenhass in Medien und Gesellschaft verankert ist, lässt sich gut an der lästigsten Sackratte der gegenwärtigen Humorindustrie aufzeigen.

Seit 20 Jahren ist der Comedian Pocher im deutschsprachigen Raum dafür bekannt, Frauen zu beleidigen. Damit ist er kein Solitär in der internationalen Spaßwelt – erinnert sei hier beispielhaft nur an die ehemalige Praktikantin im Weißen Haus, Monica Lewinsky, die jahrelang jede nur erdenkliche misogyne Zote von Männern in Funformaten weltweit ertragen musste, während Bill Clinton, selbst als er irgendwann zugab, »Oralsex« mit der Praktikantin gehabt zu haben, als Sympathieträger aus der Staatsaffäre hervorging. Das ist jetzt über 25 Jahre her. Genug Zeit eigentlich, um frauenverachtende Witze von den Fließbändern der Gagfabriken zu verbannen. Schaut man sich alte Late-Night-Shows über »das Flittchen«, die »Blow-Job-Queen«, »die Schlampe« oder den »Homewrecker« (jemand, der Ehen »zerstört«) an, wirkt der absurd sexistische Müll tatsächlich wie aus einer anderen Zeit. Und genau dort ist Pocher hängengeblieben. Seit 20 Jahren demütigt das Backpfeifengesicht nicht nur berühmte Frauen wie Pop-Diva Mariah Carey in ihrer Anwesenheit, sondern bis heute immer wieder auch Zuschauerinnen. So nannte er Carey in der Herrenwitzparade »Gottschalk & Friends« im Jahr 2005 »Presswurst«, lästerte mit Günther Jauch über Dellen an Careys Beinen und empfahl einer »Wetten, dass...«-Zuschauerin live im Fernsehen, sich einer Schönheitsoperation zu unterziehen.

Dass die Zuschauerin ihn dafür verklagte und 6.000 Euro Schmerzensgeld bekam, war für Pocher jedoch kein Grund aufzuhören, Frauen in der Öffentlichkeit zu beleidigen und sich damit als Komiker zu profilieren. Schon gar nicht, wenn sie Exfreundinnen oder -frauen sind und Frauen mit internalisiertem Frauenhass genüsslich darüber lachen, wie andere Frauen abgewertet werden. Der »Stern« machte sich, wie viele Klatschmagazine, erst vergangenes Jahr die Mühe, diverse »Seitenhiebe« des »Trennungsfieslings« Pocher gegen zahlreiche Verflossene in einem Servicetext zusammenzutragen. So, als handle es sich bei Oliver Pocher um einen Lausbuben, der Mädchen die Zunge rausstreckt, und nicht um einen erwachsenen Mann, der seine narzisstischen Kränkungen nicht therapeutisch in den Griff bekommen hat und deshalb Frauen vor Publikum erniedrigen muss, um sein Ego zu restaurieren. Dabei funktioniert der Pochersche Exenwitz stets wie folgt: Nach der Beziehung verhöhnt Pocher die Körper oder Professionen der Ex-Partnerinnen, die ihm vor und während der Beziehung offenbar liebenswürdig erschienen. Schauspielerin Jessica Schwarz hätte »doch noch nie eine richtig große Rolle« gehabt, »mit der sie durchgestartet wäre«. Model Monica Meier-Ivancan hätte ihn auf dem Oktoberfest nicht gegrüßt, weil sie »vielleicht so zugebotoxt« gewesen sei, »dass sich ihre Lippen nicht mehr bewegen. Vielleicht hatte sie aber auch einen Schlaganfall oder kann nicht richtig reden.« It-Girl Alessandra Meyer-Wölden sei »zu jung zum Sterben, zu alt für Lothar Matthäus«. Über die Tennisspielerin Sabine Lisicki sagte er, dass er nicht wisse, »wie es ist, wenn man mit einer Spitzensportlerin zusammen ist«, und reagierte auf eine Ankündigung auf Social Media von ihr, dass sie sich von ihrem Trainer trenne, mit den Hashtags »Psychologen«, »SchuldSindNichtImmerDieAnderen« und »WenigerHashtagsMehrTraining«. Jede Attacke dieses kleinen Mannes schreit nach Anerkennung – vor allem, wenn Pocher für die jeweilige Frau längst zu einer Fußnote ihres Lebens geworden ist.

Doch Pocher hat sein Verhalten reflektiert: Jedes Mal, wenn er Frauen erniedrigt hat, gab es ein paar tausend Deutsche, die sich darüber die Sülze aus dem Wanst gelacht haben. Warum also nicht ein gesamtes Comedyprogramm auf der eigenen fragilen Männlichkeit aufbauen und damit durchs Land ziehen? Also hat Pocher seine verletzten Gefühle in ein Programm gegossen, es »Liebeskasper« genannt, um damit vorgeblich »seine Trennungen zu verarbeiten«. Integraler Bestandteil seiner Cringe-Festspiele: Ein einziger, als Gag verkleideter »Revenge Porn«, mit dem sich Pocher für sein gebrochenes Herz bei seiner vorerst letzten Exfrau Amira rächt. Für eine Nummer verkleidet sich Pocher sogar als der Mann, mit dem Amira in Pochers Phantasie »gebumst, gebumst, gebumst« haben soll, und persifliert den bekannten Motivationstrainer. Dazu kommen übergriffige Mitmachnummern, in die er Frauen aus dem Publikum verwickelt. Beim »SWR-Sommerfestival« im Mai in Stuttgart, bei dem auch Pocher live auftrat, wandte sich eine Frau nach der Veranstaltung an den SWR, weil sie nicht wollte, dass ausgestrahlt wird, wie Pocher sie fragt, ob sie schon mal »gebumst« hätte, sich im Verlauf des Events weiter über ihre angebliche Jungfräulichkeit lustig macht und sie dazu bringt, wahrheitsgetreu zu erzählen, wo und als was sie arbeitet. Da der SWR eh nicht vorhatte, Pochers Liveshow irgendwo auszustrahlen, hätte wohl kaum jemand außer Pocher-Fans irgend etwas vom Vorfall mitbekommen. Da Pocher aber so ein lustiges Kerlchen ist, hat er eigene Mitschnitte des SWR-Auftritts, die exakt die Szene mit der Frau zeigen, die nicht dabei gesehen werden wollte, wie Pocher ihr intime Fragen stellt, auf seiner Instagramseite verbreitet. Das bringt wahrscheinlich niemanden um. Solange Männer wie Pocher jedoch ausverkaufte Shows mit einem Programm aufführen können, in denen die Demütigung von Frauen im Mittelpunkt steht, kann es nicht wundern, wenn im vergangenen Jahr 155 Frauen »aus Liebe« getötet wurden.

Elena Wolf