HOFGESPRÄCHE

Kay Sokolowsky hört mit: Krisengespräch in der CSU-Zentrale

Charaktermasken

(CSU-Parteizentrale, Tagungszimmer. Eine Pressereferentin wühlt in Zeitungsausrissen und schüttelt den Kopf. Schwungvoll betritt Generalsekretär Markus Blume den Raum.)

Blume: Grüß Gott, guten Morgen, hallo und saludos!

Referentin: Guten Morgen, Chef.

Blume: Mei, was haben Sie denn? Sie sind ja bleich wie Kreide. Schlecht geschlafen?

Referentin: Eigentlich gar nicht geschlafen. Die Medien machen uns die Hölle heiß. (Sie klopft auf den Papierstapel.) Wo man hinschaut – »Maskenaffäre, Korruption, CSU« in den Überschriften. Als wären das Synonyme!

Blume (gleitet geschmeidig in einen Sessel): Syno-was? Kommen Sie, die Sonne scheint, die Vögel zwitschern, München leuchtet. Und Ihnen fällt nichts Besseres als schmutzige Worte ein?

Referentin: Aber das ist verheerend, eine Katastrophe für die Partei, der Super-GAU!

Blume: Sch-scht! Nun mal sachte. Sie sind ja außer sich.

Referentin: Regt Sie das alles gar nicht auf?

Blume: Ich bin die Ruhe selbst. Und warum? Weil in der Ruhe die Kraft liegt. Es ist, wie es ist, nicht wahr? Was ist denn überhaupt?

Referentin: Georg Nüßlein ist.

Blume: Nüßlein ... Nüßlein ... Hörnchen, gib Küsslein, dann kriegst du ein Nüsslein ... Drolliger Name! Nie gehört.

Referentin: Aber der sitzt für uns im Bundestag, ist sogar stellvertretender Vorsitzender der Unionsfraktion. Den kennen Sie nicht?

Blume: Die CSU-Landesgruppe hat fast 50 Leute in Berlin hocken, die kann ich ja nicht alle beim Namen kennen. Ich hab’ sowieso ein schlechtes Gedächtnis, also für Namen. Wenn unser lieber Doktor Söder nicht denselben Vornamen hätte wie ich, könnt’ ich mir nicht mal seinen merken.

Referentin: Jedenfalls ist Herr Nüßlein jetzt in allen Nachrichten, haben Sie das gar nicht mitbekommen?

Blume: Meine Liebe, Sie sind erst seit kurzem bei uns, und da können Sie nicht alles wissen. Aber Sie sollten bedenken, dass ein Generalsekretär keine Nachrichten liest, sondern macht. Und weil ihn das sehr viel Zeit kostet, hat er Pressereferenten. Die referieren für ihn die Presse.

Referentin: Das werde ich mir merken.

Blume: Nun gucken Sie nicht gleich so beleidigt. Jeder macht Fehler, sogar unser lieber Doktor Söder hat mal einen gemacht – er hat sich in Franken zur Welt bringen lassen. (Röhrt vor Lachen.) Gut, nicht? Den bring’ ich beim nächsten Parteitag. – Und was hat nun der Dings angestellt, der Nusswein?

Referentin: Nüßlein. Er hat einer Liechtensteiner Firma im vergangenen Frühjahr geholfen, medizinische Masken an bayerische Behörden zu verkaufen.

Blume: Na, ist doch prima! Hätten die ihre Masken verschenken sollen?

Referentin: Aber es sieht so aus, als hätte er dafür eine Provision kassiert. 660.000 Euro sollen’s gewesen sein.

Blume (pfeift durch die Zähne): Das nenn’ ich mal ein Schnäppchen. Was ein ausgeschamter Sauhund, der Nießrein!

Referentin: Nüßlein. Er bestreitet alles, aber die Staatsanwaltschaft hat beantragt, dass seine Immunität aufgehoben wird.

Blume: Dürfen diese kommunistischen Schergen das? Na ja, in Berlin ist alles anders. Wie sagt der Volksmund? Willst du Recht, lauf zu den Preußen, willst du Käs’, geh zu den Mäusen.

Referentin: Es ist allerdings die Münchener Staatsanwaltschaft, die den Antrag stellt.

Blume: Und wo kommen diese feinen Juristen her? Aus Berlin, möcht’ ich wetten, weil sie’s da nimmer aushalten. Aber passen die hierher mit ihren Stasi-Methoden? Dagegen ich, ich bin in München dahoam. Steht sogar in meinem Twitter-Profil!

Referentin: Apropos feine Juristen – der Alfred Sauter steckt auch mit drin.

Blume: Sauter? Muss man den kennen?

Referentin: Denke schon. Er war Justizminister unterm Stoiber, aber nur ein Jahr lang.

Blume: Doktor Stoiber, bittschön, soviel Zeit muss sein.

Referentin: Gewiss. Jedenfalls hatte Sauter seinerzeit beim LWS-Debakel –

Blume: Ah, ich erinnere mich, der »Schafsscheiß«!

Referentin: Es ging um fast 400 Millionen Euro Verlust, und Sauter soll –

Blume: Was haben denn diese uralten Geschichten mit dem Nassbein und seinen Masken zu schaffen?

Referentin: Nüßlein. Also, der Sauter hat den Liefervertrag aufgesetzt, will aber nicht verraten, wieviel er dafür kassiert hat.

Blume (zwinkert): Einen Freundschaftspreis, nehm’ ich an.

Referentin: Aber wie sieht das denn aus? Eine Seuche geht durchs Land, überall fehlt es an Schutzausrüstung, und die CSU bereichert sich?

Blume: Na, na, na, vorsichtig, junge Dame! Zwei Gestalten, die praktisch keiner kennt, dafür kann man doch nicht eine ganze Partei haftbar machen.

Referentin: Es kommen aber immer mehr Gestalten ans Licht. Frau Hohlmeier zum Beispiel, die Tochter von Franz Josef Strauß, hat der Tochter vom Gerold Tandler geholfen, eine Million FFP2-Masken an den Freistaat Bayern zu verkaufen.

Blume: Na und?

Referentin: Für 10 Euro 59 das Stück.

Blume: Qualität hat eben ihren Preis.

Referentin: Da liegt ja das Problem – die Masken taugen nix.

Blume: Dann war’s erst recht ein gutes Geschäft.

Referentin: Aber –

Blume: So, gut jetzt, kein Aber. Ich muss Ihnen mal was erklären. Wie Sie hoffentlich wissen, war ich mal Deutscher Jugendmeister im Eistanz.

Referentin (matt): Glückwunsch.

Blume: Danke. Seinerzeit hab’ ich was fürs Leben gelernt: Du darfst auf den Arsch fallen, aber nie jammern. Und so halten wir es auch in der CSU. Wir werden diese Deals verdammen und uns von den Spezln brutal distanzieren. Alle, die sich schlauer angestellt haben, unterschreiben irgendeinen Wisch. Ehrenerklärung oder so. Unsere Wähler freilich, die stört das alles nicht. Die sehen was ganz anderes. Die sehen, dass die CSU seit 75 Jahren täglich vorführt, was in ihrem Programm steht: Der Staat ist ein grottenschlechter Unternehmer. Sonst hätten Deppen wie der Schissklein doch nie einen Stich gesehen!

Referentin (noch matter): Soll ich das als unsere Stellungnahme publizieren?

Blume: Sehr witzig. Ich kann’s aber komischer. Schreiben Sie mit: »Es ist empörend, wenn Abgeordnete die Not zum Geschäft machen. Dies widerspricht den Werten der CSU fundamental.«

(Vorhang.)