Vor über 13 Jahren, im Herbst 2009, gab Abdullah Ibrahim ein Solokonzert in der Kölner Philharmonie. Es hörte sich nach Abschied an. Ibrahim hatte gerade seinen 75. Geburtstag gefeiert, hatte mehr als fünfzig Jahre Bühnenerfahrung hinter sich, ein bewegtes, aufgewühltes Leben – das Apartheidregime in seiner südafrikanischen Heimat zwang ihn lange Jahre ins Exil –, hatte sich künstlerisch immer wieder neu erfunden und war doch auch der musikalische Botschafter von Nelson Mandelas ANC, dessen inoffizielle Hymne, „Mannenberg“, er geschrieben hat.
Und da saß nun der alte Mann vor dem großen Flügel in dem noch größeren Saal der Philharmonie und spielte ganz sacht, introspektiv, hatte fast Scheu, das repetitive Klavierspiel, für das er in den sechziger Jahren erst in Europa, dann weltweit berühmt wurde, zu entfalten. Interaktion mit dem Publikum? Fehlanzeige. „Mannenberg“ spielte er auch nicht. So klingt einer, der mindestens seinen künstlerischen Weg beschließt – nicht im Rückblick auf die großen Erfolge, sondern im stillen und mit sparsamer Geste gestalteten Abschied.
Aber so kann man sich täuschen! Ibrahim spielt bis heute, tourt, nimmt auf und hat sich für sein neues Album noch einmal neu erfunden. Denn „3“ ist ein Doppelset: Zusammen mit dem Holzbläser Cleave Guyton und dem Bassisten Noah Jackson – der knappe Albumtitel bringt zum Ausdruck, dass sich die Musiker auf Augenhöhe begegnen –, spielte Ibrahim im Londoner Barbican Centre ein Set ohne Publikum, dann, am gleichen Tag aufgenommen, eins vor Zuhörerschaft. Allein im Saal spielen die Musiker nur für sich und verlieren sich fast in der Innenschau. Die musikalische Spannung kommt dadurch zustande, dass es eigentlich keine gibt und die Songs kurz davor stehen, auseinanderzufallen. Das tun sie aber nicht, sie runden sich zum gelungenen Abschluss und entwickeln aus ihrer Sparsamkeit, aus den skizzenhaft gesetzten Tönen wehmütige Melodien, die die drei aber nicht im Kitsch ruinieren. „Maraba“, das vom Ansatz her eine große, pathetische Ballade wäre, huscht in nur zweieinhalb Minuten vorbei. Ibrahim etabliert vorsichtig das Thema, da ist das Stück schon fast vorbei, Guyton greift es auf und spinnt es fort und Jackson sorgt für den minimalen rhythmischen Zusammenhalt. Das ist extrem simpel – es ist aber auch extrem diszipliniert, sich nicht in den Strudel der Gefühle hineinzusteigern, den diese Ballade eigentlich evoziert.
Vor Publikum läuft es anders, die Musiker sind zugewandter, Ibrahim hat Standards von Coltrane und Ellington im Programm, die er – wer kann das in 2023 eigentlich noch? – als seine Freunde bezeichnet. Tatsächlich kann ihr Einfluss auf seine Musik gar nicht hoch genug veranschlagt werden: Abdullah Ibrahim – oder Dollar Brand, wie er damals noch hieß – gehörte in den späten Fünfzigern zu den Pionieren des südafrikanischen Jazz, auch Township- oder Cape-Jazz genannt, weil er auf der Musik der Township-Bewohner basierte, also immer noch eine sehr zünftige und dynamische Tanzmusik war, mit fetzigen Bläsersätzen und einem zackigen, den Takt durchprügelnden Schlagzeug.
Von Coltrane lernte Ibrahim, das Repetitive dieser Songs in spirituelle Jazz-Höhen zu transzendieren, sie aufzuheben in exzessiven Improvisationen. Er öffnete sich dem freien Jazz, wobei die Grundlage seines Pianospiels immer noch herbe Perkussivität und die exzessive Wiederholung melodischer (Kürzest-)Themen waren. Allerdings bedeutet das Spiel mit der Wiederholung nicht länger eine Aufforderung zum Tanz, sondern fungiert als Sprungbrett zu Trance und Entrückung. Verwiesen sei auf sein Solo-Album „African Piano“ von 1969, das bis heute wild und ungezügelt und dabei kompakt und kraftvoll klingt. Es gilt als Ibrahims Meisterwerk, tatsächlich ist es nur eine Improv-Session, aufgenommen in einem Kopenhagener Jazz-Club auf einem ziemlich klapprigen, leiernden Klavier. So hat er also Abend für Abend gespielt, und die Zuhörer sahen sich mit einer kaum sublimierten Naturgewalt konfrontiert. Selten klang Free Jazz so euphorisch. Von Ellington lernte Ibrahim dagegen die Kunst des schimmernden, schillernden Arrangements, das Aufblühen der Stücke in den unterschiedlichsten Klangfarben. So gesellte sich zu dem Solo-Künstler der Bandleader großer Ensembles, mit denen er gleichermaßen souverän und elegant den Beginn des „African Space Program“, so der Titel seines anderen Meisterwerks (von 1974), verkündete.
Zurück zu „3“: Wenn Ibrahim sich hier direkt auf Ellington und Coltrane bezieht, indem er ihre Stücke spielt, rückt er ganz von seinem Werk ab. Er verzichtet auf Repetition, ein großes Ensemble – und auf Star-Allüren: Sind doch Jackson und Guyton gleichberechtigt in die Stücke einbezogen, so dass Ibrahim sich immer wieder auf die Rolle des zurückhaltenden Begleiters zurückzieht. Langsam nur tastet er sich an die jubilierenden, hymnenhaften Melodien des Township-Jazz heran, spielt sie einmal aus und verlässt die Dancehall wieder – Andeutungen, Echos, verhuschte Zitate, Erinnerungen, in denen er nicht schwelgen mag. That’s it. Es ist ein Bild aus großer Distanz, das er uns zeigt. Ibrahim stellt diese Distanz liebevoll und auch ein bisschen stolz aus – es war gut, was er in den letzten Jahrzehnten gespielt hat.
Vielmehr aber geht es ihm und seinen Kollegen darum, einen derart feinsinnigen Kammermusik-Jazz zu spielen, dass die unterschiedlichen Stimmungen, ausgelöst etwa durch ein ab- oder anwesendes Publikum, sofort hörbar sind, eine zarte, biegsame Musik, bei der Zurücknahme Fülle bedeutet. Alles ist präzise, alles klar. Wenn er auf seine Biografie blickt, tut Ibrahim dies vom Standpunkt der Gegenwart aus. Sie, und nicht das Schwelgen in Melancholie, ist das Medium dieses hellwachen Improvisators.

