Ich glaub’, wenn ich so zurückdenke, ich hab’ mein ganzes Leben lang gehungert«, sagt Lore Wolf. »Der Erste Weltkrieg – Hunger, dann die Revolution, dann die Inflation – wieder Hunger, dann die Arbeitslosigkeit – Hunger, dann Amerika – Hunger, dann Sowjetunion – Hunger. Die waren im Aufbau«, fügt sie entschuldigend hinzu. »Also, ich kann sagen: Hunger, Hunger, Hunger.«
Lore Wolf hat dem Bildhauer Clemens Strogalla 1988, während sie ihm in seinem Atelier Modell für eine Bronzeplastik saß, von ihrem Leben erzählt – mehr als neun Stunden Tonaufnahmen sind dabei entstanden. Aus diesem Material hat Carlo Hoffmann für Radio Corax und Radio Blau ein vierteiliges Hörstück montiert. Darin kommen neben Wolf selbst auch ihre Tochter Hannelore Steffens und ihre Enkelin Anja Bandas zu Wort, außerdem die Rote-Hilfe-Expertin Silke Makowski und die Historikerin Katharina Stengel vom Fritz-Bauer-Institut.
Das Feature rahmt und erklärt, was sich teilweise bereits aus Wolfs Erzählung erschließt. Das wirkt stellenweise übertrieben didaktisch. Aus diesen Fragmenten entsteht die Lebensgeschichte von Lore Wolf: eine von Not bestimmte Kindheit, frühe politische Prägung, die Entscheidung zum Widerstand gegen den Faschismus und ein Leben im Bewusstsein, dem Nazi-Terror entronnen zu sein.
Lore Wolf wird 1900 als Eleonore Winkler in einem Dorf bei Würzburg in eine Landarbeiterfamilie geboren. Als sie sechs ist, zieht die Familie nach Höchst bei Frankfurt am Main. Der Vater, überzeugter Sozialdemokrat, wird durch die gesundheitsschädliche Arbeit in der Farbenindustrie (»im Indigo«) früh invalide – und dennoch zum Kriegsdienst eingezogen. Lore und ihre Mutter werden dienstverpflichtet und arbeiten in einer Munitionsfabrik. Viele Frauen tragen Schwarz, weil ihre Männer gefallen sind, erinnert sich Wolf. Die Unfallrente für den Vater wird verweigert, die Familie schlägt sich mit Gelegenheitsarbeiten durch. Vor Schulbeginn ziehen die Kinder den schweren Verkaufskarren der Mutter. »Sie hat im Grunde nur Elend und Ausbeutung gesehen«, sagt die Enkelin.
Nach der Schule besucht Lore Abendkurse und wird Stenotypistin. Mit 15 tritt sie in die Gewerkschaft ein. Während der Novemberrevolution in Frankfurt ist sie »immer auf der Straße«, kämpft gegen den »Bluthund« Noske und ist bei einer Schießerei am Theaterplatz »mittendrin«. Bei den Naturfreunden und in der Sozialistischen Arbeiterjugend findet sie politische Bildung und Gemeinschaft, diskutiert über Lohnkämpfe und Revolution, liest Bebels Die Frau und der Sozialismus. »Wenn wir das nicht gehabt hätten, ich weiß nicht, ob ich da so mein Leben eingesetzt hätte, wenn ich nicht politisch gewusst hätte, das muss sein«, sagt sie rückblickend.
1923 heiratet sie Hans Wolf, 1925 wird die Tochter Hannelore geboren. Ein Bruder von Hans lebt in den USA, schickt seit Jahren schwärmerische Briefe. Auf der Suche nach Arbeit wandert die Familie 1929 in die USA aus – und gerät unmittelbar in die Weltwirtschaftskrise. »In Amerika ging alles wieder los, wir wollten entfleuchen und sind reingedappt«, erinnert sich Lore. Bei Ford in Detroit werden Facharbeiter angeworben, die beim Aufbau eines Automobilwerks in der Sowjetunion helfen sollen. Im Februar 1932 verlässt die Familie die USA Richtung Nischni Nowgorod, wo das Werk bereits aufgebaut ist, die ersten Pkw vom Band rollen. Wolf erinnert sich an Ausflüge in die Oka-Berge, wo sie mit sowjetischen Soldaten um die Wette Ski läuft, an eine Bäuerin, die ihnen lauwarme Milch direkt von der Kuh gibt. »Das sind so Dinge, die man nicht vergisst«, schwärmt sie. »Da können wir noch viel lernen von den Menschen dort.«
Aber die sowjetische Politik sieht sie zunehmend kritisch. »Sie waren im Aufbau mit der Schwerindustrie, die Menschen haben da nichts gezählt«, sagt sie rückblickend. Stalin sei »wie ein Gott genommen worden – das war ein Fehler«. Im Interview kritisiert sie die Herrschaft Stalins deutlich, den Terror der Partei, die vielen Hinrichtungen. Öffentliche Kritik an der Sowjetunion aber würde, ist Wolf überzeugt, dem Antikommunismus in die Hände spielen. Das Feature zitiert die politische Theoretikerin Bini Adamczak (Gestern Morgen. Über die Einsamkeit kommunistischer Gespenster und die Rekonstruktion der Zukunft, 2007), die diese Haltung als typisch für viele Kommunisten im Umgang mit der eigenen Vergangenheit beschreibt.
Wäre sie 1933 noch länger geblieben, wäre sie vermutlich auch in Stalins Hände geraten, sagt Lore Wolf. Aber die Nachrichten aus Deutschland werden immer bedrohlicher: Verhaftungswellen, Gewalt, Konzentrationslager. Wolf liegt nachts wach, sie will ihre Eltern sehen. Am 16. April 1933 kehrt die Familie nach Frankfurt zurück – dort wartet bereits die Gestapo. Ihre Papiere werden eingezogen, eine Rückkehr in die Sowjetunion ist nicht möglich. Wolf erlebt die Bücherverbrennung auf dem Römerberg, tritt der bereits illegalen KPD bei und schließt sich dem Widerstand an. In der Roten Hilfe organisiert sie Unterstützung für politische Gefangene und deren Familien, verfasst Flugblätter und Aufklärungsschriften.
Carlo Hoffmann spricht im Rote-Hilfe-Haus in Göttingen, wo sich auch das Hans-Litten-Archiv befindet, mit Silke Makowski, Expertin für die Geschichte der Roten Hilfe. Der Widerstand in Frankfurt beschränkte sich nicht auf Kommunisten, sagt Makowski. An der Basis arbeitete man mit Sozialdemokraten zusammen. Wolf selbst kam aus diesem Milieu und konnte dadurch als Integrationsfigur wirken. Über den ehemaligen Pfarrer Erwin Eckert gab es zudem Kontakte in oppositionelle christliche Kreise.
Frauen, so betont Silke Makowski, waren in der Widerstandsarbeit der Roten Hilfe sehr wichtig, schon vor 1933. Weil sie vor allem praktische Hilfe leisteten, galten sie als unpolitisch und wurden seltener verfolgt. Ein Rundschreiben der Roten Hilfe fordert, »sämtliche Vorurteile zu überwinden und die Frauen in alle Bereiche der Arbeit einzubinden«. Lore Wolf, die in die Bezirksleitung Hessen/Frankfurt, die zweitoberste Führungsebene, aufsteigt, mietet für die illegale Tätigkeit ausgerechnet bei einem SS-Mann Büroräume an: »Ein Gestapoposten stand immer vor dem Schaufenster.«
1934 fliegt die Gruppe durch Verrat auf. Es kommt zu einer Verhaftungswelle, auch ihr Mann wird festgenommen. Lore Wolf selbst gelingt die Flucht nach Frankreich. Im Juni 1935 sitzt sie in Paris im Festsaal des Schriftstellerkongresses im »Maison de la Mutualité«. »Es war toll«, erinnert sie sich. Angesichts des faschistischen Terrors hätten die Zeichen auf Volksfrontpolitik gestanden, kommentiert Hoffmann ihre Begeisterung. Lore lernt Anna Seghers kennen. Teile von Wolfs Berichten fließen später in den Roman Das siebte Kreuz ein. Eine geplante Danksagung unterlässt Seghers, um Wolf nicht zu gefährden. 1936 wird Lore Wolf in die Schweiz beordert, danach nach Forbach in Lothringen, von wo aus sie mit Hilfe deutscher Bergarbeiter, die in Frankreich arbeiten, Geld ins faschistische Deutschland schmuggelt. »Sie waren sehr solidarisch«, sagt Wolf.
Einige Monate später muss Lore wieder nach Paris, wo ihre Tochter schon auf sie wartet. Lore und Hannelore hungern oft. Sie erinnert sich an Singvögel, eine Delikatesse, die die Pariser Genossen für sie auftischten. Vertrauteres Essen gibt es bei ihrer Freundin Anna Seghers: Kartoffelpuffer mit Quark. »Wie die uns geschmeckt haben … Da haben wir reingehauen, konnten wir uns mal so richtig satt essen.«
Die politische Arbeit hat Folgen für die Familie. Die Tochter wird, um sie zu schützen, bei Bekannten an wechselnden Orten untergebracht: »Hannele, du musst tapfer sein!« Lore Wolf erzählt: »Das Kind stand immer in Angst, hat kein Zutrauen zu Menschen mehr gehabt – kannst dir ja vorstellen, was das für ihr ganzes Leben bedeutet hat.« Anja Bandas sagt: »Meine Oma hat agiert, meine Mutter hat immer nur reagieren müssen.« Sie fügt hinzu: »Meine Oma war solides Bauerngeschlecht«, die Mutter dagegen »ein sehr künstlerischer Typ, musisch, eher zart besaitet«. Hannelore Steffens sprach selten öffentlich über diese Zeit. In der einzigen existierenden Rundfunkaufnahme von 1979 erzählt sie von einer herzzerreißenden Abschiedsszene: »Die Mutter war nie da.«
Im August 1940 wird Lore Wolf in Paris verraten und verhaftet. 1941 steht sie vor dem Volksgerichtshof in Berlin, rechnet mit dem Todesurteil. Während des gesamten, siebenstündigen Prozesses bleibt sie stehen, um zu zeigen, »dass eine Frau keine Angst vor ihnen hat«. Sie wird zu zwölf Jahren Zuchthaus verurteilt.
Auch in der Haft bleibt sie widerständig und erzwingt sich Freiräume. Zum Beispiel den Ausgang zu einem Gottesdienst, wo sie den ganzen Abendmahlbecher leert: »Der Wein hat mir gut getan.« Anja Bandas sagt: »Sie hatte immer sehr viel Energie«, und sie setzte sich für andere ein. »Wir nannten sie Feuerbrand, andere sagten: der weiße Rabe des Kommunismus.«
Lore Wolf war überzeugt: »Man muss nach dem Guten im Menschen suchen, das sich voll entfalten wird, wenn menschenfreundliche Verhältnisse herrschen.« Sie habe sogar in der Haft »gute Beamte« erlebt.
Gegen Kriegsende wird Lore Wolf vom Zuchthaus Ziegenhain aus auf den Todesmarsch Richtung Norden geschickt. Sie überlebt, am 3. Mai 1945 ist sie frei. Sie arbeitet in der Frankfurter Stadtverwaltung, betreut politisch, rassisch und religiös Verfolgte und beteiligt sich an der Gründung der Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes (VVN). Der Anspruch eines antifaschistischen Neubeginns scheitert schnell am Antikommunismus der frühen Bundesrepublik, so Katharina Stengel, die zur Frühgeschichte der Organisation forscht. Als Lore Wolf dem SPD-Parteivorsitzenden Kurt Schumacher vorgestellt wird, würdigt er sie keines Blickes. 1948 erklärt die Sozialdemokratie die Mitgliedschaft in der VVN für unvereinbar, Landesverbände und Gedenkfeiern in Frankfurt werden verboten.
Wolf geht 1950 mit ihrem Mann in die DDR nach Dresden. Dort soll sie sich an Agitationskampagnen beteiligen, was sie ablehnt. Von einer Konferenz im Saarland kehrt sie nicht zurück und zieht zu ihrer Tochter. Hans Wolf bleibt in der DDR.
Lore Wolf ist weiterhin politisch aktiv, auch nach dem Verbot der KPD, und engagiert sich bis ins hohe Alter. Noch mit 85 Jahren organisiert sie eine Mahnwache für Günther Sare, der bei einer Demonstration gegen die NPD von einem Wasserwerfer der Polizei überfahren wurde und an den Verletzungen starb.
Sie sagt: »Ich war ein zufriedener Mensch, trotz allem, allem, allem.«
»Lore Wolf. Eine Antifaschistin erzählt«. Vierteiliges Radiofeature von Carlo Hoffmann (radiocorax.de/
lore-wolf-eine-antifaschistin-erzaehlt)
Autobiografische Veröffentlichungen von Lore Wolf: Ein Leben ist viel zu wenig (Frankfurt a. M. 1974), Ich habe das Leben lieb. Tagebuchblätter aus dem Zuchthaus Ziegenhain 1943–45 (Dortmund 1983)
Sabine Lueken schrieb in konkret 4/26 über die Staatskultur in der »Zeitenwende«

