27.03. 2026

Ausgabe: 04/2026

Paris Murder Mystery

Wieland Schwanebeck über »Paris Murder Mystery« von Rebecca Zlotowski

Es gehört sich ja nicht, bei Filmkritiken groß auf dem Alter der Beteiligten – zumal der Hauptdarstellerinnen – herumzureiten. Aber zumindest darf man zur Kenntnis nehmen, dass sich die Premiere von Martin Scorseses »Taxi Driver« (1976) gerade zum 50. Mal gejährt hat. Folglich trägt auch die dort in der Rolle einer minderjährigen Prostituierten auftretende Jodie Foster schon ein halbes Jahrhundert Kinogeschichte mit sich herum. Das bedeutet nicht, dass sie für ihren jeweils aktuellen Job viel zu (bitte hier ein misogynes Attribut eigener Wahl einsetzen) ist, aber gewisse Echoeffekte werden unausweichlich. Jede neue Rolle stellt unwillkürlich Rückbezüge zu den älteren her, wird zur Bestätigung oder Negation vergangener Auftritte wie dem als isolierte »Nell« (1994), als resolute Gaslighting-Passagierin in »Flightplan« (2005) oder als Desperate-Reformhaus-Wife in »Der Gott des Gemetzels« (2011).

Rebecca Zlotowskis sechster Spielfilm verwickelt uns permanent in solche Erinnerungsschleifen, denn er scheint komplett um das Repertoire seiner mehrfach preisgekrönten Hauptdarstellerin strukturiert worden zu sein. An Jodie Foster, die in jeder Szene des Films zu sehen ist, stellt die Rolle der griesgrämigen Psychotherapeutin Lilian Steiner zwar keine außergewöhnlichen Ansprüche (auch wenn sie im französischen Original ihre vom Kino selten abgerufene Bilingualität beweist), aber sie ist trotzdem ein Geschenk an alle, die Fosters Kunst bewundern und Lust auf ein kleines Wiedersehen mit Agentin Starling (»Das Schweigen der Lämmer«, 1991), Dr. Arroway (»Contact«, 1997) oder Problemlöserin Madeleine White (»Inside Man«, 2006) verspüren.

Damit lohnt sich »Paris Murder Mystery« schon allein als vorgezogene Lebenswerk-Montage und könnte allen Redakteuren Arbeit ersparen, die für Fosters demnächst anstehende Lebenswerkpreise das Best-of-Reel zusammenstellen müssen. In ihrer Hauptrolle als Schimanski mit Schuldkomplex darf sie hadern, zweifeln, saufen und rauchen, fummeln und grummeln, rennen und flennen. Die kaum zu stillenden Tränen um eine verstorbene Patientin sind es auch, die in der verschlossenen Lilian detektivischen Ehrgeiz wecken. »Ich sehe dich zum ersten Mal weinen«, staunt ihr herzensguter Ex-Mann (Daniel Auteuil). »Steht dir gut!«

Nach dem vermeintlichen Selbstmord von Paula (Virginie Efra) wittert die freudlose Freudianerin, in deren schmucker Altbau-Praxis zwar viel auf der Couch gejammert, aber nur wenig therapiert wird, ein Mordkomplott. War es wirklich Suizid? Was haben die schwangere Tochter der Toten und der cholerische Witwer zu verbergen? Welche Rolle spielt die kurz zuvor ums Leben gekommene Erbtante, und welche Hinweise fördert wohl die geheimnisvolle Hypnotiseurin aus dem Unbewussten zutage? Die Antworten auf diese Fragen, soviel sei vorweggenommen, dürften nicht unbedingt jene befriedigen, die mit Rebecca Zlotowskis Film vor allem die Wartezeit bis zum nächsten Fall für Benoit Blanc verkürzen wollen. Der Verleih tut dem herbstlich kühlen Film auch keinen großen Gefallen, indem er ihm mit dem Titel »Paris Murder Mystery« ein unpassendes Kostüm überwirft, damit er als Angebot der Woche auf dem Schmunzelkrimi-Grabbeltisch durchgeht.

»Vie privée« (so der Originaltitel) will gar kein vorgezogener Reboot des Oma-will’s-genauer-wissen-Formats »Mord ist ihr Hobby« sein (dessen Neuaufguss mit Jamie Lee Curtis nächstes Jahr ins Kino kommen soll), sondern interessiert sich mehr für die Seelenpein einer Seelenklempnerin. Die spröde Protagonistin vertieft sich zwar wie alle Hobby-Spürnasen in Reifenspuren, mysteriöse Postsendungen und gefälschte Rezepte, doch in der Hauptsache geht es um die Bewährung einer schwer ins Herz zu schließenden Heldin, die beim Familiengeburtstag lieber den eigenen sapphisch aufgeladenen Nazi-Reinkarnationstraum ausdeutet, statt mal ihr Enkelkind im Arm zu wiegen.

Wie schon bei der jüngsten Staffel der Fernsehserie »True Detective« (2024), in der Foster als Chefermittlerin auf ihre Untergebenen noch kälter ausstrahlte als das arktische Setting, gelingt es der großartigen Hauptdarstellerin trotzdem, von den Zuschauern ins Herz geschlossen zu werden. Wie sollte man sich auch einer Heldin verweigern, deren erstes Wort im Film »Scheiße!« lautet, die vor der urlaubsbedingt geschlossenen Tür einer möglichen Zeugin beherzt »Fuck the French!« flucht und die auf den moralischen Einwand, sie könne nicht einfach so den Müll des Hauptverdächtigen nach Hinweisen durchsuchen, bloß entgegnet, das sei als Therapeutin schließlich ihre Aufgabe.

Liebhaber frankophiler Psychospielchen, die in ihrem Leben eine große Leere, pardon: sehr viel ennui verspüren, seitdem es keine jährliche Verabredung zum neuen Claude-Chabrol-Film mehr gibt, werden also in »Paris Murder Mystery« ordentlich bedient. Rotweinflaschen werden entkorkt, in formidablen Bücherregalen stehen dekorative Derrida-Ausgaben herum, zwei geschiedene Eltern erklären dem therapiebedürftigen Sohn mit sachlichen Argumenten, dass sie die Kontrolle über ihre Sexualität zurückerobern möchten, und im Score erinnern uns die Talking Heads daran, dass sich die Frage »Psycho killer, qu’est-ce que c’est?« schon immer am besten auf Französisch stellen ließ.

In dieser Sprache klingen auch die unbequemen Wahrheiten, auf die Lilian stößt, ein wenig bekömmlicher. Es endet dann trotzdem ganz hoffnungsvoll. Französisch eben – sogar der Tod (la mort) hört sich hier ein bisschen nach l’amour an.

Regie: Rebecca Zlotowski; mit Jodie Foster, Daniel Auteuil, Mathieu Amalric, Virginie Efra; Frankreich 2025, 103 Minuten, ab 16. April im Kino