Am 25. Dezember fielen Bomben auf mutmaßliche Camps von Kombattanten, aber zum Teil auch auf Wohngebiete im Bundesstaat Sokoto im Nordwesten Nigerias. „Ich wünsche allen frohe Weihnachten, auch den toten Terroristen!“ schrieb US-Präsident Donald Trump dabei in einer Anwandlung, die er wohl für geistreich hielt, auf seinem KurznachrichtendienstTruth Social.
Die Zahl der dabei Getöteten ist unbekannt. Ebenso unbekannt ist der eigentliche Sinn der Militäraktion der US-Streitkräfte, die um einige Tage dem Kidnapping des venezolanischen Staatspräsidenten sowie den martialischen Gesten Trumps in Richtung des iranischen Regimes vorausging.
Vordergründig ist die Sache, was die Bombenabwürfe im nördlichen Nigeria betrifft, von großer Klarheit. Ging es doch darum, einen „Genozid an den Christen“, begangen von radikalen Muslimen, nämlich von Anhängern des regionalen IS-Ablegers Islamischer Staat in der Provinz Westafrika zu verhindern oder zu beenden.
Diese Sicht, der zufolge Islamisten die Täter und Christen die Opfer seien, denen es sofort in den Arm zu fallen gelte, ist in der US-Politik mit ihrem Gut-Böse-Schema und vor allem in den einflussreichen evangelikalen Kreisen Nordamerikas verbreitet. Nur hat sie mit der Realität wenig zu tun.
Es stimmt zwar, dass bei den brutal ausgetragenen Konflikten im gesamten Norden Nigerias seit 2009 mehrere Zehntausend Menschen getötet, zum Teil regelrecht abgeschlachtet, und viele weitere verschleppt wurden. Auch trifft es zu, dass bei diesen Auseinandersetzungen jihadistische Gruppen mitmischen, Mitglieder rekrutieren und An- und Übergriffe begehen. Die Mehrheit der bewaffneten Organisationen im Kontext eines allgemeinen Überlebenskampfs um knappe und knapper werdende Ressourcen bilden allerdings kriminelle Banden.
Und obwohl sich auch Christen und Christinnen, die in Nordnigeria anders als im Süden des Landes in der Minderheit sind, unter den Opfern befinden, sind die meisten Getöteten Muslime. Die Konfliktbeobachtungsstelle Armed Conflict Location and Event Data beziffert die Zahl der seit 2020 bei bewaffneten Angriffen und Auseinandersetzungen Getöteten im nördlichen Nigeria auf über 50.000 (darunter 9.000 im Jahr 2025), unter ihnen insgesamt 7.000 christliche Opfer.
Das ist nicht die einzige Ungereimtheit in dem Statement des Weißen Hauses. Hätten die Bombardierungen die lokale Variante des IS treffen sollen, hätte die US-Luftwaffe nicht in Sokoto, sondern in Borno, der Hochburg des Islamic State – West Africa Province (ISWAP), angreifen müssen, also nicht im Nordwesten, sondern im äußersten Nordosten Nigerias, in der Nähe des Tschadsees.
Dort übernimmt der ISWAP mittlerweile die Rolle, die vor circa fünfzehn Jahren einer anderen jihadistischen Organisation zukam, nämlich Boko Haram, deren früherer Anführer Abubakar Shekau 2021 durch IS-Kämpfer umgebracht wurde. Ironischerweise versucht der IS nun, in die Rolle der moderaten, ihre Gewalt auf strategische Ziele kanalisierenden und Zivilisten verschonenden Islamistenorganisation zu schlüpfen – jedenfalls verglichen mit Boko Haram. In Nigeria versucht der ISWAP, die Gewalt eher auf den Kampf gegen Staatsorgane zu konzentrieren und die allzu ausufernde Ausplünderung der Zivilbevölkerung und die systematische Beschlagnahmung von Ernten durch Boko Haram zu kritisieren.
Im Nordwesten Nigerias hat allerdings weder Boko Haram noch der ISWAP viel zu melden. Dort ist, neben kriminellen Banden und marodierenden Nomadengruppen – die ihr bewaffnetes Treiben politisch eher dürftig legitimieren -, eine andere jihadistische Organisation aktiv, Lakurawa, die aber nur rund 200 bewaffnete Kombattanten besitzen soll.
Die in Australien erscheinende populärwissenschaftliche Publikation „The Conversation“ erklärte treffend, die US-Militärangriffe Ende 2025 wären „kontraproduktiv“, wenn ihr Ziel gewesen wäre, jihadistische Aktivitäten einzudämmen. Im Ergebnis hätten die Bombenangriffe, indem sie vermeintliche Machtlosigkeit der staatlichen Strukturen in Nigeria unterstrichen und im Gegenzug die, die man zu bekämpfen vorgibt, gestärkt.
Bernhard Schmid schrieb in konkret 7/25 über das Bemühen der Exkolonien Frankreichs, sich aus neokolonialen Abhängigkeiten zu befreien

