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28.08. 2026

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»Entschuldigung, es ging nicht anders«

Seit 50 Jahren mischt Punk nicht nur die populäre Musik, sondern die Gesellschaft insgesamt auf und hält sich so zäh wie die Verhältnisse, gegen die er antritt. Gedanken (und ein Geständnis) zum Jubiläum von Benjamin Moldenhauer

Ein halbes Jahrhundert im Namen der Devianz und des schillernden, unerschöpflichen Dilettantismus. Vor 50 Jahren, circa, sprang Punk – Musik, Mode, Habitus – in die verwaltete Welt. Ein Geschenk, das nicht aufhört zu geben, lebensrettend für viele, die in der Gesellschaft, die die jeweilige Vorgängergeneration gestaltet und zugerichtet hat, nicht klarkommen oder nicht klarkommen wollen; in den meisten Fällen ging und geht es wohl tatsächlich nicht. Geschichten des Punk sind viele geschrieben worden. Die frühen Jahre am Ursprungsort (England’s Dreaming von Jon Savage, 1991); das US-Pendant, das eigentlich zeitgleich oder auch, mit den Stooges im Ohr, schon früher begonnen hatte (Please Kill Me von Gillian McCain und Legs McNeil, 1996); eine kleine Punkgeschichte des viel zu früh verstorbenen konkret-Autors Martin Büsser (If the Kids are united, 1995), die vor allem auf im engeren Sinne Politisches abhebt; Vivien Goldmans Die Rache der She-Punks (2019), in dem sie daran erinnert, wie viele zentrale Figuren im Punk Frauen sind; Greil Marcus‘ gelehrte, kunsthistorische Verknüpfung von Punk und anderen Avantgarden, vor allem mit Dada und dem Situationismus, in Lipstick Traces (1989).

Man kann das alles lesen, wenn man verstehen möchte (oder auch, als Mensch, der, seit diese Musik ihn durch das Höllental der Adoleszenz begleitet hat, sich erinnern will), was für ein Geschenk es ist, das die Popkultur der Welt hier gemacht hat. Zunächst das Musikalische. Was ist gerade los, nach einem halben Jahrhundert? Das selbsterklärte Ende der Toten Hosen (ich wette auf drei, maximal fünf Jahre bis zur Reunion) und insbesondere das letzte Album »von Kuddel und Muddel« und »dem provobourgeoisen Banddiktator Campino« (Rebecca Spilker), das den tristen Titel »Trink aus, wir müssen gehen« trägt, ruft noch einmal in aller Hässlichkeit wach, was für ein Elend Punkrock in Deutschland eigentlich war und ist. Punk ist schnell, intellektuell wach, will experimentieren und nicht dominieren, sondern dem Beharrlichen und Konservativen auf den blanken Nerven rumtrampeln. Punk ist also Anti-Rock.

Dass die berühmteste Punkband Deutschlands eine politisch liberale, musikalisch todlangweilige Grölrockband ist, ist kein Zufall. Schorsch Kamerun von den Goldenen Zitronen diagnostizierte für Deutschland eine »Verbierzeltung« des Punk, die bis zu Feine Sahne Fischfilet reicht. In meinen Begriffen ist das der kommerzielle Sieg des Punkrock über den Punk. Letzterer aber hat immer triumphiert, im Kleinen. Denn das Schönste findet sich an den Rändern.

Das Durchpflügen der Archive läuft spätestens seit den nuller Jahren. Die befürchtete Musealisierung ist allerdings ausgeblieben. Das Alte ist mit dem Neuen eng verbunden, der Impuls bleibt immer der gleiche. Greil Marcus spricht von einer Geste des Nein. Die Idee: Unter der offiziellen Kulturgeschichte verläuft eine »geheime« Geschichte der Verweigerung. Die bestehende gesellschaftliche Ordnung wird nicht kritisiert, während man weiter in ihr lebt (als Dozent über die Geschichte der Popkultur beispielsweise), sondern performativ außer Kraft gesetzt. Man lebt (beziehungsweise tut so), als hätten die Regeln und Zwänge keine Macht mehr. Die britische Band Television Personalities mokierte sich schon 1978 über »Part Time Punks«, die unter der Woche wüste Musik hören, am Samstag auf ein Konzert gehen, sonst aber in den Bahnen bleiben: »They play their records very loud / They pogo in their bedroom / In front of the mirror / But only when their mum’s gone out.«

Diese Geste des Nein fand ihren Niederschlag im Punk vor allem im Symbolischen, in der Musik. Aber der Impuls kommt aus dieser Idee und dem starken Wunsch nach Totalausstieg und Rundumverweigerung. Dass das nie ganz gelingen kann, liegt in der Natur der Sache beziehungsweise des gesellschaftlichen Zusammenhangs. Aber der Impuls war trotzdem für viele lebensverändernd, manchmal auch lebensrettend, und ein reales Glücksversprechen.

Das Nein in der Musik: Gerade wurde eine Werkschau der Band Korpus Kristi veröffentlicht, die in den Jahren 1980 bis 1981 wirkte. Das Stück »Stadt der blauen Eier« enthält alles, womit es dann in alle Richtungen weitergehen konnte, »ein grandioses Ding« (Hans Nieswandt). Der Text geht so: »Alles voller Scheiße / Überall Polizei / Überall Langeweile.«
Heute wäre das Szenario natürlich ein anderes, aber nur graduell. Hundescheiße wird gewissenhaft von den Bürgersteigen entfernt, die Polizei aber ist noch präsenter geworden und die Langeweile eine andere; Reizüberflutung und Brainfog sind aktuell eher das Problem.

Wichtig an dieser Stelle jedenfalls ist, wie sich hier ganz einfache, klare Ansagen – »alles Scheiße« und schreien, dass man das nicht will – mit Experimentierfreude verbinden und sich Bahn brechen. Hans Nieswandt beschreibt das vorliegende musikalische Material in seinem Beitrag zur jüngst im Ventil-Verlag erschienenen Anthologie Angriff aufs Schlaraffenland, die Texte zu circa 200 Punksongs versammelt, wie folgt: »Der Eier-Beat ist ein klassischer Motorik-Beat der Neu!-/Klaus-Dinger-Schule. Der Bass spielt dazu exakt eine einzige Note, monotonhypnotisch werden die Achtel damit durchgerupft. Die Gitarre rifft nicht, sondern schreddert und splittert irgendwelchen schmerzhaften, atonalen Lärm.« So weit, so toll, und dann noch dies: »Das ist alles für sich genommen schon ganz schön packend und ausgesprochen unlangweilig, wird aber plötzlich auf das nächste Level gehoben durch die für in diesem Kontext völlig unvorhersehbaren und irren Dub-Delays, die Produzent Dokoupil gezielt und punktuell einsetzt, damit psychedelische Highlights setzt und einen Gesamtsound kreiert, wie ihn damals sonst niemand hingestellt hat.«

Damit kann »Die Stadt der blauen Eier« hier exemplarisch für das stehen, was das Geschenk ausmacht, das Punk an die Musik war und ist, und das in sich stets wandelnden Formen bis heute: In einem traditionellen Sinne wenig können zu müssen und aus dem eigenen desolaten Sosein heraus was Neues, manchmal tatsächlich Nie-Gehörtes, auf jeden Fall aber Hochenergetisches in die Welt zu werfen.

Von 1980 nach 2026: Die Band Deutsche Laichen erlöst zurzeit den deutschsprachigen Punk von seiner doch ausgeprägten Pimmelhaftigkeit. Das Album »Punk ist scheiße, Punk ist geil« klingt so eigensinnig, weil die Gitarren immer in leichter Schräglage hängen, Sonic-Youth-artig. Nicht konzeptuell verstimmt, sondern weil man im Jugendzentrum halt so spielen gelernt hat, weitgehend autodidaktisch. Noch etwas, das sich verallgemeinern lässt: Die martialische Ansage, die aber nicht aus etwas Monumentalem kommt, sondern die Rache der Gerechten ankündigt. Die Geste des Nein hier: »Ein Riss kommt selten allein / Alles, was steht / reißen wir ein.«

Auch schön, wie die Stimme sich immer wieder im Schreien überschlägt, aber nur genau so weit, wie sie soll. Dieser Überschlag zieht sich durch die Geschichte der adoleszenten Rüpelmusik, angefangen bei John Lydon (Künstlername: Johnny Rotten) und hierzulande bei Rio Reiser. Im Gesang von Deutsche Laichen hört man das immer wieder heraus: Dringlichkeit, die anders funktioniert als im Rock, kein Geknödel oder Geröhre, sondern ein Schrei. »Hältst du das aus / oder findest du da raus?« fragen Deutsche Laichen, und wenn es die Band schon vor dreißig Jahren gegeben hätte, sie hätte mir bestimmt bei beidem geholfen.

Deutsche Laichen sind Punk. Korpus Kristi kamen aus Limburg an der Lahn und waren schon Postpunk. Wenn Punk die Möglichkeit gibt, mit wenigen spielerischen Mitteln zu einer großen Intensität zu kommen, ist Punkrock die Erstarrung dieses Impulses in einer immer gleichen, deswegen langweiligen Form. Postpunk war die Aufnahme des Impulses des Nein, um ihn dann in alle Richtungen, pophistorischen Stränge und in die Zukunft ausgreifen zu lassen. Also Punk, dem das musikalisch Konservative ausgetrieben worden ist. Das ging schon früh los, eigentlich gleich nach den Sex Pistols. Insofern ist Postpunk der eigentliche Punk, aber das sind ja auch nur Begriffe.

Jedenfalls ist Postpunk kein Genre, sondern eine Herangehensweise, die den Impuls des Nein mitnimmt, aber nicht in der Negativität verharrt, sondern über die Musik auf eine bessere (weil schillernde, interessantere und auch lustvollere) Zukunft verweist. Die Noisedub-Exkursionen von Korpus Kristi gehören dazu. Ich weiß nicht, ob die stilbildende britische Postpunkband The Pop Group damals in Limburg an der Lahn bekannt war. Aber es gibt Verbindungen, zum Beispiel im Willen, Gefälligkeit zu verweigern und alles auszuprobieren.

Diese Verbindung aus Nicht-Professionalität und oft aus der Not geborener Experimentierfreude ist das, was seit 50 Jahren weiterströmt, während das, was im Punk von Anfang an potentiell langweilig war – das ausdauernd Wiederholte, der Stumpfrhythmus –, heute als Punkrock Abschiedstourneestadien füllt.
Das begann in England mit The Pop Group und mit P.I.L., der zweiten Band des Sex-Pistols-Sängers John Lydon. Dub war damals immens wichtig zur Öffnung der musikalischen Kanäle. Hierzulande begann der Postpunk unter anderem mit der Düsseldorfer Band S.Y.P.H. Zwei der experimentelleren Alben der Band, die in der Szene um den Ratinger Hof aktiv war, sind im letzten Jahr wiederveröffentlicht worden. Auf »Pst« (1980) dominiert noch die Songform, wenngleich sie mit forciertem, kunstvollem Dilettantismus ins Windschiefe gesetzt wird. Das können bewusst schlecht gespielte Gitarrensoli sein, die sich über das ganze Stück ziehen, schräge Ooooh-Ooooh-Gesänge, ein Basslauf oder ein Riff, die einen halben Schlag hinter dem Schlagzeug rumeiern. Aber angezählt wird hier noch mit »Eins, zwo, drei, vier!«

Das ist auf dem mit dem Namen der Band betitelten vierten Album von 1981 dann anders. Die zwei 18 Minuten langen Stücke »Der Nachbar (lange Version)« und »Little Nemo« sind verpilztes Schlieren. Mit dieser Platte haben S.Y.P.H. vielleicht keine unhörbare Musik produziert, aber doch eine, der es komplett egal ist, ob jemand zuhört oder nicht. Aus dem Nein erwuchs hier ein Paralleluniversum unbekannter Ordnung: Postpunk in seiner verspultesten Form.

Ein weiterer Strang, der sich durch die Geschichte des Punk zieht, ist der politisch aufgekratzte Protestsong. Das Nein heftete sich hier an Instanzen wie Polizei, Militär, Berufspolitiker. Das hatte bestimmt auch hin und wieder einen Stellvertretercharakter, den die Goldenen Zitronen in einem Song mit entwaffnender Ehrlichkeit benannt haben: »Ich hasse meine Eltern / Ich hasse diesen Staat / Ich hasse alle Lehrer / Ich hasse die scheiß Schule / Kein Bock kein Bock kein Bock kein Bock.«

In der nicht-parodistischen Version kann man das Nein, das sich als »Ich hasse diesen Staat« artikulierte, im Werk von Slime hören. Schlecht gelaunte Musik, der man in den frühen Jahren den Willen, jemandem aufs Maul zu hauen, anhören konnte. Die Entwicklung, die der Politpunk genommen hat, ist interessant. Man kann da wenig Verallgemeinerndes sagen, aber der grimmige Ernst, der in den achtziger- und neunziger Jahren Bands wie Hass, …But Alive und eben Slime antrieb, scheint sich mehr und mehr in etwas Ironisches transformiert zu haben. Die Musik, die zum Beispiel Team Scheiße oder Akne Kid Joe machen, ist sehr lustig.

Noch einmal zurück zum Postpunk: Burnout Ostwest aus Bremen etwa, die auf ihrem Album »Würzburg stärkt die Szene« das Nein, bei dem ich im Punk immer Greil Marcus mithöre, auf das eigene Umfeld beziehen. Der Refrain des Songs »Das Nein bestimmt das Bewusstsein« geht so: »Ich möchte kein Teil eurer Musikbewegung sein.« Die Art, in der Burnout Ostwest die Seltsamkeiten ihrer eigenen Szene mittels minimalistischem LoFi-Baller-Electropunk selbstironisch formulieren, ist heiter gestimmt, schon die Songtitel nehmen den ewiggleichen Parolen Schwere und Pathos: »All Cops Are Beautiful«, »Kein Bock gegen Nazis«,

»Rauchen gegen Rechts«. Nicht nur Ironie, auch generell uneigentliches Sprechen ist wichtig im Postpunk. Und die Bindung ans Lokale. Joy Division, The Pop Group und Sonic Youth, aber ebenso Fehlfarben, Palais Schaumburg und EA80 haben immer auch Musik über ihre Städte gemacht. Auf dem kürzlich erschienenen Album »Hobby Deluxe Easy« widmen Burnout Ostwest dem deutschen Kulturstaatsminister Wolfram Weimer den Song »Grüße aus dem Untergrund«. Die von ihm verhinderte Verleihung des Deutschen Buchhandlungspreises an den Bremer Buchladen »Golden Shop« – auf dessen hauseigenem Label das Album erschienen ist – hat man Weimer wohl persönlich übelgenommen. Rollenprosa: »Ich nagel die zehn Gebote der neuen Bürgerlichkeit an die Tür von deinem scheiß Kulturzentrum / Nenn mich Martin Luther der Neuzeit / Reformiert wird hier die Definition von Freiheit // Auf schwer reimt sich totalitär / Huf- Huf- Hufeisen.«
Das hat mehr Humor und macht auch mehr Spaß als zum Beispiel »Demokratie / die klappt wohl nie« und ähnliches. Auch die Abwesenheit von Pathos ist ein Merkmal von Postpunk. Das bringt uns zurück zu den eben erwähnten ...But Alive, die für eine weitere und vorläufig letzte Tendenz in der Geschichte und Gegenwart des deutschen Punk (zugegebenermaßen nur des westdeutschen) stehen können: der Verkleinbürgerlichung des radikalen Nein.

Begonnen haben ...But Alive mit maximalem Pathos. (Offenlegung: Die ersten drei Alben gehören zu den Lieblingsplatten meiner Jugend, wenige Musik habe ich öfter gehört.) Metal-lastiger Hardcorepunk, auch mal mit Double Bass, tiefer gestimmte Gitarren, ein Sänger, der von der eigenen Ergriffenheit ergriffen ist: »Hass / ich spreng Bayer weg / das Geilste ist, ich bin im Recht / So gewalttätig, wie ihr es seid, kann ich gar nicht sein.« Die letzte Zeile ist natürlich vollkommen richtig, und auch sonst sind ...But Alive-Sänger Marcus Wiebusch immer wieder Sätze gelungen, die das Nein von Greil Marcus sehr genau formulieren: »Dein Platz ist in der Mitte / Du darfst ihn nicht verlassen / Ich will das Leben immer lieben / Hier diesen Zustand will ich hassen.«

Marcus Wiebusch nahm 1999 mit ...But Alive noch die Scharnierplatte »Hallo Endorphin« auf, dann gründete er Kettcar, und der Schritt von der einen zur anderen Band markiert die Überführung von Punk in eine wohlige, tranig-beseelte Indie-Ästhetik. Die Texte sind denn auch lyrischer geworden: »Man weiß nicht wie / Man weiß nur dass / Und das hört nie auf.« An die Stelle des radikalen Nein ist die eigene Ergriffenheit getreten. Mit Georg Seeßlen und Markus Metz formuliert: Songs, in denen sich die »manische Suche des Kleinbürgers, die Welt zu retten«, manifestiert, des weiteren »die eigene mo-ralische Überlegenheit zu betonen und den sozialen Konflikt zu vermeiden«. ...But Alive hingegen wollten die Welt, so wie sie ist, zerkloppen, die eigene moralische Überlegenheit betonen und den Konflikt haben.

Auch Punk, Postpunk und Punkrock sind in weiten Teilen, vor allem in Deutschland, aus dem Kleinbürgertum erwachsen (und natürlich auch aus den Aktivitäten der Söhne und Töchter der werktätigen Massen). Das Kleinbürgertum aber hat, wieder Seeßlen und Metz, die Aufgabe, die »Verluste des Menschlichen im Kampf zwischen Kapital und Arbeit zu verarbeiten«, was dann »strukturell den Körper, den Geist und die Seele des Kleinbürgers« überfordert. Überall ist Krise, hat der Bassist und zweite Songwriter von Kettcar, Reimer Bustorff, 2024 im Interview mit dem »Rolling Stone« diagnostiziert: »Das laugt mich schon aus. Ich resigniere nicht, aber manchmal neige ich dann schon zur Berieselung und lese einfach ein gutes Buch.«

Das alles sind nur ein paar Schlaglichter auf die immens reiche und vielgestaltige Geschichte des Punk. Zugegebenermaßen ausschließlich für Westdeutschland. Für die DDR gilt, dass das Verhältnis von Staatsgewalt und Subkultur ein wesentlich anderes war als im Westen und die Geschichte dementsprechend ganz anders skizziert werden muss. Auch hierzu gibt es inzwischen massenhaft Literatur, Ausstellungen und Sampler.

Für alle aber gilt: Punk war und ist im besten Fall eine Ästhetik der Überforderung. Exzess, Körper, alles auf Anschlag. Das gelingt nicht immer, aber wenn, dann ist es wunderschön. Das radikale Nein, das Greil Marcus beschreibt, ist somit als Überforderung eine Antwort auf die Überforderung der Kinder des Kleinbürgertums. Die, wenn sie erwachsen geworden sind, dann gerne mal »ein gutes Buch« lesen.

Punk und Postpunk erzählen auch davon, wie man symbolische, allerdings in der eigenen Lebenswelt verankerte Antworten auf das Leben findet, das einen erwartet und das in seiner Hässlichkeit und Runtergefahrenheit wirklich nicht annehmbar ist. Ne-ben dem Begriff des radikalen Nein, der eine Haltung beschreibt, gehört zur Geschichte dieser Musik auch ihre Unvermeidlichkeit. Man hört der Musik an, ob das radikale Nein, das sie formuliert, aus einer Notwendigkeit kommt oder nur eine Geste bleibt.

Zusammengefasst ist diese Notwendigkeit in einem Satz, den der Ich-Erzähler in Rocko Schamonis autobiografischem Roman Dorfpunks (2004) sagt, nachdem er mit seiner Clique ein Elternhauswohnzimmer zerlegt hat: »Entschuldigung, es ging nicht anders.«

Benjamin Moldenhauer schrieb in konkret 8/26 über das Album »Eyes Full« von Zoh Amba. Zur Anthologie Angriff aufs Schlaraffenland (Ventil) hat er ein Porträt der Punkband EA80 beigetragen