Es gibt eine alltagspsychologische Gewissheit: Die ostentative Wiederholung einer Behauptung ist ein Zeichen dafür, dass der Wiederholer ahnt, das Gegenteil sei wahr. Eine solche, in der Politik institutionalisierte, Reaktionsbildung ist das Anhängesel »unabhängig von (Klasse, Geschlecht, Alter, sexueller Orientierung)«: Der Drang, das bürgerliche Versprechen einer universellen Geltung in einem Katalog von gesellschaftlichen Merkmalen negativ zu unterstreichen, bricht zuverlässig durch, wo es gar nicht nötig wäre zu präzisieren, wer mit »alle« gemeint ist.
Auch bei Bundesbildungsministerin Karin Prien (CDU). Auf der Webseite ihres Amtes kommentiert sie den »Digitalpakt 2.0«, ihr Digitalisierungsprogramm bis 2030, folgendermaßen: »Durch die Vereinfachung der Verwaltungsprozesse und die Förderung von länderübergreifenden Projekten stellen wir sicher, dass alle Schülerinnen und Schüler von digitaler Bildung profitieren«, und zwar »unabhängig von ihrem Wohnort«. Sofort weiß man: Alle sind gleich, nur die in Kreuzberg gleicher. Dazu passt das Symbolbild, das Priens Kommentar veranschaulicht: Eine junge Frau sitzt auf einem Sofa in der modernen Wohnküche und lacht, den Laptop lässig auf dem Schoß, in den Bildschirm. Ob sie arbeitet, lernt, spielt, chattet, ein Kurzvideo schaut oder eine Serie streamt, ist nicht auszumachen. Digitalisierung bedeutet: Alles ist immer zugänglich, alles ist immer möglich, alles macht immer Spaß; die junge Frau beweist ihre Freiheit immer alles haben zu können, und ihre Mündigkeit, fortwährend eine Auswahl zu treffen. Es ist ausgeschlossen, dass das Bild für Prien und Co. nicht nach Fortschritt aussieht.
Die Begeisterung für die Digitalisierung des Schulwesens zu dämpfen, fällt nicht schwer. Zumal da Staaten, die um Jahrzehnte weiter sind als Deutschland, den empirischen Beweis gegen sie geliefert haben. »Begeistert und naiv« sei man an die Digitalisierung herangegangen, bekannte der dänische Kinder- und Bildungsminister Mattias Tesfaye im Dezember 2023. Man habe Kindern »bei der Einschulung I-Pads in die Hand gedrückt«, und die fleißige Arbeit der Schulen an der Markenbindung von Apple und Microsoft führte dazu, dass in Dänemark mittlerweile fast jedes Kind in der dritten Klasse ein Smartphone besitzt. Tesfaye begründete sein Vorhaben, die Schulzimmer wieder zu entdigitalisieren, damit, dass »Kinder keine Versuchskaninchen in einem digitalen Experiment sein sollten, dessen Ausmaß und Folgen wir nicht absehen können«. Zudem mahnte er gegen die auf der Webseite von Priens Ministerium affirmativ ins Bild gesetzte Totalität: »Die Schule sollte keine Erweiterung des Jugendzimmers sein. Holt euch das Klassenzimmer zurück!« Einer ganzen Generation gebühre nicht weniger als »eine große Entschuldigung«.
Der Grund für die Wende war die Verschlechterung des Lesens und Schreibens eben dieser Generation. Scrollen, switchen
und swipen finden in einem völlig anderen Modus statt als das lineare Lesen, weshalb Bildschirmmedien die Konzentrationsfähigkeit verringern und die Ausdauer sowie den »Leseatem« verkürzen. Bezeichnend ist, dass das Rechnen, also das Zurechtfinden in der logischen Stringenz der Mathematik, deutlich weniger betroffen ist. Bezeichnend, weil es nahe am instrumentellen Denken ist, das die Tech-Branche »Computational thinking« nennt und fördert: Konkrete Probleme wollen gelöst, nicht abstrakte Zusammenhänge verstanden werden.
Was also besonders leidet, sind die Sprache, das Abwägen von Feinheiten, das komplexe Denken und der ästhetische Genuss.
Und hier finden sich die nordeuropäischen mit den übrigen Staaten wieder. Sie alle orientieren sich an den Erkenntnissen der Pisa-Studien, die mit der Messung von »Kompetenzen« nicht den freien Menschen, sondern den, mit Marx zu reden, doppelt freien Lohnarbeiter im Sinn haben. Die Entdigitalisierung, die die früheren Vorreiter der Digitalisierung vornehmen, ändert nicht den Zweck der Bildung und macht schon gar nicht die Bildung zum Zweck, sondern arrangiert die Mittel neu. Und es ist nicht auszuschließen, dass die Einschränkungen bald wieder gelockert werden.
Ein politisches Kalkül zeigt sich auch in allerhand seltsamen Vergleichen; die Gefahr, die von Bildschirmmedien ausgeht, muss offenbar eine andere verharmlosen. Mit einem Smartphone in der Hand warnte die dänische Ministerpräsidentin Mette Frederiksen: »Nicht der Straßenverkehr ist das Gefährlichste für unsere Kinder, sondern dieses Ding hier.« Gegen autofreie Städte oder ein Verbot von SUVs spricht Whatsapp dann nämlich auch wieder nicht, selbst bezogen auf die verhältnismäßig ungefährlichen Straßen Dänemarks. In Deutschland, wo jährlich 30.000 Kinder im Straßenverkehr verletzt oder getötet werden, verbietet sich der Vergleich, und zusammen mit der Selbstgefälligkeit, mit der hier die Folgen von »Smart«-Tech ignoriert werden, beweist sich nur einmal mehr, dass deutsche Politik, die Koalitionsstärke will, sich einen Dreck um das Wohl von Kindern scheren muss.
Es sei denn als Phrase. Stellvertretend dafür schob 2024 die damalige Bundesministerin für Bildung und Forschung, Bettina
Stark-Watzinger (FDP), im Vorwort des »EdTech Start-up Monitors«, des ersten und bisher einzigen Berichts zur Situation von Start-ups im Bildungsbereich (EdTech heißt Educational Technology), das Interesse von Kindern als Argument vor: »Wenn wir wollen, dass Kinder und Jugendliche ihren Unterricht als zeitgemäß empfinden, ihn gern besuchen und in der Folge gut lernen, dann muss der Schulalltag zu ihrer Lebenswelt passen. Diese ist geprägt von digitalen Werkzeugen, die Informationen, Meinungen und Unterhaltung im Überfluss liefern. … Ohne umfassende Digitalisierung ist gute Bildung im 21. Jahrhundert nicht möglich.« Nur ist die »Lebenswelt« nach dem Gegenteil von Bildung eingerichtet: Statt den Menschen in tätige Auseinandersetzung mit der Welt zu setzen, setzt sie ihn vor den Bildschirm wie Narziss ans Wasser.
Verena Pauseder, die Vorstandsvorsitzende des Start-up-Verbands, konnte auch nicht anders: »Beim Lernen geht es darum,
Kinder, Jugendliche und Erwachsene dort abzuholen, wo sie stehen. Start-ups spielen hier eine zentrale Rolle, da sie Bildung flexibler und personalisierter gestalten und auf diese Weise Zugangsbarrieren abbauen und individuelle Lernpfade anbieten.« Dagegen steht die Einsicht der nordeuropäischen Länder, dass der »Überfluss« an »Informationen, Meinungen und Unterhaltung« sowie die digitale Potenzierung der Aufmerksamkeitsökonomie, in der alles Konsum und Unterhaltung wird, die »Zugangsbarrieren« sind, die abgebaut werden müssen. Aber was sind schon Dänemark und Norwegen, verglichen mit der Welt: »Der Bildungsmarkt in Deutschland hat großen Nachholbedarf in Sachen Digitalisierung. … Besonders die USA, aber auch asiatische Märkte, sind uns in dieser Hinsicht deutlich voraus«, drückte im selben Bericht Jessica Lieber, Direktorin einer führenden Risikokapitalfirma, den deutschen Willen aus, die Weltmarktkonkurrenten einzuholen.
Auch die aktuelle Bundesregierung will, weshalb sie im jüngst verabschiedeten »Reformpaket« das Budget für Digitalisierung
um sechs Prozent erhöhte (die zweitgrößte Erhöhung nach dem Kriegs-, pardon, Verteidigungsministerium mit über dreißig Prozent), das Budget der Bildung hingegen um sieben Prozent kürzte. Mit Begeisterung missachtet sie sogar die empirisch belegte Banalität, dass Digitalisierung, wenn sie denn sein muss, ein volles Programm an didaktisch-pädagogischer Begleitung erfordert. Aber eben auf Selbständigkeit als Selbsttätigkeit läuft die digitale Bildung hinaus. Das Lernprogramm und der KI-gestützte Lerncoach ersetzen das Lehrpersonal; nicht anders sehen »vereinfachte Verwaltungsprozesse« aus: Unterrichtete eine Lehrerin früher mit Buch und Tafel eine Klasse mit zwanzig Schülerinnen und Schülern, kann sie digital aufgemotzt locker fünfzig selbsttätig Tippende und Scrollende begleiten, sprich: kontrollieren – sitzen sie auf dem Sofa zu Hause, kann man sich mit dem Lehrpersonal auch die öffentliche Infrastruktur schenken. Angesichts dessen, dass die Mehrheit der Schulgebäude
in Deutschland marode ist und etwa in Köln mehr als fünfzig Prozent der Kinder die Toiletten meiden, weil sie zu dreckig sind, ist das nur konsequent.
Es ist nicht absehbar, dass der Durchkapitalisierung durch die Komplettdigitalisierung des Schulwesens in Deutschland Einhalt geboten wird. Zu wichtig und attraktiv ist der »Bildungsmarkt«, zumal da die Kunden, also die Kinder, so manipulierbar sind. In einer Studie von 2019 ermittelte der Sozialwissenschaftler Tim Engartner, dass zwanzig der dreißig Dax-Unternehmen Unterrichtsmaterialien anbieten. Und dass diese nicht alltagsnah seien, kann man ihnen nicht vorwerfen: Kinder sollen »die Kofferraumgröße eines Mercedes ausrechnen oder die Frontschürze eines BMW nachzeichnen«.
Damit wissen sie wenigstens, aus welchem Haus die Karosserie des Autos stammt, das sie überfährt. Das Gesetz schränkt solch offensichtliche Plazierungen von Marken ein. Doch was bei analogem Material halbwegs verfangen hatte, stieß bei Youtube und Apple an seine Grenzen. Und seit der Corona-Pandemie ist es, »als hätte man ein Drehbuch für die Umsetzung digitaler Strategien zugunsten der Tech-Konzerne geschrieben«, so Engartner. »Fast ungefiltert« strömen Logos und Werbung in die Klassenzimmer, denn die Kinder dort abzuholen, wo sie stehen, bedeutet, nochmals, Unterrichtsmaterial nach dem Vorbild von Candy Crush herzustellen.
Parallel dazu verläuft der Aufbau regulatorischer Bestimmungen, die die Überwachung der privaten Kommunikation über Chats ausweiten. Die Bestimmungen sollen sicherstellen, dass auch Staaten Zugriff auf die Unmengen an verwertbaren Daten haben, nicht nur die Tech-Unternehmen. Im Juli hat die EU mit einem illegalen Manöver die »Chatkontrolle 1.0« bis 2028 verlängert. Sie hebt faktisch den europäischen Datenschutz auf und erlaubt die anlasslose Überwachung von Chats. Mit der »Chatkontrolle 2.0«, die darauf folgen soll, wird aus der Übergangsbestimmung ein Gesetz. Zur Begründung musste einmal mehr der Kinderschutz herhalten, der wiederum Phrase ist, weil er mit den und nicht gegen die Tech-Unternehmen erreicht werden soll; nicht gegen die abhängig machenden Designs der Messenger-Apps, der KI-Bots, der Games und von Social Media und auch nicht gegen die klaffende Lücke der Inhaltskontrolle. »Nahezu alle Kinder erleben extreme Gewaltdarstellungen oder Pornografie – ohne dass sie danach gesucht hätten«, weiß Daniel Wolff, der als »Digitaltrainer« wiederum den Sensibilisierungs- und Ratgebermarkt, der sich an die Digitalhölle anschmiegt, mit einem »Spiegel«-Bestseller bedient: »Den besten Kinderschutz gewährleisten immer anwesende, verständnisvolle und kompetente Eltern.« Der totalitäre Dreh ist dann der, dass die »Kompetenz« der Eltern davon abhängig wird, dass das Kind ein Smartphone hat, wie die Legitimation des autoritären Staats von der Digitalisierung und die ökonomische Existenz des Digitaltrainers davon, dass die Digitalhölle buchstäblich eine ist, also ewig. Diese Eltern, Digitaltrainer, Staaten arbeiten mit der Tech-Branche am Überfluss und seiner Verwaltung. In einer anderen Welt würden sie daran arbeiten, sich selbst überflüssig zu machen.
Jan Miotti schrieb in konkret 6/26 über das Verbot von Social Media für Kinder und Jugendliche
Digital Natives Forever
Deutschland will eine »digitale Bildung« von Weltformat, während die durchdigitalisierten nordeuropäischen Staaten Tablets, Laptops und KI wieder aus den Schulzimmern
verbannen. Von Jan Miotti

