Am 4. März 1956 begannen in Tbilisi, der Hauptstadt der Georgischen Sowjetrepublik, Massenausschreitungen. Studenten und Arbeiter, darunter viele Partei- und Komsomolmitglieder versammelten sich um das Stalin-Denkmal im gleichnamigen Stadtpark um ihre Empörung kundzutun. In den Parteizellen ging die Information um, auf dem eine Woche zuvor zu Ende gegangenen XX. Parteitag der KPdSU habe der Erste Sekretär des Zentralkomitees (ZK), Nikita Chruschtschow, seinen Vorgänger Josef Stalin scharf kritisiert. Eine offizielle Bestätigung oder Dementierung haben die Protestierenden nicht erhalten, doch als am nächsten Tag in der Presse mit keinem Wort auf den Jahrestag von Stalins Tod eingegangen wurde, eskalierte die Lage. Die Demonstranten fassten es nicht nur als Verrat der neuen Parteiführung auf, sondern als eine „großrussische“ Attacke auf die Stellung Georgiens innerhalb der UdSSR. Noch dass der Parteichef der Republik, Wassil Mschawanadse, seine beschwichtigende Ansprache in gebrochenem Georgisch hielt, wurde als ein Anzeichen der kommenden Russifizierung aufgefasst. Die Demonstranten forderten nicht nur die Absetzung Chruschtschows, sondern auch eine Audienz beim chinesischen Marschall Zhu De, der gerade in Sowjetgeorgien zur Kur weilte. Erst am 10. März wurden die Proteste unter Einsatz von Panzern niedergeschlagen. Mindestens 22 Menschen starben, unter den 375 festgenommenen waren 34 Mitglieder der Partei und 165 des Kommunistischen Jugendverbandes.
Im Herbst desselben Jahres kamen die sowjetischen Panzer in Budapest wiederum zum Einsatz, wiederum standen auf der anderen Seite viele Mitglieder der kommunistischen Partei und Massenorganisationen, wiederum ging es um die „nationale Frage“. Nur diesmal bewaffnet und mit antistalinistischen Forderungen.
Der XX. Parteitag, genauer genommen der allerletzte Beitrag, die am 25. Februar 1956 unter Ausschluss der Öffentlichkeit gehaltene Rede „Über den Personenkult und seine Folgen“ öffnete die Ventile: Ab da konnte jede Unzufriedenheit im Ostblock wahlweise als Folge ungenügender Aufarbeitung von Stalins Fehlern oder als Folge einer Abweichung von seinem Kurs ausgelegt werden.
Die Veränderung im Kurs der KPdSU begann keineswegs erst mit der „Geheimrede“. Die Repressionspolitik milderte sich unmittelbar nach Stalins Tod. So wurden die laufenden Ermittlungen gegen die „zionistische Verschwörung“ der Kreml-Ärzte eingestellt. Es folgten eine große Amnestie und Verhaftungen im bisherigen Sicherheitsapparat.
Der im Juni 1953 verhaftete Innenminister Lawrenti Berija wurde als Hauptverantwortlicher der Repressionen zum Tode verurteilt, zugleich wurde ihm Verrat an Stalin und – in Manier der stalinistischen Justiz – „Spionage für Großbritannien“ vorgeworfen. Der noch unter Stalin verhaftete ehemaliger Minister für die Staatssicherheit Wiktor Abakumow wurde 1954 mit seinen engsten Mitarbeitern ebenfalls wegen seiner Rolle in der „Falsifizierung der Ermittlungsergebnisse“, wegen Folter und Machtmissbrauch hingerichtet – auch in diesem Fall wurde Stalins Rolle nicht erwähnt.
In der Kritik am „Personenkult“ und den Appellen an die Tugend der „kollektiven Führung“ vermied es die Parteiführung bis auf eine einzige Äußerung von Regierungschef Georgi Malenkow 1953, in der er Stalins ökonomische Theorie über den „Produkttausch“ kritisierte, Stalin beim Namen zu nennen. Indes wurde die Parteilinie neu ausgerichtet. Das Primat der Schwerindustrie wurde 1953 aufgegeben und der Staat begann, mehr Mittel für die Produktion von Gebrauchsgütern auszugeben. Ab 1954 verlangte die Baupolitik „Beseitigung der Übermäßigkeit im Planen und Bauen“ – günstiger Wohnraum statt „Zuckerbäckerstil“. Im November 1955 wurden Abtreibungen nach einem neunzehnjährigen Verbot wieder erlaubt. 1955 wurde Titos Jugoslawien offiziell als ein sozialistischer Staat anerkannt. Die Sowjetunion ließ die 1945 formulierten Gebietsforderungen gegenüber der Türkei fallen und nahm die 1953 abgebrochenen diplomatischen Beziehungen zu Israel wieder auf. Zugleich änderte sich die sowjetische Beurteilung des arabischen Nationalismus. Die „Freien Offiziere“ um Gamal Abdel Nasser, die in Kairo seit 1952 an der Macht waren, wurden nun nicht mehr als „faschistisch“, sondern als „antikoloniale Kämpfer“ angesehen. Noch 1954 warf die UdSSR die Frage nach Möglichkeiten eines Nato-Beitritts auf – erst auf die Absage erfolgte die Gründung des Warschauer Pakts.
Doch bei allen Abweichungen von Stalins Kurs blieb die Haltung zu ihm uneindeutig. Das Lob wurde weniger, die Kritik fand weiterhin zumeist ohne namentliche Erwähnung statt. Ab dem Moment aber, als Stalin für den gewaltsamen Tod von verdienten Parteimitgliedern verantwortlich gemacht wurde, änderte sich die Lage im sowjetischen Machtbereich. Es konnte keinen unbestrittenen „lebenden Klassiker“ mehr geben, und es konnte nicht verschleiert werden, dass die Spitzen aller regierenden KPs, inklusive Chruschtschow, unmittelbar an den Repressionen beteiligt waren. Es gab keinen lebenden Nachfolger von Lenin mehr, der das letzte Wort bei allen Differenzen hatte, was bedeutete: das sowjetische Subjekt geriet in eine Krise.
Der Originalwortlaut der „Geheimrede“ lässt sich nicht rekonstruieren: Obwohl ein ganzes Team von hohen Funktionären am ursprünglichen Text gearbeitet hatte, bezweifelte das Sekretariat des ZK, ob und in welcher Form sie am Parteitag präsentiert werden sollte. Das bekam auch Chruschtschow zu spüren. Er diktierte seine Version in den Pausen zwischen den Sitzungen. Später erinnerte er sich, dass dabei die Stenografistinnen in Tränen ausbrachen, was ihn umso mehr von der Notwendigkeit überzeugte, die Rede zu halten. Dabei ist er stark vom eigenen Skript abgewichen, der veröffentlichte Text ist eine nachträglich bearbeitete und in vielen Punkten entschärfte Version.
Die Rede selbst hatte kaum etwas zur Klärung des „Personenkultes“ beigetragen. Sie bestand aus Verweisen auf Lenins Kritik an der Fähigkeit des Einzelnen, die Geschichte zu verändern, seinem negativen Urteil über Stalin, aus Aufzählungen von Repressionen gegen die Parteimitglieder, Details über die Falsifizierung der Ermittlungen, aber auch Unterstellungen über die Fehler in den Kriegsjahren, die später selbst die überzeugten Stalin-Gegner unter den sowjetischen Militärs bestritten.
Es folgten weder eine Diskussion noch offizielle Beschlüsse. Doch der Text wurde an die Parteizellen sowie die Führungen der ausländischen KPs als vertrauliches Dokument verschickt. Im Juni desselben Jahres wurde er in den westlichen Medien als „Leak“ veröffentlicht. Erst am 30. Juni gab das Sekretariat des ZK der KPdSU eine Resolution „Über die Überwindung des Personenkults und seine Folgen“ heraus, in der die Formulierungen weit zurückhaltender sind.
Doch der Prozess war bereits voll im Gange. Kommunisten aller Welt stritten sich um die Bewertung, was zu Spaltungen in etlichen KPs des Westens führte. Am wenigsten von den Debatten betroffen war die westdeutsche KPD – Adenauers Verbot bewahrte sie vor der Entstalinisierung. Dennoch sehen auf Grund dieses Streits viele Forscher 1956 und nicht 1968 als das eigentliche Geburtsjahr der „Neuen Linken“.
Im Ostblock verlief die Verarbeitung höchst unterschiedlich. Die Führung der DDR begnügte sich damit, Stalin ab März 1956 nicht mehr zu den „Klassikern des Marxismus“ zu zählen und erwähnte die Kritik an den Repressionen kaum. In Polen und Ungarn ging die Distanzierung von Stalin mit der Verdrängung der jüdischen Kader aus dem Partei- und Sicherheitsapparat Hand in Hand. In der Tschechoslowakei und Rumänien war das Tempo besonderes langsam, in Bulgarien besonderes schnell. In Nordkorea kam es im August 1956 zu wochenlangen Kämpfen in der Partei, den der ZK-Vorsitzende Kim Il-sung gegen die Anhänger der „Personenkultkritik“ (denen es mehr um die Kritik an Kim Il-sungs als um Stalins Kult ging) gewinnen konnte. Die ablehnende Haltung aus Albanien, China, Nord-Korea und Nord-Vietnam wurde ergänzt durch die Klagen von Dipa Nusantara Aidit, dem Anführer der indonesischen KP – damals die drittgrößte kommunistische Partei der Welt und die größte nichtregierende –, in seinem Land gelte es als pietätlos, so über die Toten zu sprechen. Gleichzeitig begann der Generalsekretär der italienischen KP, Palmiro Togliatti, vom „Polyzentrismus“ in der internationalen kommunistischen Bewegung zu sprechen. Bei allen Unterschieden trafen sich die jugoslawischen, die italienischen und die chinesischen Kommunisten in einem Punkt: in der Kritik am absoluten Führungsanspruch der KPdSU.
Die Tatsache, dass die Aufstände, die sich seit Stalins Tod im Ostblock ereignet hatten, vom Industrieproletariat mitgetragen worden oder sogar von ihm ausgegangen waren, warf auch bei den Kommunisten Fragen nach dem Verhältnis der Avantgardeparteien zu der Klasse, in deren Namen und Interesse sie zu handeln behaupteten. So entstanden ab 1956 verstärkt Medien, Gruppierungen und vereinzelt Parteien, die sich im Konflikt zwischen dem Westen und dem Ostblock gegen beide Seiten positionierten. Einige setzten ihre Hoffnung auf den Sozialismus, der aus den antikolonialen Kämpfen entstand, andere bezogen sich auf die „ketzerische“ Strömung der Arbeiterbewegung. Die vom sowjetischen Vorgehen in Ungarn und vom Waffengang der französischen SFIO in Algerien und am Suez entsetzten Kommunisten und Sozialisten bildeten die Basis für die Entstehung der Neuen Linken. Aus den Abspaltungen der dänischen KP und der norwegischen Sozialdemokratie entstanden neue linkssozialistische Parteien, in den Niederlanden haben Linksabweichler der Sozialdemokratie und Rechtsabweichler der KP die Pacifistisch Socialistische Partij gegründet. Die erste Generation der Neuen Linken war nicht unbedingt „antiautoritär“, sondern vor allem nicht blockgebunden und auf der Suche nach neuen theoretischen Erklärungen.
Die nächsten zwei Jahre verbrachte die sowjetische Führung im fieberhaften Zickzackkurs. 1957 sollte das internationale Treffen von Kommunistischen und Arbeiterparteien in Moskau die Einheit der Kommunisten demonstrieren, doch die Differenzen waren deutlich vernehmbar. Kurz davor konnte sich Chruschtschow gegen seine Widersacher im Politbüro durchsetzen, die er als Anhänger eines Stalin-Kurses darstellen ließ. 1958 wiederum wurde zum Jahr des „Backlashes“: Der sowjetische Ideologieapparat begann, vor „Revisionismus“ zu warnen, die Zensur wurde wieder verschärft und die Anzahl der wegen politischen Delikten Verurteilten erreichte den höchsten Stand in der gesamten sowjetischen Geschichte nach Stalins Tod. Letztendlich beschloss Chruschtschow, die Entstalinisierung in den sechziger Jahren zu vertiefen. Dies verstärkte bei einem Teil der sowjetischen Gesellschaft Zweifel, bei anderen wiederum den Glauben an die Partei. Zumindest kurzfristig gelang es ihm, realen Enthusiasmus in den Teilen der Sowjetgesellschaft zu entfachen.
Doch nicht nur die kommunistische Bewegung, sondern auch die antikommunistische spaltete sich nach 1956. Die Debatte um die prinzipielle Wandlungsfähigkeit der Sowjetunion begann. Die einen wollten alle Veränderungen in der sowjetischen Politik als ein „Täuschungsmanöver“ sehen, die anderen, bis dahin an der vordersten Front des „Kalten Krieges“ engagiert, sahen einen realen und tiefgehenden Wandel. Die unermüdliche Kämpferin gegen die „Rote Gefahr“, die ehemalige KPD-Vorsitzende Ruth Fischer, verfasste mit Von Lenin zu Mao. Kommunismus in der Bandung-Ära (1956) und Die Umformung der Sowjet-Gesellschaft. Chronik der Reformen (1958) gleich zwei Werke, die die Veränderung ihres Blickes auf die Sowjetunion demonstrieren. Selbst die Mutter der Totalitarismustheorie, Hannah Arendt, sah in der poststalinistischen UdSSR keinen totalitären Staat mehr.
Die Rückkehr zu Massenrepressionen wie unter Stalin wurde immer wieder befürchtet, doch Recht behielten diejenigen, die den XX. Parteitag als einen point of not return sahen. Die innere Konsolidierung erwies sich ohne das alte Ausmaß an Repressionen jedoch als nicht mehr herstellbar.
Ewgeniy Kasakow schrieb in konkret 1/26 über den Feminismus, der sich kriegstauglich macht
Die Tränen der Stenografistin
Der XX. Parteitag der KPdSU spaltete sowohl Kommunisten als auch Antikommunisten. Ein Rückblick zum 70. Jahrestag von Chruschtschows „Geheimrede“. Von Ewgeniy Kasakow

