Bisschen was Blaues

Vor 50 Jahren fand in Köln das legendäre Konzert statt, das für Wolf Biermanns Ausbürgerung sorgte – und für seine Karriere als Nationaldichter. Von Stefan Gärtner

Alles ist freundlich wohlwollend verbunden, und so führte die Lektüre des jüngsten und letzten Bandes von Manfred Krugs Tagebüchern (Ich habe nicht viel erwartet, Kanon- Verlag) dazu, Krugs Abgehauen mal wieder hervorzuziehen, den 1996 erschienenen Bericht über seinen Weggang aus der DDR, der mit der Ausbürgerung Wolf Biermanns nach dessen Kölner Konzert am 13. November 1976 seinen Anfang nahm. Der DDR-Star Krug, der den Künstlerprotest gegen die Expatriierung unterschrieben hatte und dann kaltgestellt wurde, war mit Biermann befreundet, der seit 1965 mit einem Auftrittsverbot belegt war und dessen Schallplatten nur im Westen erschienen; einem größeren DDR-Publikum wurde er erst durch das von WDR-Hörfunk und ARD-Fernsehen übertragene Konzert bekannt.
Der Westkünstler mit Osthintergrund, zu dem ihn die Ausbürgerung offiziell machte, war Biermann längst. 7.000 Menschen in der Kölner Sporthalle waren nicht als Neugierige da, sondern als Fans, die Liedanfänge klatschend begrüßten. Das spricht vielleicht für die Vermutung, die so naheliegt, dass sie außer Rayk Wieland (in konkret 10/96) niemand äußern wollte: dass es sich bei der Ausbürgerung – warte nicht auf bessre Zeiten! – um einen »PR-Gag« gehandelt habe, schließlich sei Biermann bei Margot Honecker, Ministerin für Volksbildung und Ehefrau des berühmten Generalsekretärs, ein und ausgegangen. Sie war gemeinsam mit Biermann aufgewachsen; beider Väter waren als Widerständler ins KZ gekommen, woraufhin Biermanns Mutter die junge Margot aufnahm, die sich später revanchierte, indem sie den 17jährigen »aus seinen bescheidenen Hamburger Verhältnissen« (Wieland) in die DDR holte und dem Jungkommunisten alle Türen öffnete: »Sein enger persönlicher Kontakt zur Familie Honecker, insbesondere zu Margot Honecker, riss nie ab. Sie ging zu ihm in die Chausseestraße, wo sie ihm eine Wohnetage besorgt hatte, er ging zu ihr ins Ministerium, wozu er weder Termin noch Passierschein benötigte. … Seine Popularität und moralische Glaubwürdigkeit, mit welcher er gegen ›die Genossen im Schmalztopf der privilegierten Kaste‹ ansang, hätte Schaden nehmen können, wenn herausgekommen wäre, dass er nicht nur im ›Neuen Deutschland‹ tagtäglich die bekannten ›Fressen‹ fand, sondern auch bei sich zu Hause.« Die aber das Auftritts- und Publikationsverbot (Ost) nicht verhinderten; und hat die Online-Auskunft recht, drohte die Staatssicherheit in den Jahren vor Köln zweimal, Biermann nach geplanten Auslandsreisen nicht wieder nach Hause zu lassen. Biermann fuhr nicht; nach Köln fuhr er.
Wer in den dreieinhalb Stunden Konzert, die Youtube vorhält, eine staatsfeindliche Provokation sucht, findet sie in der Zeile: »Die DDR braucht endlich – und wie! – / Rosas ›rote Demokratie‹«, denn freie Wahlen und die Diktatur des Proletariats gehen schlecht zusammen; dessen Avantgarde auch nicht gefallen konnte, dass »das beste Mittel gegen / Sozialismus (sag ich laut) / ist, dass ihr den Sozialismus / AUFBAUT!!!« Wenn Biermann »wir« sagt, meint er dennoch ausdrücklich die DDR (»Enfant perdu«); stellt sich, nach einem Zwischenruf, zugleich an die Seite Dubčeks und Honeckers; verteidigt ähnlich gewandt die Niederschlagung des 17. Juni 1953, der »schon ein Arbeiteraufstand und noch eine faschistische Bewegung« gewesen sei, und wendet sich »zu einhundert Prozent« gegen die sogenannte Republikflucht, was natürlich leicht ist, wenn man selbst reisen kann. Was der aufgeräumt quatschende Ost-Lebemann und später einhundertprozentige Renegat in Köln vorstellt, ist ein gesprächsbereiter Sozialismus mit Gitarre und Reisepass, ein Sozialismus, wie ihn sich Biermanns Westfans (und die IG Metall, auf deren Einladung Biermann in Köln war) wünschten, und der stürmisch akklamierte Aufruf, die ewige linke Sektiererei zu beenden, ist das pro bono – contra malum, das Biermanns Ticket ist
Es wird überhaupt viel geklatscht in Köln, auch zwischendurch, wie alles sozusagen auf Szenenapplaus berechnet ist, und wer weiß, wie das alles enden wird, muss sich ermahnen, Werk und Mensch zu trennen. Zwar gilt für das hocherfolgreiche lyrische West-Debüt Die Drahtharfe (1965) noch: Mehr schlecht als Brecht, und wird das spätere Kunsthandwerk des Gewendeten – »So geht es die Jammertonleiter hoch und runter« (Wieland) – das Korrupte des Vorgangs abbilden. Aber in Köln ist Biermann noch einer, den Hanns Eisler »förderte und maßgeblich prägte« (Wikipedia): »Das soll nun al-les gewesen sein / Das bisschen Fußball und Führerschein / Das war nun das donnernde Leben / Eben // Ich will noch’n bisschen was Blaues seh’n / Und will noch’n paar eckige Runden dreh’n / Und dann erst den Löffel abgeben / Eben«.
Wie Biermann, der am 15. November seinen 90. Geburtstag feiert, seither seine makellos runden Runden dreht, ist bekannt. Als Manfred Krug am 7. Dezember 2003 von einem Berliner Fest berichtet, ist er zwar ebenfalls kein Sozialist mehr, doch sonst bei Trost: »Biermann war wie immer, das heißt, er sog sämtliche Aufmerksamkeit ein. Aber nun macht es mir nix mehr aus, ich geh einfach ins Nebenzimmer, bis er dort auftaucht. Dann geh ich ins Nebenzimmer.«l
Stefan Gärtner schrieb in konkret 10/26 über den traurigen Fall des Hochstaplers Jason Arday