Die digitale Welt hörte sich 2002 noch nach Fortschrittsoptimismus an. Der Detroiter Electro-Music-Pionier Gerald Donald veröffentlichte unter dem Pseudonym Arpanet das Album »Wireless Internet«, ein Konzeptwerk über eine vernetzte Zukunft, in der die Verbindungen nicht mehr abreißen. Ausgangspunkt des Albums war die damals hochmoderne Mobilfunktechnik des japanischen Konzerns NTT DoCoMo, der aus bananengroßen Mobiltelefonen Fernbedienungen für das eigene Leben machen wollte.
Mit seinen im Afrofuturismus verwurzelten Techno-Klängen kämpfte Donald gegen den Schwindelblüten treibenden Progress-Kult an der kalifornischen Westküste: kein Traum von beseelten Maschinen, sondern die bis aufs äußerste reduzierten Sounds von Signalen und Funkstrecken. Was 2002 wie Science Fiction wirkte, ist heute allgegenwärtig: ein Leben im Remote-Modus, gesteuert durch Apps und digitale Assistenten, unter Bedingung permanenter Erreichbarkeit und in Abhängigkeit von US-amerikanischen digitalen Diensten. Das Internet ist schon lange nicht mehr »dort draußen«, in Gerald Donalds schwarzem sonischem All; es ist ein Service in der Hosentasche, der vermittelt, wenn der Chef etwas will.
In dieser Welt, die der kanadische Blogger, Journalist und Science-Fiction-Autor Cory Doctorow in seinem Sachbuch Enshittification (zu Deutsch etwa: Scheißifizierung) beschreibt, heißen die neuen digitalen Hausgeister »Agenten«. Schon seit Jahrzehnten nehmen sie etwa als »mail transfer agents« Nachrichten entgegen, moderieren Warteschlangen oder versuchen die erneute Zustellung im Fall von überfüllten Queues. Die dahinter stehende Automatik ist keineswegs verwerflich; sie wird jedoch zum Problem, wenn jene, die sie programmieren, permanent und unterbezahlt an ihrem Funktionieren arbeiten müssen. Die Maschine selbst bleibt nur so lange »magisch«, wie niemand ihre Produktionsbedingungen durchschaut.
Die sogenannte Gig-Ökonomie ist Doctorow zufolge der »Ground Zero« einer Arbeitsordnung, in der der Chef seinen Untergebenen als App gegenübertritt: algorithmische Lohndiskriminierung, Kündigung per Messenger und Push-Nachrichten ohne Ende, die sich nie zeitig abarbeiten lassen. Neu ist dabei, wie lückenlos Befehl, Messung, Sanktion und Bezahlung in ein- und derselben Technologie verschmelzen. Der Taylorismus musste noch mit Stoppuhr neben dem Arbeiter stehen; heute sitzt die Zeitmessung im Smartphone und nennt sich »experience machine«.
Doctorow zufolge braucht es eine andere Magie, um den faulen Zauber der Tech-Industrie auffliegen zu lassen. Unsere Netzhaut wird verklebt von ihrem digitalen Augenpulver, während unter den Oberflächen ein weltweites Cyberproletariat seine Lebenszeit portionsweise an die Plattformen verkauft. In ihr beuten Dienste, die einmal gratis waren, jene Nutzer, die nicht dafür bezahlen, hemmungslos aus – sie werden nicht besser, sondern schlechter. Das von Werbung und permanentem Datenabfluss unbeeinflusste Arbeiten ist angesichts dieses »großen Haufens Scheiße« unmöglich geworden; technische Infrastrukturen, die frei davon sind, müssen eine Massenbasis erst bekommen.
Aus dem Nichts kommt diese Entwicklung nicht. Spätestens seit 2018, als Nick Srnicek sein Buch Plattform-Kapitalismus veröffentlichte, ist bekannt, dass Online-Plattformen keine neutralen Vermittlungsinstanzen sind. Sie organisieren Märkte nicht bloß, sondern setzen aktiv Bedingungen und bestimmen somit die Regeln. Das Browserfenster ist kein utopischer Ort, sondern eine Versuchsanordnung mit strikter Hausordnung. In den Räumen, zu denen es Zugänge eröffnet, gilt eine Art digitales Tina-Prinzip: »There is no alternative«, diesmal als Default-Einstellung. Google behauptet, Suche brauche Überwachung; Apple kontrolliert über ein proprietäres Datenformat das Copyright im Itunes-Store; und Uber setzt die Entrechtung der Fahrerinnen und Fahrer als Gegenleistung für eine günstige Tour voraus.
Während die »smarten« Maschinen unserer Gegenwart, vom WLAN-fähigen Wasserkocher bis zum vollautomatisierten Smarthome, immer menschenähnlicher agieren, gleichen sich Menschen den Maschinen an: miserabel entlohnte Datenarbeiter/innen etwa, die Captchas lösen, Content moderieren und KI-Programme trainieren. Ausgerechnet Programmierer/innen, die lange als Avantgarde der Digitalisierung galten, haben laut Doctorow bereits vor Jahrzehnten an ihrer eigenen Austauschbarkeit zu arbeiten begonnen: »Es gibt keinen Grund, warum Programmierer nicht in Flaschen pinkeln können sollten«, schreibt er mit Blick auf die aktuelle Entwicklung – und nimmt damit die Zukunft des Gewerbes vorweg.
Doctorow zufolge ist im Silicon Valley derzeit die erste Generation von Arbeitnehmern am Drücker, die nicht Menschen, sondern Apps als Vorgesetzte haben. Demnach kämpfen dort menschliche gegen digitale Apps. Um es im Kampf um die Entlohnung mit diesem Gegner aufnehmen zu können, braucht es Strategien der Selbsthilfe. So etwa versteckten Amazon-Flex-Fahrer im Sommer 2020 Wegwerftelefone in Bäumen nahe den Lagerhäusern und steuerten sie aus der Ferne, um dem Vergabe-Algorithmus vorzugaukeln, sie stünden bereits vor dem Tor. Manipuliertes Geo-Tagging ermöglichte es ihnen, mehr Jobs zu bekommen – und vielleicht für Stunden, vielleicht auch tageweise wieder Arbeit zu haben.
Tricks wie diese werden für die Beschäftigten, die untereinander um Mikro-Dienste konkurrieren müssen, zu Praktiken des täglichen Überlebens. Doctorow nennt das »Gegen-Twiddling«, also technischer Widerstand gegen die Manipulation von oben. So etwa automatisiert die App »Para« die kollektive Weigerung von Doordash-Fahrern, schlecht bezahlte Aufträge anzunehmen; aus der Kampagne »#DeclineNow« wurde eine Art algorithmische Lohnrunde. In Indonesien wiederum wurden in genossenschaftlich organisierten Clubhäusern sogenannte Tuyul-Apps entwickelt. Manche vergrößern schlicht die winzige Schrift der App des Dienstgebers, andere täuschen Standorte vor und unterlaufen damit die Zuteilungslogik der Plattform.
Zweifellos, das sind blinkende Waffen der Vernunft: »Es hat etwas wirklich Magisches, wenn Arbeitnehmer die Apps ihrer Chefs austricksen und so dem umgekehrten Zentaurismus ein Schnippchen schlagen«, schreibt Cory Doctorow. Die technischen Lösungen sind gewiss raffiniert, doch handelt es sich dabei schon um eine Form des Klassenkampfes unter Bedingungen verstärkter technologischer Ausbeutung? Die Hacking-Strategie ist eine Form von Selbsthilfe, die Ausgebeutete in die Lage versetzen kann, wenigstens ein Minimum an Selbstbestimmung über die eigene Lage zurückzugewinnen. Am Ende bleibt sie dem Paradigma des Tech-Solutionismus – mit der besseren Technologie gegen die falschen Verhältnisse – jedoch allzu sehr verhaftet.
»Zurück auf die Bäume, ihr Affen«, möchte man sagen, wenn als letzter Ausweg nur die Entwicklung von Apps, die die Apps der Chefs sabotieren, bleibt. Doch dort liegen schon die Handys der anderen. Der Klassenkampf bekommt dadurch keine neue Dimension, nur eine Schnittstelle. Und manchmal führt sie nicht ins Root-Verzeichnis, sondern einfach nur auf den nächsten Baum. Doctorow hat durchaus recht, wenn er behauptet, dass rechtliche Regularien, die den Schutz von Arbeitnehmer/innen in der Gig-Ökonomie garantieren könnten, der technischen Entwicklung hinterherhinken. Er goutiert Verordnungen auf europäischer Ebene wie den »Digital Markets Act« und den »Digital Services Act«, plädiert für Interoperabilitäts-Schnittstellen, den Schutz von Privatsphäre im Netz sowie unabhängige und Open-Source-Netzwerke. Zugleich handelt es sich hier um nicht mehr als letzte Bollwerke gegen die Macht der Monopole der Tech-Feudalisten, die man – mit Blick auf die Ideologie von Peter Thiel und Curtis Jarvin – eigentlich schon als Tech-Faschisten bezeichnen müsste.
Marx’ »Maschinenfragment« im Kapital kannte immerhin die Möglichkeit, dass steigende Produktivität die Arbeitszeit verkürzt und autonom verfügbare Zeit freisetzt. Der digitale Kapitalismus hat daraus den Todestrieb permanenter Betriebsamkeit gemacht: weniger Arbeit pro Vorgang, dafür Vorgänge ohne Ende. Spätestens an diesem Punkt müsste der betriebliche Widerstand in seiner klassischen Form zurückkehren. Gegenmacht funktioniert niemals nur auf technischer Ebene, sondern nur dann, wenn Beschäftigte sich organisieren. Hinter der scheinbaren Autonomie der Maschinen steht nach wie vor menschliche Arbeitskraft.
Umso wichtiger ist deshalb Doctorows Kapitel über Arbeitermacht gegen Ende seines Buchs. Es ist, nach vielen Um- und Abwegen, jenen gewidmet, die derzeit durch das Kapital zum Verschwinden gebracht werden sollen: Menschen, als nicht komplett ersetzbaren Trägern von Bedürfnissen, Wissen und Widerstand. Der Rest – also die Produkte, die sie erzeugen – erledigt sich von selbst: Epson konnte nur so lange Chips in seine Druckerpatronen einbauen, bis Lieferengpässe den Konzern dazu zwangen, den Sperrmechanismus zu deaktivieren. Google stellte Nest-Hubs für Smarthomes ein und ließ die Käufer mit dysfunktionalen Geräten zurück. Reparaturcafés und freie Werkstätten könnten Geräte länger am Leben halten, und auch das dafür nötige Wissen lässt sich kostenlos vervielfältigen – Paul Masons »Ökonomie der kostenlosen Dinge« lässt auch an dieser Stelle grüßen.
Cory Doctorows Buch liest sich nicht so sehr wie ein Manifest, sondern eher wie ein Essay mit eschatologischer Dramaturgie, und man kann von Glück reden, dass am Ende kein großes Erlösungsversprechen winkt. Seine Leser müssen sich mit kleinen Schritten zur Heilung einer kranken Online-Welt zufriedengeben: Wettbewerb, Regulierung, Interoperabilität und gestärkte Tech-Belegschaften reichen dem Autor aus, um den Enshittification-Hebel der Tech-Industrie zu blockieren. Der Wettbewerb, den Doctorow fordert, ist bedauerlicherweise aber kein Antagonismus zum Kapital, sondern dessen ureigenste Verkehrsform.
Ein marxistisches Gegenprogramm müsste weitergehen: nicht bessere Herren für die Plattform, sondern andere Eigentumsverhältnisse; nicht ventilierte Diversität im digitalen Warenhaus, sondern kollektive Verfügung über Infrastruktur, Code und Daten. Hacking wäre dann nicht die Reparatur von aus dem Lot geratenen Märkten, sondern die erfolgreiche Abschaffung derselben.
Cory Doctorow: Enshittification. Wie Tech-Konzerne uns ausbeuten und was wir dagegen tun können. Aus dem Englischen von Hans-Peter Remmler. Blumenbar, Berlin 2026, 480 Seiten, 24 Euro
Barbara Eder schrieb in konkret 8/26 über das Männer-Manifest der Grünen

