»Kunst zum Mitmachen«: Das klingt nach Bastel-Workshops, Kindern mit Fingerfarbe und ausgiebigem Herumgekleckse. Warum auch nicht? Elitäre Intellektualismen und Klugscheißergeschwätz fernab jeder gesellschaftlichen Analyse gibt es genug. Wer da seine grüne Hand aufs Papier drückt, um ein Blatt zu gestalten, oder mit ein paar Tricks einen verwegenen Igel zusammenbatzt, verschönert auf jeden Fall die Umgebung.
Das Motiv öffentlicher kreativer Teilhabe taucht nun auch in München auf. Nicht nur in Kitas oder Museums-Workshops – im Haus der Kunst bei einer Ausstellung mit Werken der Künstlerin Steina Vasulka sind diesmal alle Besucher dabei. Vor allem im hinteren Bereich involviert die Schau ihre Gäste immer wieder, gleichsam automatisch. Sie können mitmachen. Sie können es ignorieren. Sie können theoretisch auch ausweichen. Dazu aber müssen sie die medial gestalteten Räume erst einmal überblicken. Und das ist manchmal fast unmöglich. Ein echtes Entrinnen gibt es nicht. Wer in den Kosmos eintaucht, ist dabei, muss Flimmerbilder ertragen können – und jede Menge Bildschirme.
Dabei kommt Steina eigentlich von der Musik. Die 1940 geborene Isländerin hat Geige studiert und im Orchester gespielt. Irgendwann allerdings ging es ihr nicht mehr nur um Klänge allein. Als Künstlerin hat sie diese umgewandelt. Wer nun nur an zweidimensionale, statische Werke denkt, liegt freilich falsch. Manche ihrer Arbeiten füllen Räume, viele existieren als bewegte Screens.Den Zusammenhang zwischen Ton und Zweidimensionalität ergründete sie schon früh in ihrer Künstlerkarriere. In der Arbeit »Violin Power« steht Steina als Protagonistin zunächst konkret im Raum, fiedelt wie eine Besessene. Dann wird ihr Bild abstrakter. Und schließlich bewegt sich nur der Mund. Dazu erklingt kurz »Let It Be« aus dem Off. Von Moment zu Moment werden Bild und Ton abstrakter. Eine schattenhafte Steina fängt an zu flirren, die Geige brummt. Der Klang imitiert das Sichtbare. Die Geige wird zu einer einfachen und dann doppelten Helix. Irgendwann bilden auch Steinas Kopf und Hals diese Formen, während die Saiten vibrieren und – statt eines üppigen Solos – Töne hervorbringen, die an professionelle Aufwärmübungen erinnern.
Wer in den neunziger Jahren die Entwicklung des Techno und der elektronischen Tanzmusik verfolgt hat, kratzt sich am Kopf. Verwundert vermutlich. Denn die Bildsprache, bisweilen auch der Ton dieser Aufnahmen, wirken vertraut. Es flirrt und bebt. Der Klang spiegelt sich im Gezeigten. Die Musik wird sichtbar. Jahrzehnte nach Steinas Experimenten tauchte diese Optik in modernerer, kommerzialisierter Form wieder auf. Etwa 1996: Mit dem Spielfilm »Trainspotting« wurde damals der Song »Born Slippy« zum Hit. In der zugehörigen Filmsequenz interagieren Bilder und Effekte immer wieder mit der Musik. Je härter und unerbittlicher der Beat, desto wilder wackeln Köpfe und Einstellungen.
Nicht alles in der Schau wirkt jedoch so einladend wie Steinas »Violin Power«. Vieles scheint auf den ersten Blick eher anstrengend. Bildschirme. Fast überall Bildschirme. Irgendwo im Halbdunkel. Mal vereinzelt, mal gleich ein halbes Rondell davon. Die höchste Anzahl der hässlichen Kästen versammelt sich bei »The West«. Es sind mehr als zwanzig, in zwei Reihen aufeinandergestapelt. Sie zeigen Aufnahmen von Ruinen einer verschwundenen Zivilisation
der amerikanischen Ureinwohner, ganz konkret die »Casa Rinconada«, eine runde Zeremonienhalle. Zugleich tauchen auf den Schirmen Bilder des »Very Large Array« auf, eines Ensembles von 28 Radioteleskopen in New Mexico. Die dialektische Spannung zwischen moderner und vergangener Hochkultur soll sich in dieser Gegenüberstellung spiegeln. Die gezeigten Orte bilden nicht nur Antipoden, sie hängen auch eng zusammen. Räumlich liegen sie nur 300 Kilometer voneinander entfernt.
Richtig beeindrucken können die Bildschirme dennoch nicht. Es könnte auch ein Fernsehladen sein, der seine neuesten Produkte anpreist. Dennoch: Bereits hier begegnet den Besuchern das eingangs erwähnte Mitmachprinzip. Noch ganz verhalten, kaum merklich. Wer nämlich vor den Bildschirmen Platz nimmt, agiert nicht nur als Betrachter. Er ist schon Teil des Werks. Zumindest für alle, die den Raum gerade betreten haben. Der Gast als Installation gewissermaßen. Als schwarze Kontur vor den Fernsehern.
Aber macht dieser Betrachter denn auch freiwillig mit? Oder wird die Person, sobald sie die ersten Schritte in die Ausstellung tut, zur Partizipation gezwungen? Ja – und nein. Ja, weil vor allem in den hinteren Räumen der Schau Kameras stehen und filmen. Nicht immer direkt, oft über Bande, mit Spiegeln und Prismen. Das macht es noch schlimmer. Nur wer sich geschickt vorbeischleicht, kann unsichtbar bleiben. Nein, weil sich Steina selbst kaum für die aufgenommenen Elemente interessiert. Ob Maria, Herbert, Zlatan oder Frankie vorbeispazieren und hier oder da stehen bleiben und in irgendeine Richtung gucken, interessiert kaum. Steinas Fokus liegt woanders. So wie sie einst aus Klang und Bild eine synästhetische Crazyness zauberte, in der das eine dem anderen Impulse gibt, verändert sie nun die Wahrnehmung erneut.
Während bei »Violin Power« eine Art Synästhesie geschaffen wurde, wechselt nun die Perspektive. Die Aufnahmegeräte bestimmen, was gezeigt wird. Ob das nun schön ist oder nicht, interessiert niemanden, schon gar nicht die Apparate. Der Künstlerin geht es um einen neuen Blick, den einer technischen Installation auf die Welt. Steina bezeichnet diese Art des Fokus als »machine vision«. Die Perspektive geht von den Apparaten aus. Wer sich in ihrem Dunstkreis bewegt, erkennt nicht sofort, wo er eventuell gefilmt wird. Denn die Aufnahmegeräte wurden so umgebaut, dass ihr eigentlicher Blick nur schwer von außen zu erkennen ist. Erst die aufgehängten Screens, die das Treiben im Raum dokumentieren, geben versteckt Hinweise, wo die Besucher sich plazieren müssen, um im Bild (oder eben nicht) zu landen. Ein Zusammenspiel der Technik. Der Mensch ist zunächst überfordert. Er erfährt Raum und Zeit als etwas zunächst nicht Fassbares. Als etwas Eigenständiges. Sein Blick läuft nicht mehr parallel zu dem des Objektivs.
Diese Position dekonstruiert nicht nur anthropozentrisches Denken. Sie macht die Perspektive des Objekts spürbar. Nicht »Herr« der Kamera zu sein, sich beobachtet zu fühlen, den Blick aushalten zu müssen, ist eine im bildhaften Sinne weibliche Erfahrung, wie die Filmtheoretikerin Laura Mulvey 1975 in ihrem Essay »Visual Pleasure and Narrative Cinema« aufzeigte. Das gilt bis heute. Frauen im Film haben traditionell eine doppelte, objekthafte Funktion: Sie verkörpern das Ziel der Begierde für den männlichen Hauptdarsteller oder gar mehrere Männerfiguren. Der Zuschauerblick wiederum übernimmt die Sicht der Kamera. Damit aber wird er automatisch zum Vertrauten des Mannes. Er verfolgt das Geschehen, umgeben vom heimeligen Dunkel des Auditoriums, während die Szenen auf der Leinwand im Regelfall gut ausgeleuchtet sind. Den Frauen haben die patriarchalen Strukturen vieler Filme lange Zeit einen wirklich subjekthaften Blick verwehrt. Ihr Filmgenuss war, so sie über ein gewisses Bewusstsein verfügten, immer ein wenig getrübt. Dasselbe können nun auch Männer spüren. Kaum merkliche Kameraaufnahmen der »machine vision« machen’s möglich.
In Steinas Installation bleibt die Technik erhalten. Doch der Mann hinter der Kamera fehlt. Kein menschliches Wesen blickt durch den Sucher. Nicht mal eine Frau. Zugleich öffnet sich der Weg in eine andere Dimension. Die der Apparate. Die sind nun am Werk. Was in der Ausstellung niedlich wirkt, birgt freilich die übliche Dialektik: Einerseits rückt die Installation den Blick auf neue Formen der Wahrnehmung durch das technische Ich. Neue Perspektiven lassen sich so erschließen. Ein Stück Objektivität. Zugleich antizipiert das Ganze Kontrolle und den Überwachungsstaat. Was Steinas Kameras auf charmante Art vorleben, hat sich heute längst in großes Unbehagen verwandelt. Das Motiv Kamera zieht sich bis zum letzten Punkt der Ausstellung durch. Kurz bevor die Besucher/innen eine Art Sackgasse erreichen, werden sie noch einmal Teil des Spiels. Das Prinzip ähnelt dem der »machine vision«. Erneut gerät der Mensch mitten in ein Kunstwerk. Erneut muss er mitmachen. Und auch diesmal ahnt er nicht wirklich, in welcher Form, wann und wo er auftauchen wird. Dem Sichtfeld des Aufnahmegeräts zu entgehen, ist ähnlich schwierig wie zuvor. Diesmal gibt es tatsächlich nur eine Linse, die das Treiben, Laufen, Innehalten, Betrachten und die sich langsam aufbauende Verwirrung verfolgt. Das Kamerasignal allerdings vervielfältigt sich kurz darauf, denn es läuft durch vier verschiedene Computer mit diversen Programmen.
Und so entsteht aus einem einzigen Impuls ein auf den ersten Blick massives optisches Durcheinander. Andere Perspektiven, unterschiedlicher Fokus, Verzerrungen, seltsame Bewegungen. Wie aus ein und demselben Eindruck solche Vielfalt entstehen kann, löst heute freilich kein Staunen mehr aus. Dank KI und den Software-Erfindungen der vergangenen zwanzig Jahre sind die Menschen einiges gewohnt. Durch den Blick der Zeit damals aber voll cool. Die Betrachtenden verlieren den Fokus. Niemand kann so schnell ergründen, ob die eigene Person nun mitspielt oder verborgen bleibt. Die Kontrolle des Ichs über das eigene Bild, die eigene Partizipation löst sich komplett auf.
Auflösung und Überflutung spielen auch eine Rolle in dem vielleicht aufregendsten Werk der Isländerin. Die Installation »Borealis« füllt einen riesigen Raum. Die Bilder, ihr permanentes Strömen erreichen ihre Wucht zunächst durch Größe. Vier monströse, vier Meter hohe Screens verteilen sich über die Fläche. Zehn Minuten dauert ihre Show. Sie rauschen, optisch wie akustisch. Es ist eine Bilderflut. Nicht abgehackt wie bei Stroboskop-Effekten. Vielmehr gleiten die Eindrücke – von oben nach unten, von links nach rechts, von hier nach da. Ein langes, überwältigendes Aufbäumen. Mit Aufnahmen von reißenden Flüssen und Meereslandschaften, immer wieder technisch manipuliert. Wellen tosen, Wasserfälle stürzen, überschwemmen Felsen und Erde. Auch die arktische Flora von Steinas Heimat findet dort ihren Platz. Fast fühlt es sich an, als wollte die Künstlerin ihre technischen Studien, ihren Fokus auf Signale nun mit der Natur zusammenführen.
Auch bei dieser Installation kann das Publikum mitmachen. Doch auf ganz andere Art als zuvor. »Borealis« durchströmt die Betrachter/innen wie ein rauschhafter Trip. Die absolute Überwältigung.
»Steina: Playback«. Ausstellung im Haus der Kunst München, in Zusammenarbeit mit dem MIT List Visual Arts Center und dem Buffalo AKG Art Museum. Täglich außer dienstags geöffnet, bis 7. Dezember 2026. Begleitend zur Schau ist die Monografie Steina erschienen, herausgegeben von Natalie Bell (227 Seiten, 45 Euro, vor Ort oder im Online-Shop des Museums erhältlich)
Katrin Hildebrand schrieb in konkret 6/26 über die innige Verbindung von Frauen- und Judenhass in der »Manosphere«

