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26.06. 2026

Ausgabe:

Hoffmanniana

Genie mit Alkoholproblem, Wandler zwischen Traum und Realität, bewundert von Baudelaire, pathologisiert von Freud: der Dichter E. T. A. Hoffmann wurde vor 250 Jahren geboren und ist weiterhin die große Rätselgestalt der deutschen Romantik. Zum Jubiläum gratuliert mit reich verstreuter Gedankenflora Ulrich Holbein

Die machen noch die Welt verloren. Zwischen Piffpaff und Krawumm – was kann man im Gesamtdesaster schnell noch positiv hervorheben? – Man könnte zum Beispiel kurz um den 800. Geburtstag von Franz von Assisi kreisen (Kinder, wie die Zeit vergeht!) – oder um den 150. Geburtstag Konrad Adenauers (muss man den kennen?), den 100. Geburtstag von Marilyn Monroe und Peter Alexander, den 90. Geburtstag von BB (Brigitte Bardot, Béla Bartók, Bert Brecht oder Bazon Brock?), nicht zuletzt den 80. von Trump (wer immer dies gewesen sein wird). Nastassja Kinski wurde am 24. Januar dieses Jahres 65, Ernst Theodor Amadeus (ETA) Hoffmann 250.

Wie kann man sich an Hoffmann heranschaufeln? – Hoffmann kann jeder heißen. 100 Millionen Chinesen heißen mit Nachnamen Li. Hoffmann gilt als der zwölfthäufigste Nachname in der BRD, zwischen Meier und Koch. Hoffmann & Hoffmann erlangten nach »Himbeereis zum Frühstück« keinen Hit mehr. ETA will keinesfalls an Edeka erinnern. ETA muss nicht Euskadi Ta Asjkatasma (Freiheit für die baskische Heimat) heißen. ETA muss kein Buchstabentauscher von TEA sein. Das Zentrale Verzeichnis antiquarischer Bücher (ZVAB) bietet zur Zeit 66.000 Werke von Autoren namens Hoffmann an, darunter 2.700 Titel von ETAH.

Was sind eigentlich die Merkmale der Romantik? – Google und KI wissen es: »Zentrale Themen sind Liebe, das Unerreichbare und die Sehnsucht.« Genau in dieser Reihenfolge, nicht umgekehrt: erst die Sehnsucht, dann die Liebe?

Was is’’n Romantik? In einfacher Sprache: – Oft ist alles Kacke. Plötzlich bekommst du ein cooles Gefühl irgendwie oder geile Momente beim Kuschel-Rock, ein Candlelight-Dinner mit Partnerin, Kumpel oder Transmensch. Dann mutiert jeder Zombie und Nerd zum Romantiker. Der steckt sicher sowieso in ihm, hoffentlich.

Wie könne man eine »Romantik für kaum Fortgeschrittene« und eine »Romantik für äußerst Fortgeschrittene« umschreiben? So oder so: bitte gelb markieren. – Romantik ist eine Geisteshaltung, die Rationalismus und Kleinbürgertum scharf kritisierte. Sie nahm aber gleichzeitig eine kritische Distanz zur schwärmerischen Überhöhung der frühromantischen Künstlerexistenz ein, deren Isolation letztlich in den Wahnsinn führt.

Wie kann man Bevölkerungsgruppen un poco Kultur beibringen, a little bit, ein winziges Schlöckchen, aber nur, falls Hochkultur nicht viel zu hochhängt? In finsteren Zeiten braucht man nämlich etwas Ausgleich, aber nur, falls man Bock hat, zum Glück gezwungen zu werden. Kurzum: wieviel Romantik braucht der Mensch? – Falls Gegenwart sich nach Romantik sehnt, tut sie dasselbe wie jene Romantik, die sich nach einem geschönten Mittelalter sehnte. Romantiker versteiften sich nur deshalb so inniglich auf Romantik, weil sie in einem arg nüchternen, pragmatischen, desolaten Zeitalter lebten.

Was geschieht 2026 in Bamberg, zu Ehren Hoffmanns? – Erst spie Bamberg Hoffmann aus, dann hielt Bamberg ihn hoch, nutzte ihn als Aushängeschild bis heute, stellte Türknäufe und Apfelweibla in Serie her, stellte ein talentfreies Bronzedenkmal auf, taufte aber den Theaterplatz, an dem Hoffmann recht beengt wohnte, Schillerplatz, obwohl Schiller nie in Bamberg lebte. Man bekam es 100 Jahre lang nicht hin, den Schillerplatz etwas adäquater umzutaufen, nannte als Trostpflaster ein Eckchen am Randstück »Hoffmannplatz«, und plötzlich blieb sein Haus zum Jubiläum ganzjährig verschlossen, eine Art Mini-Stuttgart-21. Beim Renovieren zeigten sich tieferliegende Schäden, derart, dass die Substanz 2026 keinerlei provisorische Öffnung zuließ. Immerhin: Unterm Motto »Grenzen des Realen« stellen Berganza-Preisträgerinnen und -Preisträger des Kunstvereins ihre Arbeiten und Exponate aus und loten so kongenial wie möglich die Schwelle zwischen Fantastik und Realität immer wieder neu aus, facettenreich, umspielt von Live-Musik, Powerpoint-Präsentationen, Lesungen, Scherenschnitt-Workshops für Kinder ab elf, und die Ausgezeichneten heißen unter anderem Heid, Heil, Huth, Böhm, Bauer, Schoppel. Ab 2027, wenn das Jubiläum verrauscht, oder später, soll Hoffmanns Wohnhaus angeblich wieder geöffnet werden.

Was geschieht in Berlin und Plovdiv? – Beiträge von Nachwuchs-Forschungskolloquien zwischen Berlin, Plovdiv und Oxford befassen sich 2026 in kritischem Diskurs mit Hoffmann im Hinblick auf neue intertextuelle Rahmenbedingungen, theoretische Konzepte und globale Kontexte.

Wie schaut zur Zeit die Romantikpflege aus? – Auf internationalen Buchmessen gewinnt der Besucherandrang nicht den Eindruck, dass Lesekultur im Schwinden sei. In Deutschland, Österreich, der Schweiz finden sich 50 institutionelle Orte, die an bekannte Romantiker/innen erinnern, von Hölderlinturm bis Rollwenzelei, von Schuberthaus bis Schumannhaus, zuzüglich 233 Dichterhäuser der ALG (Arbeitsgemeinschaft literarischer Gesellschaften), die meisten Institutionen barrierefrei zugänglich.

Sehnen also junge Lebewesen, aufgewachsen in Beton- und Kulturwüsten, sich unsagbar dringend nach Gefühlen, Kulturoasen und ewig singenden Wäldern? – Nicht unbedingt.

Stellt Hoffmann & Company nicht zu hohe Ansprüche an die Aufnahmekapazität werktätiger Bevölkerung? – Für wen fremde Worte wie Sagazität, submittieren, skoptisieren, Parlamentsprokurator, Elektrophor, Theorbe, Turandot, Orbis Pictus oder Rhadamantus Hemmschwellen darstellen, braucht bloß Wikipedia anzuklicken.

Was stellt KI sich selber für ziemlich unintelligente Fragen? – »Was ist das Sandmannhafte an Hoffmann?« – »Warum schrieb Hoffmann den Sandmann?« Genau: Hoffmann wollte vor den Gefahren technischer Entwicklung warnen! »Ist der Sandmann von Hoffmann ein Märchen?«

Wie kann das Zeitalter angetasteter Würde und fehlender Anmut heute noch Rezipienten und Rezipientinnen aktivieren, statt Rekruten und Rekrutinnen? Kann man Hoffmann nach einem Vierteljahrtausend neue Leser/innen zuführen, aus der Generation Hotel Mama, Generation Nutella, Generation Fack-ju-Göhte, jener Generation Doof, die fast nur noch Gutturallaute hervorrülpst wie »Deutschland!«, »Wixer!«, »Nazi!«, wenn man Hoffmann schmackhaft macht wie folgt? – Ernst strich seinen Wilhelm. Ein Amadeus wurde geboren. In Warschau warteten Glück und Unglück auf ihn. Ernst blühte auf. Napoleon besiegte Preußen. Ernst war kein Kämpfer. Er litt an seiner Dunkelheit. Er bannte Hirngespinste auf Papier. Nachts erschuf er Monster. Seine Dämonen lynchten ihn. Nachtstücke und Märchen flossen aus ihm heraus, aber nicht Volksmärchen, sondern Kunstmärchen. Als Klavierlehrer, 35, verliebte er sich in eine Klavierschülerin, 13. Er ist ein tragisch liebender Mann gewesen, genau wie Beethoven. Er war ein Außenseiter, genau wie jeder andere Mitläufer. Seine polnische Frau Mischa war einfach da für ihn. Sie stritten sich nicht. Er gilt als Multitalent, anders als Mozart oder Kant. Kaum blieb als Opernkomponist Erfolg aus, erfand er sich neu und ging unter die Schriftsteller. Er strebte nach Selbstvergewisserung. Aus ordinärer Realität floh der Schöpfer des Meisters Floh in extraordinäre Traumbereiche. Er schrieb oft was auf, seine Albträume, seine Hoffnungen. Er schrieb über die Abgründe der Seele. Er schrieb, weil er nicht anders konnte. Andere konnten auch nicht anders. Er soff zuviel. Andere tranken auch nicht wenig. In Bamberg gabs zur Hoffmannzeit 56 Brauereien. Sein Körper protestierte. Er hatte keine Zeit für Krankheit. Er starb qualvoll und viel zu früh. Texte diktierte er bis zuletzt.

Kann solcherlei didaktische Aufbereitung vom Hocker reißen? – Jein. Man kann das alles sicher etwas hochkarätiger ausdrücken oder lebendiger, in einer hochromantischen Kurz-Vita: Wie lieblich um seinen entfesselten Busen der holde Wahnsinn spielte! In seiner Künstlerseele wohnten mehrere Seelen, mindestens zwei. Losgerissen von der Mutter Brust, in blinder Betäubtheit, wankte er heimatlos umher. Bitteres Ungemach hörte ihn zu verfolgen nicht auf. Er aber erhob sich, mit regem Fittich, über den stinkenden Pfuhl seines allzu nüchternen Lebens. Der Druck der Umstände und des Elends, über das er sich kraft Künstlerenthusiasmus hinausschwang, ließ ihn nie untergehen. Dem komponierenden Wunderkind folgte der schriftstellernde Spätzünder auf dem Fuß. Stoff für komische Einfälle fand er überall. 1809 schrieb Hofmann 150 Briefe – bloß 19 davon sind erhalten. Zerstreute Gedanken, Frühwerke, Romanfragmente warf er selber fort. Einmal schwelgte er in seltsamen Leiden, dann wieder in musikalischen. Er plante den Roman »Lichte Stunden eines wahnsinnigen Musikers« und schwächte den Titel dann ab. Er musste sich zwingen, ein Jurist zu werden (genau wie Goethe). In hohem heiligen Ernste, mit Tränen in den Augen, saß er im »Don Giovanni«, bemützt mit Schellenkappe und Dornenkrone. Eine ebenbürtige Gattin wurde ihm so wenig zuteil wie seinen Mitstreitern Goethe, Stifter, Heine. Als Mischa Fett ansetzte, freute sich der Gatte riesig. Fiedelnde Nachbarschaft machte ihn rasend. Oft dinierte er mit Theaterdirektor Holbein. Stets changierte er zwischen Aktenmensch und Serpentia, zwischen Trunksucht und Schwindsucht.

Romantik, plus Hoffmann, für Akademiker/innen mit und ohne Abschluss: – Die sogenannte Romantik ist, neben dem sogenannten Idealismus, der Inbegriff des deutschen Geistes, Rüdiger Safranski zufolge (keinesfalls zu assoziieren mit Spalanzani), und legte eine von ihm so genannte »Karriere des Imaginären« hin.

In welchem Verhältnis steht die Poesie zur Wirklichkeit, wo hat sie ihren legitimen Ort in der Gesellschaft? – Mit dieser legitimen Safranski-Frage, die wunderbar vom Hocker reißt, beschäftigt sich Safranski und befindet, dass auch Eichendorff und Hoffmann zufälligerweise mit genau dieser Frage sich beschäftigt hätten. Von den 125 deutschen Romantikern mendelt der Romantikvermittler 115 aus und erwähnt selbst den unverzichtbaren Zacharias Werner null Mal. Max Weber und Heidegger kommen, statt Franz Schubert, ausführlich vor. Auf dänische und polnische Romantik wird kein Seitenblick geworfen. Die deutsche Romantik stehe über der englischen und französischen Romantik, obwohl es zum schwarzbunten Quasimodo von Notre Dame kein deutsches Pendant gibt.

Was kann Hoffmann heutigen alten, unweisen Ausnahmetalenten wie Precht, Lanz, Lesch, Brock, Nuhr, Zeh, Dorn, Schmidt, Scheck, Schrott, Nick, Gauck, Merz, Trump noch sagen? – Viel. Falls man sich Zeit für ihn nähme, in der To-do-Liste irrelevanter Vordringlichkeiten.

Können Nörgeltanten und Laufstegschönheiten namens Chantal sich in Hoffmanns Engelsgesichtern oder einem »holdenKlärchen« wiederfinden? – Schwerlich. Hoffmann mochte gelehrte Frauenzimmer nicht. Welche Emanze würde ihm dies durchgehen lassen?

»Holde Klänge einer lieblichen Musik« – kann damit vorauseilend Abba oder Zappa gemeint sein? – Mozart & Company wird nur von vier Prozent der Bevölkerung toleriert oder gemocht. Kann es dann auch noch in 100 Jahren die degenerierten Dussel zentnerweise vom Hocker reißen, wenn vor Jahrhunderten die Undine-Oper eines reisenden Enthusiasten von Carl Maria von Weber gelobt wird? (Müssen wir den kennen?)

Was dachte Gespenster-Hoffmann über das Geisterreich der Töne? – Bereits in Mozart erkannte er den Magier im Geisterreich, was Beethoven dann noch mal steigerte ins Ungeheure und Unermessliche. Dieses potenzierte Beethoven dann aber noch mal ab Opus 127 bis hinauf zu Opus 131, dies aber erst ab 1824 – und diesen Ruck und Schub im Heiligtum in Richtung Geisterreich durfte Hoffmann, weil er kurz vorher starb, 1822, nicht mehr miterleben.

Hatte Hoffmann psychische Probleme? – Er litt lebenslang, heißt es oft und unbeirrbar, an Phobien und Ausgrenzung aus bornierter Philistergesellschaft. Hatte dies Freud ihm eingebrockt? Freud stülpte seinen Freudianismus über ETA Hoffmann, und schon litt Nathanael, statt an Erblindungsangst, am Wahn, vom Vater kastriert zu werden – das wollen wir hier mal offen lassen, ob Eier oder Augen wichtiger sind. Pupillen braucht man halt, um Lebewesen zu erspähen, in die man irgendwas reinpfriemeln kann. Kann man Hoffmann anlasten, dass Der Augensammler des Auflagenmillionärs Sebastian Fitzek leider an Hoffmann anknüpft, ob er will oder nicht? Fitzek und Safranski wurden in 36 Sprachen übersetzt.

War Hoffmann wahnsinnig? – KQI (Kunstlose Quasi-Intelligenz) gibt ihr bis dato Bestes und antwortet wenig ingeniös: »Von Hoffmann, der von einer hysterischen Mutter stammt, ist bekannt, dass er nervös, exzentrisch und Stimmungen stark unterworfen war, ja, dass er an Halluzinationen, Wahnideen und Zwangsvorstellungen litt, die er in seinen Dichtungen darzustellen liebte.« Na toll. Wärs nicht jovialer, diesen lachenden (statt kranken) Mann von einer sensiblen (statt hysterischen) Mutter stammen zu lassen? Da wurde was auf den unwirsch dumpfen Punkt gebracht, aussagelos. Normopathen, deren Alkoholkonsum nur Rülpser, statt Werken, hervorbringt, stürzen sich mit doofer Wonne auf die Pathografien angeblicher Psychopathen. Wissenschaft, die Mozart und Gustav Mahler Tourettimus anhängt, würde nicht zögern, Hoffmanns sprunghafte Nervosität mit Wörtern à la ADHS, manisch, bipolar zu behelligen.

Freud nannte Hoffmann den unerreichten Dichter des Unheimlichen – ist er das und bleibt er das? – Apuleius von Madaura arbeitete in seinem Metamorphosen-Roman gewitzt mit beklemmenden Tricks im Arbeitsbereich Traum und Realität, Schein und Sein, schier hoffmannesker als Hoffmann, dies aber rund 1.650 Jahre vor ihm.

Polarisierte Hoffmann seine Leserschaft? Was können wohltemperierte Geister gegen bizarren Humor einwenden? – Goethe, Hegel (nicht zu verwechseln bitte mit Schlegel, Hebel, Hebbel, Flögel) und Eichendorff sprangen nicht so euphorisch auf Hoffmann-Lektüre an wie später dann Poe, Balzac, Gogol, Dostojewski. Chamisso stellte ihn als Humorist über andere Humoristen. Baudelaire sprach vom »göttlichen Hoffmann«. Ludwig Börne und Walter Scott versahen ihre Hoffmann-Begeisterung mit einem Aber. Goethe, erklärtermaßen, hasste Knoblauch, Kruzifixe, Wanzen, Sauerkraut, Afterverkehr, Romantiker, obwohl diese ihn auf Händen trugen. Hoffmanns Erzählungen schalt Goethe »kranke Werke dieses leidenden Mannes« – Hegel polemisierte gegen Übersichtigkeiten, Krankheit des Geistes, Willkür der Phantasie, Verschwemmung der Gestalten, sogar »Quatschlichkeit«. Romantische Poesie spiele, laut Hegel, hinüber ins Nebulöse, Eitle und Leere. Shakespeares, Sternes, Hippels Humor lassen Hegel und Goethe gelten; bei »Theodor Hoffmann« (wie Hegel ihn nennt), Jean Paul, Novalis gehen Hegels und Goethes Daumen nach unten. Lachen sei, laut Hegel, »ein Ausbruch des Herausplatzens«. In der unerfreulichen Verwendung des Wortes »krank« koinzidieren Weltgeister à la Goethe und Hegel leider mit kleinbürgerlichen Kunstbanausen.

Gegenfrage: Leidet umgekehrt nicht eher der angeblich kerngesunde Klassizismus an einer Krankheit des Geistes, mindestens an Antriebsschwäche, Anämie, Apathie, Ataraxie, Abulia, wenn nicht gar: Apraxie? – Genau! D’accord!

Ein unbeliebter Kulturphilosoph stellte den Kapellmeister Johannes Kreisler ebenbürtig neben Faust, Werther und Don Juan. – Quiz: welcher? (Pst, Ratehilfe: so ab 1918.)

Was dachte Hoffmann über seinen Nachruhm? – Mozart prognostizierte: »Diese Sonate wird man noch in zwanzig Jahren spielen.« Hoffmann rechnete gar nicht damit, nach 150 oder 250 Jahren noch beachtet zu werden. Er hob nicht mal Belegexemplare seiner Bücher auf.

Müssen im Zeitalter toxischer Maskulinitäten, welthistorischer Maximalforderungen und Wehrpflichtdebatten Hoffmanns erschröckliche Automaten, Doppelgänger und Gespenster neben späteren Grässlichkeiten wie Dracula, Golem, Frankenstein, Zombies, Godzilla, King Kong, Hannibal Lecter nicht als harmlose Vorstufen erscheinen? – Neben Materialschlachten, Fleischwellen, Drohnenkriegen schauen die Zinnsoldaten des Peregrinus Tyß tatsächlich arg unschädlich aus, durchaus aushaltbar, geradezu bekömmlich, weihnachtlich umnebelt von den mystischen Düften des Marzipans.

Wie kreisten spätere Zeiten um ETA Hoffmann? – Studienräte und Germanistinnen gehen nicht universalpoetisch an Romantik heran, sondern höchstenfalls interdisziplinär. Sekundäre Literatur humpelte dem ETAH hinterdrein, naturgemäß nie abgefasst von Dapsul von Zabelthau, Dr. Prosper Alpanus oder Prof. Lindhorst, sondern zuverlässig und unausweichlich von Registrator Heerbrand und Konrektor Paulmann, also Famulus Wagner, höchstenfalls Serenus Zeitblom, drei Meter im Fall von Hoffmann, zwei Meter im Fall Eichendorff, ein Meter im Fall Novalis, 14 Meter im Fall Goethe, und so heißen dann auch die Titel entsprechend: »Körper und Diskurs«, »Literarische Subversion«, »Konfiguration des Theatralischen«. Bücher über Hoffmann heißen selten »Lichte Stunden eines wahnsinnigen Musikers« oder »Schnöde Kunststücke gefallener Geister«, sondern lieber: »Heterogenität und Integration«. Bücher über Novalis hingegen heißen genauso wenig tröstlich: »Identität und Rolle«.

Drei Schritte zurück – wie stellen duplizierte Welten aus einiger Entfernung sich dar? – Multiversen gelten als unübersichtlich, so dass man sie vereinfachte zu Paralleluniversen, zwecks Handhabung. Hoffmann-Experten und -Expertinnen betonen unausweichlich und nimmermüde die Dualität und Duplizität von Realität und Phantasie, so als wenn das zweierlei Stiefel wären und nicht alles dieselbe Bagage. Die osmotische Drehtür zwischen Dresden und Atlantis, säuberlich auseinandergehalten, scheint bei Jean Paul Bier, bei Hoffmann Punsch zu heißen. Die Dichotomie unvereinbarer Welten hielt sich aber nicht unüberbrückbar auseinander. Zwar stammen die zufälligen Makulaturbätter aus dem Kater Murr angeblich von zwei nicht zusammenpassenden Autoren, doch ähneln die sich stilistisch bis zur Verwechslungsgaudi.

Welches sind die drei, vier Werke Hoffmanns mit dem frappantesten Gegenwartsbezug? – Roboter, diese Wortprägung von Karel Čapek, gibt’s erst seit 1920. Vorher hießen solche Wesen Automate. Beklemmend trifft ETAH’s »Die Automate«, samt Sandmann, auf rezente Androidenevolution, wenn auch Digitalismus alles aufzuziehende Räderwerk à la Zeitmaschine und Metropolis ablöste, mit Formulierungen wie »Rückwirkung eines denkenden Wesens«, »das tolle Nachäffen des Menschlichen«, »menschliche Bewegungen toter Figuren«, angestarrt von Augen ohne Sehkraft. Die musizierende Puppe Olimpia brauchte merkwürdig lange, zwei Jahrhunderte, um auf Replikanten und lebensgroße, körperwarme Liebespuppen aus Silikon zuzulaufen, mit Atem- und Saugfunktion, à la »bitte bestätigen Sie, dass Sie ein Mensch sind!« (»Ich bin dein Mensch.«) Meister Floh macht das penetrante Gegenwartsthema von Spitzelsystemen und Überwachungsgesellschaften thematisch. Sodann freilich der Einsiedler Serapion, der in der Filterblase oder Echokammer seiner Fake News lebt, abgeschottet in seiner Alternativrealität, und sich durch Zusatzinfos und gegenteilige Sichtweisen keinesfalls beirren lässt. Im Trumputin, der auf seine eigene kognitive Verzerrung der Sachlage und Weltlage reinfällt, hat sich der harmlose Serapion auf die Weltbühne geschwungen. Vor 200 Jahren Hinrgespinst, heutzutage belief traps (Überzeugungsfallen). Man muss gar nicht mehr zwischen Realität und Quasirealität pendeln.

Wer hat den längeren Atem oder die kürzere Ewigkeit? Nüchterner gefragt: Wie steht’s um die Verweildauer der diversen Romantiker? – Bei 125 deutschen Romantikern steht Hoffmann stets unter den ersten fünf. Heinrich Heine und Arno Schmidt stellten Hoffmann über Novalis. Egon Friedell stellte Novalis über alle anderen Romantiker. Eichendorff stellt zwar einen netten, betont leichtverdaulichen Gipfelpunkt schönster Romantik dar, doch die Eichendorff-Gesellschaft (2006 hatte sie 400 Mitglieder) ging 2010 zugrunde. Das Romanticum der Stadt Koblenz bot, bevor es Ende 2023 geschlossen wurde, eine interaktive Erlebnisausstellung zur Rheinromantik, zehn Ausstellungsbereiche, auf 800 Quadratmetern mehr als 70 Mitmach-Stationen. Die ETA-Hoffmann-Gesellschaft zählt aktuell 435 Mitglieder, Tendenz: sinkend.

Wer wird länger Leser/innen finden: Eichendorff, Hoffmann, Hauff, Heine? Wie lange wirds noch Google geben? 100 Jahre? Zehn Jährchen? Drei Millionen Jahre? Werden sie sukzessive abgeschaltet oder unverständlich, alle auf einmal? – Bevor der Menschheit die vermüllten Ozeane bis zum Hals stehen und alle in einem flächendeckenden Boot untergurgeln, inklusive Flugzeugträger –, bevor einige legasthenische Judotypen und Flegel im Qualm ihrer losgelassenen, verrosteten Arsenale ersticken –, bevor Alpha Centauri und so weiter im Kosmos verschmoren: kann man diese und jene abgespeicherten Namen und Inhalte schnell noch mal hervorzupfen. Genauere Antworten würden den Rahmen dieses Artikels sprengen.

Worauf können wir uns ab 2027 freuen? – 2027 naht erst mal dann gewichtig der 800. Todestag: Dschingis Khans, der 500. Todestag: Niccolò Machiavellis, der 300. Todestag: Newtons, der 200. Todestag: Beethovens, außerdem: 250 Jahre Heinrich von Kleist und 100 Jahre Joachim Fuchsberger.

Lesetip: Schatzhäuser der Romantik: Ein Wegweiser zu Museen, Wohnhäusern und Gedenkstätten. Mit 120 farbigen Abbildungen. Herausgegeben von Anne Bohnenkamp, Wolfgang Bunzel und Cornelia Ilbrig. Reclam, Ditzingen 2021, 280 Seiten, 18 Euro

Ulrich Holbein (rein zufällig geboren an einem 24. Januar) gab zuletzt ein Lesebuch zu Hoffmanns Zeitgenossen Jean Paul heraus: Weltall im Krähwinkel (Lilienfeld-Verlag)