Dass Aliens – deutsch: Fremde – unter uns weilen, ist nicht allein für Ufo-Experten der Fachbereiche »Reichsflugscheiben« und »Fliegende Untertassen« so klar wie der Sternenhimmel in der Anfangssequenz des Filmklassikers »Invaders from Mars« von 1953. Darin beobachtet ein astronomisch interessierter Knabe nächtens durchs Teleskop, wie ein Ufo in einer Sandkuhle unweit des Elternhauses landet. Die Insassen haben offenbar nichts Gutes im Sinn, denn des Jungen Eltern, die jene Kuhle auf seine Bitte hin untersuchen, erscheinen alsbald als gefühllose und autoritäre Somnambule. Offenbar erhielten sie von den Damen und Herren aus dem All einen Hirn-Chip und verloren damit ihren freien Willen und das menschliche Gemüt.
Ähnlich blockwartig verhält sich der eigentümliche Mister Johnson in Roger Cormans »Not of this Earth« von 1957. Er sieht aus wie ein Mensch, nur dass eine klobige Sonnenbrille seine, wie sich später herausstellt, Hirnstrahlen verschießenden Augen verdeckt. Er handelt im Auftrag der Bewohner des darbenden Planeten Davanna und sammelt für deren Überleben menschliches Blut, wozu er die Erdbewohner wie Nutzvieh zu behandeln beabsichtigt. Das erscheint erfolgverheißend: »Sie sind zweitklassige Untermenschen, schwach und voller Angst«, wie er nach der erfolgreichen Exsanguination eines Staubsaugervertreters via Funk gegenüber seinem Vorgesetzten feststellt. Die kosmischen Besucher in jenen »Alien Invasion«-Filmen, wie das in den fünfziger Jahren immens erfolgreiche Science-Fiction-Subgenre heißt, trachten meist danach, die menschlichen Gesellschaften zu durchsetzen, auszunutzen und letztlich den öden Planeten Terra zu zerstören.
Gleiches droht der US-amerikanischen Gesellschaft und den minder erlesenen Gesellschaften auf dieser Erde, also allen anderen, wenn deren Insassen die Alien-Gefahr ignorieren, verlachen oder gar gutheißen. Daher ist es löblich, dass die Regierung der Vereinigten Staaten von Amerika unter whitehouse.gov/aliens vermeldet: »Seit 60 Jahren bewahrt die US-Regierung ein streng gehütetes Geheimnis. Aleins bewegen sich unter uns, leben in unseren Vierteln und pflegen Umgang mit uns im Alltag. Sie haben in denselben Läden eingekauft, dieselben Schulkurse besucht wie unsere Kinder, und sie leben ein scheinbar normales menschliches Leben.« Doch, so fährt der Text fort, Präsident Trump sei der Erste gewesen, »der die reale Gefahr ansprach, die Aliens für jede amerikanische Familie, jede Gemeinschaft und die Zukunft unserer Nation darstellen«. Die Webseite ist im Stil der Science-Fiction-Serie »Akte X« gestaltet, doch bezieht sich der Text auf die Vorarbeit namhafter Alien-Kenner wie der Filmregisseure Jack Arnold (»It Came from Outer Space«, 1953), Don Siegel (»Invasion of the Body Snatchers«, 1956) und des quicklebendigen Steven Spielberg (»Close Encounters of the Third Kind«, 1977). Er sagte jüngst in einem »Stern«-Interview, es gebe »inzwischen so viele Indizienbelege, dass es für mich unmöglich ist, zu glauben, dass wir nicht beobachtet wurden und nicht auf allen Ebenen der Gesellschaft mit Außerirdischen interagiert wird«.
Feixen über weltbekannte Filmkunstmeister können nur solche Menschen, die sich in ihrem Glauben an das geozentrische Weltbild nicht davon abbringen lassen, dass kein Platz für andere sei im Sonnensystem. Im Film sind es Naturwissenschaftler, die als erste die Existenz der Außerirdischen entdecken. Der US-Kulturwissenschaftler Patrick Lucanio schrieb dazu 1987 in seiner Genre-Analyse Them or Us: »Der Wissenschaftler beginnt einen einsamen Kampf gegen den Eindringling und die spöttische Gesellschaft, … aufgrund der Missbilligung der Gesellschaft wird er zum Außenseiter, der nicht nur gegen den Eindringling, sondern auch gegen die spöttische, ablehnende Gesellschaft kämpfen muss. Daher besteht die Mission des Helden darin, die Gesellschaft dennoch zu retten, und als solcher fungiert der Held als Erlöser, als heldenhafte Figur, deren Erbe mit biblischer Typologie verbunden ist.«
So wie Donald Trump, der mächtigste und hellsichtigste Amerikaner, der die Wirklichkeit mittels im Stammhirn verankerter Wahrheitssonde erkennt und die Macht hat, die lebensbedrohliche Invasion zu beenden: »Diese Aliens sind die Millionen von Illegalen, die unser Land im Schutz der Dunkelheit überfallen haben. Präsident Trump hat die Wahrheit gesagt. Die Vertuschung ist vorbei. Sichert die Grenze. Deportiert sie alle!« – zurück zum Mars, nach Davanna und zum heißen Planeten Venussuela. Leider verteilt die Regierung keine Aufklärungsbrillen. Solch ein Gadget beschert dem an den jungen Thomas Ebermann erinnernden Helden in John Carpenters Film »Sie leben!« (1988) die Erkenntnis, dass ein Teil der vermeintlich »normalen« Menschen in Wahrheit aus Zombie-artigen Aliens besteht, die innerhalb der Gesellschaft alle Machtpositionen besetzen und mit den Mitteln des Konsumterrors, der Werbung und der Erwerbsarbeitsdoktrin die armen Massen gefügig halten, um selbst ein luxuriöses Herrenmenschenleben zu führen.
Immerhin unterstützt die US-Regierung andere aufklärerische Maßnahmen: auf der Webseite erkennt der Besucher dank einer interaktiven Karte, wo im Land Aliens ihr Unwesen treiben. Im Städtchen Kissimmee im Bundesstaat Florida etwa machten sich Aliens aus »Argentinien, Brasilien, Chile, Kolumbien, Kuba, der Dominikanischen Republik, Ecuador, El Salvador, Frankreich, Guatemala, Haiti, Honduras, Italien, Mexiko, Nicaragua, Peru, der Slowakei, Spanien, der Türkei, Uruguay und Venezuela« unter anderem folgender Vergehen schuldig: »Brandstiftung, Körperverletzung, Einbruch, Besitz gefährlicher Drogen, Fälschung, betrügerische Aktivitäten, allgemeine Straftaten, Einwanderung (!), Diebstahl, Behinderung der Justiz, Behinderung der Polizei, öffentliche Ruhestörung, Raub, Sexualdelikte, Verkehrsdelikte.«
Man kann froh sein, dass die amerikanischen Behörden (FBI, CIA, ICE) nicht so rabiat zur Sache gehen wie die Insektoiden in Georges Méliès’ »Reise zum Mond« von 1902 oder die Handlanger der Mars-Königin Aelita in Yakov Protazanovs gleichnamigem sowjetischen Film von 1921, die die Massen unter der roten Erde als Sklaven vegetieren lassen. Auf der Webseite des Weißen Hauses heißt es in bewährt humanistischer Diktion: »Wenn Sie eine Alien-Entführung miterlebt haben, seien Sie nicht beunruhigt. Der Alien ist in guten Händen. Wir kümmern uns darum und bringen ihn sicher an seinen Ursprungsort zurück.« Hätte zu den Zeiten von »E.T.« (1982) doch nicht der harsche Ronald Reagan, sondern sein herziger Wiedergänger Donald Trump das Ruder des Erdenschiffs in seinen gewaltigen Händen gehalten! Er hätte dem knuffigen Kosmonauten gewiss den Anruf »nach Hause« erspart und die »Ausschaffung« (Marcel Dettling, Präsident der schweizerischen SVP) beschleunigt.
Ausschaffung tut not, denn die Aliens »verankerten sich direkt in unserer Gesellschaft« (Homepage), was in Wolf Rillas Film »Das Dorf der Verdammten« von 1960 auf besonders perfide Weise geschieht. Die Aliens schwängern heimlich alle Frauen eines Dorfes in England, das Ergebnis sind blonde Superhirn-Kinder, die als Kollektiv ihren Willen durchsetzen, der auf nichts Gutes hinausläuft, weshalb die Regierung der Sowjetunion in einem ähnlich gelagerten Fall ein russisches Dorf atomar auslöscht. In The Body Snatchers, einem gleich zweimal verfilmten Roman des US-Autors Jack Finney, sind Atombomben allerdings zwecklos, denn die körpertauschenden Aliens haben mit Doppelgängern längst die gesamte Gesellschaft durchsetzt, was der von Donald (!) Sutherland gespielte Held in der Filmadaption von 1978 mit wachsendem Entsetzen erkennt.
Wieviel annehmbarer ist doch das Verhalten jener Aliens, die als Besucher in diplomatischer Mission im auserwähltesten aller Länder, den USA, zu landen pflegen. So steigt der Alien-Botschafter Klaatu in Robert Wises Film »The Day the Earth Stood Still« (1951) ein Treppchen seines Ufos hinab, das inmitten der Bundeshauptstadt Washington gelandet ist. Er wünscht, den US-Präsidenten zu sprechen, um ihn davon abzubringen, Atomwaffen zu nutzen – zum Wohle aller nichtmenschlichen Zivilisationen im Kosmos.
Er handelt also wie Staatsmann Donald Trump, der jüngst eine Vereinbarung mit der Regierung Irans traf, dass diese »niemals Atomwaffen herstellen wird«, was Erleichterung in Tel Aviv und Be’er Scheva hervorgerufen haben mag. Daheim kümmert sich Herr Trump jetzt um jene Aliens, die die Gesellschaft durchsetzen und zerstören. Wie Kritiker Lucanio resümiert: Das Science-Fiction-Design der frohen Botschaft »ist ein gewaltiges Symbol für das Schicksal des Lebens« – in den USA und vielleicht bald hierzulande, wenn sich ein dem US-Präsidenten ebenbürtiger Mann finden lässt.
Peter Kusenberg schrieb in konkret 5/26 über den Überwachungskapitalismus im Internet

