Ojé Ojé

Die 23. Fußball-WM der Männer hat angefangen. In seiner Kulturkolumne für konkret 6/26 stimmt Kay Sokolowsky schon vorm ersten Spiel einen Abgesang auf das Turnier an.

Der Lidl-Werbeprospekt für die letzte Maiwoche verspricht auf der Titelseite: „Fan-Power spüren“. Unter der Schlagzeile ist eine junge Familie abgebildet, die seitlich zum Fernseher sitzt, also gar nicht richtig erkennen kann, was auf dem Bildschirm passiert. Alle tragen Trikots mit dem Logo des DFB und kurze Sporthosen, nur Mutti hat die Bluejeans anbehalten, vielleicht weil sie gleich in die Küche muss. Doch jetzt wird erst mal gejubelt. Papi reißt die rechte Faust nach oben, lässt die Flunken aber bequem auf dem Tisch liegen, gleich neben Bier und Chips. Der Knabe ballt die Händchen, Mutti scheint zu klatschen, nur das Töchterlein ist aufgesprungen, scheint jedoch nicht recht zu wissen, was es nun tun soll.

Diese „Fan-Power“ lässt sich kaufen: 6,99 Euro kostet das Trikot für Kinder, 9,99 das für Erwachsene, Papis „Gripsocken Multisport“ sind für 7,77 Euro zu haben und das „4K-Ultra-HD-Smart-TV“ für schlappe 323. Im Innenteil weiteres Power-Equipment: Fähnchen, Luftschlangen, Flaschenöffner in Schwarz-Rot-Gelb (ein bis drei Euro), Biergläser (7,99 Euro) und Bengalfeuer (1,99 Euro). Die Fußball-Weltmeisterschaft der Männer kann beginnen. Aber spürt irgendein Fan schon irgendwas?

Das neben den Olympischen Spielen bedeutendste Sport-Event der Welt wird vom 11. Juni bis 19. Juli in Kanada, Mexiko und vor allem in den USA ausgetragen. Nie hat der Wettbewerb so lange gedauert, denn es waren noch nie so viele Nationalmannschaften beteiligt: 48 sind es bei der 23. Auflage des Turniers; acht mehr als 2022 in Katar und doppelt so viele wie 1986 bei der Copa Mundial in Mexiko, der aufregendsten WM der Geschichte. Um diesen Auflauf zu bewältigen, sind 104 Partien nötig, 72 davon in der Vorrunde, weitere 16 im neu eingeführten „Sechzehntelfinale“. Wer dies alles wahr- und ernstnehmen will, spürt schon lange nichts mehr.

Gewiss, auch in Zeiten, als die Fußball-WM halbwegs überschaubar war, haben außer denen, die’s beruflich müssen, die wenigsten jedes Spiel des Championats verfolgt. Das gemeine Interesse richtet sich hierzulande wie überall nur auf die eigene Mannschaft und vielleicht noch auf die großen Sechs: Spanien, Argentinien, England, Brasilien, Frankreich und Italien. Die Squadra Azzurra hat die Qualifikation jedoch schon wieder nicht gepackt, und ob Curaçao, Deutschlands erster Gegner in der Gruppenphase, das ausgleichen kann, darf man bezweifeln, ohne ein Chauvinist zu sein.

Zweifel sind auch erlaubt, ob die Bedingungen für alle Teams gleich sind. Um an den Pokal zu kommen, müssen acht Partien überstanden werden; nach einer langen Saison in der nationalen Liga und den internationalen Club-Wettbewerben reisen die meisten Spieler ziemlich ausgelaugt, mithin verletzungsanfällig an. Ohne eine Kompanie von Betreuern und Ärzten, ein gediegenes Hotel und exklusive Reisemöglichkeiten ist es schier unmöglich, den Kader auf dem nötigen physischen Niveau zu halten. Ghana zum Beispiel – wo durchaus guter Fußball gespielt wird – kann sich nicht entfernt leisten, was bei Spaniern oder Brasilianern selbstverständlich ist, und sollte eine der „kleinen“ Mannschaften die Vorrunde überstehen, ist der Beginn der K.O.-Phase höchstwahrscheinlich das Ende ihrer Kräfte.

Dass die WM derart aufgebläht wurde, hat denselben Grund, aus dem Lidl schwarz-rot-gelbe Kapselheber feilbietet. Die Fifa erhofft sich sechs Milliarden Euro Gewinn, weshalb ihr Boss, Gianni Infantino, den Funktionären, die ihn und seine Megalomanie unterstützen, auch einen ordentlichen Schluck aus der Pulle verheißen kann. Dass dieses Geld nicht im Breitensport ankommen wird, versteht sich von selbst.

Der märchenhafte Profit der Fifa ist allerdings nur möglich, weil sie die Infrastrukturkosten der Veranstaltung komplett auf die gastgebenden Kommunen abwälzt. Infantino behauptet zwar, dass allein die USA mit mehr als 30 Milliarden Euro Umsatz durch den WM-Tourismus rechnen können, aber die Schätzung ist so seriös wie der Schätzer. 1,2 Millionen Schlachtenbummler müssten sich auf den Weg nach Amerika machen, damit die Rechnung aufgeht, aber sie wurde ohne den Wirt im Weißen Haus gemacht. Dank Präsident Trump – dem Infantino im Dezember 2025 einen eigens dafür erfundenen „Fifa-Friedenspreis“ überreichte – müssen Anreisende aus Algerien, Elfenbeinküste, Senegal, Tunesien und Kap Verde eine Kaution in Höhe von 15.000 Dollar hinterlegen, wollen sie ihre Teams vor Ort anfeuern, hinzukommen für alle Touristen massive Aufschläge bei den Visa-Tarifen.

Die sind allerdings ein Klacks, verglichen mit den Ticketpreisen. Eine Karte für das Eröffnungsspiel in Mexiko-Stadt kostet bis zu 2.985 US-Dollar, die teuersten Billets für das Finale in New York sind mit 10.990 Dollar ausgewiesen. Geradezu mafiös geht es auf der offiziellen Wiederverkaufsbörse der Fifa zu: Da der Verband keine Obergrenzen setzt, verlangt ein besonders dreister Schieber, wie das Fachorgan „11 Freunde“ herausgefunden hat, für ein einziges Endspiel-Ticket zwei Millionen Dollar. Sollte er einen Interessenten finden, packt die Fifa 15 Prozent Gebühren obendrauf – man muss also über eine Menge finanzielle Power verfügen, um sich bei dieser WM als echter Fan zu spüren.

Und doch, o je: Wie sehr gönne ich den Jüngeren, auch mal eine WM gleich der von 1986 zu erleben; und, o je, wie inkonsequent werde ich wieder sein und mir die Nächte um die Ohren schlagen, um so wenig wie möglich von der Nichtigkeit zu verpassen! Mein Gefühl nach Abpfiff am 19. Juli wird freilich und erst recht so sein, wie es Ror Wolf, der größte Fußballsach- und lachverständige der deutschsprachigen Literatur, in seiner WM-Moritat „Neunzehnhundertfünfzig“ gedichtet hat: „Es ist sehr still. Man hört nur noch das Prallen / des schweren Balles beim Herunterfallen.“