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30.05. 2026

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Von Übermännern und Untermenschen

Die »Manosphere« bedient sich der neuen Medien, um die steinalte Ideologie des Patriarchats zu verbreiten. Und wieder kommt der Hass auf die Frauen ohne den auf die Juden nicht aus. Von Katrin Hildebrand

Adorno und Horkheimer haben es gewusst. In Dialektik der Aufklärung (1944) deuten sie in ein paar Zwischensätzen auf eine uralte und doch wenig beachtete Parallele hin: »Die Erklärung des Hasses gegen das Weib als das schwächere an geistiger und körperlicher Macht, die an ihrer Stirn das Siegel der Herrschaft trägt, ist zugleich die des Judenhasses«, heißt es im Kapitel »Juliette oder Aufklärung und Moral«. »Weibern und Juden sieht man es an, daß sie seit Tausenden von Jahren nicht geherrscht haben. Sie leben, obgleich man sie beseitigen könnte, und ihre Angst und Schwäche, ihre größere Affinität zur Natur durch perennierenden Druck, ist ihr Lebenselement.« Die Sätze sind nicht affirmativ zu lesen, sondern als Anklage im Sinne der Dialektik.
Dass diese beiden, sagen wir mal, Bevölkerungsgruppen einiges gemeinsam haben, hat sich bis heute offenbar nicht geändert. Warum auch? Misogynie ist ebenso wenig ausgestorben wie der Antisemitismus, ganz im Gegenteil: Beide erfahren gerade eine unrühmliche Renaissance in der sogenannten Manosphere. In dieser Enklave für widerwärtige Kotzbrocken gelten Juden wie Frauen als mindere Formen menschlichen Daseins. UN Women Deutschland charakterisiert die Manosphere als »Sammelbegriff für Online-Communities, die vorgeben, sich mit Männerthemen zu befassen, tatsächlich aber oft antifeministische Narrative und Online-Frauenhass verbreiten. Was als vermeintlicher Männeraustausch beginnt, führt schnell in frauenfeindliche Weltbilder und zu toxischen Männlichkeitsidealen.« Als berühmtester Vertreter gilt der britisch-amerikanische Unternehmer Andrew Tate, dessen Bruder Tristan ihm ideologisch offenbar in nichts nachsteht. In der Netflix-Doku »Inside the Manosphere« von Louis Theroux besucht der Filmemacher weitere Herren mit fragwürdiger Ideologie, darunter Harrison Sullivan (mit dem schönen Instagram-Namen HSTikkyTokky) und den schnöseligen Justin Waller.
Das Patriarchat schlägt also wieder einmal zurück. Feminismus, queere Identitäten, die Emanzipation der lange Zeit Ausgeschlossenen, Geknechteten und Verstoßenen haben die Incels hervorgebracht, die Straßen mit Pick-up-Artists verschandelt und Männerrechtsaktivisten auf den Plan gerufen. Das herrschende Geschlecht will seine Privilegien offenbar nicht abgeben, zumindest in gewissen Teilen. Die Manosphere ist die Käseglocke, die all diese Menschenhasser subsumiert. Neben schlecht kaschierter Misogynie vertreten deren Anhänger gerne rechtsextreme Ideologien – mit allem, was dazugehört. Heißt: Sie hassen nicht nur Feministinnen und die Queer-Szene, sondern auch Jüdinnen und Juden. Antisemitismus und die Verachtung des Weiblichen gehen in dieser Sphäre also Hand in Hand.
Dass die Parallele existiert, sollte nicht verwundern. Beide Menschengruppen haben einiges gemeinsam. Auf die eine wird alles Übel der Welt projiziert, die andere repräsentiert aus patriarchaler Sicht keine vollwertigen Personen. Frauen dienen angeblich primär dazu, als Hilfsmittel zur Reproduktion die Geschichte der insbesondere weißen Menschheit fortzusetzen, oder als dekorativer Gebrauchsgegenstand, der die Libido befriedigt. Das kommt auch bei den von Louis Theroux interviewten Hypermännern gut zum Ausdruck.
Diese oft unbewusst vollzogene Ideologie bedeutet auch: Der Mann wird es der Frau niemals verzeihen, dass er keine Kinder auf die Welt bringen kann. Also muss er sie bestrafen, quälen, unterjochen, ihr die Brut entreißen, sobald sie sich verwerten lässt. Parallel dazu nehmen es die Gojim den Jüdinnen und Juden übel, anders als sie nicht zu einem von Gott auserwählten Volk zu gehören. Wobei die Hassenden in beiden Fällen übersehen, dass »auserwählt« nicht nur ein Privileg, sondern auch eine Bürde ist. Diese undialektische Sicht bedingt Grässliches: Die Juden sollen und sollten, wenn es nach dem Wunsch der Antisemiten geht, ausgelöscht werden. Die Frauen dürfen zwar leben, aber letztlich nur als nützliches Objekt, zum Abreagieren und zur Fortpflanzung.
Karin Stögner schreibt im Buch Antisemitismus und Sexismus (Nomos 2014), dass an beiden Phänomenen »die radikal gewordene Naturbeherrschung deutlich (wird), die auf die Gesellschaft als Herrschaft von Menschen über Menschen zurückschlägt«. Indem es das Außen, in das die Menschen hineingeworfen wurden, unterwerfen will, spaltet sich das patriarchale Ich von seiner Umwelt ab: »Die Überhöhung von Stärke«, notiert Stögner, »und eine entsprechende Konstruktion von Männlichkeit, in der kalte und distanzierte Überlegenheit über jedes Sich-Hingeben an die umgebende Welt triumphiert, ist ebenso Bestandteil antisemitischer wie sexistischer Ideologie.«
Die Mitglieder der Manosphere verstehen diesen Gedankengang vermutlich nicht. Sie knüpfen aber daran an. Freilich unbewusst, im klassisch patriarchalen Sinn. Sie leben im Glauben an die Vorstellung, Männer seien überlegen, Frauen das schwache Geschlecht. Diese Rückkehr zu alten »Werten« und dichotomen, angeblich in der Natur verankerten Verhältnissen wird vielfach als Reaktion auf klassische und neuere Emanzipationsbewegungen gedeutet. Alles, was Aktivisten und Aktivistinnen auf den Queer-Paraden und Christopher-Street-Days vertreten, was sich Frauen in den vergangenen Jahrzehnten an Partizipation erobert haben, lehnen sie ab. Mutmaßlich aus Angst um die eigenen, jahrhundertealten Pfründe. Im Gegensatz zu den althergebrachten Reaktionären, die sich noch anstrengen mussten, um ihren Mumpitz in die Öffentlichkeit zu transportieren – publizieren konnte schließlich lange Zeit nicht jeder –, greifen sie dabei auf einfach zugängliche Verbreitungsorgane zurück. Der Deutschlandfunk nennt »Online-Communities, Blogs und Foren« als beliebte Medien. Ebenso wie Nazis, Verschwörungsgläubige, aber auch harmlose Beauty-Influencer/innen konnten sich die Hyper-Männer über Social Media etablieren.
Eine Studie von Gülay Çağlar, Dominik Hammer, Charlotte Drath, Paula Matlach und Karolin Schwarz für das Exzellenzcluster »Scripts« hat sich unlängst der »Germanosphere«, also der spezifisch deutschen Männerblase, gewidmet. Sie stellt unter anderem fest, dass sich die klassischen, dem englischsprachigen Raum entstammenden Vertreter wie die Men’s Rights Activists, Pickup Artists, Redpillers, Incels und Men Going Their Own Way auch in der deutschen Szene beziehungsweise auf deutschsprachigen Plattformen tummeln. Ihr Ziel sei es, ein toxisches virtuelles Umfeld zu schaffen, in dem misogyne Inhalte sowie Gewalt und Verachtung transportiert werden, um Frauen zu »disziplinieren« und aus jeglichem Diskurs zu drängen.
Ihr zweites Feindbild sind Jüdinnen und Juden. Die amerikanische Historikerin Miriam Eve Mora, Spezialistin für Einwanderungs- und ethnische Geschichte in den USA, widmet sich in einem Artikel auf der Online-Plattform »The Conversation« genau diesem Aspekt. Anders als Adorno und Horkheimer, welche die Parallelen zwischen Frauen und Juden beziehungsweise die parallelen Projektionen auf Frauen und Juden in abstrakter Form denken, nennt sie konkrete Beispiele, wie das Volk die Verbindung zwischen Frauen und Juden herstellte oder mitunter herbeihalluzinierte. Juden wurden gerne als fragil bezeichnet, Frauen sowieso. Auch habe es die Vorstellung gegeben, dass jüdische Männer menstruierten und deshalb das Blut von Nichtjuden benötigten, um sich zu regenerieren – und vermutlich wieder zum ganzen Kerl zu werden. Das liefert, im Sinn der Antisemiten, freilich einen weiteren Anlass für die in ihren Kreisen beliebte Ritualmordlegende.
Laut Mora glauben und glaubten viele auch, Juden seien zu schwach und feige, um im Militär zu kämpfen. Außerdem würden sie von jüdischen Frauen unterjocht – was eine ins Negative verkehrte Variante des Archetyps der jiddischen Mamme sein könnte, einer im Kern starken weiblichen Persönlichkeit. Nicht zuletzt führt Mora einen Klassiker an: die Beschneidung als Ursache von Kastrationsangst primär bei Nichtjuden. Dies, so dachten offenbar viele, mache die jüdischen Herren den Damen ähnlicher. Für Antisemiten ein weiterer Beweis, dass Juden weniger Wert in sich tragen. Oh, hätten sie doch Freud gelesen und von der Symbolik der Unterwerfung unter die Altvorderen erfahren!
Während Kritische Theorie und Mora das Mythische wie Psychologische an dieser gefährlichen Narretei aufzeigen, widmet sich der Forscher Michael Broschowitz vom Center on Terrorism des Middlebury Institute den technologischen Strukturen. Er zeigt auf, wie die Manosphere modernen Antisemitismus hervorbringt. Sie vermischt Misogynie und antisemitische Verschwörungstheorien zu einem komplexen, digital gestützten ideologischen System. Ihre Algorithmen seien eher auf Interaktion als auf ideologische Kohärenz ausgelegt. Dadurch entstehe ein neues Modell für die Anpassung antisemitischer Ideologie. Auch wenn die Parallelen der Hasssysteme gegenüber Jüdinnen und Juden sowie Frauen durchaus erkennbar sind (leider nicht für alle), verbinden Algorithmen die beiden offenbar noch auf einer eher maschinellen Ebene. Das hilft dann auch dem größten Manosphere-Nullchecker, das eine mit dem anderen zu verknüpfen.
Und damit haben die vermeintlichen Übermänner ein gefährliches, teils diskursbestimmendes Machtsystem geschaffen. Dass dies nichts wirklich Neues ist, wird sie kaum stören. »Wie sehr die antisemitische und sexistische Ideologie Bestandteil des Fetischcharakters in der warenproduzierenden Gesellschaft ist, wird an ihren ökonomistischen Aufhängern deutlich«, schreibt Katrin Stöger. In der Figur des »Geldjuden« sedimentiere sich die dem Geld zugesprochene Sinnlichkeit. Er habe viel mit der Figur der »Hure« gemein. »Nicht umsonst war eines der im Fin de siècle bis in den Nationalsozialismus wirkungsmächtigsten antisemitischen Stereotype das des ›jüdischen Mädchenhändlers‹.« Kein Wunder, dass die Manosphere-Vertreter die Libido ihrer Freundinnen zügeln, indem sie ihnen Sex mit anderen Männern versagen, während sie selber fröhlich durch die Gegend kopulieren.
Juden- und Frauenhasser passen einfach bestens zusammen. Sie peinigen alles menschliche Leben, das sie als »natürlicher« und somit minderwertiger erachten. Es »reizt den Starken, der die Stärke mit der angespannten Distanzierung zur Natur bezahlt und ewig sich die Angst verbieten muß, zu blinder Wut. Er identifiziert sich mit Natur, indem er den Schrei, den er selbst nicht ausstoßen darf, in seinen Opfern tausendfach erzeugt«, wie Adorno und Horkheimer schreiben. Und »die Opfer« sind eben nicht »nur« die Opfer der Shoah oder des Antisemitismus. Es sind auch die aufgepimpten, prallbrüstigen, leicht bekleideten Gattinnen der Ultramänner, die in einseitiger Monogamie zu seinen Gunsten leben. Wer da nicht kotzen muss, dem ist nicht mehr zu helfen.
Katrin Hildebrand schrieb in konkret 4/26 über KI-tsch