Mein erstes KI-Kunstwerk heißt »Reinhold Messner im Rosenhag« – oder »im Kräutergarten«. Ich habe schon wieder vergessen, was ich in den Prompt eingegeben habe. Zu sehen ist, vermutlich aus Mangel an Rechten, kein echter Messner, sondern ein junger Mann mit längeren Haaren im Poloshirt, von Blumen umgeben. Nachdenklich stützt er das Kinn in die Hand. Die KI hat den Fake-Reinhold und die Fake-Wiese so angelegt, als wäre das Ganze eine Bleistiftzeichnung auf Büttenpapier. Einfach wunderbar.
Ganz so simpel ist es freilich nicht. Die Idee hat ihren Reiz. Doch mag die Arbeit maximal als Satire, viel eher jedoch als Kitsch durchgehen. Der Kategorie Kunst genügt sie keinesfalls, auch wenn Kunst nicht einfach zu definieren ist. Originalität und Können ringen auf diesem Gebiet seit Ewigkeiten um die Vorherrschaft, eingebettet in sich stets verändernde soziale Diskurse. Menschen wirken dabei traditionell und bislang unabdingbar mit, gern als große Meister, Visionäre oder einfach als kreative Köpfe. Durch KI fühlen sich viele von ihnen nun bedroht. Nicht nur, weil KI die Preise einheimst (ohne sich wirklich darüber freuen zu können) und Tech-Konzerne noch mehr Geld abgraben können. Sie ärgern sich auch, dass ihre Texte, Ideen, bildenden Arbeiten und anderen Schöpfungen oft als Futter für die KI herhalten müssen. Zum Training. Auf dass sich die KI, dank bereits geschaffener Œuvres, das Künstlersein antrainiert und neue Schöpfungen auf Basis alter hervorbringt. So haben sich 13.500 Kreative, etwa die Schauspielerin Julianne Moore, der Regisseur Kevin Bacon und der Schriftsteller Kazuo Ishiguro, bereits 2024 in einem offenen Brief dagegen ausgesprochen, dass ihre Werke für das Training von KI-Modellen verwendet werden.
Aber ist denn das alles überhaupt noch Kunst? In München, wo jedes Jahr der weltberühmte Wiesnplakat-Wettbewerb zum offiziellen Oktoberfest-Logo ausgetragen wird, muss man’s ja wissen. Immerhin landet das preisgekrönte Motiv auf der amtlichen Mass und weiteren Bierfest-Schöpfungen wie T-Shirts, Kaffeehaferln und Puzzles. Diese gehen fortan um die Welt, bis nach Japan und Australien. Das Wirtschaftsreferat der Stadt liefert seit 2024 dafür eindeutig strenge Vorgaben für die Wiesnplakat-Entwürfe: »Sämtliche künstlerischen oder grafisch üblichen Arbeitstechniken sind möglich. Als Arbeitstechnik gilt ausdrücklich nicht der Einsatz von KI-Bildgeneratoren.« Genau das aber hatten laut Bayerischem Rundfunk »mindestens zwei Grafikdesigner« dem diesjährigen Gewinner vorgeworfen. Der allerdings konnte sich qua penibler Dokumentation mittlerweile von den Vorwürfen reinwaschen. Puh!
Der Kunstbegriff des Münchner Referats ist mit diesen Anforderungen jedenfalls eindeutig definiert: Kunst gilt als rein menschliche Schöpfung – mit einzelnen Grenzformen. Per Computer erstellte Vektorgrafiken etwa sind im Gegensatz zu KI erlaubt. Wohl weil sie ein Mensch zusammenstellen muss. Bei »Messner im Rosenhag« sähe es wohl anders aus (einmal abgesehen davon, dass das Motiv nicht zum Bierfest passt). Einfach nur einen Titel irgendwo in eine Maske eingeben, kurz vor dem Computer herumlümmeln, warten, und schon ist das Werk da – damit ließe sich kein Wiesn-Wettbewerb gewinnen.
Der Kunstmarkt sieht all das weniger streng als das Münchner, wohlgemerkt, Wirtschaftsreferat. 2018 etwa versteigerte das Auktionshaus Christie’s für 432.500 US-Dollar das »Portrait of Edmond de Belamy«. Es entstand auf Basis eines Vorläufers der heutigen KI. Die Grundlage bildete ein Datensatz aus 15.000 Porträts, alle zwischen dem 14. und 20. Jahrhundert geschaffen – also nicht zu modern. Ein Teil des Algorithmus erzeugte auf dieser Basis neue Bilder, ein zweiter Teil prüfte diese auf menschengemachte Echtheit. Ziel war es, Teil zwei zu täuschen und ihm zu suggerieren, das Bild sei tatsächlich von einer Person aus Fleisch und Blut geschaffen.
Wie auch immer dieser Prozess in seinen digitalen Details ablief, am Ende lieferte die KI ein Ergebnis: das verschwommene Porträt eines Mannes, das eventuell aus dem 18. Jahrhundert stammen könnte. Wer mit der Fingerkuppe über die Oberfläche des Werks fährt, dürfte allerdings spüren, dass nicht gepinselt wurde. Vielmehr handelt es sich um bedruckte Leinwand. Diese ließe sich natürlich x-fach reproduzieren und würde, falls das geschähe und plötzlich beim Lieblschorsch aus dem Münchner Hasenbergl ebenso eine Variante hinge wie bei irgendeinem Londoner Schnösel, schnell an Wert abnehmen. Das schmälert freilich das Businesskonzept des französischen Kollektivs Obvious, welches hinter der mäßig pfiffigen Idee steckt. Natürlich werden sie die Basisdaten ihres »Edmond« nicht herausrücken. Aber falls das irgendeinem Hacker gelänge, wäre die Doublette schneller fertig als bei jedem Renaissance-Œuvre. Und das »Original« nicht mehr ganz so fancy.
Nicht ohne Grund ein bisschen mehr als »Belamy«, nämlich 1,08 Millionen US-Dollar, erzielte das Bild »AI God: Portrait of Alan Turing« von der humanoiden »Roboterin« Ai-Da. »Sie« fertigt ihre Werke quasi selbst an, vermag unter anderem mit einer Palette zu malen, ja sogar zu dichten. Das klingt schon ein bisschen mehr nach Können. Denn immerhin ahmt Ai-Da beim Malen den menschlichen Prozess des Schaffens nach. Das kommt unserer Vorstellung von Kunst näher als einfach nur Daten an den Drucker zu senden. Wobei natürlich die Idee dahinter, wie originell oder nicht sie auch sein mag, das eigentliche »Kunstwerk« ist.
Dennoch gilt für beide Fälle: Unmittelbare (statt mittelbarer, wie eben der Idee dahinter) menschliche Urheberschaft scheint zum Verkauf und teils womöglich auch zum Begriff von Kunst in bestimmten Fällen keine zwingende Voraussetzung mehr zu sein. Doch ganz davon losgelöst funktioniert es auch nicht. Um die beiden teuren KI-Arbeiten noch mal heranzuziehen: Das Belamy-Porträt basierte auf einer riesigen Zahl von Hand geschaffener Gemälde. Der Datensatz bestand also aus klassisch menschlichen Arbeiten. Diese infiltrierten die KI, und die zauberte daraus etwas Neues. Ähnlich verhält es sich mit Ai-Da. Nicht Gott, ein Zufall oder ein Zauberer, sondern Menschenhand und -geist brachte die Humanoide zum Pinseln, Pixeln, Schreiben, was auch immer. Selbst im Fall der Fälle, dass die KI die Weltherrschaft übernehmen, und böser noch, die Menschheit dahinraffen sollte, ob nun absichtlich oder nicht, steckte doch hinter allem noch die Ursprungsidee der Menschheit tief im System.
Unter diesen Annahmen können selbst die narzisstischsten Künstler und Schöpfer aufatmen. Wenn zum Beispiel die KI »Heinz-Rüdiger« im Jahr 3050 ein phänomenales neues Werk in die Welt setzen würde, dann wäre darin immer noch ein Hauch von menschlicher Grandezza verborgen. Ein schwacher Trost freilich, sollte die KI tatsächlich eines Tages den Menschen zu Fall bringen. Zumindest aus materialistischer Sicht. Denn wer gibt denn dann all den Kunstwerken als Betrachter einen Sinn? KI-Museumsbesucher/innen beziehungsweise Freunde und Freundinnen von Ai-Da? Wie langweilig. Dann vielleicht doch besser Kreaturen wie Frankensteins Monster. In Mary Shelleys Roman lernen wir schließlich, dass diese künstlich geschaffene Kreatur empfinden kann. Und braucht die Kunst nicht zugleich empfindsame und denkende Wesen, um als solche erkannt zu werden? Dazu aber benötigt sie echte (oder im Falle einer zukünftigen KI: eventuell auch nachgezüchtete) menschliche Organe. Das ist alles natürlich ziemlich unsexy. Und vermutlich viel zu materialistisch gedacht.
Vielleicht kann der Idealismus helfen. In den Vorlesungen über die Ästhetik schreibt dessen Paradedenker Georg Wilhelm Friedrich Hegel: »Es ist bereits gesagt, daß der Inhalt der Kunst die Idee, ihre Form die sinnliche bildliche Gestaltung sei.« Elke Reinhardt Becker und Jochen Vogt formulieren das auf der Online-Plattform »Einladung zur Literaturwissenschaft« so um: »Kunst geht aus der absoluten Idee hervor, sie ist sinnliche Präsentation des absoluten Geistes als Ideal.«
Die höchste der Künste war für den Philosophen Hegel die Poesie. Und der höchste Künstler? Mutmaßlich dieser, wie er in den Vorlesungen über die Ästhetik schreibt: »Gott ist der Schöpfer des Universums. Dies ist der reinste Ausdruck der Erhabenheit selber. Zum erstenmal verschwinden jetzt nämlich die Vorstellungen des Zeugens und bloßen natürlichen Hervorgehens der Dinge aus Gott und machen dem Gedanken des Schaffens aus geistiger Macht und Tätigkeit Platz.« Sobald der Mensch also schafft statt zeugt, kann er dem obersten Weltenlenker ein bisschen nacheifern und den absoluten Geist – auch bekannt als Weltgeist – sinnlich darstellen. Da Künstliche die menschliche Intelligenz imitiert und aus ihr entsprungen ist (in einigen Bereichen übersteigt sie diese, weil sie mehr Vorlagen speichern und verwursten kann), ist sie in der Tat dazu in der Lage, irgendwie zu schöpfen beziehungsweise zu schaffen.
Ob dieser Gedankengang den Kunstkenner Hegel überzeugt hätte? Fraglich. Denn das menschliche Moment, welches das Göttliche in sich birgt, entspringt ja, theologisch gesehen, der Schöpfung, an die der christliche Philosoph glaubte. Ob das wiederum auf unbelebte Materie wie die KI übertragen werden kann?
Bis zu einem gewissen Punkt hätte Hegel diese Form des Schaffens gefallen können. Denn der Denker strebte nach Abstraktion. Daten und Informationen sind abstrakt. Allerdings dienen sie in der bisherigen KI-Kunst nicht unbedingt dazu, aus sich heraus eine besonders erhabene Form der Abstraktion entstehen zu lassen. Vielmehr wird derzeit aus abstrakten Daten wiederum so etwas wie Gemälde. Also etwas Konkretes beziehungsweise Konkreteres als Programme, Algorithmen oder ähnliches. Malerei (oder eben Bildlichkeit) steht jedoch in der Hierarchie des Denkers nicht an höchster Stelle. Das Porträt des nicht existenten Herrn de Belamy, geschaffen durch Programme und Datensätze, taugt also nicht zum
Hegel-Liebling.
Da hätte die Poesie von Ai-Da schon bessere Chancen zu punkten. Laut Hegel vollzieht die Poesie den Übergang vom sinnlichen Schein (etwa der Malerei) zur Vorstellung und damit zur Philosophie. Aber mit einem normalen Gedicht ist es beim großen Idealisten noch nicht getan. Nicht mal mit einem guten. Die »Rede allein (ist) das der Exposition des Geistes würdige Element und unter den besonderen Gattungen der redenden Kunst wiederum die dramatische Poesie diejenige, welche die Objektivität des Epos mit dem subjektiven Prinzip der Lyrik in sich vereinigt«, heißt es in Hegels Ästhetik. Sobald also KI ein ordentliches Theaterstück schreiben kann, ein neuartiges, großartiges, mit ganz vielen vertrackten Tricks der Diskriminatoren und kein Mixmax-Abklatsch des bereits Dagewesenen, dann vielleicht …
Oder eben auch nicht. Denn gehen wir einmal davon aus, dass die KI die Lebewesen nicht ausrottet, so hat Kunst als solche eine Chance, egal ob mit oder ohne KI. Menschen mögen nämlich Menschengemachtes. Die Kunstwelt wird menschliche Leistungen nicht aussortieren. Sei es klassische Handarbeit oder Programmieren mit kreativem Ausgang. Und auch unter die Rezipienten auf Auktionen, Messen, in Museen und Ausstellungen werden sich immer wieder Personen aus Fleisch und Blut mischen. Denn ohne deren Wahrnehmung ergibt Kunst noch weniger Sinn, als wenn deren Schöpfer ein Roboter ist.
Katrin Hildebrand schrieb in konkret 3/26 über den männlichen Hass auf den weiblichen Körper

