In Russland heißt der Ukraine-Krieg offiziell auch nach vier Jahren noch „militärische Spezialoperation“. Geplant war er tatsächlich als eine solche: ein Handstreich auf Kiew, die Entmachtung der Selenskyj-Gruppe und die mögliche Installierung einer russlandfreundlicheren Mannschaft in Kiew. Daraus ist bekanntlich nichts geworden. Der Plan war den USA zu Ohren gekommen, die warnten die Ukraine und hielten Russland mit abwiegelnden Experteneinschätzungen im Unklaren darüber, was die USA und Kiew tatsächlich wussten. Ein Besuch des CIA-Chefs in Moskau Tage vor Kriegsbeginn, bei dem dieser Russland mit den Erkenntnissen der USA konfrontiert haben soll, wurde in Moskau offenkundig ignoriert. Man hoffte, rasch Fakten zu schaffen, mit denen sich auch der Westen würde arrangieren müssen.
Das ist fehlgeschlagen. Die Landung russischer Fallschirmjäger auf dem Werksflugplatz der Antonow-Fabrik im Norden von Kiew, um diesen als vorgeschobenen Stützpunkt zu gewinnen, endete im ukrainischen Abwehrfeuer. Russische Panzerkolonnen rückten aus mehreren Richtungen auf Kiew vor.Doch die Ukraine war von den USA mit mobilen Panzerabwehrraketen ausgestattet worden, die Russen hatten hohe Verluste. Nach vier Wochen kam der russische Vorstoß zum Stehen; ob es wirklich eine Geste guten Willens war, als welche Russland den Rückzug seiner Einheiten aus den Kiewer Vororten gegenüber der Öffentlichkeit darstellte? Völlig von der Hand zu weisen war es nicht: Die ukrainische Führung nahm Gespräche mit Russland in Istanbul auf. Ein Abkommen, mit dem beide Seiten vielleicht hätten leben können, gelangte bis zum Paraphierungsstadium. Dann brach die Ukraine die Gespräche ab. Offiziell unter dem Eindruck der vielen in Butscha und Irpin gefundenen Leichen von Zivilisten, halboffiziell auch wegen der Einflüsterungen des zur Verhinderung eines Abschlusses nach Kiew gekommenen damaligen britischen Premierministers Boris Johnson und seiner Zusage, der Westen werde die Ukraine „weiter unterstützen“.
Auf jeden Fall lassen sich zwei Dinge festhalten:. Erstens, dass angesichts des Scheiterns des russischen Handstreichs auf Kiew eine Verhandlungseinigung wie die in Istanbul beinahe erzielte auch für Russland zumindest nicht abwegig war.
Wer die Gespräche letzten Endes zum Scheitern brachte, ist bis heute nicht klar; westliche Quellen beschuldigten Wladimir Putin persönlich, den von seiner Delegation ausgehandelten Kompromiss zurückgewiesen zu haben. Eine Analyse der „Welt“ vom April 2024 aber zitiert ein Mitglied der ukrainischen Verhandlungsdelegation mit den Worten, die damalige Einigung sei „der beste Deal“ gewesen, den die Ukraine hätte haben können. Was eine Mitverantwortung der Ukraine dafür impliziert, dass es 2022 nicht zur Einigung gekommen ist.
Seitdem haben sich die politischen Forderungen beider Seiten radikalisiert. Die Ukraine hoffte vor dem Hintergrund ihres Erfolgs bei der Abwehr der russischen Angriffswelle auf Kiew offenkundig, den Konflikt militärisch für sich entscheiden zu können. Russland musste im Sommer und Herbst 2022 bedeutende militärische Rückschläge hinnehmen, etwa den Verlust der Kontrolle über die grenznahen Gebiete Sumy, Tschernihiw und Teile des Bezirks Charkiw. Im November 2022 schließlich zog sich Russland aus den im Frühjahr von ihm eroberten Teilen der Bezirke Cherson und Mykolajiw auf dem rechten Ufer des Dnipro zurück - offenkundig mit Rückendeckung der USA, die die Ukraine daran hinderten, die abziehenden Truppen zu beschießen, was angesichts der wenigen verbliebenen Brücken militärisch nicht schwierig gewesen wäre und zu einem Kessel auf dem rechten Flussufer hätte führen können. Es war wohl der damalige US-Stabschef Mark Milley, der versuchte, Russland einen gesichtswahrenden Ausweg aus einer Situation zu ermöglichen, die ihm als militärisch nicht lösbar erschien. Der Winter 2022/23 war jedenfalls aus der Rückschau der Tiefpunkt der russischen Kriegführung in der Ukraine.
Parallel dazu hatte Russland im Sommer und Herbst 2022 Referenden in den von ihm besetzten Teilen der Ukraine veranstaltet - auch jenen Regionen, die es damals wie heute nur teilweise kontrollierte. Es ging um deren Beitritt zur Russischen Föderation - und zwar in den alten Verwaltungsgrenzen der Ukraine, also über den damals und bis heute erzielten Frontverlauf hinaus. Die Ergebnisse waren unterschiedlich: im bereits seit 2014 faktisch von der Ukraine abgespaltenen Donbass lagen die Ja-Stimmen bei knapp unter 100 Prozent, in den erst kürzlich eroberten Gebieten „Neurusslands“ lagen sie deutlich darunter.
Die - nach heutigem Stand - militärische Wende des Krieges kam im Sommer 2023. Die ukrainische Armeeführung bereitete eine großangelegte Sommeroffensive zur Rückeroberung des Geländestreifens an der Nordküste des Asowschen Meers vor. Das operative Ziel war klar: den dort erzielten russischen Landzugang zur Krim zu unterbrechen und die Halbinsel in die Reichweite einer künftigen zweiten Offensive zu bringen. Doch der Angriff schlug unter hohen Verlusten fehl. Russland hatte nach seinen Niederlagen im ersten Kriegsjahr den Winter genutzt, um die besetzten Gebiete im Süden zu befestigen.
Die Sommeroffensive 2023 markiert auch den Eintritt einer neuen Waffengattung in das Kriegsgeschehen: der Drohnen. Hatte zunächst die Ukraine technologische und operative Vorteile bei der Produktion dieser Apparate, so holte Russland nach und nach auf und ist heute in der Lage, höhere dreistellige Zahlen von Täuschungs- und Angriffsdrohnen auf einmal gegen Ziele in der Ukraine zu lenken. Entlang der Front hat sich eine mehrere Dutzend Kilometer tiefe „Todeszone“ gebildet, in der - auf jeder Seite - alle Bewegungen größerer Truppenteile sofort in Gefahr geraten, entdeckt und zerschlagen zu werden. Damit ist auf beiden Seiten die infanteristische Stoßtrupptaktik wieder in den Vordergrund gerückt. Panzer sind dagegen seit 2023 kaum noch in größeren Verbänden eingesetzt worden.
Dabei kommt Russland seine dreimal größere Bevölkerung und das damit entsprechend höhere Rekrutierungspotential im eigenen Land zugute. Ob die russischen Soldaten besser motiviert sind als ihre Gegenspieler auf ukrainischer Seite, ist schwer zu beurteilen. Aber sie werden für russische Verhältnisse ziemlich gut bezahlt, und dass sie offenbar in hohem Maße in peripheren Regionen des Landes rekrutiert werden, widerspricht dem nicht. Im Gegenteil: Es spiegelt die Realität einer entwickelten Klassengesellschaft, in der umgerechnet 10.000 Euro Handgeld bei Vertragsunterzeichnung in Moskau weniger attraktiv sind als in Burjatien oder im Altaigebiet.
In der Ukraine dagegen sind Apelle zum freiwilligen Kriegsdienst weitestgehend verhallt. Das Land setzt inzwischen praktisch ausschließlich auf die Zwangsrekrutierung von Männern, die von Beamten der Wehrersatzämter auf der Straße weggefangen werden. Die Effizienz dieser Maßnahmen ist fraglich: Sehr viele der so für die Armee „gewonnenen“ Rekruten sind nach der kurzen Ausbildung der Frontsituation nicht gewachsen, ihre statistische Überlebenszeit liegt im Wochenbereich. Die Zahl der Desertionen ist sehr hoch und die ukrainischen Behörden sind aus Mangel an Soldaten gezwungen, dies bis zu einem gewissen Grad zu dulden. Hinzu kommt die grassierende Korruption in den Wehrersatzämtern. Im Rest der ukrainischen Gesellschaft bleibt das nicht unbemerkt und führt dazu, dass den Beamten der Wehrersatzämter immer öfter auch militanter Widerstand geleistet wird. Mal dadurch, dass Wehrpflichtige versuchen, die Beamten mit Messern abzuwehren, mal dadurch, dass zufällig vorbeigehende - überwiegend weibliche - Passanten versuchen, die Rekrutierer mit Schlägen ihrer Einkaufstaschen oder durch die Blockade ihrer Autos an ihrem Tun zu hindern. Angehörige der Rekrutierungsbehörde machen inzwischen ihrem Frust Luft: Einer schrieb kürzlich, 2022 hätten ihn die Leute mit „Ruhm der Ukraine!“ gegrüßt, heute ziehe er zum Dienstschluss die Uniform aus und traue sich nur noch in Zivil nach Hause. Von einem anderen distanzierte sich die eigene Freundin auf TikTok mit den Worten, es sei ein „Scheißjob“, den er mache. Machen müsste, antwortete der junge Mann; wenn er seinen Rekrutierungsplan nicht erfülle, komme er selbst an die Front. Zuletzt beklagte er Chef der ukrainischen Post, dass im Wochenrhythmus Postämter angezündet würden, weil sie Einberufungsbescheide zustellten.
Seit dem Herbst 2023 hat Russland eine neue Front im Krieg gegen die Ukraine eröffnet: den Beschuss von Infrastuktur wie Kraft- und Umspannwerken, Lagerhallen, Lokomotivdepots und so weiter. Offiziell eingeleitet als Vergeltung für einen ukrainischen Anschlag gegen die Krim-Brücke, hat sich die Infrastrukturfront inzwischen zu einem eigenen Kriegsschauplatz entwickelt. Einem Kriegsschauplatz, auf dem die Ukraine nach den Worten des Kiewer Bürgermeisters Vitali Klitschko in Gefahr ist, ihre staatliche Souveränität zu verlieren. Die Stromerzeugungskapazität ist inzwischen auf fünfzig Prozent des Friedensniveaus reduziert, Reparaturarbeiten sind zwecklos, solange der Krieg andauert, weil reparierte Anlagen sofort wieder zerstört werden und die ukrainische Luftabwehr nicht mehr genug Munition hat, um anfliegende Drohnen oder Raketen abzuschießen. Deshalb müssen teure Abfangjäger verwendet werden, um am Himmel nach russischen Drohnen zu suchen und diese abzuschießen. Manche versuchen es auch mit Jagdflinten.
Trotz dieser apokalyptisch klingenden Nachrichten beharrt Präsident Wolodymyr Selenskyj beharrt darauf, dass er zu territorialen Zugeständnissen an Russland nur bereit wäre, wenn die USA zuvor Sicherheitsgarantien gewährten; die USA vertreten umgekehrt die Position, solche Garantien zu geben, sobald die Ukraine dem Teilabzug aus dem Donbass zugestimmt habe. Der stellvertretende Kommandeur des aus der faschistischen Asow-Bewegung hervorgegangenen III. ukrainischen Armeekorps, Maxim Zhorin, erklärte Mitte Februar, das ganze Hin und Her bringe sowieso nichts; die Koalition der Willigen aus Europa werde sowieso nicht in den aktiven Krieg eintreten. Der einzige Weg zum Frieden sei die weitere Stärkung der ukrainischen Armee. Das ist nicht nur die Meinung eines rechten Kommandeurs; es ist die offizielle und von der EU ausdrücklich unterstützte Verhandlungsposition der Ukraine, ihre Armee auch nach einem Waffenstillstand auf der aktuellen Stärke von 800.000 Mann zu belassen, also überhaupt keine „Demilitarisierung“ mehr vorzunehmen.
Russland verlangt nun seinerseits Sicherheitsgarantien, die allerdings praktisch die alten Friedensbedingungen in neuem Gewand sind. Anfang Februar sagte Außenminister Sergej Lawrow, Russland strebe nicht zwangsläufig eine verbündete Ukraine an, sondern eine, die Russland gegenüber eine „dauerhaft wohlwollende Neutralität“ bewahre. Wie wenig realistisch dies ist, scheint man inzwischen in Moskau begriffen zu haben; zuletzt hat Lawrows Stellvertretender Mikhail Galuzin ein vorübergehendes UNO-Protektorat über die Ukraine vorgeschlagen, mit dessen Leitung dann ein „dauerhafter Friedensvertrag“ unterzeichnet und Neuwahlen vorbereitet werden könnten.
Denn dass mit der gegenwärtigen ukrainischen Führung unter Selenskyj eine Lösung immer unrealistischer wird, zeigt ein anderes Detail. Mitte Februar holte die - von den USA gegründete und aktuell von der EU finanzierte - ukrainische Antikorruptionsbehörde an der Grenze den im November entlassenen Energieminister German Galuschtschenko aus dem Zug nach Warschau und eröffnete gegen ihn eine Anklage wegen Korruption und Unterschlagung in erheblichem Umfang. Er soll über 110 Millionen US-Dollar in eine eigens gegründete Stiftung auf den Marshall-Inseln eingebracht haben, die er zuvor als Kickback-Zahlungen von Lieferanten der ukrainischen Atomenergiebranche erpresst haben soll.
Ähnliche Vorwürfe schweben über großen Teilen der ukrainischen Führung. Deshalb hält sie - bis hinauf zu Wolodymyr Selenskyj - daran fest, den Krieg lieber fortzusetzen, als sich auf einen „schlechten Frieden“ einzulassen, der sie Neuwahlen und das Risiko kosten würde, ihre bisherige Amtsimmunität zu verlieren. Die EU unterstützt diese Haltung, wie bei der „Sicherheitskonferenz“ in München ein weiteres Mal deutlich wurde: Wenn die Ukraine jetzt „kapitulieren“ würde, wäre „Europa“ das nächste Objekt „russischer Aggression“, so in München der britische Premier Keir Starmer. Das passt zwar nicht ansatzweise zu den ukrainischen Erklärungen über angebliche millionenfache Verluste der russischen Armee in der Ukraine, aber um Logik geht es schon lange nicht mehr. Im März steht auf EU-Ebene die Entscheidung an, ob der „besondere Schutz“ für ukrainische Geflohene zumindest für Männer aufgehoben werden soll; käme es hierzu, wäre die EU direkt mitverantwortlich dafür, arme Teufel in den Tod zu schicken.
Warum die USA den Ukrainekrieg offenbar inzwischen leid sind und dem Anschein nach auch gegen die unmittelbaren Interessen der Ukraine auf einen Waffenstillstand drängen, ist nicht schwer zu bestimmen. Er kostet viel Geld, und wessen Fahne über Donezk oder Slawjansk weht, ist aus US-Sicht gleichgültig. Von dort betrachtet, hat der Krieg die strategische Aufgabe erfüllt, Russland und die Ukraine auf Dauer zu verfeinden. Insofern ist das alte Ziel von Zbigniew Brzezinski, eine Wiederherstellung des „russischen Imperiums“ zu verhindern, auch jetzt schon erreicht. Leidtragende ist die ukrainische Bevölkerung, die im besten Fall noch Jahre unter behelfsmäßigen Bedingungen wird leben müssen. Bleiben wird ein Spannungsherd in Osteuropa, der über Jahrzehnte am Köcheln gehalten werden kann, gerade wenn die Ukraine erst Mitglied der EU geworden ist und dort ein Veto gegen hypothetische künftige Entspannungsüberlegungen einlegen könnte. Russland ist nicht besiegt worden, wie der Westen 2022 hoffte. Es hat aber auch nicht gesiegt. Mindestens ein fünftes Kriegsjahr wird uns wohl noch bevorstehen.
Reinhard Lauterbach schrieb in konkret 2/26 über die aktuellen Entwicklungen im Ukraine-Krieg

