Antisemitismus ist »das Gerücht über die Juden«, das wusste schon Adorno. Das Gerücht oder besser die Gerüchte über Jeffrey Epstein hätten ihn deshalb nicht verwundert: Der verurteilte Sexualstraftäter gilt mal als Agent des Mossad oder der CIA, dann wieder des Kreml, er ist Teil oder gar Anführer eines Netzwerks »globaler Eliten«, die Satan huldigen und die Menschheit in den Untergang treiben. Außerdem essen sie Kinder und trinken deren Blut. Das glaubt nicht nur der Sänger und notorische Antisemit Xavier Naidoo, der kürzlich leider auch wieder in der Öffentlichkeit aufgetaucht ist. Und so absurd es klingt: Er ist bloß einer von zig Millionen.
Die Epstein-Files sind ein Fest für die vereinigten Verschwörungsgläubigen dieser Welt. Endlich können sie der »globalen Elite« dabei zusehen, wie sie sich selber zerlegt. Und dass mit Epstein auch noch ein Jude der Strippenzieher hinter den Verbrechen ist, macht die Sache für sie noch delikater: Endlich kann man wieder Antisemit sein, ohne als solcher verdächtigt zu werden. Die Chiffren sind bekannt: Ostküste, Globalisten, Eliten oder »Deep State«. Das ADL Center on Extremism hat entsprechend in den letzten Wochen »einen deutlichen An- stieg antisemitischer und antiisraelischer Verschwörungstheorien über Jeffrey Epstein festgestellt. Viele dieser Theorien schreiben Epsteins abscheuliche Verbrechen einer angeblichen verdeckten israelischen Operation des Mossad zu.«
Und so geht es auch bei Epstein schon lange nicht mehr um sexuelle Gewalt und Nötigung, um die Opfer und die Taten, sondern um eine große Verschwörung gegen die Menschheit. Auch die Berichterstattung kümmert sich längst nicht mehr um die Aufklärung der Verbrechen, sie bedient vor allem die geheimen Wünsche und Phantasien derer, die viel- leicht doch ganz gern dabei gewesen wären, weil in ihrem Leben nichts Aufregendes passiert. Und schuld daran, dass es bei ihnen nicht läuft, sind wie immer: die Juden. Auch wenn dies niemand offen ausspricht – abgesehen von den durchgeknallten Influencern und Bloggern dies- und jenseits des Atlantiks, deren Ruf eh schon ruiniert ist: von Tucker Carlson, Candace Owens und Nick Fuentes bis eben Xavier Naidoo oder, Trigger-Warnung, Jürgen Elsässer. Der brachte kürzlich auf X sogar den Schah-Sohn Reza Pahlavi mit Epstein in Verbindung: »Pahlavi ist Team #Epstein, also Satan. Ich bin Team #Khamenei. Der hat wenigstens einen Gott, auch wenn’s nicht meiner ist. Aber Schiiten respektieren #Jesus, was man vom Team Epstein/Satan nicht sagen kann.« (Jutta Ditfurth wurde übrigens 2014 gerichtlich untersagt, Elsässer als das zu bezeichnen, was auch in diesem Post durchschimmert.)
Dass sich auch die MAGA-Gemeinde dabei hervortut, Epstein als Teil einer globalen Verschwörung gegen das »weiße Amerika« zu betrachten, ist nicht überraschend. In konkret 2/26 habe ich beschrieben, wie Judenhass die extreme Rechte in den USA mindestens spaltet. Die Akteure sind auch im Fall Epstein dieselben. Der antisemitische Blogger Nick Fuentes behauptet, der Fall Epstein beweise, dass Israel »Amerika kontrolliert«, und Tucker Carlson erntete auf der MAGA-Konferenz »Turning Point« tosen- den Beifall, als er sagte, Israel sei Epsteins Arbeitgeber. Belege lieferten beide natürlich nicht, weil es keine gibt. Dass Naftali Ben- nett, der ehemalige israelische Ministerpräsident, Carlson einen notorischen Lügner nannte und erklärte, Epstein habe weder für den Mossad gearbeitet, noch habe er Kontakt zur Regierung gehabt, wurde kaum zur Kenntnis genommen, weil es nicht zur Verschwörung passt.
Die Initiative Democ – ein Zusammenschluss von Journalisten, Wissenschaftlern und Medienschaffenden – hat untersucht, wie die Epstein-Files genutzt werden, um in Sozialen Medien antisemitische Stereotype zu verbreiten. Dafür wurden 55 Instagram-Reels von 43 Nutzern ausgewertet. Sophia Coper zitiert in dem »FAZ«-Artikel »Was ins Narrativ der Antisemiten passt« aus der Studie: »Zusammen erreichen die 55 Reels 114,4 Millionen Views, 6,7 Millionen Likes und 82.102 Kommentare«. Sie resümiert: »Jüdinnen und Juden werden pauschal für Epsteins Taten verantwortlich gemacht.«
Diese Erzählungen sind freilich nicht neu, denn der Antisemitismus war immer schon dort zu Hause, wo Menschen nach einfachen Erklärungen für ihr falsches Bewusstsein suchen, ohne das Sein dahinter zu erkennen. »Allen Formen des Antisemitismus ist eine Vorstellung von jüdischer Macht gemeinsam: die Macht, Gott zu töten, die Beulenpest los- zulassen oder, in jüngerer Zeit, Kapitalismus und Sozialismus herbeizuführen«, schrieb Moishe Postone in seinem Aufsatz »Nationalsozialismus und Antisemitismus « aus dem Jahr 1988. Die den Juden antisemitisch zugeschriebene Macht werde nicht nur als größer, sondern auch im Unterschied zur rassistischen Vorstellung über eine potentielle Macht der »Untermenschen« als »wirklich« erachtet. »Die Juden wurden nicht bloß als Repräsentanten des Kapitals angesehen …, sie wurden vielmehr zu Personifikationen der unfassbaren, zerstörerischen, unendlich mächtigen, internationalen Herrschaft des Kapitals«, so Postone.
All das wird in der Debatte um Epstein mehr als deutlich. Und wenn der »Spiegel« eine Titel-Story mit »Der Epstein-Club – wie sich eine globale Elite um den Sexualstraftäter scharte« überschreibt, erkennt man, dass der Schritt vom »Sturmgeschütz der Demokratie« zum »Stürmer« vielleicht gar kein so großer ist. Zumal ja schon »Spiegel«-Gründer Rudolf Augstein kaum eine Gelegenheit ausließ, um zu beweisen, dass die Deutschen den Juden Auschwitz bis heute nicht verziehen haben, wie es der israelische Psychoanalytiker Zvi Rix einmal formulierte.
Dieser »sekundäre Antisemitismus« hat sich in das Unterbewusstsein jener Deutschen eingegraben, die die Niederlage von 1945 nie verkraftet und die Schuld daran insgeheim den Juden gegeben haben. Beispielhaft hierfür waren Augsteins Tiraden gegen das Berliner »Holocaust-Mahnmal«: »Man würde untauglichen Boden mit Antisemitismus düngen, wenn den Deutschen ein steinernes Brand- mal aufgezwungen wird. … Man kann uns nicht von außen diktieren, wie wir unsere neue Hauptstadt in Erinnerung an die Vergangenheit gestalten«, schrieb er 1998, lange bevor der AfD-Führer Björn Höcke vom »Denkmal der Schande« sprach. Und auch Augsteins Nachfolger wissen, wer an allem schuld ist: Noch im Jahr 2019 behauptete der »Spiegel«, die Stimmen für einen Bundestags-Beschluss, der sich gegen die israelfeindliche BDS-Bewegung richtete, seien durch die »Israel-Lobby« regelrecht gekauft worden.
Dass auch die »FAZ« in den Chor einstimmt, darf deshalb niemanden mehr verwundern. Um Epsteins angebliche Verbindungen zum Mossad aufzuzeigen, beruft sie sich auf eine anonyme FBI-Quelle. Dass es sich dabei nach Angaben von Epsteins ehemaligem Anwalt Alan Dershowitz um den Neonazi und Holocaust-Leugner Charles Johnson handelt – geschenkt: Hauptsache, die Verschwörung geht weiter. Das Mossad-Gerücht ist übrigens noch nicht einmal neu und soll bereits kurz nach Epsteins Verhaftung von Trumps ehemaligem Berater, dem Rechtsextremisten Steve Bannon, gestreut worden sein. Seitdem wird es von den zahlreichen Influencern jeglicher politischer Ausrichtung, von Tucker Carlson bis Joe Rogan, auf der Jagd nach Klicks und Kameraden verbreitet.
Vom Mossad ist es dann nur noch ein kleiner Schritt zur CIA und zum »Deep State«, der vor einigen Jahren angeblich noch von Hillary Clinton geführt wurde. Ihr war 2016 vorgeworfen worden, einer kriminellen Vereinigung anzugehören, die vom Keller einer Pizzeria aus Kinderpornos vertreibe und das Blut von Kindern trinke. In dieser Phantasie klingen antisemitische Ritualmordlegenden aus dem Mittelalter an. Das »Pizzagate« war auch die Geburtsstunde der »QAnon«-Bewegung, die in Trump den letzten Kämpfer gegen die satanischen Eliten sieht. Aktuell schweigt Mister »Q« – vermutlich auch, um Präsident Trump nicht zu gefährden.
Die Mythen sind freilich älter, die Wurzeln des modernen Antisemitismus reichen bis ins 19. Jahrhundert. In vielen Schriften wurden Judentum und Kapitalismus gleichgesetzt. Es waren Organisationen wie der völkische »Alldeutsche Verband« oder Autoren wie Adolph Wagner und Werner Sombart, die dem Antisemitismus Vorschub leisteten. Sombarts Buch Die Juden und das Wirtschaftsleben (1911) wurde neben der antisemitischen Hetzschrift Die Protokolle der Weisen von Zion zum Klassiker in den Kreisen, die schon vor dem Ersten Weltkrieg eine jüdische Weltverschwörung vermuteten und – nur wenige Jahr- zehnte nach deren rechtlicher und wirtschaftlicher Emanzipation – eine Ausschaltung der Juden aus dem Wirtschaftsleben forderten. Franz Neumann hat in Behemoth (1942/44), der ersten Analyse der Struktur und Praxis des Nationalsozialismus, darauf hingewiesen, wie die Verschwörungsmythen parallel zum Siegeszug des Kapitalismus entstanden. Neben der Gleichsetzung von Judentum und Kapitalismus galten Juden als »Führer des marxistischen Sozialismus«. Ihnen gemein war angeblich die Absicht, die alte Ordnung beziehungsweise das »Ariertum« zu vernichten, also eine Verschwörung fremder Mächte gegen Volk und Vaterland zu sein. Dass Epstein wahlweise ein Spion der USA, Russlands oder Israels sein soll, passt deshalb ins Muster einer imaginierten jüdisch-bolschewistischen Weltverschwörung, selbst dann, wenn der Reaktionär Putin dabei den bösen Bolschewiken geben muss.
Die Pathologisierung der Epstein-Geschichte verschleiert das Wesen einer Gesellschaft, die selbstverständlich korrupt ist und in der sich der Wert des Menschen an seiner Verwertbarkeit misst. Für vieles, was über Epstein und sein vermeintliches Netzwerk publiziert wird, gibt es keine stichhaltigen Belege, hier genügt das Gerücht über den Juden. Außerdem will sich niemand die Story durch langweilige Fakten zerstören lassen. Und wer interessiert sich in diesen Tagen schon noch für die »Kritik der politischen Ökonomie« oder die »Dialektik der Aufklärung«? Natürlich werden auch dabei Ursache und Wirkung vertauscht: Die Sex-Partys inklusive Vergewaltigungen werden für den »Untergang des Abendlandes« (Oswald Spengler) verantwortlich gemacht.
Dass es der Kapitalismus, vor allem in seiner neoliberalen Ausführung, selbst ist, der derartige Strukturen schafft, kommt den bürgerlichen Tugendwächtern nicht in den Sinn. Epstein nutzte das System für sich: Seit dem Niedergang des Sowjetkommunismus eröffnete sich ein neuer Markt, auf dem auch Tausende junger Frauen aus ärmsten Verhältnissen darum konkurrierten, eine Karriere im goldenen Westen als Model oder zumindest als Edelnutte zu machen. Was daraus geworden ist, sehen wir täglich. Analyse und Kritik werden durch Mythen und Verschwörungserzählungen verdrängt – und statt über die Opfer wird nur noch über die Täter und deren vermeintliche Netzwerke gesprochen und geschrieben. Die letzten Tage der Männlichkeit sind noch lange nicht angebrochen und die der antisemitischen Paranoia auch nicht.

