Die Angst der Normalos vor den Roma. Antiziganismus und Überflüssigsein. Von Roswitha Scholz
In der gegenwärtigen Linken ist ein Klassenkampf- und Traditonsmarxismus mächtig angesagt. Man geht dem arbeitswilligen Normalo um den Bart und imaginiert eine Arbeiterklasse, die es längst nicht mehr gibt. In dieser Verlegenheit geriert man sich als Vertreter »der 99 Prozent«. Und dies alles in einer Zeit, in der die KI drauf und dran ist, mehr und mehr Arbeitsplätze zu schlucken. Doch »Unproduktive« sind dieser Linken suspekt. Dabei stößt eine Gruppe dem von ihr populistisch gehätschelten Otto Normalbürger besonders auf: Sinti und Roma – die größte Minderheit in Europa.
Antiziganistische Übergriffe und eine sich verstärkende antiziganistische Propaganda seitens der Medien sind hierzulande seit den frühen neunziger Jahren zu beobachten. 1992 kam es zu Pogromen in Rostock-Lichtenhagen, deren Hass sich zuerst gegen asylsuchende Roma richtete. Seitdem wird über Kriminalität, Betteln und Hygieneprobleme berichtet, in den letzten Jahren verstärkt über organisierte Sozialabzocke und ähnliches. Heute redet man zwar lieber von »Rumänen und Bulgaren«, weil der Begriff »Zigeuner« als politisch inkorrekt gilt. Das hindert aber niemanden daran, unter diesem neuen Label den Vorrat an gängigen antiziganistischen Stereotypen zu plündern. Strukturelle Probleme um Armut und Wohnungsnot werden dabei ausgeklammert. Die rechte Zeitenwende seit dem letzten Jahrzehnt hat dies noch verschärft. Doch antiziganistische Diskriminierung und Verfolgung haben eine lange Tradition.
Moderne und Antiziganismus
Sinti und Roma treten in Mitteleuropa zu Beginn des 15. Jahrhunderts in Erscheinung. Ende des 15. Jahrhunderts wurden sie erstmals für vogelfrei erklärt, was von da an immer wieder geschah. In der frühen Neuzeit kam es zu gravierenden Veränderungen. Der Feudalismus geriet in die Krise, allmählich konstituierten sich Nationalstaaten, und die protestantische Arbeitsethik trat auf den Plan. Herumziehende galten von nun an als schwer kontrollierbar und ökonomisch unproduktiv. Deswegen wurden sie unterdrückt und verfolgt, keineswegs nur in Deutschland.
Bis zur Aufklärung changierte das Bild des »Zigeuners« mit dem des Bettlers, Vagabunden und des »unflätigen« fahrenden Volks überhaupt. Im 18. Jahrhundert kam es dann zu einer eindeutigen »Rassifizierung« des Stereotyps. Bekanntlich setzte sich in der Aufklärung die Meinung durch, dass nur die »weiße Rasse« zur Zivilisation fähig sei. »Zigeuner« wurden nun zu einer »primitiven Rasse« erklärt. Soziale und rassistische Diskriminierung verschränkten sich in der Folge wesentlich im Zigeunerstereotyp, das auch romantische Elemente umfasste. »Zigeuner« standen auf diffuse Weise für ungehemmte Freiheit. Nicht zuletzt über Musik und Tanz (Stichwort »Carmen«) speiste sich diese romantische Dimension. Was die geschlechtliche Konnotation des Antiziganismus betrifft, so wurde die »Zigeunerin« als Gegenbild zur züchtigen Hausfrau, Ehefrau und Mutter konstruiert, die im Reproduktionsbereich komplementär zum Ideal des disziplinierten Lohnarbeiters gedacht wurde. Die »Zigeunerin« stellte man sich dabei in erster Linie als sexuell verführerisch und hexenhaft vor.
Antiziganistische Maßnahmen in Deutschland
Im 19. Jahrhundert galten »Zigeuner« als »Personen minderen Rechts«. Schon Mitte des 19. Jahrhunderts wurden systematisch Akten über »Zigeuner« angelegt. Ab Anfang des 20. Jahrhunderts sollten möglichst alle Sinti und Roma registriert werden, wobei Lichtbilder gemacht und Fingerabdrücke genommen wurden. Im Nationalsozialismus ging man vor dem Hintergrund rassistischer Annahmen davon aus, dass die »Zigeuner« nicht mehr »reinrassig« seien. Hervorgegangen aus der Paarung von Zigeunern mit »erbminderrassigen« Deutschen seien insbesondere die »Zigeunermischlinge« überwiegend asozial. Sinti und Roma wurden zwangssterilisiert und für »sozial schwachsinnig« erklärt. Die zunächst nur auf Juden bezogenen Nürnberger Rassegesetze wurden auf sie ausgeweitet. 1935 ging man dazu über, Sinti und Roma in sogenannten »Zigeunerlagern« zu internieren.
1938 ordnete Himmler die »endgültige Lösung der Zigeunerfrage … aus dem Wesen der Rasse heraus« an. Im Dezember 1941 wurde angeordnet, dass die »Zigeuner« in der Behandlung mit den Juden gleichgestellt werden sollten. Entscheidungen über die Art ihrer Vernichtung wurden den Kommandeuren der Sicherheitspolizei und des Sicherheitsdienstes überlassen, mit dem Resultat, dass viele Sinti und Roma sofort erschossen wurden. Im Juli 1944 fand die letzte Vergasung in Auschwitz statt, wohin Sinti und Roma seit Anfang 1943 aus zahlreichen Ländern deportiert worden waren.
In der Nachkriegszeit wurden Sinti und Roma häufig in heruntergekommenen Notunterkünften untergebracht oder am Stadtrand angesiedelt. Sogenannte Zigeunerexperten wurden in die Amtsstuben übernommen; ebenso wurde mit Beständen aus dem Aktenmaterial der NS-Zeit gearbeitet – die Sondererfassung der Sinti und Roma ging weiter. In verschiedenen Städten gab es Strategiepapiere, um den Aufenthalt von »Zigeunern« (nun »Landfahrer« genannt) auf jeden Fall zu verhindern.
Die Gutachter der Wiedergutmachungsanträge von Sinti und Roma waren die ehemaligen Mitarbeiter des Reichsgesundheitsamts. In den achtziger Jahren wurden neue Richtlinien erlassen und geringe Wiedergutmachungsleistungen gewährt. Gleichzeitig wurde manchen Sinti und Roma die deutsche Staatsbürgerschaft nicht mehr zurückgegeben. Voraussetzung für diese Wiedergutmachungsleistungen waren Protestaktionen der Sinti und Roma selbst, die auch dazu führten, dass sie mittlerweile als ethnische Minderheit in Deutschland anerkannt sind.
Antisemitismus, Antiziganismus und andere Rassismen
In der Moderne stehen »Zigeuner« für Ungebundenheit und Arbeitsverweigerung. Was ist nun aber der Unterschied zum Antisemitismus, der für ähnliches steht? Juden werden im Kapitalismus vornehmlich mit Macht, Herrschaft und zerstörerischer Zivilisation assoziiert; »Zigeuner« hingegen werden als minderwertig und naturverhaftet betrachtet, weil sie an ein mögliches Leben jenseits der vermaledeiten Arbeitsgesellschaft erinnern. Holger Schatz und Andrea Woeldike schreiben dazu: »Gemeinsam ist jedoch jener Mechanismus, welcher durch die Abgrenzung und die physische Verfolgung der ›Nichtidentischen‹ eine vermeintlich psychische Entlastung ermöglicht und andererseits verdrängte Wünsche nach außen projizieren lässt. Was man selbst nicht haben kann, soll auch kein anderer besitzen. Der ›Gedanke an Glück‹ muss ausgetrieben werden.«
Dabei ist hervorzuheben, dass es sich beim Antiziganismus im Gegensatz zum Antisemitismus um einen »romantischen Rassismus« (Wulf D. Hund) handelt. Es wäre sogar zu überlegen, inwieweit nicht »der Zigeuner« noch viel mehr den (verdrängten) Glücksvorstellungen der Massen – zumindest im Fordismus – entsprochen hat als »der Jude«. Vieles, was mit dem Zigeunerstereotyp in Verbindung gebracht wird – das gefühlvolle Volkslied, der Rummelplatz, der Zirkus, das »Auf- und Davon-Gehen«–war gewiss den Glücksempfindungen der »einfachen Leute« in der fordistischen Phase näher als die Stereotype hinsichtlich der als reich und mächtig imaginierten Juden, die auch für eine fremde, bürgerliche Kultur standen, selbst wenn sich der gemeinsame Nenner im Vorwurf des »arbeitsscheuen Parasiten« finden lässt. Im Gegensatz zu anderen »Wilden« (Native Americans, Südseeinsulanern und so weiter), die ebenfalls mit Natur gleichgesetzt werden, ist der »Zigeuner« aber seit langem Bestandteil der Kultur und Gesellschaft, in der man lebt. Deshalb und weil er sich – im Gegensatz zum »Schwarzen« – nicht versklaven lässt, wird er verfolgt; verbunden mit der immerwährenden Angst vor dem eigenen Abgleiten in die »Asozialität«, an die der »Zigeuner« ebenfalls stets erinnert.
Der Homo sacer und die Zigeuner
Giorgio Agambens rechtstheoretische Überlegungen können für die Analyse des Antiziganismus fruchtbar gemacht werden. Ihm geht es um das Verhältnis von Regel und Ausnahme: »Es ist nicht die Ausnahme, die sich der Regel entzieht, es ist die Regel, die, indem sie sich aufhebt, der Ausnahme stattgibt; und die Regel setzt sich als Regel, indem sie mit der Ausnahme in Beziehung bleibt. Die besondere ›Kraft des Gesetzes‹ rührt von dieser Fähigkeit her, mit einem Außen in Berührung zu bleiben.«Das Individuum wird hier zum bloßen Körper, zum »nackten Leben« degradiert, wobei es der Souverän ist, der über den Ausnahmezustand gebietet. Eine entscheidende Rolle spielt bei Agamben der aus dem Römischen Recht stammende »Homo sacer«, der seinem Buch den Namen gab. Der Homo sacer ist ein Vogelfreier, der aus dem Recht herausfällt (aber gerade deshalb in es eingeschlossen ist) und ungestraft getötet werden kann.
In den Verfolgungs- und Internierungsstrukturen der Moderne, extrem zugespitzt im NS, drückte sich Ähnliches aus. Dabei sieht Agamben gerade heute wieder den Ausnahmezustand bei der Zersetzung staatlicher Organisationen, der Errichtung von Lagern und »illegitimen Übergriffen« (wie zum Beispiel Massenvergewaltigungen) hervortreten. In derartigen Erscheinungen, die laut Agamben gerade eine ursprüngliche Voraussetzung für das Recht sind, sieht er ein Menetekel für die ganze Welt. In den krisenhaften Verfallsprozessen sind somit potentiellalle Homines sacri.
Robert Kurz greiftAgambens Reflexion des Verhältnisses von Rechtsform und Ausschluss auf und verbindet sie mit Überlegungen zur »Konstitution von Politik und Ökonomie, von abstrakter Arbeit und Staatsmaschine« in der Moderne. Der Raum der »ausschließenden Einschließung, der Reduktion auf das nackte Leben« hatte in der Frühmoderne noch den Namen des »Hauses«: »Das Armenhaus, Arbeitshaus, Zuchthaus, Irrenhaus, Sklavenhaus – die ›Häuser des Schreckens‹, in denen exemplarisch für die Gesamtgesellschaft die Einübung in die fremdbestimmte abstrakte Arbeit stattfand, ein in den Lagern der späteren Modernisierungs- und Krisendiktaturen verschärfter Vorgang. Dieser ursprüngliche Ausnahmezustand ist zum modernen Normalzustand geworden, der aller Rechtsstaatlichkeit zugrunde liegt.«
Die Weltkrise der dritten industriellen Revolution heute unterscheidet sich von früheren Krisen dadurch, dass sich die Souveränität selbst zu »verflüssigen beginnt, weil auch der Raum der einschließenden Ausschließung sich auflöst … Die Souveränität in dem Maße, wie sie noch weiter existiert, reagiert darauf reflexhaft mit ihren gewohnten Krisenmaßnahmen, obwohl diese ins Leere laufen.« Zwangsarbeit, Billiglohn, das Lager, Menschenverwaltung et cetera werden nun für die Überflüssigen in der Krise der Arbeitsgesellschaft auf einem neuen Verfallsniveau reaktiviert. Dabei drückt sich die allgemeine Bedrohung dennoch in Unterschieden der ausgrenzenden Maßnahmen und Ideologien aus. Auch heute »vollzieht sich die einschließende Ausschließung … im polaren Muster von Rassismus und Antisemitismus« (Robert Kurz).
In diesen Erörterungen fehlt allerdings das spezifisch antiziganistische Syndrom. Neben den Juden waren es gerade die »Zigeuner«, die nicht nur wie diese als fremdrassig galten, sondern über Jahrhunderte hinweg immer wieder genau im Agambenschen Sinne für vogelfrei erklärt wurden. Über Sinti und Roma wurde in der Moderne eigentlich ein permanenter Ausnahmezustand verhängt, insofernman sie als absolutes Gegenbild zum neuzeitlichen Disziplinierungsprozess und zur »protestantischen Ethik« in der eigenen Gesellschaft konstruierte. Obwohl also die »Zigeuner« »Homines sacri« par excellence sind, wie ihre Verfolgungsgeschichte beweist, werden sie in aller Regel selbst noch in kritischen Darstellungen des Rassismus vergessen; und gerade in diesem Vergessenwerden drückt sich der Umstand aus, dass der »Zigeuner« gewissermaßen den Homo sacer des Homo sacer darstellt. Ersteht in der Konstruktion für »Asozialität« und »Fremdrassigkeit«, gilt als »Abschaum der Menschheit« (so der »Zigeunerexperte« der Aufklärung, Heinrich Moritz Gottlieb Grellmann, im 18. Jahrhundert) und stellt für den »Normalen« somit das abschreckende Beispiel schlechthin dar: Er zeigt ihm, wohin er kommt, wenn er nicht funktioniert und pariert, sondern sich »wie die Zigeuner« verhält. Selbst integrierte Sinti und Roma werden auch im Alltag unter einem Schuttberg von Stereotypen begraben, wenn sie »zugeben«, zu dieser Gruppe zu gehören.
Struktureller Antiziganismus
Nicht wenige Roma arbeiten im Niedriglohnsektor in prekären Verhältnissen und/oder sind auf Grundsicherung, inklusive der Aussicht auf »Zwangsarbeit« angewiesen, wie dies heute auch zunehmend Normalos droht. Im Kontext der neuen Massenmigration sind Flüchtlinge, die »Stütze« brauchen, schon in der klassischen »Zigeunerposition«. Auch das Problem der »Papierlosigkeit« ist in der antiziganistischen Politik bereits vorweggenommen.
Hier verschränken sich allgemeine und spezifisch antiziganistische Maßnahmen der Krisenverwaltung mit einer antiziganistischen Massenideologie. Je mehr die Mittelschichten in die Gefahr des Abstiegs geraten, desto mehr erkennen sie sich selber im Prototyp des Überflüssigen und Vogelfreien in den europäischen Gesellschaften, dem »Zigeuner«, wieder. Wie von einem strukturellen Antisemitismus gesprochen werden kann, der sich nicht zuletzt im Angriff auf die Finanzmärkte und in der Imagination einer Weltverschwörung zeigt, auch wenn von Juden noch gar nicht die Rede ist, so kann auch von einem strukturellen Antiziganismus gesprochen werden, wenn in der Angst vor dem eigenen Absturz, der Deklassierung, dem Abgleiten in die Asozialität und Kriminalität das antiziganistische Stereotyp implizit wirkt, auch wenn von »Zigeunern« noch gar nicht die Rede ist. Das Changieren zwischen sozialer Diskriminierung und rassistischer Ausgrenzung macht das Zigeunerstereotyp hierzu besonders geeignet.
Ein struktureller Antiziganismus istim Gegensatz zum strukturellen Antisemitismus jedoch schwerer zu erkennen, weil er kaum zum Thema gemacht beziehungsweise allenfalls marginal behandelt wird. Müsste sich das moderne Subjekt dabei doch mit seiner Homo-sacer-Angst im Spiegel erkennen. Deshalb schaut es von vornherein weg. Andererseits weiß es schon immer, dass der »Zigeuner« der »Allerletzte« ist, wie Befragungen zeigen.
Der aktuelle Antiziganismus istdabei auch eine Reaktion auf die massiven krisenkapitalistischen Einbrüche. Zum drohenden Abstieg der Mittelschichten kommt mittlerweile die galoppierende Inflation, Wohnungsnot und so fort hinzu. Damit in Zusammenhang stehen eine Ausbreitung rassistischer Ideologien sowohl von »oben« als auch von »unten«, also ein »Bündnis von Mob und Elite« (Hannah Arendt).
Die heutige regressive Mainstream-Linke mit ihrer traditionellen Konzentration auf den biederen und anständigen Lohnarbeiter richtet sich implizit gegen das sogenannte Lumpenproletariat als »Bodensatz« der Gesellschaft, und damit eben auch gegen die »Zigeuner«, die in der rassistischen Aufladung sogar noch unter den »einheimischen« Lumpenproletariern stehen.
Roswitha Scholz ist Redakteurin der Theoriezeitschrift »Exit« und Verfasserin von Büchern und Texten vor allem zu »Rasse«, Klasse, Geschlecht, Antisemitismus und Antiziganismus

