1945 – Sieg und Enttäuschung

Das Ende des Zweiten Weltkriegs steht nicht nur für den Sieg über den Faschismus, sondern für die enttäuschten Hoffnungen einer ganzen Generation radikaler Linker. Von Ewgeniy Kasakow

In seiner 2021 erschienen Einführung in den Rätekommunismus erwähnt Felix Klopotek einen Kongress der anarchistischen, links- und rätekommunistischen Gruppen, der 1947 in Brüssel tagte. Eine der Voraussetzungen für die Teilnahme daran war, dass man sich während des gerade zu Ende gegangenen Weltkrieges weder an der Résistance noch am Partisanenkampf beteiligt hatte. Das überrascht, denn der linke Beitrag zum Sieg über den Faschismus gilt den meisten Linken bis heute strömungsübergreifend als eine ihrer wichtigsten historischen Errungenschaften, die auch bürgerlichen Demokraten Respekt abverlangt: Gegen den Feind von rechts war die Linke effizient und nützlich. Doch den Linken der Generation, die sich im Laufe des Ersten Weltkrieges radikalisiert hatte, stellte sich die Situation nach 1945 anders dar.

Wer sich nach 1914 der Kriegsunterstützung verweigerte, die in der Arbeiterbewegung um sich griff, erlebte nach 1917 zunächst eine Phase der Euphorie. Das Unmögliche schien Realität geworden zu sein: Der linke Flügel der russischen Sozialdemokratie besaß, nachdem er den Bauern Land und Frieden versprochen hatte, plötzlich eine Massenbasis und erklärte den eigenen (militärischen) Erfolg zum praktischen Beweis dafür, dass der Kapitalismus nun durch den Sozialismus abgelöst werden würde. Eine Welle der revolutionären Erhebungen – von der Russischen Revolution inspiriert – rollte durch die Welt und schien den dortigen Revolutionären zu zeigen, dass der Kapitalismus sich im Niedergang befand.

Bereits 1920/21 wurde klar, dass die Differenzen zwischen der Führung der Bolschewiki, in erster Linie Wladimir Lenin, und vielen derjenigen Linken weltweit, die 1917 ebenfalls als Epochenwechsel feierten, sich vertiefen. Es wurde deutlich, dass die heterogene transnationale Anhängerschaft der Revolution sich zwar zu einem großen Teil aus der Arbeiterbewegung rekrutierte, aber in kaum einem Land selbst auf dem Höhepunkt der jeweiligen revolutionären Unruhen in der Lage war, einen Großteil der sozialistischen und gewerkschaftlichen Organisationen, geschweige denn die Masse des Proletariats auf ihre Seite zu ziehen. Man blieb eine radikale Minderheit, wenn auch teilweise mit aus der Sicht der heutigen Linken astronomisch hohen Mitgliederzahlen. Lenins Anweisung, sich aus taktischen Gründen wieder auf Wahlkämpfe und Parlamente, Bündnisse mit nationalen Befreiungsbewegungen und die Arbeit in reformistischen Massenorganisationen einzulassen, enttäuschte viele derjenigen, die meinten, 1914 und die Folgejahre hätten ein für alle Mal gezeigt, wie verhängnisvoll dieser Weg sei. Diejenigen, denen Lenin die „Kinderkrankheit des Linkstums“ attestierte, konnten zudem seine früheren Werke gegen ihn in Anschlag bringen. Trotz aller militärisch-organisatorischer Rückschläge hielten diverse „Linksabweichler“ die „Todeskrise“ des Kapitalismus für erwiesen und leiteten ihre politische Praxis von dieser Prämisse ab. Es schien nur noch darum zu gehen, den Sterbeprozess des bürgerlichen Zeitalters zu beschleunigen.

Ab 1921 nahm die linke Kritik am ersten und vorerst einzigen sozialistischen Staat stetig zu. Nicht weil sich ihr immer mehr Sozialisten angeschlossen hätten, sondern weil die Zahl der diese äußernden Organisationen und Strömungen wuchs. Die deutschen und holländischen Rätekommunisten wurden immer misstrauischer gegenüber den Kader- und Massenparteien sowie den Gewerkschaften, die sie im Verdacht hatten, die Arbeiterklasse zu entmündigen und ihren revolutionären Elan auszubremsen. Die italienischen Linkskommunisten unter Amadeo Bordiga wollten umgekehrt die Rolle der Kaderorganisation durch nichts relativiert sehen und verweigerten sich dem Antifaschismus, der ein Bündnis mit bürgerlichen und reformistischen Kräften vorauszusetzen schien. Die Aufgabe sei schließlich nicht, die Demokratie zu retten, sondern als Form der bürgerlichen Herrschaft abzuschaffen. Die Anarchisten sahen in Sowjetrussland die Bestätigung aller warnenden Prophezeiungen von Bakunin gegen Marx. Die Syndikalisten und Unionisten hielten die kommunistische Partei für überflüssig, da die Gewerkschaften, wenn sie sich nur konsequent an den klassenkämpferischen Kurs hielten, in der Lage seien, Staat und Kapital im einem Zug abzuschaffen. Und zu guter Letzt waren da noch die Trotzkisten mit ihrer Kritik an der Bürokratisierung der Partei.

Doch alle diese „Linksabweichler“ teilten die offizielle Parteilinie in einem Punkt: Die radikalen Teile der Arbeiterbewegung hielten sie für die eigentliche, wahre, richtige und authentische Essenz der Revolution. Den Reformismus dagegen sahen sie als eine Abweichung, eine vorübergehende Verwirrung beziehungsweise das Ergebnis falscher Organisationsformen oder korrupter Führung. Aus der Einsicht, dass die Lohnabhängigen ohne Kämpfe im Kapitalismus nicht zurecht kommen, leiteten sie die Gewissheit ab, dass die Arbeiterklasse den Kapitalismus bewusst und siegreich bekämpfen und der nächste Weltkrieg eine weitere Radikalisierung der Massen mit sich bringen werde.
Doch diese Erwartungen wurden enttäuscht: Nicht nur, dass der Faschismus zunächst mehrere Siege feiern konnte und zu einer existenziellen Gefahr für Linke aller Schattierungen wurde, die sowjetische Führung relativierte verbindlich für die ganze Komintern erst die bisherige Kritik am Reformismus (Volksfront), nahm bald darauf vorübergehend Abstand vom Antifaschismus (Nichtangriffspakt 1939) und nach dem Überfall auf die Sowjetunion dauerhaft vom Internationalismus. Die Vorstellung, der Faschismus werde durch den Klassenkampf gestoppt, flog 1941 endgültig über Bord. Schon bald appellierte die sowjetische Propaganda an den enttäuschten deutschen Patriotismus der feindlichen Soldaten, Kriegsgefangenen und Zivilisten, statt an deren Klassenbewusstsein, und rief die Sowjetbürger dazu auf, sich an den Nationalhelden der russischen Geschichte ein Beispiel zu nehmen.
Den Kommunisten im besetzen Europa ermöglichte die Teilnahme am antifaschistischen Widerstand den Imagewechsel vom vaterlandslosen Gesellen zum nationalen Helden. Zuvor eher kleine KPs wie die von Italien, Griechenland und Jugoslawien kamen erst durch ihren Kampf gegen die Besatzer zu einer Massenbasis.
Angeblich soll Charles de Gaulle beim Einzug in Paris 1944 ein Gedicht von Luis Aragon, dem ehemaligen Surrealisten, der inzwischen zum linientreuen PCF-Mitglied geworden war, deklamiert haben. Für einen kurzen Moment galten Kommunisten als gute Patrioten, die sich zudem als nützlich für die Beziehungen zur sowjetischen Weltmacht erweisen könnten. Einige begannen, sich in dieser Rolle zu gefallen. Der italienische KP-Chef, Palmiro Togliatti, leitete bereits im März 1944 die „Wende von Solerno“ ein: Die Partisanen sollten nicht bewaffnet für den Sozialismus weiterkämpfen, sondern in eine breite Koalition eintreten und eine „progressive Demokratie“ anvisieren. Der Vorsitzende der KPUSA, Earl Browder, plädierte dafür, die Partei zu einer Fraktion innerhalb der Demokratischen Partei zu transformieren. Statt der erhofften Radikalisierung der Massen war nach 1945 eher eine Mäßigung der kommunistischen Parteien zu beobachten, die zum Teil aktiv vorangetrieben wurde – in der westdeutschen KPD etwa wurden die Kader aus der Weimarer Zeit mit ihren militanten Revolutionsvorstellungen durch die „FDJ-Generation“ abgelöst, weil diese sich mit dem von der SED verordneten Kampf für die deutsche Einheit und den Frieden besser identifizieren könne.
Doch der Beginn des Kalten Krieges änderte die Situation. Die Kommunisten wurden im Westen als „fünfte Kolonne“ Moskaus wieder isoliert, während die Erwartung aus Moskau an sie nun lautete, mit dem Kampf für den Frieden die westlichen Regierungen vom Aufrüsten gegen die UdSSR abzuhalten. Bereits 1947 begannen die Mitgliedszahlen der KPs in kapitalistischen Staaten zu schrumpfen. Von den Linken im Westen wurde von allen Seiten eine klare Entscheidung für eine Seite eingefordert. Angesichts von neuen Wellen der Repressionen im Osten entschieden sich immer mehr ehemalige Linksradikale für den Westen. Einige, wie Richard Löwenthal, Walter Loewenheim, Willy Brandt oder Heinz Langerhans waren während des Exils zu dem Schluss gekommen, dass die liberale Demokratie der Arbeiterbewegung bessere Bedingungen bietet, andere wie Max Shachtman oder Jay Lovestone wollten den stalinistischen Einfluss in den Arbeiterorganisationen zurückdrängen. Für viele wurden die Repressionen im Ostblock zu einem eindeutigen Signal dafür, dass man dort weiterhin nach „Links-“ und „Rechtsabweichlern“ aus der Zwischenkriegszeit suchte. Wer zum Beispiel in der Weimarer Zeit als „Abweichler“ aus der KPD ausschied, galt in der SED als suspekter als jemand, der „einfach nur“ Sozialdemokrat war.
Etliche Kooperationsversuche zwischen Sozialdemokratie und kommunistischen Abweichlern in der Frühphase des Kalten Krieges scheiterten daran, dass linke Sozialdemokraten die antikommunistische Blockade durchbrechen wollten, während aus den prosowjetischen Parteien verstoßene Kommunisten im Stalinismus nicht zu unrecht eine unmittelbare Gefahr für ihr Leben sahen. Aktionen gegen „Westexilanten“, Verhaftungen von KPD-Abgeordneten bei ihrem Aufenthalt in der DDR, Säuberungen in allen Parteien des Ostblocks nährten die Ängste. Bei ihrer antikommunistischen Arbeit in europäischen Gewerkschaften konnten die CIA und der US-Dachverband AFL zuverlässig auf ehemalige Linksradikale zählen, die aus Angst vor einem Erstarken des Stalinismus zu Vorkämpfern für den Westen wurden. Dieser linke Antikommunismus berief sich ebenfalls auf den antifaschistischen Kampf. Labour-Politiker Richard Crossman initiierte 1949 den Sammelband The God That Failed – einen antikommunistischen Besteller, geschrieben von ehemaligen Anhängern der prosowjetischen Parteien, die nun als Warner vor Totalitarismus fungierten.
Fünf Jahre nach Kriegsende gab es in der westlichen Welt nur noch zwei linke Parteien, die zu Bündnissen mit den Kommunisten bereit waren: die Partito Socialista Italiano unter Petro Nenni, die sich jedoch nach dem sowjetischen Einmarsch in Ungarn 1956 ebenfalls abwandte, und die israelische Mapam, immerhin zeitweilig die zweitgrößte Partei des Landes, deren prosowjetischer Kurs allerdings 1951 mit der Inhaftierung ihres Funktionärs Mordechai Oren in Prag ein Ende nahm.
Einerseits waren die kommunistischen Parteien im Westen nun noch stärker isoliert, andererseits hatten sie dafür eine echte Weltmacht in Rücken. Im Gegensatz zu den Komintern-Zeiten wurden von ihnen jetzt keine Pläne für eine Revolution mehr erwartet. Die Aufgaben, die Stalin auf dem XIX. Parteitag 1952 formulierte, klangen wesentlich bescheidener: „In den Staub getreten ist das Prinzip der Gleichberechtigung der Menschen und Nationen; es ist ersetzt durch das Prinzip der vollen Rechte der ausbeutenden Minderheit und der Rechtlosigkeit der ausgebeuteten Mehrheit der Bürger. Das Banner der bürgerlich-demokratischen Freiheiten ist über Bord geworfen. Ich denke, dass Sie, die Vertreter der kommunistischen und demokratischen Parteien, dieses Banner werden erheben und vorantragen müssen, wenn sie die Mehrheit des Volkes um sich sammeln wollen.“

Die Ironie bestand darin, dass dies in einer Zeit gesagt wurde, in der die ökonomische und politische Integration der Arbeiterklasse in den bürgerlichen Staat bei gleichzeitigem Verdrängen von KPs aus der Politik schneller voranging als je zuvor. Nach Stalins Tod stellten seine Nachfolger fest, dass es außer den KPs Frankreichs, Italiens und Indonesiens keine linke Partei gab, die zu einer politisch einflussreichen Kraft in ihrem Land hätte werden können, und dass der bewaffnete Kampf dort, wo er noch geführt wurde, keine Aussicht auf Erfolg hatte. Das Interesse der sowjetischen Führung an der kommunistischen Weltbewegung nahm ab. In den kommenden Jahren wurden der Antifaschismus und der Kampf für den Frieden die zwei wichtigsten Betätigungsfelder Moskau-orientierter KPs im Westen. Auf der anderen Seite wurde die Kalte-Krieg-Linke im Westen zu einem festen und integrierten Teil des politischen Spektrums, der bei aller Kritik die bewaffnete Durchsetzung der Interessen der sogenannten freien Welt prinzipiell anerkannte. Was als Radikalisierung 1914 begann, endete nach 1945 in einer realpolitischen Mäßigung. Erst die Neue Linke konnte sich von der Parteinahme für West oder Ost im Kalten Krieg – zumindest partiell – befreien.

Ewgeniy Kasakow schrieb in konkret 1/26 darüber, wie sich angesichts des Ukraine-Kriegs der Feminismus kriegstauglich macht