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26.06. 2026

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VON konkret

Die Verschiebung der Eröffnung des zwölf Milliarden Euro teuren Projekts von 2026 auf 2031 ist für Stuttgart, Baden-Württemberg und die Nation ein Desaster«, klagt Rüdiger Soldt am 13. Juni in der »FAZ« und macht als »Geburtsfehler« des Projekts »Übermut und mangelndes Risikobewusstsein der politischen Befürworter« aus: »Es ist recht billig, die Kostensteigerung von vier auf […]

Die Verschiebung der Eröffnung des zwölf Milliarden Euro teuren Projekts von 2026 auf 2031 ist für Stuttgart, Baden-Württemberg und die Nation ein Desaster«, klagt Rüdiger Soldt am 13. Juni in der »FAZ« und macht als »Geburtsfehler« des Projekts »Übermut und mangelndes Risikobewusstsein der politischen Befürworter« aus: »Es ist recht billig, die Kostensteigerung von vier auf demnächst 14 Milliarden Euro und die achtmalige Verschiebung der Inbetriebnahme allein der Bahn in die Schuhe zu schieben, die das Projekt selbst am Anfang gar nicht wollte.« Das Verkehrs- und Städtebauprojekt Stuttgart 21, 1994 der Öffentlichkeit vorgestellt – die entsprechenden Bauarbeiten begannen 2010 –, sollte ursprünglich 2019 abgeschlossen sein. Der neue Fertigstellungstermin wird mit »Ende 2031« angegeben. Auch die offiziellen Kostenschätzungen des Projekts sind im Laufe der Zeit immer wieder angehoben worden: von 2,6 Milliarden Euro bei Planungsbeginn über 4,1 Milliarden bei Baubeginn auf über 11,4 Milliarden im Juni 2024.

Überraschend ist das alles nicht. Bereits in der Novemberausgabe 2010 hatte Hermann L. Gremliza kalkuliert: »Die fünf Milliarden Euro, die der Umbaudes Stuttgarter Hauptbahnhofs heute kosten soll, die zehn Milliarden, die er morgen kosten und die zwanzig Milliarden, die er übermorgen gekostet haben wird, sind nicht perdu.« Sie haben lediglich den Besitzer gewechselt.

Überraschend scheinen nur die Kritik, Häme und Empörung, mit denen die Bourgeoisie, der sonst politische Schweinereien – der Massenmord im Mittelmeer, die Verelendung breiter Bevölkerungsschichten – gar nicht groß genug sein können, diesem »Mahnmal des Scheiterns« (»FAZ«) begegnet. Dabei ist der Zweck von Stuttgart 21 einer, an dem die Bourgeoisie sonst wenig Anstoß nimmt, nämlich öffentliches Geld in private Taschen fließen zu lassen; das ist bereits jetzt im Übermaß gelungen. Bleibt die Schlamperei, die einen Imageverlust für den Kapitalismus, insbesondere dem nach schwäbischer Art, bedeuten könnte. Weshalb der Stuttgarter Oberbürgermeister Frank Nopper (CDU) die Nachrichten aus der Bahn-Zentrale mit dem Wunsch kommentierte: »(Der) Name unserer Stadt darf nicht mit einem nicht enden wollenden Jahrhundertprojekt in Verbindung gebracht werden«. Linke, die es sich erlauben können, um die Gegend, in der »schwäbische Ingenieurskunst und schwäbischer Fleiß« (Nopper) herrschen, einen Bogen zu machen, können sich an dieser unterhaltsamen und noch lange laufenden Pannenshow ebenso ergötzen (»Achtmal gab es Eröffnungstermine, eingehalten wurden sie alle nicht. Vor 2031 werden keine ICEs im neuen Stuttgarter Durchgangsbahnhof halten. Es gibt Kritiker, die davon ausgehen, dass der Bahnhof eine Ruine bleiben könnte«, »FAZ«) wie an ihren reaktionären Opponenten erfreuen. Viel Anlass zur Freude gibt es ja sonst nicht.

Am wenigsten in einem Land, das überwiegend von Deutschen bevölkert wird. Diese Feststellung ist entgegen dem Vorwurf, den Peter Hacks einst dem damaligen konkret-Herausgeber machte – »Gremliza ist, was die Deutschen betrifft, Rassist. Er glaubt, … der deutsche Mensch sei eine Art Subspecies unserer Gattung, und jeder Deutsche habe einen kleinen Hitler in den Genen« – nicht rassistisch, sondern beruht auf theoretischen und empirischen Studien zum deutschen Nationalcharakter, deren Ergebnisse der Publizist Otto Köhler von 1980 bis 1986 in seiner konkret-Kolumne »Der hässliche Deutsche« veröffentlicht hat. Die Kritik am deutschen sollte allerdings nicht missverstanden werden als indirektes Lob anderer Nationalcharaktere. Antisemiten, Faschisten, Fremdenhasser gibt es überall, und überall treten sie zunehmend aggressiv in Erscheinung. Und dennoch, schrieb Gremliza in konkret 12/90: »Die Einzigartigkeit unter den Nationen Europas, derer sich die Deutschen brüsten, ist kein leerer, auch kein Oberlehrerwahn. Nicht ihre Chromosomen, wohl aber ihre ›Soziogenese‹ und ihre ›Psychogenese‹ (Elias) haben sie als Feinde der Zivilisation gestählt, Feinde zudem, die ihr zivilisatorisches Minus als ›kulturelles‹ Plus zu fühlen nie aufgehört haben und es darum dem anderen Gesindel immer wieder zeigen müssen.«

Otto Köhler hatte den deutschen Defekt exemplarisch an Polizeipräsidenten, NS-Verbrechern, SPD-Vorsitzenden, CDU-Giftzwergen, Milliardären, KZ-Ärzten und Ministerpräsidenten vorgeführt. Mit einem Stück über den »FAZ«-Leitartikler Reinhard Müller (siehe Seite 32) setzt Klaus Weber Köhlers Rubrik in dieser Ausgabe fort. Weitere »hässliche Deutsche« werden folgen.

Einer der Vorteile des E-Papers ist der damit verbundene digitale Zugang zu sämtlichen konkret-Ausgaben von 1974 bis heute. Wer Interesse an Köhlers Beiträgen zur Rubrik »Der hässliche Deutsche« hat, kann diese über die Suchfunktion ermitteln und lesen. Für Interessenten u. a. an der Auseinandersetzung zwischen Peter Hacks und Hermann L. Gremliza über den deutschen Nationalcharakter erscheinen im Spätsommer die Bände fünf und sechs der Gesammelten Schriften, die Gremlizas Texte aus den Jahren 1985 bis 1990 umfassen (Zusammen rund 1.200 Seiten). Die ersten vier Bände der Schriften sind bereits vergriffen, sobald den Verlag ausreichend Vorbestellungen erreicht haben, werden sie nachgedruckt.