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30.05. 2026

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VON konkret

For if the bomb that drops on youGets your friends and neighbors too,There’ll be nobody left behind to grieve. And we will all go together when we goWhat a comforting fact that is to know.(Tom Lehrer, 1959) Ja, ich sitz im Panzer, ja, ich rolle tiefBlaka, blaka, blaka macht die Artillerie.Bruder, wir retten Europa und […]

For if the bomb that drops on you
Gets your friends and neighbors too,
There’ll be nobody left behind to grieve.

And we will all go together when we go
What a comforting fact that is to know.

(Tom Lehrer, 1959)

Ja, ich sitz im Panzer, ja, ich rolle tief
Blaka, blaka, blaka macht die Artillerie.
Bruder, wir retten Europa und du Pussy gehst zur Seite
Auf deiner krassen Antikriegsdemo war’n drei Leute

(K.I.Z., 2024)

Die Annahme einer akuten Bedrohungslage sowie eklatanter militärischer »Fähigkeitslücken« (»Bundeswehr steht aus Sicht von Heeresinspekteur ›mehr oder weniger blank da‹«, »Spiegel«, 24. Februar 2022) rekurriert fast wörtlich auf die Panikmache, die während des Kalten Krieges suggerierte, dass die Russen »in 15 Minuten auf dem Kurfüstendamm« (Udo Lindenberg) stehen würden und man ihnen dann schutz- und wehrlos ausgeliefert sei. Dass das schon damals Quatsch war, ließ sich in konkret 2/80 in einem Interview mit dem damaligen stellvertretenden Leiter des Instituts für Friedensforschung, Dieter S. Lutz, nachlesen. Auf die Frage, ob man nachrüsten müsse, meinte Lutz: »Das ist eine politische Entscheidung. Militärisch besteht dafür keine Notwendigkeit.«

Anders als heute waren in den achtziger Jahren Zweifel an der Notwendigkeit »nachzurüsten« allerdings ebenso verbreitet wie die Gewissheit, dass modernes Kriegsgerät über ein Vernichtungspotential verfügt, das ausreichte, nicht nur jene Soldaten und Zivilisten mitsamt der ihr Überleben gewährleistenden Infrastruktur zu vernichten, deren Ende zu rationalisieren die mehr oder weniger unabhängig agierenden Propagandaabteilungen den Mitgliedern der jeweiligen Kriegspartei beigebracht hatten. Entsprechend nahmen an den »Antikriegsdemos«, die anlässlich des am 12. Dezember 1979 ratifizierten »Nato-Doppelbeschlusses« stattfanden, in dem die Aufstellung von 198 neuen, mit Atomsprengköpfen bestückten Mittelstreckenraketen vom Typ Pershing II und 464 Marschflugkörpern vom Typ BGM-109G Gryphon in Westeuropa angekündigt wurde, um die »Lücke« in der atomaren Abschrekkung, die die Stationierung der sowjetischen SS-20 gerissen habe, zu schließen, auch mehr als drei Leute teil, mal waren es 300.000, mal 500.000. Der »Krefelder Appell«, in dem die westdeutsche Friedensbewegung die damalige Bundesregierung aufforderte, ihre Zustimmung zur Stationierung neuer atomarer Mittelstreckenraketen in Europa zurückzuziehen, wurde am 16. November 1980 öffentlich vorgestellt und bis 1983 von über vier Millionen Bundesbürgern unterzeichnet.

Unter seinem Pseudonym »Michael Schilling« feierte Hermann L. Gremliza die »neue Friedensbewegung« in konkret 6/81 unter dem optimistischen Titel »… und wir werden täglich mehr« gar als quasi revolutionären Hoffnungsträger:

Mitten in die staatsparteiliche Dreieinigkeit der bundeswehrhaften Demokraten platzt in diesem Frühjahr eine »neue Friedensbewegung«, die alles erschüttert, was sich für ewig stabil hielt: die Bonner Koalition, die Sozialdemokratie, die Gewerkschaften und das Bündnis von SPD- und DGB-Funktionären, das christsozialliberale Meinungskartell, das westliche Bündnis und den Glauben an dessen »Friedenspolitik«. Millionen Bundesbürger scheinen bereit, ihren Führern die Gefolgschaft zu kündigen. … Die Mitgliedschaft der SPD rebelliert gegen die Parteiführung, wie sie das zu keinem Zeitpunkt getan hat. Die Basis der Gewerkschaftsbewegung und die Führung einzelner Industriegewerkschaften überrollt die Freunde des Bundeskanzlers in der DGB-Zentrale, die grün-ökologisch-alternative Bewegung hat ihren (wichtigen) Kampf gegen die Atomkraftwerke durch den (noch wichtigeren) Kampf gegen militärische Atomrüstung ergänzt, evangelische und katholische Christen setzen dem unverbindlichen Friedensgelaber ihrer Militärbischöfe den politischen Krieg gegen eine ganz konkrete Aufrüstung entgegen, Jugendorganisationen, die sich nur noch für Studienbedingungen, das Drogenproblem und den Häuserkampf zu interessieren schienen, mischen sich wieder in Weltpolitik ein

Bereits im Januarheft 1988 gab Gremliza seiner Enttäuschung über diese Friedensbewegung Ausdruck, die die sowjetische Niederlage – den erzwungenen einseitigen Ausstieg Gorbatschows aus dem Wettrüsten – als Erfolg feierte: »Was … von unseren Friedenstauben und -blinden aufgeführt wird, ist: eine Kanonade von Talmi. Wie da die gründlichste Niederlage als Triumph des stummen Händchenhaltens über die nukleare Gewalt gefeiert wird, das verrät eine Absenz politischer Denkfähigkeit, von der noch Großes, ja Dickes erwartet werden darf.

Mit der »Zeitenwende« gelang die Umetikettierung von Frieden zu Sicherheit nahezu reibungslos. Folgerichtig heißen die neuen Freunde des Friedens »Sicherheitsexperten«; sie wissen, dass durch das Ausbleiben neuer amerikanischer Mittelstreckenraketen »eine wichtige Fähigkeitslücke mit Blick auf die Abschreckung Russlands« entsteht (Carlo Masala) beziehungsweise dass die Nichtstationierung »ein Riesenfehler« ist (Roderich Kiesewetter), »weil es hier um Raketen geht, die in der Lage sind, Russland schon im Aufmarsch – also nicht erst, wenn es an die Nato-Grenze kommt, sondern deutlich früher – zu stören« (Christian Mölling), und daher »das Signal, das die USA (mit dem Verzicht) an Russland senden, die Abschrekkungswirkung der Nato« schwächt (Jana Puglierin). Gerade wieder versöhnt mit dem großen amerikanischen Bruder, schlägt die verschmähte Liebe der Deutschen um in Trotz – entscheidend sei nun, dass die Europäer »schleunigst diese Fähigkeit schaffen müssen, weil das für unsere Sicherheit sehr wichtig ist« (Nico Lange)– und Tatendrang: »Fehlende weitreichende Waffen: Nach Tomahawk-Absage: Welche Alternativen hat Berlin jetzt?« (»SZ«, 12. Mai) Die deutschen Medien haben sich nicht umsonst vier Jahre lang ertüchtigt und also eine Menge Ideen. Zum Beispiel die »Deutsche Welle«, die am 4. Mai fragt: »Können Drohnen Teil der Lösung sein?« Auch die »Welt« (18. Mai) macht sich so ihre Gedanken: »Die Bundesregierung sucht nach dem Lieferstopp für die amerikanischen Tomahawk-Marschflugkörper dringend Ersatz. Den könnte sie in der Türkei finden, wo die Rüstungsindustrie erstaunliche Fortschritte gemacht hat.« Deutschland ist von Kopf bis Fuß, von links bis rechts auf Krieg eingestellt. Dass es keine Verlautbarungen der russischen Führung gibt, aus denen man schließen könnte, dass sie beabsichtigt, Deutschland anzugreifen, spielt da ebenso wenig eine Rolle, wie die Tatsache, dass die Nato Russland in nahezu allen militärischen Belangen deutlich überlegen ist.

Wer war die neue Friedensbewegung, und was ist von ihr zu halten? Wer an solchen und ähnlichen Fragen Interesse hat, sollte Hermann L. Gremlizas Gesammelte Schriften lesen. Mit ihnen lässt sich nicht nur die politische Entwicklung ihres Verfassers, sondern auch die der Bundesrepublik insgesamt und ihrer Linken nachverfolgen. Im Sommer erscheinen die Bände fünf und sechs, die Gremlizas Texte der Jahre 1985–1987 und 1988–1990 enthalten. Die ersten Bände der Ausgabe sind aktuell vergriffen. Sollten den Verlag jedoch genügend Vorbestellungen erreichen, wird eine zweite Auflage in den Druck gehen.

Anlässlich seines 75. Geburtstags führte Alexander Beltz in der dritten Folge des konkret-Podcasts »Kadergespräche« ein ausführliches Interview mit Thomas Ebermann über dessen politisches Leben und Wirken. Zudem gratulierten verschiedene Gäste wie Georg Fülberth, Rocko Schamoni und Dietmar Dath. Anhören lässt sich der Podcast über die konkret-Webseite, Spotify, Apple und Youtube.

Thomas Gsella wird ab der nächsten Ausgabe wieder in unregelmäßigen Abständen Gedichte beisteuern.