Als die Klimabewegung 2018 auf den Plan trat, wurde sie mit den größten Erwartungen überhäuft. Innerhalb der Linken wurde sie als Prometheus gefeiert, als historisches Subjekt, das endlich wieder das Feuer der Utopie entfachen könnte. Bereits zuvor existierte in Deutschland eine etablierte Umweltbewegung, die sich um den Kohleausstieg und den Hambacher Forst konzentriert hatte und den Boden für den unvergleichlichen Erfolg von Fridays for Future (FFF) ebnete, deren Mobilisierungspotential im September 2019 allein in Deutschland 1,4 Millionen Menschen erreichte. Nachdem im Winter 2019 die »Endzeitsekte« (J. Ditfurth) Extinction Rebellion mit aufwendig inszenierten, mythologisch aufgeladenen Protestformen kurzzeitig für Aufsehen gesorgt hatte, bevor sie kurz darauf in der Versenkung verschwand, betrat 2021 die Letzte Generation die Bühne; zunächst mit Hungerstreiks und später mit Straßenblockaden und anderen Formen zivilen Ungehorsams, die die Aktivisten bundesweit als »Klimakleber« und »grüne RAF« berühmt machten. Die Letzte Generation, die sich mittlerweile in Neue Generation umbenannt hat, funktionierte dabei gleichsam als radikaler Flügel der Klimabewegung an der Seite der konformistischen FFF. Der Aufzählung der bedeutenderen Gruppen, deren Namen bisher allesamt Assoziationen an eine bedrohte Zukunft und an das Aussterben der Gattung evozieren, wäre zuletzt Ende Gelände hinzuzufügen, das für die Organisation von Massendemonstrationen in Braunkohlerevieren bekannt ist. Ihr Motto »System change, not climate change!« avancierte zu einem der Hauptslogans der gesamten Bewegung.
Als FFF im März dieses Jahres zu landesweiten Protesten aufriefen, folgten diesem Appell in der Hauptstadt gerade einmal 200 Menschen. In der Konflikt- und Bewegungsforschung weiß man um die Kurzlebigkeit von Protestbewegungen, um die Erschöpfungseffekte, die zwangsläufig eintreten, wenn sie ihr Ziel kurzfristig nicht erreichen. Doch lässt sich ein derart formales Argument so einfach auf eine Bewegung anwenden, die für viele die Hoffnung auf eine nicht bessere, sondern auf Zukunft überhaupt verkörperte? Vielleicht stecken im negativen Charakter dieser Utopie, deren Inhalt auf kreatürliches Überleben und nicht auf ein gutes, menschenwürdiges Leben zielt, Hinweise, die nicht nur das Scheitern der Bewegung zu verstehen helfen, sondern auch den Umstand, dass sie sich zielstrebig in der antizionistischen Ersatzrevolution verrennt.
»All struggles are connected!«
Ein genauer Blick auf die gängigen Demosprüche und Parolen hilft womöglich, Licht auf bisherige Entwicklungen zu werfen. Dem aufmerksamen Beobachter wird dabei nicht entgangen sein, dass innerhalb der Klimabewegung seit geraumer Zeit mehr und mehr das Bedürfnis aufscheint, den eigenen partikularen Kampf mit anderen sozialen Kämpfen in Beziehung zu setzen. Denn, so die Begründung Luisa Neubauers (FFF Deutschland), »die Wurzeln der Klimakrise liegen in Machthierarchien von Männern über Frauen, von weißen Menschen über People of Color, von Männern über die Natur«. Die Bekämpfung rassistischer Unterdrückung und destruktiver Formen männlicher Vergeschlechtlichung müsste im Umkehrschluss zur obersten Priorität radikaler Klimapolitik werden. Dass Frauen und Bewohner des globalen Südens ungleich viel stärker von den Folgen der fortschreitenden klimatischen Veränderungen betroffen sind, steht außer Frage. Worin aber besteht das unterstellte tertium comparationis von Sexismus, Rassismus und Klimawandel? Die Existenz eines kausalen Nexus wird jedenfalls mantraartig behauptet: »All struggles are connected«, ist seit geraumer Zeit immer wieder auf Protestschildern und Instagram-Kacheln mit aktivistischem Zielpublikum zu lesen, manchmal auch: »Nobody’s free until everybody’s free.« Einem Gut- teil linker Aktivisten scheint es inzwischen als gesichertes Wissen zu gelten, dass sowohl die Kräfte der Ausbeutung, Diskriminierung und Zerstörung als auch der Subversion, Befreiung und Erneuerung durch ein inneres Band zusammengehalten werden.
Als paradigmatisches Beispiel für ein solches inneres Band verweist eine Ikone des intersektionalen Feminismus, Angela Davis, auf Ferguson – den Entstehungsort der Bewegung »Black Lives Matter« – und Gaza als Symptome eines gemeinsamen Krankheitsherdes. In Ferguson wie in Palästina entdeckt Davis Prozesse der Militarisierung der Polizei, teilweise würden US-amerikanische Polizisten gar von israelischen geschult. Ausreichende Hinweise auf eine verborgene Struktur, die an beiden Orten zum Vorschein kommt, meint Davis. Das Band, das die entsprechenden Protestbewegungen miteinander verknüpft, könne dagegen nicht aufgefunden, sondern müsse symbolisch hergestellt werden. »If that’s not created, no matter how much you appeal to people, no matter how genuinely you invite them to join you, they will continue to see the activity as yours, not theirs.«
Weniger bekannt als ihr Intersektionalismus ist ihre Rolle als wohl bedeutendster Zögling des antizionistischen Propagandaapparats der Sowjetunion – Moskau bedachte Davis im Jahr 1971 mit fünf Prozent seines Propagandaetats, wenn man Schätzungen der CIA glauben will. Ihrer antizionistischen Schule treu bleibend, kommt Davis mit ihrem Konzept der »Intersektionalität der Kämpfe« zugleich dem unter Linken verbreiteten Bedürfnis entgegen, alles mögliche »zusammenzudenken«. Welches B gedacht werden soll, wenn von A die Rede ist, wird vor- gegeben: In Palästina sterben Frauen und Queers, sterben People of Color, stirbt die Natur. Israel wird indirekt zum Repräsentanten aller »Wurzeln« der Klimakrise erhoben. Die Assoziationen sollen in die Tiefen des politischen Unbewussten einsickern. Davis: »In the abolition movement, we’ve been trying to find ways to talk about Palestine so that people who are attracted to a campaign to dismantle prisons in the US will also think about the need to end the occupation in Palestine. It can’t be an afterthought.«
Als sie in Berlin im Herbst 2022 eine Rede über die Lage von Geflüchteten hielt, kam Davis nicht umhin, die Deutschen zu ermahnen, die Last ihrer historischen Schuld nicht auf das palästinensische Volk abzuwälzen. Noch am selben Tag twitterte der Account Fridays for Future International anlässlich von Davis’ Rede folgenden Satz, der wie eine Hommage an sie wirkt: »If you say Climate Justice, you cannot ignore anti-colonialism, and if you say anti-colonialism, you must also say Free Palestine!« »No climate justice on occupied land!« skandierte Greta Thunberg rund ein Jahr später auf einer Klimademonstration in den Niederlanden, und »von Lützerath bis Gaza, Klimaintifada!« lautet eine besonders perfide, linksautoritäre Variante des intersektionalen Schlachtrufs.
Wenn überhaupt Begründungen für das Doppelinteresse an Klima und Palästina vorgebracht werden, können diese ihren Charakter als Rationalisierung der eigenen Israelobsession kaum verbergen. Israel vergifte die Meere, Israels Militärindustrie produziere extreme Mengen an CO2, Israels Raketen seien in hohem Maße für das Arten- sterben vor Ort verantwortlich. Einmal an- genommen, es handelte sich dabei nicht nur um eine Neuauflage des Gerüchts vom brun- nenvergiftenden und zersetzenden Juden: Keines dieser »Argumente« könnte auch nur im Ansatz erklären, mit welcher Verve sich Teile der Klimabewegung für die Abschaffung eines Staates von der Größe Hessens einsetzen. Der Imago eines kolonialen und »ökozidalen« Kolosses Israel liegen viel- mehr dieselben psychotischen, realitätsverzerrenden Mechanismen zugrunde, die auch bei der Leugnung des Klimawandels zu- tage treten und die auf ein theorieleitendes Bedürfnis verweisen: Es ist nicht Erfahrung, aus der ein Urteil erwächst, sondern ein vor- gefasstes Urteil, das die Deutung aller Erfahrung präjudiziert.
»System change, not climate change!«
Man könnte die Vorgeschichte der klimabewegten Palästina-Begeisterung als Erfolgsstory der Propaganda schreiben, die über soziale Medien und Gruppierungen wie die antiisraelische Boycott, Divestment, Sanction (BDS) nach und nach in den linken Mainstream sickerte. Man könnte sie mit Hilfe psychologischer Begriffe skizzieren und auf die exkulpierende und identitätsstiftende Funktion des antizionistischen Tickets ein- gehen, das für eine Linke, deren Urteilskraft keinen festen Halt mehr in der empirischen Welt findet, offenbar wesentliche triebökonomische Boni bereithält. Oder man könnte sie als eine Geschichte des Verlusts erzählen, insbesondere des Verlusts der Utopie und, aufs Engste damit verknüpft, der Kritik.
Den jüngeren Generationen bereits zur zweiten Natur geworden, lässt sich die Universalisierung der politischen Hoffnungslosigkeit auf die achtziger und den Anfang der neunziger Jahre datieren. Die Erinnerung an das Scheitern der 68er-Revolte war noch frisch, ebenso der Siegeszug des Neoliberalismus, erkauft durch die blutige Niederschlagung von Arbeitskämpfen weltweit. Das Kapital hatte nicht nur die heftigen Krisen der siebziger Jahre überstanden, es hatte die Kritik am System absorbiert und als New-Age-Philosophie und Dritte-Welt-Kitsch erfolgreich vermarktet. Poster von Marx, Engels und Lenin waren nach und nach durch Buddha-Statuen und indigene Kunstprodukte ersetzt worden. Der Kapitalismus war gekommen, um zu bleiben, und würde so schnell die welthistorische Bühne nicht verlassen.
Linke und Arbeiter hatten zu diesem Zeitpunkt bereits scharenweise die linken Großparteien zugunsten der Neuen Sozialen Bewegungen – allen voran die Umwelt- und die Frauenbewegung – verlassen oder sich in radikalen Kleingruppen isoliert, die Stadtguerilla und Trikont-Befreiungsbewegungen zum Hauptinhalt hatten – auch wenn das Interesse dieser Bewegungen in der Regel weniger der Idee des Sozialismus und mehr den finanziellen Zuwendungen der UdSSR galt.
Als diese schließlich zerbrach, verlor die Linke auf einen Schlag ihren Fixstern. Zwar hatte sie sich für viele von ihnen längst nicht nur als Enttäuschung, sondern Perversion revolutionärer Hoffnung erwiesen, die symbolische Strahlkraft, die ihr bis zu ihrem Ende innewohnte, sollte jedoch nicht unterschätzt werden. Die Sowjetunion war materieller Ausdruck der menschlichen Geschichtsmächtigkeit qua Vernunft; ihr Untergang erschien dagegen als nachträgliche Bestätigung des neoliberalen Vordenkers Friedrich August von Hayek, demzufolge die anarchischen Bewegungen des Marktes sich rationaler Einsicht und Steuerung völlig entziehen.
An ein Ende gekommen war damit die Vorstellung von Geschichte als Projekt – sei es im Sinne des Kollektivsingulars Fortschritt oder von revolutionärer Umwälzung. Francis Fukuyama prägte für diese Vorstellung die Rede vom »Ende der Geschichte« und sprach damit das Selbstverständnis einer Epoche aus, der jede Aussicht auf eine vernunftgemäße Gestaltung der Geschichte abhanden gekommen war. Es würde, so Fukuyama, weiterhin sektorale Fortschritte geben, aber kein einheitliches telos; es würde Neues geschehen, nicht jedoch qualitativ Neues. Denn der demokratisch und kapitalistisch verfasste Nationalstaat wäre zwar nicht das Beste, was der Mensch sich vorstellen, aber das Beste, was er zustande bringen könne. Die eingespielte, pseudorealistische Reaktion, die jede Kritik an der kapitalistischen Verfasstheit der Gesellschaft als »utopisch« wegwischt – und mit diesem Ausdruck wie selbstverständlich »realitätsfern« und nicht etwa »visionär« meint –, gehört inzwischen zum festen Inventar des nach langer Phase totalitären Fieberns wieder gesundeten Menschenverstandes.
Dass der Mainstream der Klimabewegung eine Kritik der ökonomischen Ursachen des Klimawandels gar nicht erst zustande bringt, hat allerdings weitere Gründe. Ideell spiegelte sich der historische Niedergang der revolutionären Linken in der Ablösung des Marxismus durch poststrukturalistische und postmoderne Theorien. Der immanente Zusammenhang des Marxismus als Kritik der politischen Ökonomie und Revolutionstheorie war zerbrochen, nachdem die Einsicht unausweichlich schien: Ein Subjekt der Geschichte, das die Revolution machen würde, existierte schlicht nicht länger und würde bis auf weiteres auch nicht auftauchen. Man verabschiedete mit der marxistischen Geschichtsphilosophie zugleich die Gesellschaftskritik.
Nach dem Verschwinden des Marxismus in der Mottenkiste kann es nicht verwundern, wenn ein Großteil der Aktivisten, die heute einen »System Change« fordern, sich unter System einen bunten Mix aus Wachstumszwang, Wille zur Macht, Anspruchsdenken, Technikoptimismus und männlich-instrumenteller Rationalität vorstellt. Lieferte die Sozialtheorie im Anschluss an Marx noch ein Modell von Gesellschaftsformation, deren Aufbauordnung einer komplexen Gliederung von Momenten entspricht, welche durch die Selbstreproduktion des Systems vermittelt sind, kennt das postmarxistische Denken kein System, kein Ganzes und keine Totalität mehr und verliert sich infolge-dessen in den unzähligen Verknüpfungen der Netzwerke oder dem Durcheinander der Assemblagen.
Wer aber das System nicht mehr denken kann, wer also nicht vernünftig denken kann, ist auf ein der Erscheinungswelt verhaftetes, abstraktes Verstandesdenken zurückgeworfen. Dem unmittelbaren Schluss von äußerlichen Gemeinsamkeiten (etwa der US-amerikanischen und der israelischen Polizei) auf eine verbindende Grundstruktur entspricht ein Denken in metaphorischen und metonymischen Reihen. Mit ironischer Belustigung charakterisierte Siegfried Kracauer ein solches wie folgt: »Von jedem Punkt ... aus kann man zu jedem anderen Punkt gelangen, ein Phänomen trägt und stützt das andere.Leicht … bewegt sich sein Geist hinüber und herüber durch diese mannigfachen Sphären und überall blitzen Verwandtschaften und Ähnlichkeiten.«
Der Klimaaktivismus befindet sich virtuell bereits inmitten der Postapokalyse
Obwohl man in progressiven Kreisen mit der Verwendung der Adjektive »systematisch« und »strukturell« nicht gerade sparsam umgeht, ist damit selten mehr gemeint als der Umstand, dass etwas besonders tief verankert ist oder dass alles mit allem zusammenhängt – insbesondere aber sollen die Dinge zusammenhängen, die Ähnlichkeiten miteinander aufweisen, zum Beispiel die,dass sie schlecht sind, wie Rassismus, Sexismus und Klimawandel. Dass der Frage nachdem Wie des Zusammenhangs nicht mehr ernsthaft nachgegangen wird, mündet nicht nur in ineffektive politische Praxis, sondern bildet auch eine offene Flanke für die beliebteste aller Verlegenheitsantworten: den Antisemitismus.
»Erst wenn die Menschen die Gesellschaft richtig wahrnehmen, werden sie auch die Juden richtig wahrnehmen«, formulierte Detlev Claussen einmal treffend. Tendiert umgekehrt eine falsche Kritik der Gesellschaft regelmäßig zum Antisemitismus, der, historisch geworden, für die Rolle der regressiven Gesellschafts- und Modernekritik prädestiniert ist, spitzt sich die Situation im Moment der Krise noch einmal zu: Der Antisemitismus drängt dann auf seine praktische Verwirklichung.
»No one is free,until Palestine is free!«
Der verbreitete Glaube, dass Antizionismus mit Antisemitismus nichts zu tun habe,scheitert immer wieder an der Realität, wo Antisemiten aller Couleur nicht zwischen Juden und Zionisten unterscheiden. »Free Palestine!« soll der Mann gerufen haben, der am 21. Mai zwei Mitarbeiter der israelischen Botschaft in Washington, D. C. erschoss. Auchd er Schütze, der am 28. August durch die Fenster einer katholischen Kirche zwei Kinderermordete und 17 weitere Menschen verletzte, hinterließ Botschaften wie »Free Palestine«, »Israel must fall« und »6 million wasn’t enough«. Der Attentäter von Solingen gabdeutsche Waffenlieferungen an Israel als Motiv für seine Morde an. Im Unterschied zum idealtypischen rechtsradikalen Massenmörder à la Anders Breivik, der im Palästinenser den Unter- und im Juden den Übermenschen erblickt, wird hier die eigene Gewalt offensichtlich als Ausdruck gelebter Palästina-Solidarität verstanden.
Die Attentäter, die an der Schlechtigkeit der Welt verzweifeln, wollen durch ihre Taten wachrütteln, Avantgarde einer kommenden Zeit sein, in der sich alles zum Guten gewendet haben wird, weshalb sie ihren Wahn der Nachwelt als Manifest hinterlassen. Sie sind säkulare Apokalyptiker in derselben Weise wie Adolf Hitler, nämlich im ursprünglichen Wortsinn von apokalypsis, das sich im ersten Satz der Johannisoffenbarung findet und Enthüllung, Offenbarung bedeutet. Johannis’ Apokalypse folgt dem Dreischritt Mangel – Gericht – Erlösung: Am Tag des Jüngsten Gerichts werde Gott das bisher übermächtige Böse hinwegfegen, ein neues Jerusalem werde vom Himmel auf die Erde herabfahren, und es wäre fortan das tausendjährige Himmelreich auf Erden.
Apokalyptisches Denken nach diesem Vorbild ist eine entlastende Reaktionsbildung auf eine als unerträglich empfundene Gegenwart. Deren gerechte Säuberung er- träumt man sich, damit sich endlich doch noch alles zum Guten wende. Das Leiden an der permanenten Triebunterdrückung, die das Realitätsprinzip abverlangt, die Befolgung von Moral und Sitten und all der Verzicht sollen nicht umsonst gewesen sein – während die Laster des anderen sich am Jüngsten Tag gefälligst rächen sollen. Dem entgegen steht der heute gebräuchliche Wortsinn von Apokalypse: Weltuntergang. Wandel im Sprachgebrauch ist Produkt der neueren Zeit, in der die Apokalypse schließlich um ihr Heilsversprechen beschnitten wurde. Klaus Vondung prägte dafür den Begriff der »kupierten Apokalypse«. Was verraten diese Ausführungen über die Situation der Klimabewegung? Bewegte sich das Zukunftsbewusstsein unter dem Damoklesschwert der atomaren Eskalation des Blockkonflikts zuletzt zwischen den Alternativen »kupierte Apokalypse« und »Ende der Geschichte«, Atomkrieg und ewiges Weiter so, sind die Alternativen inzwischen keine mehr. Sie konvergieren: Das Weiter so führt von sich aus geradewegs in den Untergang, der damit von der angstbesetzten Möglichkeit zur lähmenden Gewissheit wird.
Gewissheit deshalb, weil sich der Klimaaktivismus virtuell bereits inmitten der Postapokalypse befindet. Um die aus der Zukunft auf die Gegenwart zurasende Krise noch zu stoppen, müsste sich jetzt alles ändern, gleichzeitig lässt sich nichts ändern; denn weder leitet das Anrufungsobjekt Staat freiwillig die nötigen Schritte ein, die letztlich zu seiner eigenen Abschaffung beitragen würden, noch ist eine bessere Welt ohne Staat und Kapital ein vorstellbares Resultat der Gegenwart. In der ausweglosen Situation scheint es keine andere Wahl zu geben, als sich mit der Gewissheit der kommenden Apokalypse zu arrangieren. »How do you keep on fighting when everything is lost?«
fragt der Startheoretiker der radikalen Ökobewegung Andreas Malm in einem Essay. Seine Antwort: »Ask a Palestinian. A Palestinian is someone who is wading kneedeep in rubble. Palestinian politics is always already post-apocalyptic: it is about surviving after the end of the world and, in the best case, salvaging something out of all that has been lost.«
Doch nicht alle können oder wollen sich mit der Idee zufrieden geben, dass die Klimaapokalypse eine Tatsache sei, die mit naturnotwendiger Sicherheit eintreten wird. »Geschichte ist machbar. System Change auch!« Ein Banner mit diesen Worten prangte über dem »System Change Camp«, das im August in Frankfurt abgehalten wurde. Wer dabei an den guten alten historischen Materialismus denkt, irrt jedoch. Direkt unter dem Banner posieren die Campteilnehmer mit Transparenten, auf denen umgeben von Melonensymbolen zu lesen ist: »Solidarity with all Oppressed!«, »Palästina Solidarität verteidigen!« und »Free Palestine«. Was das infrage stehende System ist, ahnen die Aktivisten vermutlich nur dunkel, klar scheint aber zu sein, dass es sich bei Israel um des- sen unmenschlichste Ausgeburt handelt. Vielleicht sah man sich deshalb vor Ort genötigt, jüdische »Störenfriede« mit roter Farbe zu übergießen oder Poster, die an die Hamas-Geiseln erinnern, zu entfernen. Die Vorstellung, dass das Heil in der Geschichte von der Abwesenheit des jüdischen Unheils abhängt, folgt einem Schema, das vom frühen Christentum über den Rassenantisemitismus bis zum zeitgenössischen Antizionismus identisch geblieben ist: Erlösung durch Vernichtung.
Kannte das intersektionale Denken nur eine Vielzahl von miteinander verbundenen Nebenwidersprüchen, wird im Angesicht der drohenden Katastrophe das Bedürfnis nach einem neuen Hauptwiderspruch über- mächtig. »Palestine will set us free!«, »Palestine is the Vanguard of our Liberation«, »Palästina sagt: Ich war, ich bin, ich werde sein«, lauten einige Slogans eines Erlösungsantizionismus, der die intersektionalen Single Issue Politics zusehends ablöst. Alle Unterdrückungen sind durch ein inneres Band verknüpft – und alle Fäden der Unterdrückung laufen in Israel zusammen. An die Stelle des realen Abstraktums Kapital tritt das Konkretum Israel, in Gestalt dessen die gesellschaftliche Vermittlung eine eigenständige Existenz erhält: ein handfester Feind, dem man im Unterschied zum nebulösen Kapital tatsächlich den Garaus machen kann durch Boykott und Intifada.
Ein solches antisemitisches Welterklärungsschema ist der bevorzugte Kitt aller Querfronten. Und die Neigung der Ökologiebewegung zur Querfrontbildung konstatierte Wolfgang Pohrt bereits Ende der achtziger Jahre: »Was beispielsweise die Juden und das Ozon miteinander verbindet«, stichelte er, sei »die Tatsache, dass ein Durchschnittsdeutscher beide nur vom Hörensagen kennt.« Trotzdem sei man genauso gerne an eine Ozonapokalypse zu glauben bereit, wie an eine jüdische Weltverschwörung. Pohrts Darstellung der typischen Rationalisierungen, die in der damaligen Politik »von den etablierten Parteien bis zum Restbestand außerparlamentarischer Opposition« gebräuchlich waren, seine Polemik gegen den unerschöpflichen »Vorrat an Rechtfertigungen, der einen ebenso monströsen Amoralismus bemäntelt«, erinnern nicht zufällig auch an ein aktivistisches Milieu, das sich nicht entblödet, Israels Klimabilanz als Argument für dessen Vernichtung anzuführen. Dass sich Geschichte wiederholt, ist indes kein Schicksal. Um sich von seinen Zwangshandlungen zu befreien, muss der Neurotiker seine Vergangenheit durcharbeiten. Was in der Psychoanalyse gilt, lässt sich – mit etwas metaphorischer Freiheit – auf soziale Bewegungen übertragen: Solange die eigene Geschichte verdrängt wird und das eigene Scheitern unreflektiert bleibt, so lange wird auch die Klimabewegung dem Wiederholungszwang verhaftet bleiben.
Robin Forstenhäusler war zuletzt Mitherausgeber des Sammelbandes Klimawandel und Gesellschaftskritik. VerbrecherVerlag 2025, 400 Seiten, 29 Euro

