Eine Kampfsau

Berthold Kohler ist einer der vier Herausgeber der »FAZ« und in Gedanken schon längst an der Ostfront. Von Klaus Weber

Unter Berthold Kohlers Schirmherrschaft darf (wenn auch im Reiseteil) von der »positiven Seite des Deutschtums« beschrieben werden. Er selbst schreibt dann, dass sie beziehungsweise es nur aufrechterhalten werden kann, wenn »wir« Kohler gibt es fast immer im Plural), die »wir fast jeden Ausländer reinlassen«, diese besser im Mittelmeer ertrinken lassen. Sonst – da gibt er Friedrich Merz (CDU) recht, der nur »etwas zugespitzt die Wirklichkeit beschrieb« – schnappen sie »uns Deutschen« die Zahnarzttermine weg. Kohler weiß, dass Deutschland, das »schon im Sterben liegt«, »für uns Deutsche« zwei Dinge braucht, um nicht mehr an Hitler und die Nazi-Zeit erinnert zu werden (»Immer noch klebt unsere Vergangenheit an uns, wir erinnern ja ständig an sie«): Führungsstärke und Kriegstüchtigkeit.

Deutschland, »das große Land in der Mitte Europas«, das »als moralische Supermacht … immer und überall für die hehren Prinzipien des Menschen- und Völkerrechts kämpft« und immerhin der zweitgrößte Einzahler bei den Vereinten Nationen ist, hat »die Schande«, keinen Platz im Sicherheitsrat zu besetzen, nicht verdient. Verloren gegen Österreich, womit die »nie verheilte Wunde« von Córdoba 1982 »wieder aufgerissen« wurde. Überhaupt Österreich, überhaupt alle anderen Länder. Deutschland, das bei Kohler die von Habeck propagierte »dienende Führung« in Europa und in der Welt übernehmen muss, kann und soll den Blick von der Kolonialgeschichte abwenden (»Deutschlands Schicksal hängt nicht mehr von der Rückgabe der Benin-Bronzen ab«) und seine Stärken (vor allem gegenüber Österreich) herauskehren: »Wenigstens auf diesem Feld, der Produktion von U-Boot- und Panzerstahl sollten wir die Österreicher ja wohl noch schlagen können.« Diesen Stahl braucht das deutsche Militär, um »die Verteidigung der eigenen Freiheit und Souveränität« in der Straße von Hormus zu ermöglichen. »Deutschland« muss »dazu beitragen wollen, die freie Schifffahrt an diesem Nadelöhr zu ›gewährleisten‹.«

Sigmund Freud hat deutlich gemacht, dass hinter der exzessiven und dauerhaften Beschäftigung mit einer Sache eine neurotische, wenn nicht gar psychotische Störung lauert. Bei Kohler herrscht ein von der deutschen Wehrmachts- und NS-Politik propagierter Zwangsgedanke vor, der sich im kollektiven Unbewussten der BRD problemlos halten konnte, dass nämlich alles Böse aus dem Osten komme, vom »Russen«. So trommelt der bourgeoise Anzugträger gegen Putin, den er bereits vor den Toren Berlins stehen sieht, und schreibt, wie wichtig es für die Etablierung von Kriegstüchtigkeit sei, »Kampfsau im Schützengraben« zu werden und sich »einen ausgewachsenen Krieg in Europa« vorstellen zu können. Er geht noch einen Schritt weiter: Europa müsse »in der Konfrontation mit dem großrussischen Imperialismus … endlich begreifen und die Konsequenzen daraus ziehen, bis hin zur nuklearen Aufrüstung«. »Verteidigung« ist nur ein Deckwort für die Lust, andere wieder gen Osten ziehen zu lassen: Die »geplante Verteidigungslinie an der Ostgrenze, die Putin abschrecken soll«, müsse aufgebaut werden. Im »Kriegsfall muss man nicht nur die Drohnen … eines Angreifers bekämpfen können, sondern auch deren Startplätze, Kommandozentralen und Nachschubwege«. Darum müssten die Europäer »die Fähigkeitslücke bei den weitreichenden Waffen schließen«. Wer die Texte Kohlers zum Ukraine-Krieg liest, sieht Geifer am Mund und Gier in den Augen eines Mannes, der einzig deswegen Angst vor seinem Tod hat, weil Russland vorher nicht besiegt sein könnte.

Wenn Männer wie Kohler Krieg geil finden, dann sind Liebe und Zärtlichkeit bedrohliche Dinge für sie – und also wird er kein Wort über Frauen verlieren. Wenn doch, dann nennt er sie »Gespielinnen«, denen nicht nur Fußballspieler »körperlich ebenbürtig, wenn nicht gar überlegen« sein sollen. Über seinen »Mitschüler Brauer« weiß er zu berichten, dieser habe sich in eine Frau verliebt und so nicht wie gewünscht Papst werden können. Kohler: »Das konnte er dann jedoch nicht mehr, weil ihm eine Thailänderin dazwischenkam.« Der »alte weiße Mann«, wie er sich selbst mit Stolz nennt, ist traurig, weil »unser Adler« den »Deutschen suspekt geblieben« ist, denn er war »einst Hitlers williger Vogel«. Diese »Entnazifizierung« des Wappentiers habe – welch ein Schreck – dazu geführt, dass nun überall »alle Farben des Regenbogens« zu sehen sind. Doch mit Leni Riefenstahls »Triumph des Willens« könnte ein »schwarz-rot-goldnes Sommermärchen« wieder wahr werden.

Die Märchen, die Kohler erzählt, handeln von »Sozialleistungsmissbrauch« und Schmarotzern, gegen die »sehr konsequent vorgegangen werden müsse«, während man die »Wirtschaft von einigen Bleiplatten« zu befreien habe. Wenn das Kapital frei walten kann und die Lohnabhängigen darben müssen, dann ist die Kohlersche Welt in Ordnung. Was der Mann weiß, ohne Gramsci gelesen zu haben: Die Subalternen sollen ihrer Ausbeutung auch noch fröhlich zustimmen. Die Deutschen möchten, »dass es ›gerecht‹ zugeht, besonders dann, wenn ihnen etwas genommen wird (wie bei der Grundsicherung und der bequemen Krankschreibung)«. Wobei »gerecht« dann ist, wenn wenige viel und viele wenig haben.

Jeden Samstag ist auf Seite zwei der »FAZ« dem Mitherausgeber eine Rubrik vorbehalten, die er »Fraktur« nennt. Dazu wird jeweils eine Zeichnung aus den Werken Wilhelm Buschs gereicht, welche die Belesen- und Klugheit des Autors demonstrieren soll. »Fraktur« ist als ironische Glosse gedacht – doch Kohler gelingt es mit seinem männlich-oberlehrerhaften Schreibgehabe kaum, einen guten Witz zu machen. Seine biedere, verklemmte Heiterkeit, unterlegt mit larmoyanter Geschwätzigkeit, demonstriert lediglich den »Flachsinn« eines »Genies bürgerlicher Dummheit« (Wolfgang F. Haug). Mit Wilhelm Busch zu reden: »Er war nicht unbegabt. Die Geisteskräfte genügten für die laufenden Geschäfte.«
Klaus Weber