Zehn Jahre dauerte es von der Gründung bis zur ersten Regierungsbeteiligung und dann noch einmal drei weitere Jahre bis zur Regierungsübernahme auf nationaler Ebene. Der Eintritt der NSDAP in die Landesregierung in Thüringen im Januar 1930 war für die Nazis die Gelegenheit, in einem überschaubaren »Mustergau« vorzuführen, wie man die »nationale Revolution« angehen wollte. Der Historiker Dominik Rigoll spricht in einem Beitrag für die »FAZ« vom 26. Juni 2026 von einem »Leuchtturmprojekt«, verbunden mit dem inhaltlichen Ziel der »Nationalisierung«. Dieses Nationalisierungsprogramm richtete sich in Thüringen zentral auf die Bereiche der Bildungs- und Kulturpolitik.
Die AfD, die, anders als die NSDAP, zwar eine extrem rechte, aber keine lupenrein faschistische Partei ist, brauchte dreizehn Jahre für den ersten Griff nach realer Regierungsmacht. Auch Sachsen-Anhalt soll nach dem Willen der AfD zu einem »Leuchtturmprojekt« werden, und auch hier richtet sich der Blick der extremen Rechten vor allem auf die Bereiche Bildung und Kultur. »Deutsch denken« soll zum Landesmotto werden, womit auch heute von einem »Nationalisierungsprogramm« als zentralem Ansatz der AfD gesprochen werden kann.
Wie hat sich die selbsternannte Alternative in den dreizehn Jahren seit ihrer Gründung zu einer der radikalsten Parteien der extremen Rechten in Europa entwickelt? Die Geschichte der Partei kann als eine Radikalisierunsgeschichte erzählt werden.
»Traditionelle Familienorientierung«, »positives Staatsverständnis«, »entschiedener Kampf gegen Kriminalität«, »Definition nationaler Interessen«, »positives Nationalbewusstsein«, »unaufgeregter Patriotismus«, »Deutungshoheit der 68er Stück für Stück zurückholen, Verschiebung von links nach rechts in die Mitte« – das sind Stichworte aus einem Strategiepapier der AfD nach der Bundestagswahl im Herbst 2013, bei der die Partei mit 4,7 Prozent knapp den Einzug in den Bundestag verpasste. Ein gutes halbes Jahr zuvor, im Februar 2013, war die selbsternannte »Alternative« gegründet worden und firmierte schnell als »Professorenpartei«, die sich thematisch vor allem über die aus ihrer Sicht fehlgeleitete Euro-Rettungspolitik im Zuge der Finanzmarktkrise 2008 und später der Griechenland-Krise von 2013 definierte.
Dreizehn Jahre später ist die AfD zur führenden parteipolitischen Kraft in Deutschland geworden und steht scheinbar vor den Toren der politischen Macht. Aus der Verschiebung »von links nach rechts in die Mitte« ist längst eine (nicht nur) von der AfD vorangetriebene Rechtsradikalisierung von Teilen des öffentlichen Diskurses geworden, insbesondere im Bereich der Migrationspolitik.
»Brandmauer«, »letzte Patrone der Demokratie« oder »Faschisierung« sind prägende Begriffe einer politischen Debatte, die sich fast nur noch um den scheinbar unaufhaltsamen Aufstieg der extremen Rechten dreht. Und mit der Gefahr von Rechtsaußen wird eine immer weiter fortschreitende autoritäre Verschärfung der Politik durch die Parteien des liberalen Blocks von Grünen bis zur CSU gerechtfertigt, die real schon heute das Geschäft der extremen Rechten besorgt.
Der Gründungsimpuls der Partei wurde damals von zahlreichen Beobachter/innen als »nationalliberal« beschrieben. Für marktradikale Ökonomen rund um den ersten Parteivorsitzenden Bernd Lucke war es die vermeintlich verfehlte Euro-Rettungspolitik der Regierung Merkel im Zusammenhang mit der Griechenlandkrise, die den letzten Anstoß zur Gründung der AfD gab. Mit Lucke, Joachim Starbatty oder dem früheren Präsidenten des Bundesverbandes der Deutschen Industrie (BDI) Hans-Olaf Henkel und den Themen Euro und EU-Kritik wurde ein bürgerliches Publikum angesprochen, das für eine nationalistisch grundierte Form des Marktradikalismus offen war. Zwar reichte der kurze Vorlauf bis zur Bundestagwahl im Herbst 2013 nicht, um den Einzug zu schaffen. Dennoch zeigte sich schnell, dass die AfD nicht die One-Issue-Partei im rechten politischen Lager war, die nach einem kurzen Aufflackern wieder verschwand.
In zahlreichen europäischen Nachbarländern waren Parteien einer modernisierten extremen Rechten schon seit Beginn der 2000er Jahre erfolgreich und verbanden eine radikalisierte Form neoliberaler Ideologie mit Nationalismus und einem immer stärker auch rassistisch konnotierten Chauvinismus. Diese Verbindung von traditionellen Ideologieelementen der extremen Rechten mit sozialdarwinistischen Elementen des Neoliberalismus war der Treiber für Parteien wie die FPÖ, den Front National (heute Rassemblement National), die Lega Nord (heute Lega) und eine Reihe weiterer Parteien, zu denen sich die AfD erst spät hinzugesellte.
Über zehn Jahre hatten Wilhelm Heitmeyer und andere in der Langzeitstudie Deutsche Zustände (2002) den Zusammenhang von autoritärem Kapitalismus in seiner neoliberalen Ausformung und der gesellschaftlichen Ausgrenzung marginalisierter Gruppen verdeutlicht, die als »Sozialschmarotzer«, »Leistungsverweigerer« und »Einwanderer in die Sozialsysteme« diffamiert wurden. Bis zum Erscheinen der AfD fehlte in Deutschland die parteipolitische Formation, die dieses Ideologiegemisch in Reinkultur zu Politik machen konnte. Insofern war das Feld für die AfD bestens bereitet, und die Partei hat es danach gut bestellt.
Ein radikalisierter und elitärer Konservatismus kennzeichnet die frühe AfD – von Heitmeyer und seinem Team schon als »rohe« Form der Bürgerlichkeit bezeichnet, wie er sich in dieser Zeit bei Thilo Sarrazin oder auch Peter Sloterdijk finden ließ. Klassenmäßige Ausrichtung und elitärer Dünkel in dieser frühen Phase der Partei zeigten sich etwa im positiven Bezug des Mitgründers und Sprechers Konrad Adam auf den Vorschlag, das Wahlrecht auf die »Nettosteuerzahler« einzugrenzen und damit Arbeitslose und Sozialtransferempfänger auszuschließen.
Die Aufstellung der Partei war jedoch von Beginn an breiter und die Ausrichtung auf Euro-Kritik und EU wurde ergänzt durch konservativen Nationalismus, Antifeminismus und Pronatalismus sowie ein völkisches Verständnis der Nation, verbunden mit rigiden Formen der Ablehnung »kulturfremder« Zuwanderung. Alexander Gauland, Beatrix von Storch und Björn Höcke stehen von Beginn an für diese Strömungen innerhalb der AfD.
Nur maximal zwei Jahre waren die Schwerpunkte der Nationalliberalen um Lucke relativ dominant in der AfD, dann setzte eine erste Rechtsradikalisierung mit der Konzentration auf die Themenbereiche Flucht und Migration ein. »Zuwanderungskritisch« war die AfD von Anfang an. Während die Lucke-Leute jedoch einer funktionalen Zuwanderung im Interesse des Kapitals positiv gegenüberstanden, wurde die von der völkischen Rechten um Höcke vertretene, ethnopluralistisch begründete Ablehnung jeglicher Zuwanderung in der Partei immer stärker. Ohne Zweifel trug die massive Migration nach Deutschland und Europa im Sommer 2015 entscheidend dazu bei. Der nationalistische Teil des Gründungsimpulses verband sich sehr schnell mit einer rassistisch begründeten Ablehnung von »kulturfremder« Zuwanderung – und damit faktisch jeder Form der Aufnahme von Geflüchteten.
Alexander Gauland beschrieb die Fluchtmigration von 2015 und die Debatten um die Folgen als »Geschenk« für seine Partei, verhalf sie der kriselnden AfD doch zu spektakulären Wahlerfolgen. Schon vor dem »Sommer der Migration« hatten die eindeutig von der völkischen Rechten in der Partei dominierten Landesverbände 2014 in Sachsen (9,7 Prozent), Thüringen (10,6 Prozent) und Brandenburg (12,2 Prozent) herausragende Ergebnisse erzielt. Ihnen folgten 2016 Wahlerfolge auch in Westdeutschland (Baden-Württemberg 15,1 Prozent, Rheinland-Pfalz 12,6 Prozent), die schon damals deutlich machten, dass die Behauptung, es handele sich vor allem um ein »Ostproblem«, Unsinn war. Schließlich erzielte die Partei 2016 24,6 Prozent der Stimmen in Sachsen-Anhalt, womit die parteiinterne Vorherrschaft der völkischen extremen Rechten nachhaltig untermauert wurde.
Mit einem Schwerpunkt in Ostdeutschland entwickelte sich die AfD zum Sammelbecken einer parteipolitisch heillos zersplitterten extremen Rechten in Deutschland, zog unzufriedene, autoritär-nationalistisch orientierte Wähler/innen aus allen Parteien ab und sorgte vor allem für eine Repolitisierung weiter Teile derjenigen, die sich vom etablierten Politikbetrieb enttäuscht abgewandt hatten, aber empfänglich für populistisch-autoritäre, nationalistische und rassistische Angebote waren. Die Umdeutung des in Krisenphasen des Kapitalismus immer wichtigen Unten-oben-Gegensatzes in einen Innen-außen-Gegensatz, mit dem die sich zuspitzenden Krisenfolgen auf die Zugewanderten abgewälzt werden sollten, ist bis heute ein zentrales Erfolgselement der AfD.
Die Abfolge der Parteivorsitzenden von Lucke über Frauke Petry bis zu Jörg Meuthen war der Versuch der nationalliberalen Gründungsgeneration, ihren Einfluss gegenüber der völkischen Rechten um Björn Höcke und andere zu wahren. Alice Weidel, die politisch selbst dem Lager der Nationalliberalen entstammt, war die erste (Co-)Vorsitzende aus diesem Lager, die begriffen hatte, dass nur ein enges Bündnis mit der völkischen Rechten ihre Stellung in der AfD garantieren kann. Umgekehrt gelang es den Nationalliberalen, den neoliberalen Kern in der Wirtschafts- und Sozialpolitik auch in einem solchen Bündnis zu verankern.
Die weitere Rechtsradikalisierung der Partei setzte mit den Erfolgen 2014 in den ostdeutschen Bundesländern ein und bestimmt seitdem die Ausrichtung der AfD. Ihre Geschichte ist als Geschichte eines Rechtsradikalisierungsprozesses zu beschreiben, mit dem die Partei heute zu einem eindeutigen Akteur der extremen Rechten geworden ist, wenngleich es nach wie vor zahlenmäßig nicht unerhebliche Anteile bürgerlich-konservativer Kräfte in ihr gibt. Der gesellschaftspolitisch häufig befürchtete und längst eingetretene »Normalisierungseffekt« einer extrem rechten Partei hat sich parteiintern noch deutlicher bemerkbar gemacht. Völkischer Rassismus, Deportationsphantasien (»Remigration«) gegenüber Millionen von Zugewanderten, die Kriminalisierung politischer Gegner und die Bereitschaft, zentrale Institutionen einer demokratischen Gesellschaft zu schleifen (Presse, Justiz), sind in der Partei inzwischen weitgehender Konsens über alle früheren Lagergrenzen hinweg.
Dazu beigetragen hat ohne Zweifel das mediale und intellektuelle Umfeld der AfD, durch das diese Form der bürgerlichen Rechtsradikalisierung auch für die Teile der Partei akzeptabel wurde, die nicht ohnehin der traditionellen extremen Rechten entstammten. Bürgerlicher Habitus und eine Vermittlung faschistischer Ideologieelemente, die genau am Übergang von Nationalkonservatismus und völkischem Nationalismus ansetzen, finden sich in so unterschiedlichen Umfeldorganisationen wie dem ehemaligen Institut für Staatspolitik (IfS), der Wochenzeitung »Junge Freiheit«, dem Projekt Ein Prozent und bei zahlreichen weiteren Akteuren.
An Personen wie der Parteivorsitzenden Alice Weidel oder auch dem früheren Bundestagsabgeordneten Roland Hartwig lassen sich solche Rechtsradikalisierungsprozesse beobachten. Weidel, die als ehemalige Goldman-Sachs-Bankerin selbst dem marktradikal-bürgerlichem Teil der Partei entstammt und ein Familienmodell lebt, das von ihrer Partei politisch scharf angegriffen wird, hatte sich noch 2017 klar gegen die völkische Rechte in der Partei gewandt und ein Ausschlussverfahren gegen Höcke betrieben. Heute hat sie keinerlei Schwierigkeiten, sich eine »Remigrationspolitik« zu eigen zu machen, die millionenfach Menschen nach ethnischen Kriterien außer Landes befördern will.
Roland Hartwig war vor seinem Engagement in der AfD Chefsyndikus der Bayer AG und bezeichnet sich selbst als »liberal-konservativ«, womit er ein typischer Vertreter des neoliberalen Flügels der frühen AfD war. Im Zuge der beginnenden Beobachtung der Partei durch den Inlandsgeheimdienst wurde er Leiter der Arbeitsgruppe zum Umgang mit dieser Beobachtung. Entgegen der von ihm anfangs empfohlenen verbalen Mäßigung der Partei radikalisierte sich Hartwig selbst, trat im Rahmen des IfS auf, war Teilnehmer am Potsdamer Treffen zum Thema »Remigration« und arbeitet heute im Hintergrund an der Ausbildung der AfD-Kader für anstehende Regierungsübernahmen.
Weidel und Hartwig stehen exemplarisch für die Rechtsradikalisierung vor allem des bürgerlichen Teils der AfD. Insofern sind die alten Lagergrenzen in der Partei längst überwunden, und eine Gruppe jüngerer Parteifunktionäre organisiert im Rahmen von Parteitagen machtpolitische Netzwerke, die die AfD auf eine Regierungsübernahme zunächst in einzelnen Ländern und dann im Bund vorbereiten sollen.
Die AfD muss liefern – zumindest für ihre langjährigen Anhänger. Mit dem Wahlerfolg in Sachsen-Anhalt ist insofern ein Bruchpunkt erreicht, als die Partei sich auf direktem Weg zur politischen Machtübernahme sieht – nicht nur in einzelnen Ländern. Das erhöht den Druck auf die Führung, diese Machtübernahme jetzt auch zu organisieren. Allerdings wird ihr das absehbar nur mit Bündnispartnern gelingen, denn trotz aller Dauererfolge ist nicht davon auszugehen, dass mit Ausnahme von ausgewählten kleinen Bundesländern absolute Mehrheiten möglich sind.
Nach Lage der Dinge kommen gegenwärtig nur die Union und in einigen Bundesländern das BSW als Steigbügelhalter in Frage. Die CDU würde das an den Rand einer Parteispaltung führen, also genau dorthin, wo die AfD sie haben will. Ob die Führung der AfD zu machttaktischen Korrekturen der eigenen Dauerradikalisierung in der Lage ist, wird sich zeigen. Aus Sicht des bisher herrschenden Blocks wären EU-Verbleib, Euro und atlantische Partnerschaft die Mindestvoraussetzungen, um die AfD in diesen Block zu kooptieren.
Gerd Wiegel ist Politikwissenschaftler und arbeitet und schreibt zur extremen Rechten in Deutschland und Europa

