Die Neue Rechte hat ein Problem mit dem Antisemitismus. Nicht aus Gründen der Selbstkritik. Sondern weil sie weiß, dass offener Antisemitismus nach Auschwitz ein politisches Risiko darstellt. Zugleich bleibt Antisemitismus attraktiv. Auch wenn sich seit dem 7. Oktober Linke, Muslime und Musliminnen sowie selbsterklärt Progressive mit Kuffiyah alle Mühe geben, der rechten Konkurrenz den Antisemitismus streitig zu machen, waren es laut der Leipziger Autoritarismusstudie von 2024 AfD-Wähler/innen, die fast allen Formen von Antisemitismus am deutlichsten zustimmten, auch den auf Israel bezogenen. Wer aber in Deutschland oder Österreich kulturelle Hegemonie erlangen, in Talkshows sitzen, Bücher verkaufen, Parteien beraten und parlamentarische Mehrheiten vorbereiten will, kann nicht auftreten wie die SA. Er muss anders sprechen: von Identität statt Rasse, von Ethnopluralismus statt Volksgemeinschaft, von Remigration statt Deportation, von Globalisten statt Juden und von überbordender Erinnerungspolitik statt Auschwitzlüge.
Gerade darin besteht der Trick. Die Neue Rechte ist nicht neu, weil sie mit den ideologischen Kernbeständen der alten Rechten gebrochen hätte. Sie ist neu, weil sie gelernt hat, diese Kernbestände anders zu artikulieren. Ihr Antisemitismus ist selten nur Parole, öfter Denkform. Er tritt offen, codiert und strukturell auf. Offen, wenn Jüdinnen und Juden, Israel oder »Zionisten« direkt als Problem benannt werden. Codiert, wenn von »Globalisten«, »Finanzeliten«, »Soros« oder dem »Great Reset« die Rede ist. Strukturell, wenn gesellschaftliche Widersprüche nicht analysiert, sondern personalisiert werden: Irgendjemand muss hinter Migration, Feminismus, Liberalismus, Klimapolitik, Globalisierung und Erinnerungskultur ja stecken.
Antisemitismus ist für die Neue Rechte deshalb nicht bloß ein Ressentiment unter anderen. Er ist eine Erklärungsmaschine. Rassismus begründet, wer angeblich nicht dazugehört; Antifeminismus, wer die patriarchale Ordnung gefährdet. Antisemitismus erklärt, wer angeblich alles steuert. Er liefert der Rechten das Bindeglied zwischen der »falschen« Elite oben und den »fremden« Gruppen unten. Er macht aus sozialen Krisen einen Plan, aus kapitalistischen Zumutungen eine Verschwörung, aus demokratischer Pluralität Zersetzung.
Die Entstehungsgeschichte der Neuen Rechten ist auch die Geschichte einer strategischen Distanzierung vom Nationalsozialismus. Nach 1945, verstärkt seit den sechziger und siebziger Jahren, ging es darum, rechtsextreme Ideologie zu modernisieren. Die Neue Rechte wollte nicht als neonazistische Subkultur erscheinen, sondern als Theorieproduzentin, als metapolitische Kraft, als Avantgarde eines neuen konservativen Denkens, ohne dabei die revolutionäre Pose aufgeben zu müssen. Sie inszenierte sich als diskursfähig, gebildet, europäisch, jugendlich, rebellisch. Ihre Lieblingsvokabel wurde »Identität«. Ihr Ziel blieb Homogenität.
Die Identitären sind ein gutes Beispiel dafür. Sie geben sich als hippe Jugendbewegung, sprechen von Heimat, Kultur und Selbstbestimmung und behaupten, jede Ethnie habe ein Recht auf Bewahrung. Dieser »Ethnopluralismus« klingt nach Vielfalt, meint aber Trennung. Jede Gruppe soll dort bleiben, wo sie angeblich »hingehört«. Es gibt keine Gesellschaft, sondern nur Kollektive mit wesenhaften Eigenschaften. Jüdinnen und Juden lassen sich in diese Ordnung nur widersprüchlich einfügen: Manchmal werden sie in ein »christlich-jüdisches Abendland« eingemeindet, wenn es gegen Muslime geht; traditionell gelten sie in der Rechten aber als Fremdkörper, als Träger des Universalismus, als Symbol von Moderne, Liberalismus und Zersetzung.
In der neurechten Zeitschrift »Sezession« wird Antisemitismus nicht nur bestritten, sondern der Antisemitismusvorwurf selbst zum Problem erklärt. Jüdinnen und Juden oder die Antisemitismusforschung erscheinen dann nicht als Betroffene oder Erforschende des Judenhasses, sondern als diejenigen, die Antisemitismus instrumentalisieren. Die Abwehr folgt einem alten Muster: Nicht der Antisemitismus soll verschwinden, sondern der Vorwurf des Antisemitismus.
Damit sind wir beim Kern der postnazistischen Konstellation. Die Neue Rechte will sich von der Schuldgeschichte befreien, ohne den Nationalsozialismus offen zu rehabilitieren. Sie will die Shoah nicht unbedingt leugnen; das wäre zu plump und politisch nicht zuträglich. Sie relativiert ihre Bedeutung. Sie erklärt Erinnerung an die Shoah für übertrieben, einseitig, moralisierend, quasi-religiös. Sie spricht vom »Schuldkult«, von »Selbsthass«, von Deutschland als »ewigem Tätervolk«, das sich emanzipieren müsse. Die Forderung lautet: endlich wieder normal werden, endlich wieder stolz sein dürfen, endlich nicht mehr durch Auschwitz gestört werden.
Wenn Björn Höcke erklärt, die Shoah sei nicht »im Namen des deutschen Volkes« geschehen, sondern unter den Bedingungen einer Diktatur, verschiebt er Verantwortung weg vom Kollektiv, das er zugleich völkisch wiederherstellen will. Die Deutschen sollen sich »aufrichten«, die deutsche Geschichte sei kein »Verbrecheralbum«. Die Tätergesellschaft wird zur verführten, unwissenden oder beschädigten Nation umgedeutet. Jüdische Erinnerung stört dieses Bild allein dadurch, dass sie an die Opfer und damit an die Täter/innen erinnert.
Die Identitären formulierten das in einem frühen Positionspapier unter dem Titel »Weder Kippa noch Palituch«. Man wolle eine »echte Aufarbeitung«, die in »Versöhnung« münde. Der Holocaust dürfe kein »Gründungsmythos« und nicht das Zentrum der deutschen Geschichte sein. Was zunächst nach Ausgleich klingt, ist in Wahrheit die alte Schlussstrichforderung. Ausgerechnet jene, die an der völkischen Idee festhalten, erklären sich zu den Garanten eines »gesunden« Verhältnisses zu Jüdinnen und Juden. Eigentliches Ziel ist es, Spaltungen der extremen Rechten, entlang der Frage des Nahostkonflikts, zu vermeiden.
Diese Logik reicht bis in die AfD, die verschiedene rechte Strömungen integriert: nationalliberale Marktradikale, völkische Ethnonationalisten, autoritäre Staatsfetischisten, christliche Fundamentalisten, Corona-Verschwörungsgläubige, antiwestliche Putin-Freunde, Islamfeinde, Antifeministen und Geschichtsrevisionisten. Die AfD hat für fast jeden rechten Affekt etwas im Angebot. Gerade deshalb wirkt sie manchmal widersprüchlich. Sie kann sich in einem Moment als Schutzmacht jüdischen Lebens inszenieren, muslimische Migrantinnen und Migranten (und Linke) als einzige Antisemiten markieren und zugleich vom »Schuldkult« sprechen, die deutsche Erinnerungskultur bekämpfen und gegen die »globalistische« Regulierung der Märkte wettern.
Die scheinbare Israel-Solidarität der AfD ist dabei weniger Widerspruch als Symptom. Israel dient als Projektionsfläche: als ethnisch verstandener Wehrstaat, als Bollwerk gegen den Islam, als Beweis dafür, dass man nicht antisemitisch sein könne. Der Neid auf den zugeschriebenen Supernationalismus macht Israel bisweilen zum Vorbild rechter Träume, abstrahiert aber von der antisemitischen Bedrohung, derer das reale Israel sich erwehren muss.
Doch diese identifizierende »Solidarität« ist dünn. Sobald Israel nicht mehr in die eigene Opfererzählung passt, kippt sie. Dann wird Deutschland angeblich von historischer Schuld erpresst, Israel profitiere finanziell und moralisch von Auschwitz, die Erinnerung an die Shoah kneble deutsche Interessen. Der Begriff »Germoney« (Bundes-AfD auf Twitter) bringt dieses Ressentiment auf den Punkt: Deutschland zahle, weil es schuldgefühlig gehalten werde. Die alte antisemitische Figur der Ausbeutung erscheint im postnazistischen Gewand. Nachdem die AfD-Bundestagsfraktion am 7. Oktober 2023 eine Israel-Fahne gepostet hatte, relativierte Bundessprecher Tino Chrupallah vier Tage später das Massaker und trauerte um »alle Kriegstoten«. Am 7. Dezember freute er sich, dass die Republikaner im US-Senat »ein milliardenschweres Paket für Ukraine und Israel« blockierten, im Oktober 2024 forderte Tomasz Froelich im EU-Parlament: »Schluss mit Waffenlieferungen nach Israel!«
Während Jüdinnen und Juden weltweit mit einer neuen Welle antisemitischer Gewalt, mit Drohungen und Relativierungen konfrontiert waren (und sind), reagierte die extreme Rechte nicht einheitlich. Die Instrumentalisierung der Hamas-Massaker gegen Musliminnen und Muslime stand neben Islamismusverharmlosung, geopolitischen Neutralitätsposen und der Rede von deutscher Unterwerfung, amerikanischen Interessen oder zionistischer Macht. Integrierende Wirkung auch über die extreme Rechte hinaus zeigte die Vorstellung, Israel oder die USA (Hans-Thomas Tillschneider, AfD) hätte den 7. Oktober inszeniert oder zumindest zugelassen, um ein finsteres Ziel umsetzen zu können, etwa den Einmarsch in den Gazastreifen, die Weltherrschaft oder »Öl und Gas« (»Compact«). Der bayerische neonazistische Multifunktionär Patrick Schröder mit Verbindungen zu Identitären und AfD begab sich wieder in den »11.-September-Modus«: Die Hamas habe den mächtigsten Geheimdienst der Welt nicht so überrumpeln können. Derlei Vorstellungen vom 7. Oktober als Inside Job entlasten auch, weil sie die systematischen Gewaltexzesse aus Mord und Vergewaltigung derealisieren und das antisemitisch imprägnierte Weltbild absichern. Beim bayerischen AfD-Landesvorsitzenden Stephan Protschka ist gleich »Israel in Palästina eingefallen«; MdB Rainer Rothfuß schreibt im Neonaziduktus, »USrael« bedrohe den Weltfrieden.
Die AfD ist bei all dem nicht allein. Die Identitären lieferten die Ästhetik der Jugendbewegung, die »Sezession« die intellektuelle Verpackung, Kampagnen gegen »Gender«, Migration und Erinnerungspolitik die Brücken in breitere Milieus. Der »Große Austausch« als Angstszenario, das nur mit »Remigration« bekämpft werden könne, ist dafür zentral. Er ist nicht bloß rassistisch, sondern auch antisemitisch strukturiert. Migrant/innen erscheinen als entmenschlichte Masse, als Bedrohung von unten. Die eigentliche Macht aber liege bei einer globalen Elite, die Migration steuere, Völker auflöse und nationale Identitäten zerstöre. Ob diese Elite »Soros«, »Globalisten«, »Zionisten« oder »Finanzmächte« heißt, ist zweitrangig. Das Bedeutungsfeld ist eindeutig.
Auch Antifeminismus und Anti-Gender-Politik sind in dieser Konstellation nicht nebensächlich. In rechten Kampagnen gegen Drag-Lesungen, geschlechtergerechte Sprache, Transpersonen oder feministische Bildung geht es um mehr als Kulturkampf. Es geht um die Wiederherstellung eindeutiger Ordnung: Mann und Frau, Volk und Fremde, Freund und Feind, oben und unten. Jede Auflösung dieser Ordnung wird als Angriff auf die Gemeinschaft verstanden. In dieser Phantasie erscheinen Feministinnen, queere Menschen, Liberale und Jüdinnen und Juden als Figuren der Zersetzung. Sie stehen für Ambivalenz, Vermittlung, Universalismus und Emanzipation – also für genau das, was die autoritäre Rechte nicht erträgt.
Dass der Antisemitismus dabei oft codiert bleibt, ist kein Zeichen mangelnder Bedeutung. Im Gegenteil: Die Codierung ist seine zeitgemäße Form. Seit Auschwitz unterliegt offener Antisemitismus einer Kommunikationslatenz. Man sagt nicht länger »die Juden«, sondern »Globalisten«, »Finanzeliten«, »Kulturmarxisten«, »Great Reset«. Man zeigt auf Soros, auf die »Ostküste«, auf »Zionisten«, auf »Lobbygruppen«. Wer dazugehören soll, versteht es. Wer widerspricht, bekommt zu hören, man habe doch gar nichts gegen Juden gesagt.
Diese »plausible deniability« ist politisch nützlich. Sie erlaubt der AfD, sich gegen Antisemitismusvorwürfe zu empören, während sie ständig an antisemitische Deutungsmuster anschließt. Sie erlaubt den Identitären, sich von Neonazis zu distanzieren, während sie völkisches Denken renovieren. Sie erlaubt der »Sezession«, über Judentum, Universalismus, Beschneidung, Israel und Erinnerungskultur zu schreiben, ohne durchgehend in den Ton des »Stürmer« zu verfallen.
All das bedeutet dennoch nicht, dass die Neue Rechte rundweg neonazistisch wäre, sie hat kein offenes Programm zur Verfolgung von Jüdinnen und Juden. Wer nur nach expliziten Beschimpfungen von Jüdinnen und Juden sucht, wird den Antisemitismus oft übersehen. Aber daraus folgt nicht, dass er randständig wäre. Er wirkt als Weltdeutung, als Affektstruktur, als Angebot zur Krisenerklärung. Er beantwortet die Frage, wer schuld sei als verdeckte Klammer vieler rechter Erzählungen. Antisemitismus macht aus Ressentiment eine Welterklärung. Nicht die Gesellschaft sei falsch eingerichtet; eine verborgene Macht habe sie verdorben. Genau deshalb bleibt er für die Neue Rechte unverzichtbar.
Elke Rajal und Nikolai Schreiter erforschen an der Universität Passau Antisemitismus in der extremen Rechten

