Seit Anfang März sind vor dem Landgericht Hamburg acht junge Menschen angeklagt, eine rechte terroristische Vereinigung gebildet zu haben. Die »Letzte Verteidigungswelle« ist nur eine von mehreren Gruppen junger militanter Neonazis, die sich in den letzten zwei, drei Jahren zusammengefunden haben. Die Angehörigen dieser Szene und ihr Umfeld knüpfen an die rechtsradikale Jugendkultur der neunziger und nuller Jahre an. Während sie versuchen, an Schulen und im öffentlichen Raum an Dominanz zu gewinnen, eilt in Form der AfD die parlamentarische radikale Rechte von Erfolg zu Erfolg und erzielt mittlerweile auch bei Wahlen in Westdeutschland Ergebnisse, wie sie zuvor aus den östlichen Bundesländern bekannt waren. Eigentlich wäre es Zeit für antifaschistischen Widerstand. Und ja, es gibt neben einer breiten Szene aus liberalen Verteidigerinnen und Verteidigern der Demokratie gegen die Bedrohungen durch die AfD auch noch eine Reihe linksradikaler Antifa-Gruppen. Doch eine gesellschaftlich wirkmächtige Antifa existiert vor allem in der Phantasie der Staatsschutzbehörden und rechter Kulturkämpfer, die das Label als Synonym für einen angeblich grün-woken Terrorismus benutzen. Anlass genug, um zu schauen, was eigentlich aus der Antifa geworden ist, immerhin eines der international bekanntesten Etiketten, das die deutsche Linke hervorgebracht hat.
Dazu lohnt es sich zunächst zu definieren, was die Antifa ist. Die Bilder, die der Begriff heute bei vielen hervorruft, sind wohl das Symbol mit den zwei Fahnen, schwarze Blöcke, schick inszenierte symbolische Militanz und große Demonstrationen, und sie alle sind Produkte der neunziger Jahre.
In den Achtzigern erlebte die radikale Rechte in Westdeutschland einen organisatorischen Aufschwung, für den unter anderem so unterschiedliche Organisationen wie die parlamentarisch erfolgreiche Partei Die Republikaner unter Franz Schönhuber oder die von Michael Kühnen gegründete elitäre Neonazi-Gruppierung Gesinnungsgemeinschaft der Neuen Front standen. Dagegen begann unter der historischen Abkürzung Antifa bald die Linke aktiv zu werden und Formen der Gegenwehr zu entwickeln. Nach dem Zusammenbruch der DDR und dem Entstehen einer großen, militanten, rechtsradikalen Jugendkultur, die vor allem in Ostdeutschland in weiten Teilen des öffentlichen Raums hegemonial war und die gewaltsam gegen Linke und Migrantinnen und Migranten vorging, bestand schon aus Gründen linken Selbstschutzes die Notwendigkeit, sich antifaschistisch zu engagieren.
Die physische Konfrontation mit Neonazis bestimmte dabei zwar nicht den Alltag aller Antifas, aber das Selbstbild der meisten linken antifaschistischen Gruppen. Dabei war die Vorstellung davon, was links ist, mitunter vor allem eine popkulturelle – etwa bei der Antifaschistischen Aktion/Bundesweiten Organisation (AA/BO), einem Zusammenschluss von Antifa-Gruppen. Dieser Dachverband modernisierte das Logo der historischen Antifaschistischen Aktion aus den zwanziger Jahren und schuf damit das heute meistverwendete Symbol mit einer roten und schwarzen Fahne im Kreis. Die AA/BO sollte jedoch nicht nur dem grassierenden Neonazismus etwas entgegensetzen. Entscheidender war, dass sie die Krise der autonomen Linken, die keine Antwort auf die nach 1990 veränderten Verhältnisse fand, lösen sollte. Die AA/BO propagierte einen revolutionären Antifaschismus. Ihrer Arbeit lag die Beobachtung zugrunde, dass sich in der Antifa einerseits viele jungen Menschen politisierten und radikalisierten, und andererseits unter der Berufung auf den Kampf gegen den Faschismus Bündnisse ins bürgerliche Lager, vor allem mit Grünen und Kirchen, aber durchaus auch mit Gewerkschaften und Teilen der SPD möglich waren. Antifaschismus sollte Menschen über den Kampf an eine radikale Kritik an den angeblich hinter dem Faschismus stehenden bürgerlichen Verhältnissen heranführen. Zu diesem Zwecke forderte die AA/BO in Abgrenzung zu den klassischen Autonomen eine verbindliche und ansprechbare Organisationskultur ein. Antifagruppen, die dem nicht folgen wollten, vernetzten sich bundesweit im lockerer strukturierten Bundesweiten Antifatreffen (BAT).
Beide Zusammenhänge gerieten jedoch Ende der neunziger Jahre in eine tiefe Krise. Denn zum einen fingen Konflikte um die sich herausbildende antideutsche Strömung in der Linken an, Antifagruppen zu spalten. Zum anderen begannen damals auch bürgerliche Akteure zu erkennen, dass gegen die militante Rechte vorgegangen werden müsse. Ihren Höhepunkt fand die sich aus dieser Krise ergebende Diskussion im »Antifasommer« 2000. Nach mehreren rechten Gewalttaten, unter anderem einem Bombenanschlag auf eine Gruppe von Migrantinnen und Migranten aus Nachfolgestaaten der Sowjetunion im Juli 2000, beschloss die damalige rot-grüne Bundesregierung, »zivilgesellschaftliches« Engagement gegen Rechtsextremismus politisch und finanziell zu unterstützen. Binnen kurzer Zeit verlor autonomer Antifaschismus seinen rebellischen Gestus. Im Frühjahr 2001 versuchte die AA/BO auf einem Kongress in Göttingen unter dem Motto »Das Jahr, in dem wir Kontakt aufnehmen« eine Neubestimmung. Diese gelang jedoch nicht, und die AA/BO löste sich vor Ort auf. Auch das BAT zerfiel in dieser Zeit.
Ein Teil der Szene versuchte sich in den folgenden Jahren an einer Kapitalismuskritik, die aber nicht die Zugkraft entwickelte, wie einst die Antifagruppen. Andere fokussierten sich auf Ideologiekritik und Debatten um die Situation im Nahen Osten. Die praktische und theoretische Beschäftigung mit dem Neonazismus verlor an Bedeutung, auch weil Polizei und Justiz repressiv gegen diesen vorgingen. Gleichzeitig entstand nach und nach ein dichtes Netz an Beratungsstellen und zivilgesellschaftlichen Strukturen, die Opfer rechter Gewalt unterstützten, Kommunen und staatliche Institutionen im Umgang mit Neonazis berieten und politische Bildungsarbeit zum Thema anboten. Für viele Menschen, die in den neunziger und nuller Jahren in Antifagruppen aktiv waren, eröffnete sich damit ein Arbeitsmarkt, auf dem ihre Kompetenzen gefragt waren.
Der neue Aufstieg der radikalen Rechten seit 2010 traf daher auf eine weithin paralysierte und eingehegte antifaschistische Linke. Gezielte militante Angriffe auf Neonazis, wie sie von den Staatsschutzbehörden im Rahmen des sogenannten Antifa-Ost-Komplexes verfolgt werden, dürften vor diesem Hintergrund auch den Versuch darstellen, aus dieser Situation auszubrechen. Ein Versuch, der, soviel lässt sich angesichts der doch außerhalb der engeren radikalen Linken überschaubaren Solidarisierung mit den Verfolgten sagen, als gescheitert angesehen werden muss.
Dagegen bildete sich ab 2015 eine linksliberale Bewegung in gewisser gesellschaftlicher Breite gegen die durch die Wahlerfolge der AfD manifestierte Neuformierung der radikalen Rechten. Diese warnt vor einem neuen 1933 und fordert ein Verbot der AfD. Anfangs bezogen sich deren Protagonistinnen und Protagonisten durchaus positiv auf das Label Antifa. So positionierte sich beispielsweise die SPD-Vorsitzende Saskia Esken 2020 auf Twitter unter Bezug auf ihr Alter so: »58 und Antifa. Selbstverständlich.« Unter dem Eindruck der Strafverfahren gegen militante Antifas in Deutschland und Ungarn ließen solche positiven Bezugnahmen in den letzten Jahren deutlich nach. Zentraler Bezugspunkt dieser Bewegung ist die Verteidigung der bundesdeutschen Demokratie gegen die von der AfD ausgehenden Gefahren. Eine kritische Auseinandersetzung damit, inwiefern diese Demokratie gerade eine Partei wie die AfD und das von ihr repräsentierte gesellschaftliche Milieu hervorbringt, findet in diesem Rahmen nicht statt. Diese wäre jedoch eine Grundvoraussetzung für eine Neuformierung von Antifa als politischem Faktor.
Marek Winter war in den neunziger und nuller Jahren in der ostdeutschen Antifa unterwegs

