Dakar macht es Ouagadougou nach und verschärft die Repression gegen queere Menschen im Senegal. Fama Ba, Abgeordnete der Regierungspartei Pastef (Patriotes africains du Sénégal pour le travail, l’éthique et la fraternité – Afrikanische Patrioten Senegals für Arbeit, Ethik und Brüderlichkeit), machte sogleich deutlich, warum: »Here in our Africa, here in Senegal, we don’t accept this homosexuality. That’s not in our culture, that’s not in our tradition.«
Das neue Gesetz richtet sich, anders als viele anti-queere Maßnahmen, nicht nur gegen gleichgeschlechtliche Praktiken. Das Novum ist die Kriminalisierung der ideologischen Unterstützung. Artikel 319 des senegalesischen Strafgesetzes – 1942 vom Vichy-französischen Code Pennal übernommen – regelt die Kriminalisierung »widernatürlicher Akte«. Es wurde nun um die Erhöhung des Strafmaßes auf zehn Jahre erweitert und erlaubt explizit die Verfolgung derer, die »Propaganda für widernatürliche Akte« betreiben. Das ist eine Kampfansage gegen universelle Werte und ihre Verfechter/innen. Dakar – einst bekannt als gay mecca Westafrikas – ist mit der Ratifizierung des Gesetzes durch den Präsidenten Bassirou Diomaye Faye für queere Personenein ganzes Stück gefährlicher geworden, als es in den vergangenen Jahrzehnten schon war. Doch diesmal unter dem Deckmantel des Neuen Panafrikanismus.
Die junge, neue Regierung gibt sich seit ihrem Antritt 2024 betont panafrikanisch im medialen Auftreten, aber deutlich gemäßigter im politischen Handeln als ihre Nachbarn der neugegründeten Alliance des États du Sahel (AES, Allianz der Sahelstaaten) bestehend aus Burkina Faso, Mali und Niger.
Pastef wurde 2014 von Ousmane Sonko gegründet, der mit dem Versprechen antrat, alles anders zu machen als seine Vorgänger und den Panafrikanismus wiederaufleben zu lassen. Er lieh sich die Gesten und die Rhetorik panafrikanischer Ikonen der Sahel-Region, etwa von Thomas Sankara oder Léopold Sédar Senghor, gekonnt aus, um sich Authentizität zu verschaffen. Besonders junge Menschen sprachen darauf an, trugen den Protest stürmisch auf die Straßen, und viele bezahlten dafür mit ihrem Leben.
Für die Wahl 2024 untersagte der damalige Präsident Macky Sall, der seit 2012 regierte, Sonko, als Kandidat anzutreten, da er 2023 der »Verführung der Jugend« schuldig gesprochen wurde. In der Folge trat Sonkos langjähriger Genosse Diomaye Faye als Präsidentschaftskandidat an – und gewann. Seither regiert das Duo Diomaye Faye und Sonko als Präsident und Kanzler das Land.
Doch die Regierungsübernahme lief ganz anders, als sie es sich vorstellten. Sall hatte die Staatskassen leergeräumt und hinterließ der neuen Regierung vor allem Chaos und unbezahlte Rechnungen. Staatsbedienstete harrten ihrer Gehälter, und Salls Freunde in den Ministerien und staatsnahen Unternehmen blockierten Pastefs Politik, wo sie konnten. Die neue Regierung eröffnete ein Korruptionsverfahren nach dem anderen gegen Spitzenbeamte und Aufsichtsräte, die sie der Beihilfe zum Ausverkauf des Landes bezichtigten, und stießen dabei Stück für Stück darauf, dass der Regierung weit weniger Budget zur Verfügung steht, als sie veranschlagt hat. Bauprojekte stocken, etwa die erste Entsalzungsanlage in Dakar-Mamelles, die in der Lage wäre, nicht nur ganz Dakar, sondern weit ins Landesinnere hinein die Bevölkerung mit sauberem Trinkwasser zu versorgen.
Statt umfassender Souveränität steht vor allem die Suche nach Investoren und ausländischen Geldgebern auf der Tagesordnung, um sich ein wenig Bewegungsfreiheit zu verschaffen. Dass ihnen jetzt nichts anderes übrigbleibt, als eine Misere zu verwalten, ist schlecht für das Image der Männer, die anpacken und alles anders machen wollten.
Bereits Ende 2025 machten sich Gerüchte darüber breit, dass es zwischen den beiden Genossen Faye und Sonko zu einem Zwist gekommen sei. Faye betraute im November letzten Jahres die frühere Premierministerin Aminata Touré mit der Aufgabe, die Regierung zu restrukturieren, was Sonko und das politische Büro der Pastef dazu verleitete, den Präsidenten in einem offenen Brief daran zu erinnern, dass er nicht über das Recht verfüge, Aida Mbodj, die diese Position davor innehatte, zu entlassen. Das ist aber bei weitem nicht der einzige Grund für das angeschlagene Vertrauen zwischen Diomaye Faye und Sonko.
Auf den Wänden in Downtown Dakar, in Plateau, steht gesprüht »Non a viol«, »Pastef violeur« und »Justice pour Adji« (Nein zu Vergewaltigung, Pastef Vergewaltiger und Gerechtigkeit für Adji). Adji Sarr, eine junge Waise aus armen Verhältnissen, steht in der Öffentlichkeit, seit sie Sonko bezichtigt hat, sie im Rahmen ihrer Tätigkeit als Masseurin fünf Mal vergewaltigt zu haben.
Schon 2023, als Sonko wegen Vergewaltigung angeklagt war, machte sich die Sorge um den Stand der Frauenrechte im Senegal breit. Ohnehin wurde Vergewaltigung erst 2020 als eigener Straftatbestand etabliert, und die hohen Anforderungen an die Beweisführung schützen die Täter. Sarrs Mut kostete sie jegliche Persönlichkeitsrechte, auf die ein Mensch in einem Rechtsstaat hoffen dürfte. Sie steht seither unter Polizeischutz.
Die Boulevardmedien züchtigten Sarr mit der geballten Frauenverachtung, die die Heilige-oder-Hure-Mentalität in Vergewaltigungsverhandlungen zu bieten hat, bezeichneten sie als »Pornodarstellerin« und »Prostituierte«, und die Anhänger Sonkos warfen ihr vor, von Salls Regierung bezahlt zu werden. Sonko hingegen gewann in den Augen seiner jungen männlichen Anhänger an Männlichkeit, auch wenn er – vom Vorwurf der Vergewaltigung freigesprochen – zu einer Entschädigungszahlung von 20 Millionen CFAC (30.000 Euro) verpflichtet wurde.
Sonko selbst nahm an der Verteidigung nicht teil – eine vermeintlich lässig-freiheitskämpferische Geste der Nichtanerkennung der Gerichte – und ließ Sarr statt dessen ausrichten, dass er, wenn er eine Frau vergewaltigen wollte, »sich keinen Affen mit Gehirnschaden aussuchen würde«.
Die verschärfte Verfolgung von Homosexuellen im Senegal spielt sich also vor dem Hintergrund einer veritablen Regierungskrise und einer tief sitzenden Misogynie ab und hat das Potential, neue Allianzen zu schmieden.
Das Wolof-Wort Goor-jigeen (»Männerfrauen«) bezeichnete ursprünglich Transidentitäre und Menschen, die außerhalb der tradierten Geschlechterkonstruktionen lebten, heute wird der Begriff abwertend für schwule Männer verwendet. Die Goor-jigeen sind es, gegen die sich die konservativ-islamische Gruppierung And Samm Jikko Yi rund um Ababacar Mboup richtet. Sie arbeitet zur Durchsetzung ihrer Ziele mit der Regierungspartei Pastef und der US-Initiative Mass Resistance zusammen, einer seit den neunziger Jahren in den USA aktiven, reaktionären Lobby, die ihre Pro-Life-Positionen nicht nur in den USA, sondern auch in anderen Ländern umgesetzt wissen will.
Gemeinsam hetzen sie öffentlich gegen queere Menschen. Im Januar 2026 etwa wurden zwei Fälle im Senegal publik, die zwar nichts miteinander zu tun hatten, medial aber ständig miteinander in Verbindung gebracht wurden: Ein Netzwerk von Männern, die Kinder sexuell missbrauchen, wurde aufgedeckt, wobei ein französischer Staatsbürger als Ringführer verhaftet wurde. Zugleich wurden mehrere Homosexuelle geoutet und verhaftet, darunter ein bekannter Moderator. Und die Hetze springt über in Gewalt, zumal sich Täter durch das neue Gesetz bestärkt fühlen: Wenige Tage nach dem Beschluss des Parlaments wurde der Mord an einem vermeintlich schwulen Jungen, Malick Ndiaye, 17 Jahre alt, bekannt. Er wurde auf offener Straße von Halbwüchsigen niedergestochen. Ndiaye wird nicht das letzte Opfer bleiben.
In der Aufregung um die homophobe Gesetzgebung ist ein Fakt allerdings untergegangen, der deutlich zeigt, dass die Regierung in der Gunst der lokalen religiösen Führer und internationalen Islamisten zu stehen sucht: In derselben parlamentarischen Versammlung wurde die Eingliederung der religiösen Koranschulen (Daara) in das offizielle Bildungssystem des eigentlich säkularen Staates beschlossen. Die Bruderschaften zwingen Kinder zu betteln im Gegenzug für die Übernahme von Kost und Logis und koranischer Bildung. Es braucht keine Sicherheitsexperten, um zu verstehen, dass damit ein Pulverfass gefüllt wird.
Jedenfalls kommt der Beschluss einem Kniefall vor den Serignes gleich, wie die Religionsführer im Senegal genannt werden, und den Scheichs, den Anführern der Bruderschaften, aber vor allem vor den Islamisten, die die Moscheen neuerdings überall im Land finanziell unterstützen. Die ausländischen Geldgeber kann man auf Dakars Straßen sogar hören: Wo der Gebetsruf noch 2024 in deutlich gebrochenem Arabisch mit starkem Wolof-Akzent zu hören war, ertönt immer häufiger ein klares koranisches »Hocharabisch«, und immer häufiger kehren nicht die alten Sufi-Scheichs als Gelehrte in die Moscheen ein, sondern »ñarr«, Menschen arabischer oder türkischer Herkunft.
Auch Erdoğan integrierte 2012 die sunnitischen Imam-Hatip-Schulen in das Bildungssystem der einst säkularen Türkei und vollzog damit nicht nur symbolisch einen Wandel. Die den Terror der Islamisten aus nächster Nähe kennen, wissen diese Zeichen als Warnsignale zu deuten. Für den Senegal eröffnet sich ein Konfliktfeld, denn der Sufismus, die vorherrschende Praxis des Islam im Land, unterscheidet sich deutlich von der Praxis der globalen Mehrheit der Musliminnen und Muslime. Sufis wurden seit jeher verfolgt, und insbesondere in den Augen der Salafisten gelten sie als Abtrünnige, die »Schirk« (Götzendienst) und damit eine unverzeihliche Sünde begehen.
Derweil läuft die Verhandlung vermeintlich linker Positionen nach einem Ping-Pong-Spiel zwischen jenen ab, die finden, Menschenrechte seien etwas, das man Afrikanerinnen und Afrikanern nicht aufdrücken dürfe, denn sie hätten das Recht, selbst zu entscheiden – also auch, ob sie homophobe Gesetze haben möchten; und jenen, die behaupten, Homophobie sei eine westliche Erfindung (so wie alles Böse dieser Tage). Das ist weder links, noch taugt es überhaupt, um die Verfolgung Homosexueller zu analysieren. Diese ist eine Manifestation des – erst beginnenden – ideologischen Kampfes einer erstarkenden Allianz von vermeintlichen Panafrikanisten, religiösen Führern aus dem Senegal und ausländischen Islamisten. Sie alle reißen sich um die Gunst des senegalesischen Staats und sehen ein Land, in das man sich billig einkaufen kann. Panafrikanismus müsste dagegenhalten und die Grundrechte der Bevölkerung, besonders der Minderheiten, gegen reaktionäre Bewegungen verteidigen.
Die Helden des neuen Panafrikanismus haben mit ihren Vorgängern außer den Uniformen nichts gemein, ganz im Gegenteil. Sankara und Senghor haben genau die Mentalität bekämpft, die sich in der Pastef breit macht, beide auf ihre Art, aber beide im Bewusstsein darin, dass die Freiheit des Kontinents nicht ohne die persönliche Freiheit der Menschen zu erringen ist. Für Sankara war die Freiheit der Frauen sogar die Voraussetzung für die gesellschaftliche Befreiung. Davon ist Ousmane Sonko weltenfern.
Kübra Atasoy ist Vorsitzende von Asyl in Not in Wien und in Dakar, wo die Organisation seit 2025 einen neuen Standort aufbaut

