… zum dritten!

Für Deutschland und die EU geht es in der Ukraine um die Vormachtstellung im Osten. Von Jörg Kronauer

Mit seiner aus Hegel gezogenen These, alle bedeutenden weltgeschichtlichen Ereignisse passierten gewisser- maßen zweimal – das erste Mal als Tragödie, das zweite Mal als Farce –, lag Marx, bezieht man sie auf die Kriege, die Deutschland zwischen 1914 und 1945 vor allem im Osten des europäischen Kontinents führte, bekanntlich falsch. Auf die Tragödie des Ersten folgten die beispiellosen Menschheitsverbrechen des Zweiten Weltkriegs. Niemand weiß, wie sich die Bundesrepublik, der vermeintlich geläuterte historische Nachfolger von Kaiser- und Führerreich, aufführen würde, sollte es zu jenem dritten großen Krieg kommen, den Politik, Militärs und Medien zur Zeit ausmalen und für den sie Bundeswehr und Bevölkerung trainieren. Würde er geführt, eine Farce würde auch er nicht werden.
Bei allen Differenzen: Wo über einen dritten Krieg, der – darum vor allem geht es in der hiesigen Propaganda – deutsche und russische Truppen gegeneinander führen würde, so enthusiastisch diskutiert wird, muss die Vorgeschichte der beiden früheren betrachtet werden. Als am 1. August 1914 das Kaiser- dem Zarenreich den Krieg erklärte, tat es das, weil Wirtschaft und Politik zur Expansion drängten – die Konzerne, weil sie, neben vielem anderen, die reichen Bodenschätze der Ukraine begehrten; die Regierung in Berlin, weil sie Russland schwächen wollte, um den europäischen Kontinent unter deutsche Vorherrschaft zu stellen. Im Auswärtigen Amt plante der mit dem Russischen Reich befasste gelernte Theologe Paul Rohrbach dessen Zerlegung in Einzelstaaten, von Polen über die Ukraine bis Georgien. Der Öffentlichkeit erzählte man freilich vor allem vom Despotismus des Zaren, von dem man – so die Version der SPD – die russische Arbeiterklasse befreien müsse, wenn nötig eben auch militärisch. Und war der Zar denn etwa kein repressiver Herrscher? Na also.
Als das Deutsche Reich seinen zweiten Anlauf zur Eroberung des Ostens und zur Dominierung des Westens unternahm, folgte es gleich- falls ökonomischen und politischen Interessen. Es strebte, pars pro toto, nach den Erdölquellen des Kaukasus, und es machte sich daran, die Sowjetunion und mit ihr die jüdische sowie Teile der slawischen Bevölkerung zu vernichten, um »Lebensraum« für sich selbst zu gewinnen. Zudem ging es darum, den Kommunismus aus der Welt zu schaffen. Dabei hatte das NS-Reich zunächst schlechtere Ausgangsbedingungen als sein Vorgänger: Da der Versailler Vertrag der Reichswehr strenge Beschränkungen auferlegt hatte, musste es Milliarden einsetzen um aufrüsten, um »kriegsfähig« zu werden, und es investierte in Infrastruktur – insbesondere Autobahnen, um einerseits Arbeitsplätze zu schaffen und andererseits die militärische Mobilität zu verbessern. Am 22. Juni 1941 überfiel Nazi-Deutschland die Sowjetunion.
Natürlich: Heute ist die Situation eine andere. Das hat viel mit »Europa« zu tun, genauer: mit der sogenannten europäischen Integration, mit der EU. Einen solchen Zusammenschluss hatte das Kaiserreich nicht zur Verfügung; es strebte ihn im Ersten Weltkrieg allerdings an. »Es ist zu erreichen die Gründung eines mitteleuropäischen Wirtschaftsverbandes«, verlangte Reichskanzler Theobald von Bethmann Hollweg in seiner Kriegszieldenkschrift vom 9. September 1914. In diesen Verbund – »unter äußerlicher Gleichberechtigung seiner Mitglieder, aber tatsächlich unter deutscher Führung« – wollte er nicht bloß Frankreich, Dänemark, das Habsburger Reich und diverse weitere Staaten integrieren, sondern auch Polen, wenn es gelänge, das Land aus dem Zarenreich herauszulösen. Ob er damals auch an die Ukraine dachte, die Berlin 1918 nur kurzzeitig von Russland trennen konnte?
Ein europäischer Zusammenschluss unter deutscher Führung – das blieb auch nach dem Ersten Weltkrieg ein Ziel, das in Berlin mancher verfolgte. Selbst das NS-Reich, das den gewaltsam unterjochten Kontinent mit Hilfe von Kollaborateuren in den okkupierten Ländern beherrschen wollte, nutzte »Europa« als Propagandabegriff; und als unübersehbar war, dass der Krieg schlecht lief und man die Kollaborateure bei Laune halten musste, schlug das Auswärtige Amt am 9. September 1943 in einem Strategiepapier eine »Einigung Europas«, einen »europäischen Staatenbund« vor. Dessen Realisierung gelang freilich erst nach der erneuten deutschen Niederlage unter ganz anderen Voraussetzungen, und es dauerte ein wenig, bis die (bundes-)deutsche Dominanz gesichert war. Dann jedoch erwies sich der europäische Zusammenschluss als äußerst effizientes Instrument zur Verwirklichung deutscher Interessen.
Auch im Osten. Als der Realsozialismus kollabierte und die Sowjetunion zerbrach, waren zunächst deutsche Unternehmen zur Stelle, um ihre ökonomischen Interessen zu sichern, dort, wo sie dies zuvor schon zwei- mal versucht hatten. Russland, in den neunziger Jahren am Boden, in den 2000er Jahren immer noch schwach, musste sich gefallen lassen, dass sein Einfluss immer weiter zurückgedrängt wurde. Zwar gab es damals in Brüssel Differenzen zwischen Deutschland und Frankreich, ob die EU den Schwerpunkt ihrer Expansion in den Osten legen sollte oder in den Süden, in Frankreichs einstige Kolonien im nördlichen Afrika und in Nahost. Letztlich aber setzten sich zunächst mit der EU-Osterweiterung, dann mit der Assoziierung weiterer Staaten – unter ihnen die Ukraine – die Deutschen durch. Diese Osterweiterung besiegelte und ergänzte, geführt von den Vereinigten Staaten, die Nato. Um’s zuzuspitzen: Deutschland hat große Gebiete Osteuropas, die Ziel seiner Kriege waren, seit 1990 per EU und USA ohne Krieg (vom Einsatz gegen Jugoslawien abgesehen) weitgehend unter seine politische und ökonomische Kontrolle gebracht. Und die Ukraine, die diesmal von Russland angegriffen wurde, nachdem die Nato bereits ihre Hand drauf hatte? Für die USA ist die Ukraine ein Nebenkriegsschauplatz, den man bei Gelegenheit verlassen kann. Für Deutschland und die von ihm dominierte EU aber geht es, worum es schon vor über 100 Jahren ging: um die Behauptung der Vormacht im Osten und darum, den Rivalen, der dort eigene Ansprüche hat, zurückzudrängen. Deshalb ist es Berlin wichtig, eine Niederlage der Ukraine zu verhindern, whatever it takes; deshalb rüstet Deutsch- Europa jetzt auf, als gäb’s kein Morgen mehr.