Krieg und Kriecher

Kay Sokolowsky über das Schweigen
der Kulturlinken zur Militarisierung
Deutschlands

Wenn Schweigen Zustimmung bedeutet, dann sind die allermeisten Schriftsteller, Musiker, Maler, Schau spieler und Regisseure in Deutschland einverstanden mit der rasenden Militarisierung der Republik. Sie lassen nichts von sich hören, obwohl die kommende Regierung in einem grenzlegalen Coup unbegrenzte Vorkriegskredite durch Bundestag und -rat gepeitscht hat. Sie bleiben stumm, obgleich ein Volk unter Waffen für die Künste bedrohlicher ist, als hundert Antisemitismusklauseln es sein könnten. Wo Obristen und Panzerfabrikanten der Politik die Ziele setzen, gibt es keine »Zivilgesellschaft« mehr und außer der Ästhetik des Fronttheaters auch keine Kunst. Die dröhnende Stille des Kulturbetriebs verwundert umso mehr, als die kreativen Kräfte in einem anderen Fall, Israels Krieg gegen die Hamas, den Schnabel nicht weit genug aufreißen können und ihre Entrüstung über die Resultate militärischer Gewalt in alle Roh- formen gießen, die der Gesinnungskitsch zu bieten hat. Sie lassen es gleichfalls nicht an empörten, von der eigenen Erschütterung zutiefst gerührten Wort-, Bild- und Tonbeiträgen fehlen, um die russische Invasion der Ukraine zu geißeln und die Opfer zu beklagen, die Bomben, Raketen, Granaten, Patronen und Drohnen fordern. Man möchte annehmen, dass diese geschworenen Feinde des israelischen und des russischen Kriegsapparats sich moralisch verpflichtet fühlen, der eigenen Regentschaft vehement zu opponieren, wenn sie die Bevölkerung auf »kriegstüchtig« trimmt und wie im Rausch das Geld für Bomben, Raketen, Granaten, Patronen und Drohnen verprasst. Zumal da zugleich immer mehr Staatsinsassen, etliche davon in künstlerischen Berufen, verarmen. Aber in dieser Hinsicht scheint man nur eine Pflicht zu kennen, nämlich die des Bürgers zur Ruhe.

Es wird so nachdrücklich von denen, die im inklusiven Neusprech »Kulturschaffende« genannt werden wollen, zur barbarischen »Zeitenwende« geschwiegen, als gäbe es bereits Strafen für Defätismus. Strafen, die ein bis an die Zähne bewaffneter Staat übrigens so sicher verhängen wird, wie er die Defätisten heute schon verteufelt: Als »gefallene Engel, die aus der Hölle kommen«, verfluchte Kanzler Scholz (SPD) Demonstranten, die nicht mit der gewendeten Zeit gehen wollen. Ist aus den Reihen der selbsternannt »progressiven«, »woken«, »linken« Kulturbetriebsnudeln derzeit überhaupt etwas zu hören, so sind es reumütige bis kriecherische Widerrufe ihres früheren Antimilitarismus. Abermals, wie es die Ahnen taten, schließt sich der deutsche Kunstmensch ohne Murren ans Vaterland, das teure, und moniert bestenfalls, dass es nicht Mutterland heißt.

Der letzte Protest, den die Kulturlinke gegen die Aufrüstung erhob, liegt drei Jahre zurück. »Der Appell«, binnen weniger Tage von Zehntausenden Bürgern gezeichnet, richtete sich gegen die 100 Milliarden Euro Schulden, höhnisch als »Sondervermögen« deklariert, die sich die Regierung Scholz im Gleichschritt mit den Unionsparteien zwecks Modernisierung des Bundeswehr-Mordmaschinenparks gegönnt hatte. Den Aufruf unterstützten auch Vertreter des linken Kunstgewerbes wie Max Uthoff, Kathrin Röggla, Bela B, Sebastian Krumbiegel, Volker Lösch und Katja Riemann. »Die auf Jahrzehnte geplante Hochrüstung beendet das Sterben in der Ukraine nicht, macht unsere Welt nicht friedlicher und nicht sicherer«, mahnte »Der Appell« unter anderem. 2025 stimmt dieser Satz immer noch, aber eine aktualisierte Neuauflage des Protestschreibens gibt es nicht. Die Webseite, auf der das Schreiben und die Namen der Unterstützer veröffentlicht wurden, existiert nicht mal mehr, was wenigstens ungewöhnlich und vielleicht ein Zeichen der Kapitulation ist.

Denn mittlerweile haben einige Unterzeichner den Untertanen in sich entdeckt und gehorsam vergessen, was sie mal besser wussten; der Schritt vom Maulhelden zum Maulhalten ist so kurz wie das Gedächtnis. Krumbiegel zum Beispiel meint heute: »Man kann nicht nur mit guten Worten und mit Verhandlungen Frieden erreichen.« Und um seinen Sinneswandel zu begründen, bedient er sich des gleichen richtig erscheinenden, aber falsch gemünzten Arguments, das auch der grüne Außenminister Joseph Fischer gebrauchte, um seine Partei zum Krieg gegen Jugoslawien zu überreden: »Es würde heute«, predigt Krumbiegel, »kein einziger jüdischer Mensch mehr leben, wenn damals nicht mit Waffengewalt dem entgegengetreten worden wäre.« Und dar- um muss ausgerechnet die Nation, die vor gerade mal acht Jahrzehnten ganz Europa verwüstete, um jeden Juden, der darin lebte, ermorden zu können, schon wieder vor Waffen starren?

Der ohne Uno-Mandat geführte, mit- hin völkerrechtswidrige Krieg, den die Nato, getrieben von der rot-grünen deutschen Regierung, vor einem Vierteljahrhundert gegen Jugoslawien entfesselte, begleitet von Lügen, die schon stanken, als sie noch frisch waren, ist die Blaupause gewesen für das, was heute mit noch mehr Hysterie und Propagandaschwindel präpariert wird. Auch damals ergaben sich die meisten »kritischen« Schöngeister dem angesagten Wahn, stellten keine uner wünschten Fragen, sondern hielten lieber still, als es sich mit der Herrschaft, die schließlich die Musik bezahlt, zu verderben – sofern sie nicht gleich in die Truppen- und Heimatfrontbetreuung einrückten. Hermann L. Gremliza schrieb in 12/01 : »Wenn’s in den Krieg geht, kommt Leben in den Musenwinkel. Das Vaterland will auch am Schreibtisch verteidigt sein. Noch in jeden seiner Kriege haben die Dichter und Denker ihre Richter und Henker als Propagandakompanie begleitet, zuletzt nach Jugoslawien, wo ihrem Vordichter Grass die Bomben auf Belgrad gar nicht schnell genug fallen konnten.«

Wenn Schweigen Zustimmung bedeutet, ist das links tuende Kulturmilieu gerade dabei, vor der Geschichte, die war, und der, die einst geschrieben werden wird, jämmerlich zu versagen. Viele, die sich jetzt wegducken, dürften Angst vor der Staatsmacht, Sorge um die ökonomische Existenz und Furcht vor sozialer Isolation haben. Aber dann sollten sie es künftig auch mit der Subversion namens Kunst und den linken Posen lassen. ’s kommt leider Krieg, und sie begehren, mit schuld daran zu sein.