Kultur des Versagens

Kay Sokolowsky über das Appeasement der Kulturlinken mit den Feinden Israels

Der Avantgarde-Musiker Wolfgang Seidel, berühmt geworden als Gründungsmitglied der Rockband Ton Steine Scherben, hat im linken Kulturmilieu, dem er sich zurechnet, einiges erlebt an Verirrungen und Dummheiten. Aber was seit zwei Jahren, seit dem Angriff der Hamas auf Israel, an Judenhass in der Szene zu beobachten ist, macht ihn fassungslos. In einem Gespräch mit dem Web-Portal »Mena-Watch« konstatierte er vor kurzem, dass »das, was ich einmal als politisch links betrachtet habe …, in Teilen offen antisemitisch geworden« sei. Ähnliches habe er zuletzt vor einem halben Jahrhundert erlebt, als Sektionen der radikalen Linken sich mit palästinensischen Terrorgruppen verbündeten und selber Attentate gegen Juden in Deutschland planten. Dieses monströse Versagen linker Aktivisten und Agitatoren schien aufgearbeitet und für die nachgewachsenen Generationen tabu, doch nun höre und lese er »dieselbe autoritäre, faktenleugnende und selbstgerechte Sprache … Das hat etwas Pathologisches, das Dialoge verunmöglicht.«

Seidels Konsternation nicht zu teilen, sie nicht einmal zu verstehen, ist in der Kulturlinken heute viel weiter verbreitet als vor dem 7. Oktober 2023. Universitäten werden von Hamas-Sympathisanten besetzt, jüdische Studenten diffamiert oder ins Krankenhaus geprügelt, Vorträge jüdischer Intellektueller aus Sicherheitsgründen abgesagt und Kneipen mit einem verdächtigen Namen buchstäblich zur Zielscheibe. Woke Pastoren errichten Altäre für palästinensische Kriegsopfer, nicht aber für vergewaltigte und ermordete Israelis. Universitätsrektoren dulden eher ein Judenhasser-Sit-in als israelische Wissenschaftler in ihren Gebäuden. »Anstatt ei- ner staatlichen Zensur«, stellt Wolfgang Seidel mit gerechter Bitterkeit fest, »zensieren sich im Kulturbetrieb viele Verlage, Ausstellungsmacher et cetera selbst aus Angst vor dem postkolonialen Mob.«

Die Mechanismen der Diskriminierung gleichwie der Kritikabwehr sind bei allen linken Feinden Israels die gleichen. Sie bestreiten vehement, Antisemiten zu sein, dehnen ihren primitiven Antizionismus aber auf jeden aus, der ein Jude ist oder ihrem Wahn nach sein könnte. Sie bilden sich ein, sie wären Antifaschisten, stehen aber in Rollkommandos vor jeder Tür, hinter der sich Menschen versammeln, um Solidarität mit den Opfern der Hamas und dem Judenstaat zu üben. Sie plärren etwas von staatlicher Repression und Verfolgung, wenn man ihnen verbietet, auf ihren Pro-Hamas-Demos die Vernichtung Israels zu fordern, bepöbeln und bedrohen aber alle – viele sind es leider nie –, die zum Gegenprotest am Straßenrand stehen. Und sie merken nicht, wie nah sie mittlerweile den Holocaust-Leugnern der rechten Fraktion stehen, wenn sie den Gaza-Krieg als Neuauflage der Shoah darstellen und die Soldaten der IDF mit den Mördern der SS vergleichen. Sie merken es nicht, weil sie sich als geschworene Feinde der Nazis verstehen und daher, so meinen sie, immun gegen Antisemitismus seien.

Und was macht die Kulturlinke? Ruft sie zu Kundgebungen gegen diesen Mob und für die bedrohten jüdischen Mitbürger auf? Äußert sie wenigstens ihr Entsetzen? Einige tun es schon, doch die meisten hieven den Arsch erst dann aus dem Sessel, wenn ihnen ein offener Brief zur Unterzeichnung vorgelegt wird, der den Bundeskanzler auffordert, die vorbehaltlose Unterstützung Israels, nein, jede Unterstützung aufzukündigen wegen des »Völkermords« in Gaza. Anfang August fanden sich mühelos fast 400 durchaus namhafte »Kulturschaffende«, von denen die meisten als links oder wenigstens progressiv gelten wollen, um ein Pamphlet des Titels »Lassen Sie Gaza nicht sterben, Herr Merz!« zu signieren. Ein offener Brief, der die sofortige Freilassung aller Hamas-Geiseln fordert und Protektion der Juden als moralisches Gebot definiert, wurde hingegen nie an Merz gesandt, weil so etwas keinem der 400 jemals einfiel.

Einen großen Teil zu dieser Bigotterie trägt das grundfalsche Verständnis von Solidarität bei, das viel zu viele Linke haben. Es ist gewiss richtig, Opfern von rassistischer und klassistischer Unterdrückung beizustehen und die Verbrechen, die sie erleiden müssen, anzuprangern. Aber das Leid palästinensischer Zivilisten im Gaza-Krieg ist kein Ergebnis solcher Unterdrückung, sondern des Überfalls der Hamas-Killer auf Israel, und überhaupt sind die schlimmsten Unterdrücker in Gaza genau jene Rackets, denen man auf den »Free Palestine«-Aufmärschen als antikolonialistischen Widerstandskämpfern huldigt. Weil sie neben Migranten und Flüchtlingen marschieren, ignorieren die propalästinensischen Linken, dass darunter auch jede Menge Islamisten sind, Leute also, die gegen alles sind, wofür Linke zumal in Deutschland eintreten sollten – die Universalität der Menschenrechte zum Beispiel, Emanzipation und jüdisches Leben.

Es gibt wenig Grund zur Hoffnung, dass solche Linken kapieren, wie gefährlich auch für sie selbst der Schulterschluss mit islamistischen Gruppen ist, wie de- ren inhumane Ideologie auf sie abfärbt. Die Berliner Jusos etwa mögen nicht mal mehr den Begriff Isla- mismus benutzen, weil er »stigmatisiere«. Wohl, es gibt antimusli- mischen Rassismus, aber der ist daran zu erkennen, dass er jeden Muslim trifft, ganz gleich, wie er sich verhält oder redet, wie fromm oder lax er seine Religion ausübt. Einen Islamisten aber einen Islamisten zu nennen, ihn politisch zu bekämpfen und seinen Fanatismus durch nichts, schon gar nicht durch seinen Glauben, zu entschuldigen, ist weder rassistisch noch antimuslimisch, sondern genuin: links.

Eine Kulturlinke, die es nicht fertigbringt, ihr Mitleid mit den Palästinensern zu äußern, ohne sich vom islamistischen Judenhass zu distanzieren, die unfähig ist, Scham und Entsetzen zu formulieren über die antisemitische Hetze auf Gaza-Soli-Paraden und Podien, in Hörsälen und Szenetreffs – diese pseudolinken Kulturbetriebler sollten den Spruch »Nie wieder ist jetzt!« jetzt nicht und nie wieder für sich reklamieren. Auf ihre Betroffenheit angesichts der Zerstörungen in Gaza kann man so viel geben wie auf ihren Antifaschismus: Es ist nur Show und Pose.