Aktuelles

tl_files/hefte/2019/abo1119start.jpg

To watch this video, you need the latest Flash-Player and active javascript in your browser.

Tomayers Video-Tagebuch

No-Go-Area Deutschland

Filmkritiken

Termine

Spot on

Zwei Tage, eine Nacht

30.10.2014 08:00

Regie: Jean-Pierre Dardenne, Luc Dardenne; mit Marion Cotillard, Fabrizio Rongione; Frankreich/Belgien/Italien 2014 (Alamode/Wild Bunch); 95 Minuten; seit 30. Oktober im Kino

Der Produktionsprozess kann hart sein. Hart, übel und mitunter so widerlich, da sollte es eigentlich verwundern, dass die Toiletten der Betriebe nicht überfüllt sind von Menschen, die ihren Ekel herauskotzen müssen. Dieses Bild zumindest etabliert sich ganz schnell vor dem inneren Auge, wenn man Marion Cotillard da so liegen sieht. Freilich sieht sie gut aus – sie sieht immer gut aus. Aber eben auch ganz schön erledigt, so wie ein Mensch, den das Leben  heruntergewirtschaftet hat.

Wer die ersten Minuten von »Zwei Tage, eine Nacht« hinter sich hat und ein bisschen empfindlich ist, könnte gleich selbst in Depressionen verfallen. Die Brüder Dardenne verschonen ihr Publikum auch in ihrem neuesten Film nicht vor niederschmetterndem Sozialrealismus. Da ist Sandra, Mutter, Arbeitnehmerin, Ehefrau. Eine schöne Hülle, deren ebenso schönes Inneres die gesellschaftlichen Realitäten zerstört haben. Was nützt es ihr, dass sie in der Ehe mit Manu das bürgerliche Glück errungen hat? Was nützt es ihr, dass diese Ehe zudem mit zwei Kindern gesegnetwurde – die angeblich einzige Möglichkeit der Frau in der patriarchalen Gesellschaft, am Gerangel um den großen Phallus teilzuhaben? Nichts hat es ihr genützt. Sandra wurde depressiv. Aus welchen Gründen, lassen die Regisseure, die auch das Drehbuch geschrieben haben, offen. Wir können es uns trotzdem denken. Es kommt allerdings noch schlimmer. Gerade als sich Sandra einigermaßen erholt hat und in den Produktionsprozess zurückkehrt, droht schon das nächste Desaster: Ihre Stelle – nennen wir’s besser Drecksjob – soll eingespart werden.

Die Kritikerlieblinge Luc und Jean-Pierre Dardenne mögen es gerne drastisch. Ihre Protagonisten schwimmen nicht einfach mit dem gesellschaftlichen Strom. Sie sind längst in einem Strudel gefangen oder stehen kurz davor. Insofern heben sie sich von den Mitmenschen ab, verweisen aber im Umkehrschluss auf sie zurück: Während der Durchschnittstyp tagtäglich immer ein bisschen auf die Fresse kriegt – und das oft noch nicht einmal merkt –, gehen sie komplett k.o. Erst mal.

Die Dardennes mögen es auch einfach. Der Kampf, den sie ihrer Protagonistin aufbürden, ist von solcher Schlichtheit, dass die Story komplett in die Hose gehen könnte, wären ihre Urheber nicht so furchtbar gewitzt. Um ihren Job zu behalten, muss Sandra eine Art modernen Spießrutenlauf absolvieren – ohne Erfolgsgarantie. Die Kollegen in der Fabrik sollen über Sandras Verbleib abstimmen. Stimmen sie für die Mitarbeiterin, verlieren sie ihre jährliche Bonuszahlung von 1.000 Euro. Die Chance, die Mehrheit der Kollegen für sich zu gewinnen, steht also  schlecht. Während Sandra dieser Fremdentscheidung ohnmächtig gegenübersteht, erinnert sich ihr Gemahl an eine Zielvorgabe der antiken Rhetorik, die sich im Kapitalismus bewährt hat: persuasio, die Überzeugung. Manu rät seiner Frau, übers Wochenende alle Kollegen persönlich aufzusuchen und sie dazu zu überreden, für den Erhalt von Sandras Job zu votieren.

Die Protagonistin befindet sich während eines Großteils des Filmsauf Wahlkampftour. Mit dem Unterschied, dass sie keine Partei hinter sich hat – nur ihr eigenes verkorkstes Leben. Auch geht es nicht um Ideologien, sondern um die bloße Existenz. Sandra wird zur Bittstellerin. Sie muss sich erniedrigen, um etwas zu erhalten, das sie – neben diversen anderen Ausgeburten der bürgerlichen Gesellschaft – krank gemacht hat. Allein in diesem Grundmotiv offenbaren sich die Absurdität und Perversion unseres alltäglichen Lebens. Wir müssen uns knechten und tun doch alles, um diese Knechtschaft zu erhalten. Denn aus dem System herauszufallen, bedeutet auch den Verlust des letzten Hauchs von Autonomie, der uns Menschlichkeit und Reflexionsfähigkeit bewahrt.

Mit Sandra haben die Dardennes eine verletzliche, aber in keiner Weise klischeehafte Frauenfigur geschaffen. In ihrer Verzweiflung nimmt sie ihr Leben in die Hand. Wäre »Zwei Tage, eine Nacht« ein US-Produkt, hätte Sandra sicher mehr Vitalität und Mutterwitz und der Film mehr Schwung, aber auch die leicht verlogene »Wenn du nur daran glaubst, kannst du es schaffen«-Mentalität. In dieser europäischen Koproduktion dagegen dominiert ein semidokumentarischer Stil. Nur zweimal erklingt Musik – und die kommt jeweils aus dem Autoradio. Sonst bleibt alles sehr nüchtern. Sandra fährt Bus, Sandra fährt Auto. Sie klingelt an Haustüren. Sie wird abgewiesen. Sie wird gehört. Sie kommt zu Hochhäusern und fährt durch backsteinerne Siedlungen. Sie nimmt Tabletten, hat Alpträume, heult und ist doch furchtbar stark und schön. Cotillard ist ein Glücksgriff für diese Rolle. Ihr Schritt ist der des  geknechteten Proleten. Hinter ihrer verhärmten Miene und ihrem vernachlässigten Outfit schlummern die Kraft und Schönheit des Individuums.


Freilich haben sich die beiden Regisseure mit ihrem schlichten Grundplot auf gefährliches Terrain begeben. Wie viele Filme und Romane sind schon daran gescheitert, dass nach wenigen Minuten oder Seiten klarwird, wohin die Reise geht. Und was könnte schlimmer sein, als die Betteltour eines anderen Menschen zu verfolgen, als sich mitihm eineinhalb Stunden lang erniedrigen zu müssen? Es ist allein dem Genie und dem subtilen Humor der belgischen  Filmemacher zu verdanken, dass »Zwei Tage, eine Nacht« nicht den Weg des Betroffenheitskinos geht, das seine Zuschauer in der Regel nicht aufrüttelt, sondern lähmt. Mit jeder Minute nimmt das Drama an Fahrt auf. Das Drehbuch überrascht mit immer neuen Ideen. Sandras Überzeugungstour wandelt sich und erreicht schließlich eine Qualität, die über den künstlerisch aussagelosen Sozialrealismus weit hinauszielt. Die melodramatischen Momente verkehren sich ins Absurde, bleiben aber durchaus realistisch. Statt wie die amerikanischen Aufsteigerkomödien den Zufall oder irgendeine fast schon göttliche Fügung zu bemühen, bleiben die Dardennes am Boden und suchen das Heil in den Widersprüchlichkeiten der bürgerlichen Gesellschaft selbst. Denn in einem System, in dem alles mit allem zusammenhängt, in dem täglich das Immergleiche grüßt und ein jeder ebenso gefangen ist wie sein Konkurrent, gibtes nur einen Ansatzpunkt für Kritik und Widerstand: immer wieder auf die Momente hinzuweisen, mit denen sich das System selbst ad absurdum führt.

- Katrin Hildebrand -

Zurück