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Yuli

23.01.2019 16:43

Regie: Icíar Bollaín; mit Carlos Acosta, Santiago Alfonso; Spanien/ Großbritannien 2018 (Piffl Medien); 109 Minuten; seit 17. Januar im Kino

Hier kämpft kein Billy Elliot darum, dass sein Traum, auf der großen Bühne zu tanzen, gegen alle Widerstände in Erfüllung geht, hier wehrt sich ein Junge mit Händen und Füßen gegen das affige Ballett, das ihn »wie eine Schwuchtel« aussehen lasse. Carlos Acosta, von seinem Vater nach dem afrikanischen Kriegsgott Yuli genannt, will lieber auf Havannas Straßen mit seinen Breakdancekünsten prunken. Doch sein Vater meldet ihn mit der Drohung »Du wirst noch mit dem Arsch wackeln« beim Nationalballett an. Ein Irrtum: Im klassischen Ballett ist Arschwackeln strengstens verboten.

Dieser Tanzfilm der anderen Art räumt mit den Klischees von Berufung und Willenskraft auf. Der spätere Principal Dancer beim Royal Ballet in London und erste dunkelhäutige Romeo schwänzte den Unterricht und flog von der Tanzakademie, fügt sich aber am Ende den Schlägen und Drohungen des Vaters. In der Einsamkeit eines Ballettinternats wurde der Tanz »Gefängnis und Zuflucht zugleich«, wie es die spanische Regisseurin Icíar Bollaín ausdrückt. Carlos’ Talent war die Chance für seine Familie, Nachkommen von Sklaven. In Kuba konnte der Junge aus ärmsten Verhältnissen eine komplette Tanzausbildung bekommen, »auch weil dort Hautfarbe keine Rolle spielte« (Acosta).

Bollaín und ihr Drehbuchautor Paul Laverty erzählen auf der Basis von Acostas Autobiografie auch ein Stück kubanischer Geschichte. Während seine Freunde in die USA flüchten wollen und der Vater befiehlt: »Vergiss uns, vergiss Kuba!«, stellt der von Heimweh geplagte Weltstar fest: »Ich bin der einzige Kubaner, der in Kuba leben will.«

»Yuli« ist kein straightes Tanzbiopic mit Blut, Schweiß und Tränen, Konkurrenzkämpfen und Bühnentriumph am Schluss. Zehn Choreografien mischen sich ins Geschehen und illustrieren den Seelenzustand, wo die Spielhandlung an ihre Grenzen stößt. Das Prügeln des Patriarchen sieht man nur als Tanz, pikanterweise übernimmt die Rolle der Sohn selbst. Während ein Zehnjähriger und ein Profitänzer (Bollaín wollte keine Schauspieler) ihn als Kind und jungen Mann verkörpern, inszeniert der schweigsame echte Acosta in der Rahmenhandlung sein eigenes Leben – als Tanz. Die in ihrer Erzählfunktion etwas trivialen Choreografien gehen dank brillanter Umsetzung und auf der Bühne plazierter Kamera nahe.

Der sperrige Film tanzt mutig auf mehreren Ebene zwischen Gestern und Heute, zwischen Ballett, Modern Dance und Schauspiel, zwischen Wahrheit und Fiktion. Der endlich Heimgekehrte hat mittlerweile in Havanna ein eigenes Ensemble gegründet und fördert junge Talente.

Marit Hofmann

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