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Wormwood

28.02.2018 15:04

Das Kino von Errol Morris war schon immer eine virtuose Paranoiamaschine. Andreas Busche hat Morris' Serie "Wormwood" als Film des Monats besprochen.

Regie: Errol Morris; mit Peter Sarsgaard, Molly Parker; USA 2017; 6 Episoden / 241 Minuten; seit 15. Dezember 2017 auf Netflix

Alles beginnt mit einem Fenstersturz, wie in Prag anno 1419 – oder, für Serienfans, wie im ikonischen Vorspann von »Mad Men« über die New Yorker Werbebranche der sechziger Jahre. Der Fenstersturz ist das zentrale Motiv in Errol Morris’ sechsteiliger Dokumentation »Wormwood«, die seit Dezember 2017 auf Netflix zu sehen ist. Er markiert den Beginn- und Endpunkt einer ziemlich verwirrenden und zunehmend komplexeren Verschwörung, über die sich Morris und sein Gesprächspartner Eric Olson vier Stunden lang die Köpfe zerbrechen.

Olsons Vater Frank, ein Bakteriologe, der nach dem Zweiten Weltkrieg im Auftrag des US-Militärs im Bereich der biologischen Kriegsführung forschte, stürzte am 28. November 1953 aus dem 13. Stock des Pennsylvania Hotels in Manhattan. Die Umstände seines Todes blieben mysteriös; die CIA, für die Olson an einem streng geheimen Projekt arbeitete, sprach von Selbstmord. Frank Olson litt, so die offizielle Version, unter Depressionen; während seines schicksalshaften Aufenthalts in New York traf er sich mehrfach mit dem Therapeuten Harold A. Abramson, eigentlich ein Spezialist für Allergien – und ebenfalls auf der Gehaltsliste der CIA. Für die »Agency« war der Fall damit erledigt, zunächst auch für die Familie Olson, die sich mit halbgaren Erklärungen abspeisen ließ.

Paradoxerweise gehört der Fall heute zu den bestdokumentierten Verschwörungen in der Geschichte der CIA. Der Journalist Seymour Hersh, der unter anderem das Massaker von My Lai und den Folterskandal in Abu Ghuraib aufdeckte (ein intimer Kenner der amerikanischen Psyche also), erzählt Morris im Interview, dass sich Geheimdienstler vom alten Schlag bei einer Verschwörung wie der um Olson insgeheim die Hände reiben: Alle wissen, dass etwas im Busch ist, aber es gibt keine Beweise. 1975 musste die CIA dann vor dem Rockefeller-Untersuchungsausschuss zugeben, dass Olson wohl bei einem ihrer geheimen Experimente ums Leben kam.

Die Anhörungen brachten ein ganzes Netzwerk verdeckter CIA-Operationen ans Licht, im Zentrum das berühmt-berüchtigte Geheimprogramm »MK-Ultra«, in dem Anfang der fünfziger Jahre mit LSD experimentiert wurde, um neue Wege der psychologischen Kriegsführung mittels Gedankenkontrolle und Gehirnwäsche zu finden. Frank Olson gehörte zu einer Forschungsgruppe, die mit bewusstseinserweiternden Substanzen arbeitete, um den Kampf gegen den Kommunismus im Kopf der Kalten Krieger zu gewinnen. Doch der Familienvater, der schon am Anthrax-Programm der Regierung beteiligt war, habe sich als psychologisch labil erwiesen.

Eine andere, nichtoffizielle Version lautete, dass Olson erhebliche Vorbehalte gegen den Einsatz biologischer Waffen gehabt habe und deswegen aus der CIA aussteigen wollte. So endete er auf dem Bürgersteig gegenüber vom Madison Square Garden, seine Familie erhielt 750.000 Dollar Schmerzens- beziehungsweise Schweigegeld. Damit war die CIA-Akte ein zweites Mal geschlossen. Eric, der sich an den Vater kaum erinnert, hat den Tod, der nach über 60 Jahren noch wie ein Schatten über der Familie liegt, nie verwunden.

Die Aussagen der Beteiligten vor der Rockefeller-Kommission waren unvollständig und widersprüchlich. Was sich genau in der Nacht des 28. November 1953 – und in den zehn Tagen zuvor, vom ersten klandestinen Treffen der Arbeitsgruppe in einer Waldhütte bei New York bis zum finalen Fenstersturz – ereignete, lässt sich anhand der Untersuchungsunterlagen nicht mehr rekonstruieren. Reichlich Gelegenheit also für Verschwörungstheorien, auch in Geheimdienstkreisen noch immer die bewährteste Methode der Verschleierung. Eric Olson plagt seit über 40 Jahren der Verdacht, dass die Enthüllung der LSD-Experimente von einem viel größeren Verbrechen der CIA ablenken sollte.

Morris ist von der Olson-Verschwörung nicht minder fasziniert wie von seinem Gegenüber – und folgt bereitwillig den irren Gedankenpfaden, auf die Olson ihn mit seinen Theorien bringt. Morris hat sich am Anfang seiner Karriere einen Namen als Regisseur von True-Crime-Dokumentarfilmen gemacht, in »Thin Blue Line« von 1988 entlastete er einen vermeintlichen Polizistenmörder. »Wormwood« ist eine Rückkehr zu den Anfängen: Wie vor 30 Jahren unterfüttert Morris seine Interviews mit Reenactments von Schlüsselszenen – den letzten Tagen von Frank Olson, gespielt von Peter Sarsgaard. Die Szenen haben visuell wie atmosphärisch, gehalten in gedeckten Farben im Stil eines period piece aus der Ära des »Qualitätsfernsehens«, eine hypnotische, fast surreale Noir-Qualität – umso mehr im Kontrast zu den nüchternen Talking-Heads-Interviews.

Doch anders als in »Thin Blue Line« tragen die Spielszenen nicht zur Aufklärung bei, sie bilden vielmehr die brüchige Fassade der Faktizität von Olsons Geschichte ab. Im Grunde bedient sich Morris ähnlicher Verdunkelungsmethoden wie die CIA. Im Laufe der sechs Folgen werden die Szenen im Hotelzimmer, die Nacht von Olsons Tod, wieder und wieder durchgespielt: stets aus einer neuen, leicht verschobenen Perspektive. So wird die Erzählung selbst zu einem Puzzle, dessen Teile kein Gesamtbild ergeben. Dieses filmische Vexierspiel dient weniger der Wahrheitsfindung als einer Reflexion über Eric Olsons Obsession – und damit auch über dessen tiefverwurzeltes Unbehagen gegenüber staatlichen Institutionen. Nach Interviewfilmen über Robert McNamara (»The Fog of War«), den Architekten des Vietnam-Kriegs, und Donald Rumsfeld (»The Unknown Known«), das Mastermind hinter George Bushs »War against Terror«, untersucht Morris Amerikas Kriegspolitik diesmal von der Seitenlinie: aus der Sicht eines unbeteiligten Zivilisten, den der Sturm der Geschichte erfasst hat.

Manchmal scheint Morris sogar eine perverse Freude an Olsons existentieller Verzweiflung zu entwickeln. Seine Bildmontagen entwerfen immer wieder eine Art Verschwörungsmatrix mit bis zu achtfachen Split-Screens, die seinen Gesprächspartner aus unterschiedlichen Winkeln einfangen. Schlüsselsätze hallen über den Bildern nach, teilweise geloopt. Sarsgaard kriecht wie ein Alb durch Erics dunkle Erinnerungen an seinen Vater, von dem er sich kein Bild mehr machen kann außer aus den Super-8-Familienfilmen, die Morris zwischen die Interviewsequenzen schneidet. Das Kino von Errol Morris war – in der Art, wie er Interviews, Archivmaterial und phantasmagorische Kolportage vermischt – schon immer eine virtuose Paranoiamaschine. In Eric Olson hat Morris nun einen ebenbürtigen Skeptiker gefunden.

Andreas Busche

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