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Vice - Der zweite Mann

21.02.2019 13:17

Regie: Adam McKay; mit Christian Bale, Amy Adams; USA 2018 (Universum); 132 Minuten; seit 21. Februar im Kino

Allerorts wird schon gemunkelt und gemutmaßt: Wer wird Trump und seine Entourage in der unweigerlich folgenden Hollywood- Verfilmung seiner Präsidentschaft spielen? Grund für solche Spekulationen sind Filme wie »Vice« von Adam McKay, der sich hiermit vielleicht schon als Verantwortlicher fürs Trump-Biopic positioniert.

»Vice« widmet sich Dick Cheneys Werdegang vom pöbelnden Redneck zum einflussreichen Vizepräsidenten an der Seite von George W. Bush und vor allem seiner finsteren Rolle im Nachklang des 11. Septembers 2001. Einerseits gibt sich der Film (wie der Vorgänger »The Big Short«) herablassend pädagogisch, indem er Cheneys weitreichenden Einfluss flapsig aufbereitet. Dazu dient filmische Didaktik mit der Subtilität eines Vorschlaghammers: Schlagwörter werden in riesigen Buchstaben eingeblendet, Metaphern, die auf Cheneys Passion fürs Angeln anspielen (Köder, Haken und so weiter, Sie verstehen), unablässig wiederholt, und dann kommentiert ein nerviges Voice-over alles noch mal haarklein.

Andererseits leidet der Film an seinem frechen, aber zahmen Tonfall, der dem verständlichen Zorn auf den minutiös geplanten Rechtsruck der amerikanischen Gesellschaft nach 9/11 – für den Cheney maßgeblich mitverantwortlich ist – keineswegs gerecht wird. Zweifellos ist etwa die von ihm initiierte Normalisierung von Folter und die Rechtfertigung sinnloser Kriege abscheulich; Bushs Präsidentschaft haben aber bereits diverse Formate so hemmungslos und bissig persifliert, dass diese lauwarme Quasisatire nur wenig hinzuzufügen hat.

Christian Bale macht seine Sache als nimmersatter Intrigant Cheney allerdings gut, ebenso Amy Adams als seine Gattin, die ihm in Sachen eiskalter Ambition in nichts nachsteht. Einzelne Sketche – etwa die Verführung des als komplett vertrottelt inszenierten George W. (Sam Rockwell) zu Cheneys Steigbügelhalter – funktionieren dank dieser schauspielerischen Klasse sogar hervorragend. Insgesamt aber enttäuscht »Vice« als laues, liberales Propagandastück, das in seiner oberlehrerhaften Dramatik streckenweise wirkt, als wäre Michael Moore ins Spielfilmfach gewechselt. Der unvermeidbare Trump-Film braucht dann bitte mehr Wut im Bauch und weniger inszenatorisches Gehabe.

Tim Lindemann

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