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Spot on: Vergiss mein Ich

06.05.2014 14:38

Regie: Jan Schomburg; mit Maria Schrader, Johannes Krisch; Deutschland 2014 (Real Fiction); 95 Minuten; seit 1. Mai im Kino

 

Der deutsche Problemfilm wird wohl niemals sterben. Von der Wochenbettdepression über Ehebruch bis zu Alzheimer und Hämorrhoiden: Kaum ein Schicksal ließen die Regisseure bislang unberührt. Stahlblaue Bilder, spartanische Dialoge, Kamerafahrten, die ob ihrer Eintönigkeit jede Karnevalsgesellschaft deprimierten,
machen diese Dramen zum Horrortrip. Und natürlich die verhärmten Mienen der Schauspieler. Ein Thema wie der Verlust des biographischen Gedächtnisses würde sich wunderbar in diesen kollektiven Drang zum vermeintlich
Tiefgründigen fügen. Doch scheint Regisseur Jan Schomburg keine Lust darauf gehabt zu haben, als er sich des Problems annahm.

Seine Protagonistin Lena weiß nicht mehr, wer sie ist. Nach einer verschleppten Gehirnhautentzündung ist ein Teil ihrer Erinnerung ausgeschaltet. Sie kann noch sprechen, denken, handeln, hat aber jede Vergangenheit vergessen
und kein Gespür mehr für Emotionen. Weder hat sie eine Ahnung, welcher Profession sie nachging, noch kennt sie den Kerl, der sich als ihr Ehemann ausgibt. Liebe, was ist das?

Natürlich ist dieses Schicksal schrecklich – man denke nur an die Angehörigen. Statt aber die Betroffenheitsnummer auszuspielen, nutzt Schomburg Lenas Misere, um das Ich des Menschen ein Stück weit zu dekonstruieren, ohne
dabei das Humane preiszugeben und sich in neurowissenschaftliche Mythen zu verrennen. Sein Film ist ernsthaft und auch lustig, das illustriert der Mix aus düster-grotesken Bildern, komödiantischen Szenen und mitunter schmissigen
Songs.

Maria Schrader spielt diese Lena ohne Scheu vorm Grotesken. Die Frau gerät zur unfreiwilligen Kasperlefigur, aber auch zu einer Pionierin gesellschaftlicher Kritik. Mit der Distanz des »Rain Man« versucht sie die mimische Darstellung von Gefühlen neu zu erlernen. Das wirkt verzweifelt, aber auch sehr analytisch. Ohne Lenas Verlust schönzureden, entdeckt Jan Schomburg in »Vergiß mein Ich« das befreiende Moment eines solchen Neuanfangs. Bürgerliche Moral besitzt in Lenas Leben keinen Platz mehr. Mit der Naivität einer Außerirdischen und dem
Verstand einer Erwachsenen lebt sie ihre Sexualität aus. Der Gatte findet’s nicht so gut – und der Zuschauer erkennt, so er dazu bereit ist, wie absurd und piefig die zwischenmenschlichen Regeln mitunter sind.

 

– Katrin Hildebrand –

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