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Spot on: Monuments Men

03.03.2014 11:34

Regie: George Clooney; mit George Clooney, Matt Damon; USA/ Deutschland 2014 (Twentieth Century Fox); 118 Minuten; seit 20. Februar im Kino

Diese Geschichte mußte einfach erzählt werden! Warum? Nun ja, das wiederum scheint niemandem so richtig klargewesen zu sein. Weshalb der Film »Monuments Men« trotz größtem Starauftrieb nie so recht Tritt faßt, sondern mit jeder Szene neu zu entscheiden hat, was er denn nun sein will: eine Burleske, ein Bildungsfilm, eine Hommage, eine Kriegstragikomödie, Propaganda, ein Buddy-Movie oder ein Pastiche aus all dem, erzählt in der Manier eines klassischen Hollywood-Films jener Zeit, als die Amerikaner noch Ideale hatten, für die sich einzutreten lohnte. Ungebrochen, stets mit einem coolen Lächeln auf den Lippen, manchmal auch eine Terz sentimental. They died with their boots on.

Worum geht es? Zum Beispiel: die Welt retten, sie mit Waffengewalt vom Faschismus befreien, Nazis jagen. Oder: die kulturellen Artefakte, in der synchronisierten Fassung gerne auch »Errungenschaften« genannt, davor bewahren, a) vom Waffengang in Mitleidenschaft gezogen zu werden oder b) in die »falschen« Hände zu geraten. Natürlich dabei gerne rauchend, with a smile on their faces – und manchmal, in stillen Stunden, wenn es doch einmal Tote gegeben hat, danach fragend, ob es sich denn lohnt, für ein Kunstwerk sein Leben zu geben. Letztere Frage gibt den Kammerton der ziemlich mißglückten Regiearbeit George Clooneys vor, sie wird im Verlauf immer mal wieder gestellt und unmißverständlich beantwortet.

Die Geschichte, die erzählt werden mußte, ist freilich schnell erzählt, zumal sich der Film selbst nicht über Gebühr für sie interessiert. Übrigens auch nicht für die Kunst, die hier bestenfalls als MacGuffin fungiert und die Geschichte in Trab hält. Deren Ausgangspunkt ist allerdings etwas frivol. Mitten im Zweiten Weltkrieg hält der Kunsthistoriker Frank Stokes (Clooney) dem US-Präsidenten Roosevelt einen Diavortrag über Kollateralschäden an der Kultur, die der moderne Krieg mit sich bringt. Man müsse schnell aktiv werden, damit nach dem Krieg noch etwas übrig sei, für das sich der Einsatz gelohnt habe. Es geht um Zerstörung historischer Kulturdenkmäler durch Bombardierung oder Kampfhandlungen, aber auch um Kunstraub seitens der Nazis, die sich in ganz Europa die Exponate für ein gigantisches Führer-Museum in Linz zusammenrauben. Ethische und kulturpolitische Bedenken werden in schöne Sentenzen zum Mitschreiben verpackt: Wem gehört die Kunst? Den Menschen! Allen Menschen! Welche Funktion hat die Kunst? Sie sorgt für Identität und bleibende Erinnerung, ist der Fels im Fluß der Zeit. Der Vortrag zeitigt Wirkung. Der Präsident kontert: Ob Stokes denn seinerseits bereit sei, diesen Job zu tun, schließlich seien die jungen Kollegen längst im Fronteinsatz. Klar, ist er, und die Rekrutierung seiner eigenwilligen Mitarbeiter fällt dann so aus, als hätten wir das Prequel verpaßt. Lauter ältere Herrschaften, die bei der ersten Begegnung so tun, als hätten sie bereits so manches Abenteuer gemeinsam bestanden. Überraschung, Grinsen: »Lust, ein bißchen im Krieg mitzumischen?« Eigentlich ist man längst zu alt für den Kriegseinsatz, zu übergewichtig oder notorischer Alkoholiker mit schlechtem Leumund. Die Rettung der Kunst eröffnet im Nachrückverfahren eine letzte Chance, doch noch seine patriotische Pflicht zu leisten. Nach der erfolgreichen Landung in der Normandie beginnt die Arbeit der Monuments Men, wobei das Verständnis der regulären Truppen für das Anliegen dieser seltsamen Typen sich pragmatisch in Grenzen hält.

Obwohl der Film nur wenige Protagonisten hat, kommt er beim Erzählen der diversen Handlungsfäden ins Stocken. Es fallen auch schon mal ein paar Schüsse, aber der Krieg erscheint hier doch eher als mal lässige, mal absurde Sommerfrische, bei der sich Clooney & Co. ihre coolen One-Liner (»Was tust du da?« – »Ich glaube, ich bin auf eine Landmine getreten.« – »Warum machst du sowas?« – »Was gibt’s denn?« – »Unser Lieutenant hier steht auf einer Landmine.« – »Warum machst du sowas?«) um die Ohren hauen, während sie zielstrebig gen Osten ziehen: nach Paris, Brügge, Aachen, Siegen, Merkers, Heilbronn bis nach Österreich. Damit sich der Zuschauer besser orientieren kann, werden hier nur die Big Names gehandelt: Picasso, Monet, Vermeer, Rembrandt, Michelangelo und der Genter Altar. Es ist ein Rennen gegen die Zeit, denn die Nazis klauen nicht nur für das geplante Führer-Museum, sondern gerne auch für die eigenen vier Wände. Was sie auf dem eiligen Rückzug nicht mitnehmen können, wird dann schon mal – Stichwort: Nero-Befehl Hitlers – vernichtet. Auf der anderen, allerdings dramaturgisch stark funktionalisierten Seite drängen von Osten überdies die Russen heran, die sich Kunstwerke als Reparationen sichern. Klare Sache: Von Sowjets ist keine Einsicht in das humanistische Erbe zu erwarten. So reiht sich munter und untermalt von der grauenhaftesten, manipulativsten Filmmusik seit Dezennien Anekdote an Anekdote: Der Krieg weit weg, der Frontverlauf fluid, wenn Deutsche als Gegner auftauchen, sind es entweder irregeleitete Kinder oder unverbesserliche Nazis, die allerdings recht mühelos zur Strecke gebracht und in Rededuellen symbolisch »ausgelöscht« werden können.

Spannend ist das Ganze nicht, aber ein paar Szenen bleiben in Erinnerung. Da ist der traumatisierte junge deutsche Soldat, der eine Zigarette angeboten bekommt und schon mal unsicher eine Grundlage für die bilateralen Beziehungen für die Zukunft anbietet: »John Wayne?« Das ist ein Angebot, jenseits der High Art, zumal der Film seinerseits längst »Red River« und »Ich war eine männliche Kriegsbraut« nachspielt: mit Matt Damon als Montgomery Clift und Bill Murray und John Goodman als Walter Brennan. In Paris trifft Damon dann noch auf Cate Blanchett als Kuratorin, die mit den Nazis kollaboriert, aber auch mit der Résistance zusammengearbeitet hat – um der Kunst willen. Sie argwöhnt, daß die Amerikaner hier unter einem Vorwand Schauwerte für ihre eigenen Museen rekrutieren. Aber Damon findet die starke Geste, die Blanchett überzeugt. Er nimmt ein unbedeutendes Gemälde und hängt es dort auf, wo es vorher hing: in der leeren Wohnung einer deportierten jüdischen Familie. Als Memento mori.

Der Holocaust kommt noch zweimal ins Spiel: zum einen in Form einer Erinnerung an den jüdischen Großvater, der seinem Enkel nicht erklären wollte, warum Juden in Karlsruhe nicht mehr Rembrandt anschauen durften, und zum anderen in Form eines Fasses voller Zahngold – da muß allerdings der Soundtrack dem Zuschauer dräuend erklären, was es damit auf sich hat, weil der Film selbst keinen Ton dafür findet und ehrlich gesagt auch keinen Platz hat.

Ulrich Kriest –

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