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Spot on: In Sarmatien

24.03.2014 15:25

Regie: Volker Koepp; Deutschland 2013 (Salzgeber); 122 Minuten; seit 20. März im Kino

Diese Dokumentation kommt – irrwitzig genug – wie gerufen. Während die tagesaktuellen Medien pausenlos Bilder und Meldungen aus der Ukraine produzieren, die bei näherer Betrachtung undurchsichtig oder widersprüchlich erscheinen, kommt Volker Koepp mit seinem neuen Film um die Ecke und richtet den Blick seiner Kamera in eine alternative, weniger spekulative Richtung, aufs große Ganze, vielleicht. Denn Sarmatien ist ein imaginärer Raum, so bezeichneten die alten Griechen jenen Teil Ostmitteleuropas zwischen Ostsee und Schwarzem Meer, zwischen Weichsel und Wolga, der für sie der Rand der Welt gewesen sein mag. Hier kennt Koepp sich bestens aus, denn seit den frühen Siebzigern hat sich der Filmemacher, inspiriert durch die Lektüre von Johannes Bobrowskis Gedichtsammlung Sarmatische Zeit, in jenem geographischen Raum auf Spurensuche begeben, »wo alle Völker und Religionen der Welt ihren Platz fänden, hätte nicht die Geschichte alles eins ums andere Mal umgepflügt« (Bobrowski). Koepp zitiert im Presseheft Novalis: »Alle Erinnerung ist Gegenwart« – für »In Sarmatien« trifft das zu, da der Regisseur einige Spuren seiner älteren Filme wie »Kalte Heimat« oder »Herr Zwilling und Frau Zuckermann« aufgreift und gewissermaßen updatet.

Der Film führt von Nord nach Süd, von der Ostsee ins einst multikulturelle Czernowitz, nach Moldawien, Galizien, Uman, Weißrußland und zurück in den Norden, zur Kurischen Nehrung und nach Kaliningrad. Koepp trifft auf alte Bekannte und läßt flüchtige Begegnungen zu. Menschen erzählen: von ihrem Alltag, davon, was seit dem Untergang der Sowjetunion in der Region geschehen ist, von Hoffnungen auf Veränderung, die sich nicht erfüllt haben, von der Suche nach einer Identität, die der geographischen Tatsache, daß hier die Mitte Europas zu suchen sei, Rechnung trage. Der Film handelt jedoch nicht vom möglichen Aufbruch nach Europa, sondern eher von Erschöpfung auch jener, deren Stärke den Film von innen leuchten läßt. So liegt über allem ein Schatten tiefer Melancholie: Nach Holocaust und Sowjetherrschaft sorgt jetzt die Armut für die Zerstörung verläßlicher Strukturen. Kinder werden von Großeltern erzogen, weil die jungen Leute zum Arbeiten ins Ausland zu gehen gezwungen sind. Die daraus erwachsenen Dynamiken sind nicht abzusehen. Viele der Befragten strahlen, wenn sie sich ihre trostlose Zukunft ausmalen. Reine Gegenwart voller Erinnerungen.

– Ulrich Kriest –

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