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Spot on: Nächster Halt: Fruitvale Station

06.05.2014 14:53

Regie: Ryan Coogler; mit Michael B. Jordan, Melonie Diaz; USA 2013 (DCM); 85 Minuten; seit 1. Mai im Kino


»Vor 35 Jahren hätte ich Trayvon Martin sein können.« Mit diesen Worten kommentierte Barack Obama vor einem Jahr den Freispruch von George Zimmerman, dem Todesschützen von Trayvon Martin. Obamas Rede war für einen US-Präsidenten historisch, weil sie ein Licht auf die Lebensumstände vieler Afroamerikaner in den USA wirft – nicht vor 35 Jahren, sondern heute. Insofern irrte Obama mit seiner Aussage. Denn wäre er nicht Präsident, könnte Obama noch heute Trayvon Martin sein. Jeder Afroamerikaner ist im Jahr 2014 ein potentieller Trayvon Martin.

Wie Obama äußern sich auch die Filmemacher, die mit »Fruitvale Station« einen ähnlichen Fall von rassistisch motivierter Selbstjustiz aufgreifen. Regisseur Ryan Coogler erzählt im Presseheft, daß ihn der Tod des 22jährigen Oscar Grant in der Neujahrsnacht 2009 persönlich getroffen habe, weil »das genausogut ich hätte sein können«. Eine besondere Brisanz erhielt der Fall seinerzeit, weil das Vorgehen der Sicherheitskräfte gegen eine Gruppe afroamerikanischer Jugendlicher gut dokumentiert ist. Zahlreiche Fahrgäste filmten unter Drohungen der Polizisten die Szene, die sich in den Morgenstunden des 1. Januar 2009 auf einem Bahnsteig im kalifornischen Oakland abspielte. Am Ende hatte der gefesselte Oscar Grant eine Kugel im Rücken. Die Aufnahmen dienten im späteren Prozeß gegen den Todesschützen Johannes Mehserle als Beweismaterial. Doch ähnlich wie in den Fällen von Rodney King und Trayvon Martin reichte die Beweiskraft der Bilder dem Gericht nicht. Mehserle wurde der »fahrlässigen
Tötung« für schuldig befunden. Der gesellschaftliche Kontext, der Alltagsrassismus, der der Tat zugrunde lag, fand im Urteil keine Berücksichtigung.

Auch Coogler arbeitet am Anfang von »Fruitvale Station« mit diesen Handyaufnahmen, schiebt den echten Bildern aber eine eigene Interpretation hinterher, die die Ereignisse in ein anderes Licht rücken. Er erzählt die möglicherweise repräsentative Geschichte eines afroamerikanischen Jungen, der auf die schiefe Bahn geraten ist und nun für seine Frau und seine kleine Tochter ein besserer Mensch werden möchte. Diese idealisierte Erzählung steht in der Tradition eines amerikanischen Independentkinos mit gesellschaftlichem Anspruch (das in den vergangenen Jahren an Relevanz gewonnen hat), will aber auch mehr sein als nur gut gemachtes Kino. »Fruitvale Station« ist vor allem als Ausdruck von Zivilcourage zu verstehen. Coogler versucht die Realität hinter den Medienbildern, die bald nach dem Tod Oscar Grants auf Youtube kursierten, aufzudecken, und zwar in einer Weise, die durchaus legitim ist und dennoch ihre ganz eigenen Probleme mit sich bringt: als Fiktion nämlich.

In Cooglers Film kommen zwei unterschiedliche Erzählstrategien zusammen: die Rekonstruktion (eines Unrechts) und die Charakterstudie (eines Menschen, der durch sein soziales Umfeld »determiniert« ist). Erstere folgt zunächst einem nachvollziehbaren Affekt, dem Skandalisieren. Die zweite Strategie erhält weniger durch die Selbstevidenz der Erzählhaltung eine Brisanz, sondern durch genaue Milieuzeichnungen, die die Figur Oscar Grant einerseits mit einer Story ausstatten, darüber hinaus aber den Ereignissen in jener Nacht einen sozialen Metatext geben. Wenn »Fruitvale Station« Grant bei seinen Besorgungen am letzten Tag seines Lebens begleitet, sind die Bilder bereits durch das Wissen um seinen bevorstehenden Tod besetzt. Jede Handlung zielt auf eine spezifische Lesart ab, ob er am Strand sein letztes Dope einem Kunden schenkt oder ob er sich am Straßenrand um einen angefahrenen Hund kümmert. Coogler zeigt die letzten zwanzig Stunden im Leben Oscar Grants (sowie eine kurze bewegende Rückblende zu seinem Gefängnisaufenthalt) als allegorische Verdichtung eines ganz normalen afroamerikanischen Lebens.

Diesen Widerspruch (eine Verdichtung ist zwangsläufig eine Form der Stilisierung) löst Coogler in einem unaufdringlichen dokumentarischen Erzählmodus auf, der den authentischen Todesbildern vom Anfang eine andere afroamerikanische Alltagswahrnehmung entgegensetzt. Da sieht man dann Grant mit seinem Wagen durch Oakland fahren und ohne dramaturgische Dringlichkeit Nachbarschaftsimpressionen einfangen. Grant mit seinen Freunden. Grant mit seiner Tochter. Grant, wie er mit seiner Mutter telefoniert (»Fährst du etwa, während du telefonierst?«).

In diesen Szenen, in denen der gute Wille des Regisseurs so weit in den Hintergrund tritt, daß sein Film tatsächlich so etwas wie ein echtes Leben abzubilden beginnt, entwickelt »Fruitvale Station« Überzeugungskraft. Er öffnet den Blick in einen afroamerikanischen Mittelstandshaushalt (wieviele US-Filme können das heute schon von sich behaupten?) und zeigt drei Generationen von Männern und Frauen bei den Vorbereitungen auf eine Familienfeier, beim Rumlabern und Essen. Daß hier renommierte Hollywood-Schauspieler – Michael B. Jordan ist bekannt geworden
durch seine Rolle als Wallace in »The Wire«, Octavia Spencer, die Grants Mutter spielt, gewann einen Oscar für ihre Rolle in dem Rassismusdrama »The Help« (so etwas wie die Antithese zu »Fruitvale Station«) – Identifikationsarbeit leisten müssen, schmälert die Wirkung dieser Szenen nicht. Im Mittelpunkt steht immer die Familie, gewissermaßen als maßgebliches afroamerikanisches Ensemble. »Fruitvale Station« nimmt somit eine Spur auf, die bis zu den Los-Angeles-Filmen von Charles Burnett (»Killer of Sheep«) und Billy Woodberry (»Bless their Little Hearts«) zurückreicht – zwei der wichtigsten Filme über das Leben in den Schwarzenvierteln der amerikanischen Metropolen.

Gemessen an diesen Vorbildern, ist Cooglers Dramaturgie etwas zu didaktisch geraten: ein Appell an die Menschlichkeit, gleichzeitig ein ethnographischer Ausschnitt. Es geht dem Regisseur aber in erster Linie um Anteilnahme. Zu einem utopischen Moment kommt es kurz vor dem schicksalhaften Zwischenfall im Zug, als die Fahrgäste realisieren, daß sie ihr Ziel nicht mehr rechtzeitig bis Mitternacht erreichen werden und ihre Silvesterfeier vor Ort beginnen. Dieses befreiende Gemeinschaftsgefühl bekommt kurz darauf eine völlig neue Konnotation, als die Fahrgäste hilflos mitansehen müssen, wie Grant und seine Freunde auf dem Bahnsteig von den Polizisten mißhandelt werden. Die Handybilder werden zu einem Ausdruck von Solidarität.

 

– Andreas Busche –

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