Aktuelles

tl_files/hefte/2019/abo1119start.jpg

To watch this video, you need the latest Flash-Player and active javascript in your browser.

Tomayers Video-Tagebuch

No-Go-Area Deutschland

Filmkritiken

Termine

Spot on

Spot on: Der Imker

30.01.2014 10:11

Regie: Mano Khalil; Schweiz 2013 (BraveHearts International); 107 Minuten; ab 30. Januar im Kino              

 

Vor dem Hintergrund der bildschönen Schweizer Landschaft kümmert sich ein älterer Herr liebevoll um seine Bienenvölker. Er erzählt, er habe immer versucht, seine Familie so zu ordnen, wie es die Bienen tun - und mit einem traurigen Lächeln fügt er hinzu, daß er daran gescheitert sei. Hinter diesem Lächeln versteckt sich die tragische Lebensgeschichte des kurdischen Asylbewerbers Ibrahim Gezer.

Ibrahim, genannt Îrbo, war früher einmal Imker. Einst hatte er alles, was für ihn Glück bedeutete: eine Frau, elf Kinder und Hunderte von Bienenvölkern. Jedoch mußte er aus der Türkei fliehen, als seine Tochter als Freiheitskämpferin der PKK getötet wurde. Ibrahim tauchte aus Angst vor Folter und Mord in die Berge ab, denn die Behörden suchten auch nach ihm. Seine Familie war unaufhörlich Repressalien ausgesetzt: Zwei Söhne wurden verhaftet unter dem Verdacht, sie seien PKK-Mitglieder, ein dritter trat der Guerilla bei. Der Verlust von vier Kindern trieb die Mutter in den Suizid.

Jetzt ist Ibrahim in der Schweiz gelandet, hat endlich einen sicheren Ort fernab der Türkei gefunden. Jedoch sieht er sich auch hier vielen Hürden ausgesetzt: von der Sprachbarriere über die langsam mahlende Bürokratie bis zu familiären Tragödien. Statt seinen Traumberuf auszuüben, muß er zunächst am Fließband sitzen und Ricola-Bonbons eintüten. Trotzdem bleibt er immer freundlich und offen, und seine Bienenstöcke werden zu seinem Zufluchtsort, an dem man ihn zu jeder Jahreszeit finden kann.

Die Dokumentation skizziert das Porträt eines Mannes, der trotz der unglaublichen Schwierigkeiten, denen er fast sein ganzes Leben ausgesetzt war, nicht verbittert und verhärtet ist, sondern immer versucht, das Leben seiner Mitmenschen ein bißchen fröhlicher zu machen. Der kurdische Regisseur Mano Khalil mußte wegen seines ersten Films über die Situation der Kurden in seinem Heimatland Syrien flüchten und lebt seit 1996 ebenfalls in der Schweiz. In „der Imker“ gibt er nun einen einfühlsamen Einblick in das Leben der Kurden in der Türkei und zeigt, welche Gefühle der Ohnmacht und Sorge die Exilanten konstant begleiten.

Jedoch erfährt man wenig von der übriggebliebenen Familie Ibrahims und kann dadurch keine wirkliche Nähe zu Ibrahim aufbauen. Da Khalil auf einen Off-Kommentar verzichtet, ist es den Zuschauerinnen und Zuschauern selbst überlassen, Schlüsse aus den Interviews und Szenen mit Ibrahim zu ziehen. Manche Szenen ziehen sich zu sehr in die Länge oder fügen dem Film nichts hinzu. Khalil spinnt in "Der Imker" einen interessanten roten Faden, verheddert sich aber oft in Nebensächlichkeiten. Daß er in der eskalierenden Debatte über Zuwanderung die menschliche Seite und Perspektive der Asylbewerber betont, ohne aufdringlich oder moralisierend daherzukommen, ist ihm dennoch hoch anzurechnen.

Peter Williamson

Zurück