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Spot on: 20 Feet from Stardom

30.04.2014 14:09


Regie: Morgan Neville; mit Darlene Love, Merry Clayton; USA 2013 (Weltkino), 91 Minuten; seit 24. April im Kino

 

Die Autoren von Musikdokumentationen haben offenbar eine Vorliebe für vergessene Künstler, Fußnotenprotagonisten und Beklaute. Das zeigen Filme wie »Standing in the Shadows of Motown« (siehe KONKRET 7/03) und der Oscar- Gewinner »Searching for Sugar Man«. In diesen Kontext gehört auch die Doku »20 Feet from Stardom«, die in diesem Jahr den Oscar bekam. Morgan Neville erzählt die Lebensgeschichte afroamerikanischer Backgroundsängerinnen, die trotz aller künstlerischen Voraussetzungen als Frau an der Front nicht reüssieren oder sich erst spät den Weg freikämpfen konnten.

Regisseure wählen solche Themen auch aus, weil das Publikum Underdogs mag. Jeder Popfan kann sich an Konzerte erinnern, in denen eine besondere Magie entsteht, wenn Backgroundsängerinnen einen – kurzen – großen Auftritt haben. Aus den Archiven hat Neville Ausschnitte zusammengestellt, die solche Momente einfangen: Zwischen Star und Topdienstleisterinnen entwickelt sich auf der Bühne etwas, das so nicht geplant war oder zumindest wirkt, als seien die Beteiligten überrascht davon.

Der Film macht bewußt, daß für die Schlüsselmomente eines Songs oft Sängerinnen verantwortlich sind, deren Namen nur die allerwenigsten kennen. Das gilt etwa für die Zeilen »Rape, murder, it’s just a shot away« aus dem Rolling-Stones-Stück »Gimme Shelter«. Gesungen hat sie Merry Clayton, die Neville nun dabei zeigt, wie sie ihrer Gesangsspur lauscht. Für ihren Part wurde die damals Hochschwangere des Nachts aus dem Bett geholt. Musik entsteht, wie jedes andere Produkt, selten unter Rahmenbedingungen, die für alle Mitarbeiter angenehm sind.

Neville erzählt von dem ungeschrieben Gesetz, daß Sängerinnen, die sich als Wasserträgerin bewährt und oft genug den Frontfiguren den Arsch gerettet haben, mit dieser Rolle zufrieden zu sein haben. Die Labels haben wenig getan, um diese Musikerinnen zu fördern. Zu spüren bekommen hat das Claudia Lennear, die einst bei den Ikettes sang, der Backing Group von Ike & Tina Turner. Sie arbeitet heute als Spanischlehrerin. Darlene Love, der einst der schurkische Produzent Phil Spector den Ruhm raubte, indem er eine Platte von ihr unter anderem Namen erscheinen ließ, reinigte Häuser, ehe sie sich dank einer spät gestarteten Solokarriere noch in die Rock and Roll Hall of Fame sang.

Trotz des Unmuts über die Popindustrie und omnipräsenter Melancholie hat Neville einen Wohlfühlfilm gemacht. Dazu trägt die Musik bei, die die Protagonistinnen teils eigens für den Film eingespielt haben. Diverse berühmte Männer (Jagger, Springsteen, Sting) wirken allerdings etwas gönnerhaft, wenn sie in Interviews die Fähigkeiten der nichtberühmten Frauen preisen, von denen sie profitieren.

 

René Martens –

 

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