Aktuelles

tl_files/hefte/2019/abo0519start.jpg

To watch this video, you need the latest Flash-Player and active javascript in your browser.

Tomayers Video-Tagebuch

No-Go-Area Deutschland

Filmkritiken

Termine

Spot on

Sag nicht, wer du bist!

21.08.2014 15:46

Regie: Xavier Dolan; mit Xavier Dolan, Lise Roy; Frankreich/Kanada 2013 (Koolfilm); 102 Minuten; ab 21. August im Kino 

Ein junger schwuler Mann aus Montreal fährt aufs Land, um unangekündigt am Begräbnis seines verunglückten Partners teilzunehmen. So weit, so schlicht der Einzeiler zum vierten Spielfilm des frankokanadischen Regietalents Xavier Dolan. »Tom à la ferme« (Tom auf der Farm) hat hier den pseudomysteriösen Titel »Sag nicht, wer du bist« verpaßt bekommen.

Wer nach Dolans geschliffen eye-candyesker Poptrilogie über (un)mögliche Liebe – von »Ich habe meine Mutter getötet« über »Herzensbrecher« bis zum fulminanten »Laurence Anyways (siehe KONKRET 7/13) – nun stilistisch Ähnliches erwartet, wird enttäuscht. Wie kontert Dolan so treffend im Magazin »Hazlitt«: »You don’t want to just play by your own rules.« Womöglich um so weniger, wenn der Filmemacher erst 25 Jahre zählt. Einen »klassischen Thriller« habe er machen wollen, »Syd Field-bewährt« und à la Sidney Lumets »Die zwölf Geschworenen«. Wundervoll, daß wir hier wieder ent-täuscht (also aus einer Täuschung entlassen) werden! Wie »klassisch« fällt wohl ein Thriller Dolans aus, der bislang nicht gerade dadurch auffiel, que(e)re Figuren und Sujets aus Drehbüchern und von der Leinwand gekehrt zu haben?

Keine Frage, das Ergebnis ist spannend, der ländliche brutal-stumpfe Mikrokosmos ein ideales Netz, um den Antihelden Tom in seiner frei gewählten Gefangenschaft darin zappeln zu lassen. So wirkt eine der ersten Einstellungen wie die visualisierte Kausalität dumpfer Ländlichkeit. Aber auch wie die verengte kausale Denkweise des trauernden Tom: Freund tot, hin zu seiner Familie, allein.

»Before learning how to love, homosexuals learn how to lie.« Dieses Zitat Michel Marc Bouchards, auf dessen gleichnamigem Theaterstück »Tom à la ferme« basiert, sei die emotionale Klammer des Films gewesen, so Dolan. Müssen nicht aber alle diesen Lernprozeß durchlaufen, die quer zu Normen stehen? Und tut sich im Film nicht noch etwas ganz anderes auf, auf das wir durch den Tod eines geliebten Menschen zurückgeworfen werden? Die ungefragt aufblitzende Klarheit unserer nackten Existenz, jenseits des Wortes, jenseits von Konzept, Norm, Kategorie und Gesellschaft?

Der Film beginnt mit der hastigen Niederschrift eines Traums, auf weißer Wegwerfserviette mit blauem Filzstift in nur vier letzten Worten das universelle Paradox des Trauernden zeichnend: »ohne dich, dich zu ersetzen«. Und aus dem Off hört man Tom rufen: »Scheiße!«

– David Binder –

 

Zurück