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Roma

19.12.2018 12:42

Regie: Alfonso Cuarón; mit Yalitza Aparicio, Marina de Tavira; Mexiko/USA 2018 (Netflix) 135 Minuten; seit 14. Dezember auf Netflix (sowie vorab in einzelnen Kinos)

Der alte, fälschlicherweise Frank Zappa zugeordnete Spruch, Schreiben über Musik sei so unmöglich wie Tanzen zu Architektur, trifft gelegentlich auch auf Filmkritik zu: Wie soll man nur in Textform begreiflich machen, dass bereits die erste Einstellung von Alfonso Cuaróns »Roma«, in der bloß Wischwasser über einem gefliesten Boden ausgeleert wird, ein Gefühl von purem Kino vermittelt? Kleine Wellen rauschen in Nahaufnahme über die gesprungenen Fliesen des Korridors, dann erkennt man die Reflexion des Himmels im Wasserfilm – am Ende der Einstellung fliegt ein Flugzeug zugleich durch Wolken, Wasser und Fußboden.

Was wie ein banales Detail wirken mag, deutet in seiner bescheidenen Poesie auf eine der größten Fähigkeiten des Kinos hin: die kleinen visuellen Wunder des Alltags sichtbar zu machen, die ungefilmt einfach im Nichts verschwinden würden. Es ist eine Fähigkeit, die dem aktuellen Kino beinahe gänzlich abhanden gekommen zu sein scheint – Alfonso Cuarón zelebriert sie in seinem Nachfolger des Weltraumspektakels »Gravity« aufs wundervollste, degradiert sie aber nicht zum bloßen Selbstzweck. Der anfangs gezeigte Korridor etwa ist in der narrativen Architektur des Films zentral, führt er doch zum einen in das stattliche Anwesen einer bürgerlichen Familie in Mexiko City, die wir in den nächsten zweieinhalb Stunden durch eine entscheidende Phase ihrer Geschichte begleiten werden; zum anderen ist wichtig, wer da putzt, nämlich die indigene Hausangestellte Cleo (Yalitza Aparicio), deren Perspektive der Film einnimmt.

»Roma« spielt im Jahr 1971; der Titel bezieht sich vorrangig auf den Stadtteil Colonia Roma in Mexiko City, in dem ein Großteil der Handlung stattfindet – gleichzeitig spielt Cuarón auf die schier unendliche Ausdehnung des imperialen Roms an, die er in der mexikanischen Hauptstadt widergespiegelt sieht. Das visualisiert er in atemberaubenden Totalaufnahmen, in denen noch der letzte Winkel des Bildausschnitts perfekt kalkuliert und dennoch komplett organisch wirkt. Die Optik des Films steht den bombastischen Weltraumszenen in »Gravity« um nichts nach, begeistert aufgrund ihrer magischen Sicht auf alltägliche Szenarien sogar noch mehr. Das bedeutet allerdings nicht, dass Cuarón eine Traumwelt erschafft. Eine der erschütterndsten Szenen spielt im chaotischen Umfeld des »Corpus-Christi-Massakers«, das Regierungstruppen 1971 an protestierenden Studenten verübten.

Dabei ist »Roma« weder Historiendrama noch Familienporträt im klassischen Sinn; man kann den mäandernden Plot am besten mit dem eines gelungenen Tausend-Seiten-Romans vergleichen: Der Einstieg in die Welt der Figuren fällt am Anfang noch etwas schwer, aber ehe man sich versieht, ist man komplett in den Filmkosmos eingetaucht. So erlebt man, wie der Vater, ein angesehener Akademiker, seine Familie sang- und klanglos für eine neue Liebe verlässt, wie die verzweifelte Mutter nun mit ihrem spärlichen Einkommen die drei Kinder ernähren muss, wie die Familie einen Ausflug aufs Land unternimmt, ins Kino geht und so weiter. Vor allem aber leiden wir mit Cleo, die einerseits so etwas wie eine Freundin der Familie geworden ist, aber durch ihre indigene Identität und Klassenzugehörigkeit eben auch ganz klar von ihr getrennt ist.

Cleos Probleme wiegen dementsprechend ungleich schwerer, wenn sie auch ähnlicher Natur sind: Als sie von ihrem Freund schwanger wird, dieser aber ohne mit der Wimper zu zucken abhaut, plagen sie existentielle Ängste: Wenn sie die Stelle als Hausmädchen verlieren sollte, droht ihr bittere Armut. Cleos Suche nach dem geflüchteten Vater des ungeborenen Kindes in einem ländlichen Vorort ist eine weitere unvergessliche Episode des Films. Ihre Irrfahrt durch die Slums führt Cleo in ein bizarres Kampfkunst-Trainingscamp, in dem sie ihrem mittlerweile faschisierten Exlover schließlich begegnet. Der magische Realismus, mit dem der Regisseur diese und andere Szenen interpretiert, ist eine willkommene Alternative zum derzeit im Sozialkino vorherrschenden neorealistischen Stil. Cuarón deutet mit dieser Ästhetik über die Schicksalsschläge seines Personals hinaus, ohne sie zu bagatellisieren: Ökonomische, politische und rassistische Konflikte sind Teil der dargestellten Lebenswelt, aber der Film setzt auch auf Humor, Solidarität und Transzendenz.

So entsteht aus den stärksten Eigenschaften seiner bisherigen Filme Cuaróns Meisterstück: Die genauen Alltagsbeobachtungen aus »Y Tu Mamá También« treffen auf die epische Breite von »Gravity« und auf die nahezu perfekte Choreografie aus »Children of Men«. Dabei entsteht ein bewegendes Stück Kino, dem es irgendwie gelingt, gleichzeitig Melodram und Studie zu sein, das sich in kleinste Details verlieren kann und größere Zusammenhänge gekonnt evoziert. »Roma« ist ein hervorragendes Argument gegen alte Knurrer, die dem aktuellen Kino grundsätzlich vorwerfen, es mangele ihm an der künstlerischen Dringlichkeit einer beliebig verorteten »goldenen Zeit«.

Bleibt zum Schluss der nicht unerhebliche Aspekt der Veröffentlichung des Goldenen-Löwen-Gewinners. Netflix hat »Roma« erst kurz vor Start auf der eigenen Streamingplattform und nur zu ausgewählten Terminen in vereinzelte deutsche Kinos gebracht. Manche Betreiber boykottieren »Roma« zudem wegen Netflix’ Antikinopolitik. Es steht außer Frage, dass der Film in seiner Bildgewalt geradezu danach verlangt, auf der größtmöglichen Leinwand gezeigt zu werden; allein der Gedanke, dass Cuaróns Meisterwerk demnächst über Smartphone-Displays flackern könnte, sorgt für Übelkeit. Der Streaming-Vertrieb hat aber zwei glasklare Vorteile: Wer von seinem Vor- oder Kleinstadtkino keine erlesene Filmauswahl erwarten kann, kommt nun erstens trotzdem in den Genuss dieses brillanten Films, über den noch lange gesprochen werden wird. Zweitens muss man die wunderbare Welt von »Roma« zumindest theoretisch nie wieder verlassen: Direkt nach dem Ende kann man wieder zum Anfang zurückspringen.

Tim Lindemann

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